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Veröffentlicht am 05.11.2018

Keine kleinen Helden

Loyalitäten
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Théo ist 12. Théo braucht den Kick. Am liebsten würde er sich selbst betäuben. Deshalb beginnt er zu trinken.

Delphine de Vigan hat in ihrem Buch „Loyalitäten“ einen Protagonisten geschaffen, der vom ...

Théo ist 12. Théo braucht den Kick. Am liebsten würde er sich selbst betäuben. Deshalb beginnt er zu trinken.

Delphine de Vigan hat in ihrem Buch „Loyalitäten“ einen Protagonisten geschaffen, der vom Leben nur so gebeutelt ist. Stoff genug für einen ganzen Roman. Doch Delphine de Vigan hat daraus ein Kleinod gemacht, das eher einer Novelle entspricht als einem Roman.

Aus der Sicht von vier Personen (Théo, sein Freund, dessen Mutter und eine Lehrerin) entspinnt sich die Geschichte. Eine Geschichte, die so viel Stoff bietet, weil jeder mit sich selbst beschäftigt ist. Jeder hat seinen eigenen Packen zu tragen, jeder hat seine eigenen Erfahrungen, mit denen er andere beurteilt.

So viel Stoff wirkt bei Delphine de Vigan aber keineswegs erschlagend. Immer wieder lenkt sie geschickt den Blick auf Théo und geschickt bringt sie die Aussagen immer wieder auf den Punkt. Delphine de Vigan ist eine Meisterin der Sprache und der sprachlichen Zuspitzung. Knapp und schnörkellos schreibt sie. „Wir sind alle Verbrecher“, lässt sie die Mutter sagen. Besser kann man ihre Lebenseinstellung kaum auf den Punkt bringen. Helden gibt es bei der französischen Autorin nicht. Nicht einmal kleine Helden.

Théo ist weder Held noch Anti-Held. Im Grunde sind ihm Zuschreibungen von außen sowieso egal. Denn er ist mit sich selbst mehr als genug beschäftigt. Er ist ein Scheidungskind, das heißt: eine Woche verbringt er beim Vater, eine bei der Mutter. Doch niemand scheint zu bemerken, wie überfordert er von dieser Situation ist. Ein Tinnitus ist die Folge. Théo will ihn sich wegtrinken, er will, dass etwas in seinem Gehirn explodiert, er sehnt sich danach, „für ein paar Stunden oder für immer in das dicke Gewebe der Trunkenheit zu fallen, sich davon bedecken, begraben lassen“. Er will das Stadium erreichen, in dem das Gehirn in den Ruhezustand geht.

Diese Entgrenzung verhindert, dass man in Théo einen kleinen Helden sehen kann. Wenn man liest, wie sehr sich Théo um seinen arbeitslosen Vater kümmert, der sich immer mehr gehen lässt, wie er für ihn einkauft, versucht eine Woche lang von 20 Euro zu leben, für ihn aufräumt, ihm Stellenangebote im Internet heraussucht – man glaubt, dass man einen kleinen Helden vor sich hat. Diese Erklärung bricht jedoch in sich zusammen, wenn man sieht, wie sehr Théo von dieser Situation überfordert ist und daran zu zerbrechen droht.

Nein, „Loyalitäten“ ist ein Buch ohne Helden. Ein Buch, das aufzeigt, wie wichtig es ist, miteinander zu reden, weil wir uns nicht von selbst verstehen. Und „Loyalitäten“ zeigt eindrücklich auf, wie sehr Kinder unter ihren familiären Verhältnissen zu leiden haben können.

Veröffentlicht am 02.11.2018

Beeindruckende Lyrik-Anthologie

Die Morgendämmerung der Worte
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Eine Lyrik-Anthologie mit Gedichten der Sinti und Roma: eine spannende Sammlung haben da Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki zusammengetragen. Ein „Poesie-Atlas“ ist daraus wohl geworden, weil die Gedichte, ...

