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Veröffentlicht am 27.09.2025

Ungefällige Erinnerungen, für Wanda-Fans

Dass es uns überhaupt gegeben hat
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Warum schreibt jemand ein Buch? Weil man etwas zu sagen hat, wäre meine erste Antwort. Nun gibt es freilich Bücher, bei denen das nicht ohne weiteres zutrifft. Marco 'Wandas Buch "Dass es uns überhaupt ...

Warum schreibt jemand ein Buch? Weil man etwas zu sagen hat, wäre meine erste Antwort. Nun gibt es freilich Bücher, bei denen das nicht ohne weiteres zutrifft. Marco 'Wandas Buch "Dass es uns überhaupt gegeben hat" gehört dazu. 

Die Schwierigkeit beginnt schon damit, zu bestimmen, was "Dass es uns überhaupt gegeben hat" überhaupt ist. Ein Roman ist es nicht. Eine Bandgeschichte genausowenig. Eine Biographie? Mitnichten. Geständnisse eines Alkoholikers? Kaum. 

Das Buch wirkt wie der Abruf von Erinnerungen. Unbearbeitet, ohne Filter. Wie die Vorstufe zu einem Buch. Der Sänger der erfolgreichen österreichischen Band Wanda, der sich Marco Wanda nennt, beginnt seine Erinnerungen mit den Anfängen von Wanda, bis zur erfolgreichen Band der Gegenwart. 

Die Entstehung von manchen Liedtiteln und Musikvideos wird etwas beleuchtet, der Zusammenhalt in der Band, der Alltag auf Tour. Über allem aber steht der Alkohol. Er gehört immer dazu. Kein Konzert, schreibt er, habe er nüchtern gespielt. Selbst im Urlaub in Paris wird der Wein nicht gläser-, sondern flaschenweise getrunken. Zerlegte Hotelzimmer und Dörfer (naja, Bushaltestellen, Blumenkübel, ...) lässt Wanda nicht aus. 

Auf den letzten Seiten endet dann der Drogenrausch - fast spielend leicht scheint ihm der Ausstieg aus Alkohol, Kokain & Co. zu gelingen. 

Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, für wen das Buch denn geschrieben ist. Literarisch hat es nicht viel zu bieten, und wenn ist es metaphorisch abgedreht, wenn etwa "die Zelte in der Mitte der Wüste der Unwissenheit" aufgeschlagen werden. Die Bandgeschichte ist reduziert auf Alkoholexzesse. Für einen Ausstiegs-Bericht ist die Abkehr von den Drogen viel zu knapp erzählt. 

Wanda-Fans mögen Gefallen an diesem Buch haben. Für alle anderen gilt: Muss man nicht gelesen haben. 

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Wunderbar erzählt

Lázár
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Nelio Biedermanns Roman „Lázár“ habe ich in zwei Tagen durchgelesen. Die Familiengeschichte, die überwiegend in Ungarn spielt, hat mich in ihren Bann gezogen. Und das, obwohl mich das Titelbild zunächst ...

Nelio Biedermanns Roman „Lázár“ habe ich in zwei Tagen durchgelesen. Die Familiengeschichte, die überwiegend in Ungarn spielt, hat mich in ihren Bann gezogen. Und das, obwohl mich das Titelbild zunächst eher abgeschreckt hat. Da steht ein Pferd auf dem Flur. Halbiert im Seitenprofil, im Hintergrund so etwas wie eine Tapete, auf der ebenfalls ein Pferd, wohl in einer Manege, abgebildet ist. Dabei spielen Pferde keine besondere Rolle in „Lázár“.

Über mehrere Generationen wird das Schicksal der Familie Lázár erzählt, von den 1920er Jahren bist zur Gegenwart. Die Lázárs, das ist ein Adelsgeschlecht, das sich in den Wirren der Zeit zu behaupten hat – und sich neu erfinden muss. Vor allem, als nach Flucht und Rückkehr die Enteignung im Sozialismus erfolgt. So steht das Pferd auf dem Cover einerseits für die Anmut und Distanziertheit, die in der Familie den Sprösslingen antrainiert wird. Wer adliger Abstammung ist, dem muss man es auch ansehen. Egal ob beim Essen oder der gesellschaftlichen Konversation.

Andererseits steht das Pferd auch für die Verlorenheit und Eigenheit. Und an Eigenheiten gibt es genug in der Familie Lázár. Die reichen vom verrückten Onkel, der in seinem Zimmer versteckt wird, bis hin zu körperlichen Gebrechen wie Glasknochen („ein durchsichtiges Kind“ sei Lajos Lázár gewesen). Da wirkt es fast schon normal, wenn sein Sohn mit den Schatten spricht. Verloren ist letztlich irgendwann jeder in „Lázár“ – Glück ist immer nur von kurzer Dauer.

Es ist fast schon überraschend, dass der endgültige Verfall der Familie nicht aufgrund physisch-psychischer Gebrechen, sondern durch die Enteignung im Sozialismus erfolgt. Und so ist der Verlust ein zentrales Thema in dem Roman, auf unterschiedlichste Weise. So kommt Lajos von Lázár über den Tod seiner Frau nicht hinweg, sein Sohn nicht über den Verlust der ersten Liebe – seine Freundin wurde deportiert. Dass sein Vater als Offizier in die Organisation der Deportation eingebunden war, gehört zu den beabsichtigten Zufällen des Romans.

„Lázár“ nimmt seine Leser mit hinein in die Lebenswelt des ungarischen Kleinadels – und schildert seinen Untergang. Und so sind es dieses Mal nicht die Sieger, die die Geschichte schreiben, sondern die, die alles verloren haben und sich in ihre alte, verlorene Welt zurücksehnen. Eine wunderbar erzählte Familiengeschichte.

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Veröffentlicht am 21.08.2025

Starker Anfang, schwaches Ende

Ungebetene Gäste
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Eigentlich ist es ein kleines Kind, das die Hauptrolle in Ayelet Gundar-Goshens neuem Roman „Ungebetene Gäste“ spielt. Der Junge wirft einen Hammer vom Balkon, den ein Handwerker dort liegengelassen hat. ...

Eigentlich ist es ein kleines Kind, das die Hauptrolle in Ayelet Gundar-Goshens neuem Roman „Ungebetene Gäste“ spielt. Der Junge wirft einen Hammer vom Balkon, den ein Handwerker dort liegengelassen hat. Das klingt zunächst nicht weiter dramatisch. Doch der Hammer trifft den Sohn des Gemüsehändlers um die Ecke. Und der stirbt.

Im Chaos, das danach entsteht, gehen die Nachbarn davon aus, dass der Handwerker den Hammer heruntergeworfen hat. Von einem Terrorakt ist schnell die Rede, denn der Handwerker ist ein Araber und das Ganze spielt in Israel. Die Polizei verhaftet den Mann.

Nur die Mutter weiß, was tatsächlich geschehen ist. Und die schweigt. Drei Tage lang. Dann erst geht sie mit ihrem Mann zur Polizei.

Wer hat aber nun schuld am Tod des jungen Mannes auf der Straße? Der Gerichtsprozess, der nur am Rande erwähnt ist, sieht die Schuld eindeutig beim Handwerker, der sorgfältiger hätte sein müssen. Die Eltern des Kindes leisteten sich einen guten Anwalt, der es so hingebogen bekommt. Die Schuld ist abgewälzt. Der Araber