Eine Lyrik-Anthologie mit Gedichten der Sinti und Roma: eine spannende Sammlung haben da Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki zusammengetragen. Ein „Poesie-Atlas“ ist daraus wohl geworden, weil die Gedichte, die die beiden Herausgeber mühsam zusammengesucht haben, aus ganz unterschiedlichen Ländern und sogar aus unterschiedlichen Erdteilen stammen. Die über 250 Gedichte aus „Die Morgendämmerung der Worte“ stammen von rund hundert Autorinnen und Autoren, aus rund 20 Sprachen wurden sie ins Deutsche übersetzt. Dass es sich zumeist um Neuübersetzungen handelt, zeigt, wie gründlich die Vorarbeit zu diesem Werk waren.

Somit leistet diese Anthologie einen einzigartigen Blick auf das lyrische Schaffen der Sinti und Roma der letzten rund hundert Jahre. So nimmt es nicht wunder, dass hier ganz unterschiedliche Themen zur Sprache kommen. Zentral ist in vielen Gedichten die Frage nach der eigenen Identität, aber auch nach Vorurteilen, ebenso nehmen Gedichte über Verfolgung einen breiten Raum ein. Hinzu kommen Gedichte über Liebe, Einsamkeit und Trauer. Und natürlich ist auch dabei, worüber Dichter am liebsten schreiben: das Dichten selbst.

Seinen Titel hat der Band von einem Gedicht Rajko Djurics:

Ich warte am Ufer des Flusses
Auf die Dämmerung der Worte

Auch Dezider Banga verbindet die Dunkelheit mit mit dem Dichten:

Ich ging in tiefster Mitternacht
zu nachtschwarzer Stunde
über die Wiese
als die Sterne in die goldenen
Fußstapfen der Sonne traten
die dem Dichter
den Weg wiesen

Die Beschreibung des Dichtens als quasi mystische Beschäftigung kann freilich auch ins Komische abgewendet werden, wie Jack Micheline zeigt:

Ich geh jetzt raus und vertrete mir
die Beine und lache, daß sich die Balken biegen.
Es ist Vollmond.
Ich werde mit dem Mond reden,
werde tanzen
mit den Gerippen auf dem Friedhof.

Immer wieder wird in den Gedichten der Verlust der Worte beschrieben, vor allem bei den nichteuropäischen Autoren, die ihre Roma-Sprache nicht mehr verwenden, sondern ihre Gedichte in den Sprachen ihrer Heimatländer schreiben. Der Verlust der Sprache wird dabei nicht mit dem Verlust der Identität gleichgesetzt – doch ist die Identität dadurch bedroht. „Wer sind wir, Roma ohne Romani“ fragt etwa Jimmy Storey.

Auch die Heimatlosigkeit wird immer wieder in den Gedichten thematisiert. Am schönsten vielleicht bei Thais Barbieux:

Ich bin eine Taube.
Wo ist mein Land?
Denn kein Blau ist unter meinen Flügeln,
kein Himmel in meinem Herzen.

Zur Heimatlosigkeit gehört auch die Rolle des Außenseiters, der sich nicht willkommen sieht und der um seine Rechte kämpfen muss. Am impulsivsten wird dies in „Die Schlacht am Noodledom Platz“ von Ronald Lee besungen, wo die Auseinandersetzung der britischen Roma (Romanichels) mit der Polizei fast schon balladenhaft besungen wird:

Romanichels haben hier gelagert
Auf diesem alten Stück öffentliches Land
Seit sie sich erinnern können
Aber jetzt erklärt die neue Verordnung
Dass Lagern hier verboten ist
Weil es hier kein Scheisshaus und keine Wassertoilette gibt.

Mit den Vorurteilen gegenüber Roma und Sinti wird in den Gedichten ganz unterschiedlich umgegangen: mal resigniert, mal ironisch, mal anklagend. Wenn es aber um die eigene Identität geht, so sind sich die meisten der Schriftsteller einig: die Kultur wird von den Alten, den Ahnen weitergegeben. „Vergesst nicht die Verse der Vorfahren“ – diese Mahnung findet sich nicht nur einmal in den Gedichten des Sammelbandes. Eine Mahnung, die ihren Grund auch im Versuch der Ausrottung der Sinti und Roma hat. Ihre Verschleppung in Lager ist Thema vieler Gedichte. Am eindrücklichsten hat vielleicht Ceija Stojka darüber geschrieben:

Ich
Ceija
sage
Auschwitz lebt
und atmet
noch heute in mir
ich spüre noch heute
das Leid

Das bestehende Leid nach Auschwitz thematisieren auch andere Schriftsteller, wie etwa Stefan Horvath:

Vergessen, das geht nicht,
dafür ist zuviel passiert.
Wir Tote, wir reden
als wären wir heute erst krepiert.

Antonio Ortega warnt in seinem „Unsonett der dunklen Nacht“ dagegen davor, den Schmerz zu inventarisieren: „leben ist nicht sterben voll Wunden“, denn „der Schmerz ist des Lebens nicht würdig“. Und ja, auch das Leben ohne Wunden kommt in den Gedichten des Lyrikbandes zum Tragen. So wird in Cecilia Wolochs Gedicht der Geliebte folgendermaßen beschrieben:

Mein Geliebter mit seinem Haar wie Nachtigallen
Mit seiner Brust wie Taubengeflatter wie graue Tauben die sich in der Dämmerung putzen
Mit seinen Schultern wie zärtliche Balkone halb im Schatten, halb in der Sonne

Und ja: die Vergleiche der Beine, der Zunge, der Zähne, der Finger: sie sind genauso komisch. Überhaupt haben einige der Poeten einen Hang zum Komischen.

Man kann der Anthologie also keinesfalls vorwerfen, einseitig zu sein. Die Gedichte sind vielmehr sehr vielseitig ausgewählt. Was allerdings ein wenig zu bedauern ist, sind die fehlenden Anmerkungen. Bei manchen Gedichte hätte man sich Erklärungen zur Entstehung gewünscht oder auch Erläuterungen zu einzelnen Wörtern. Die sind zwar da, aber sehr unübersichtlich im Vorwort versteckt.

Die Einteilung des Sammelbandes nach Ländern lässt den Wunsch aufkommen, dass weitere Anthologien zur Lyrik der Roma und Sinti entstehen werden, die statt nach Ländern nach Themen sortiert sind – wie Identität, Vorurteile, Liebe, Natur (inklusive des Mondes, der in fast allen Naturgedichten irgendwie besungen wird).

Fazit: Die Lyrik-Anthologie ist ein äußerst gelungenes Werk. Ein Schatz, in dem es viel zu entdecken gibt.

Veröffentlicht am 31.10.2018

Von Luthers Gewicht und seiner Gewichtigkeit

Der feiste Doktor
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Wie kam es, dass Luthers Gegner keine Witze über dessen Leibesfülle machten? Wie hängen Körper und Theologie bei Martin Luther zusammen? In ihrem Buch „Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine ...

Wie kam es, dass Luthers Gegner keine Witze über dessen Leibesfülle machten? Wie hängen Körper und Theologie bei Martin Luther zusammen? In ihrem Buch „Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine Biographen“ geht die englische Theologin Lyndal Roper der Bedeutung des Körpers bei Martin Luther nach.

Dabei kommt Roper in ihrem kurzen Text von nur knapp 80 Seiten – ursprünglich als Aufsatz veröffentlicht – zu bemerkenswerten Erkenntnissen: Luthers Anhänger hätten es nicht nur geschafft, das Lutherbild selbst zu prägen, der korpulente Luther sei zudem eine „visuelle Revolution“. Denn Luther sei nicht als hagerer Geistlicher beschrieben wie die Heiligen des Mittelalters, noch als Prophet. Luther war eben Luther. Cranachs Werkstatt sei hier stilprägend gewesen.

Wie bei den Porträts der Herrscher des sächsischen Hofs zeige das Gewicht Luthers seine Gewichtigkeit. Auch deshalb, so Roper, hätten Luthers Gegner sich nicht getraut, dessen Leibesfülle zum Spott zu nutzen – und das obwohl in reformatorischen Flugblättern die Päpste und Bischöfe immer dicklich überzeichnet waren.

In den Bildern wird Luther immer mehr zum standhaften Koloss, in den Biographien immer mehr zum Kämpfer für die gerechte, richtige Sache. Doch, ist sich Roper sicher, steckt mehr dahinter: Luthers Körper war für seine Persönlichkeit wesentlich.

Dies zeigt die Theologin daran, wie sehr Luther über die Verdauung gesprochen hat – und das nicht nur in seinen Tischreden. Auch in Briefen beschäftigt ihn die Frage nach den richtigen Abführmitteln direkt neben theologischen Fragen. Das schonungslose, tabulose Reden über Körperliches könne man auch in seinem Denken erkennen.

Durch Luther sei das Verhältnis von Fleisch und Geist neu beschrieben worden. Für ihn gab es keine scharfe Trennung von Körper und Geist. „Luther konnte tiefe Gefühle und theologische Überzeugungen durch das Medium des Körpers ausdrücken“, sagt Roper.

An zwei Beispielen verdeutlicht sie dies: der Teufel sei bei Luther eher eine „spirituelle Präsenz“ als ein dämonisches Wesen. Und wenn es bei Luther um den Teufel gehe, müsse man immer auch den Humor mitdenken, rät Roper. Wie sonst ließe sich erklären, dass man – nach Luther – den Teufel mit einem Furz bekämpfen kann?

Ropers zweites Beispiel ist das Abendmahl. Luthers Festhalten an dem Materiellen der Eucharistie, der Realpräsenz, sieht sie als Folge von Luthers körperlichem Denken. Letzteres Beispiel hat mich zugegebenermaßen nicht überzeugt.

Insgesamt aber bietet Lyndal Roper einen spannenden Einblick in den Umgang mit der Körperlichkeit Martin Luthers. Einmal von ihm selbst, aber auch von seinen Anhängern. Das Buch wirkt zu sehr wie ein wissenschaftlicher Aufsatz (inklusive ganzseitiger Fußnoten!), um ihn genießen zu können – hier hätte es mehr Essay und etwas weniger Wissenschaft gutgetan. Dennoch ist es ein lesenswerter Text, mit dem man Luther einmal anders kennenlernt.

Veröffentlicht am 29.10.2018

Literarische, historische Reiseberichte

Europareise
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Fast zehn Stunden kann man sich mit dem Hörbuch „Europareise“ aus dem Audiobuch-Verlag auf Reisen begeben. So unterschiedlich die Autoren sind, so unterschiedlich sind auch die Reiseberichte.

In dieser ...

Fast zehn Stunden kann man sich mit dem Hörbuch „Europareise“ aus dem Audiobuch-Verlag auf Reisen begeben. So unterschiedlich die Autoren sind, so unterschiedlich sind auch die Reiseberichte.

In dieser Sammlung aus der Reiseliteratur kommen ganz unterschiedliche Texte zum Tragen. Da finden sich bekannte Autoren wie Goethe, Seume, Zweig, Heine und Dickens, aber auch unbekannte wie Ida Pfeiffer.

Bekanntheit ist hier auch nur bedingt ein Qualitätsmerkmal – so wirkt Heinrich Heines Bericht über Polen eher langweilig, während Ida Pfeiffer mit ihrem Bericht über Reykjavik ein spannendes Bild von Islands Hauptstadt bietet.

Dass der Großteil der Texte aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammt, führt dazu, dass man vor allem einen historischen Blick in die Reiseliteratur tut. Reykjavik etwa wird von Ida Pfeiffer als ödes Kaff beschrieben, bestehend aus einer einzigen Straße, der Hauptstraße. Auch über die Menschen weiß sie nicht allzu viel Schmeichelhaftes sagen – übertroffen wird sie nur von Grillparzers launigem Blick auf die Menschen.

Die Sammlung bietet die Möglichkeit zu vergleichen, wie die Reiseschriftsteller ihre Arbeit versahen – und wie sie sie verstanden. Mal liegt der Schwerpunkt auf der Beschreibung von Landschaft und Sehenswürdigkeiten, mal wird nach dem Landestypischen gesucht, mal das Außergewöhnliche, mal das Abenteuer betont. Auch schrecklich Barbarisches wird betont. Sei es der Sklavenmarkt, den man besucht, seien es die Frauen, die – landestypisch – ihre Kinder nicht richtig versorgen. Man erfährt, welcher Schriftsteller welche Landschaften als öde ansieht, wer bei Regen seine Unterkunft nicht verlässt und wer die Mühen der Internierung auf sich nimmt, um für nur wenige Tage nach Syra zu kommen.

Eine Stärke des Hörbuchs sind die unterschiedlichen Sprecher der Reiseberichte. So entsteht eine gewisse Abwechslung. Einen kurzen Einstieg zu den einzelnen Autoren bietet das Booklet – das erleichtert den Einstieg in den jeweiligen Reisebericht.

Meine Erfahrung beim Hören: am interessantesten sind die Reiseberichte, deren Länder man selbst kennt. Da verzeiht man auch eher plumpe Urteile über Mensch und Natur.

Veröffentlicht am 25.10.2018

Düstere Grundstimmung

Mit der Faust in die Welt schlagen
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„Dieses ganze eingefallene, verlassene Zeug. Untergegangene, traurige Scheiße. Kein Mensch auf der Straße. Abriss und Leerstand. […] Die Schulen, die sie schlossen, die Sparkassen und Arztpraxen. Die Kreise, ...

„Dieses ganze eingefallene, verlassene Zeug. Untergegangene, traurige Scheiße. Kein Mensch auf der Straße. Abriss und Leerstand. […] Die Schulen, die sie schlossen, die Sparkassen und Arztpraxen. Die Kreise, die sie zusammenlegten, die Gemeinden und Städte. Die Wege wurden länger, die Entfernungen größer. Für Griechenland war Geld da gewesen und für unnötige Umgehungsstraßen. Schnellstraßen, damit niemand mehr durch die traurigen Orte fahren musste.“

Es ist dieses trostlose Bild Ostdeutschlands, genauer gesagt der Oberlausitz, das in Lukas Rietzschels Buch „Mit der Faust in die Welt schlagen“ vorherrscht. Die beiden Brüder Philipp und Tobias wachsen in Neschwitz auf, einem kleinen Dorf, das nach der Wende nichts mehr zu bieten hat. Das Schamottewerk hat dicht gemacht, selbst die Kantine wird zur Ruine. Wer kann, geht. Zurück bleibt, wer es nicht geschafft hat.

Bald bröckelt es auch in der Familie der Geschwister. Der Vater geht fremd, verlässt Frau und Kinder. Viel los ist nicht im Dorf, und so bildet sich rasch eine Clique, mit der Philipp unterwegs ist. Nach und nach rutscht die Gruppe ins rechte Milieu ab, wobei es meist bei markigen Worten bleibt. Lukas Rietzschel gelingt es hier, das abzubilden, was gesellschaftlich in Deutschland wahrzunehmen ist: Unzufriedenheit (auch im Westen!), die rechtsradikale Stereotype aufgreift, verbunden mit Politikverdrossenheit. „Es braucht mal wieder einen richtigen Krieg“, sagt Tobias, der jüngere der beiden Brüder. Er schwadroniert von Untermenschen und unfähigen Politikern gleichermaßen. Einer, der sich zurückgesetzt fühlt. Auch von seinem Bruder.

Mit Beginn seiner Ausbildung zieht Philipp daheim aus, für Tobias ist das ein Verrat, die Beziehung der beiden wird auf eine Probe gestellt. Zudem zieht sich Philipp aus der Clique zurück, als Tobias dazukommt. Er macht sein eigenes Ding. Einen anderen Freundeskreis allerdings, so scheint es, kann Philipp sich nicht aufbauen.

So ist der Debutroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nicht nur ein Buch über den aufkommenden Rechtsextremismus im Osten, sondern zugleich ein Buch über zwei Brüder, die sich immer mehr voneinander entfremden. Gemeinsam haben sie, dass sie ihren Weg selber finden müssen und wenig Halt in Familie und Peer Group finden.

„Mit der Faust in die Welt schlagen“ gibt vielleicht nicht die Antworten auf die Frage, weshalb Rechtsextremismus entsteht und gar gesellschaftsfähig wird, es bildet aber gekonnt die Stimmung ab, die notwendig ist, um Nährboden für Unzufriedene zu sein. Lukas Rietzschel bedient sich dabei der Sprache der kurzen, abgehackten Sätze, oft verbunden mit Wortauslassungen und lässt so eine durchgehend düstere Stimmung. Der Ort Neschwitz mit seinem Schlösschen kann einem Leid tun: Rietzschel schafft es in seinem Roman, daraus einen Un-Ort zu machen, überzeugend.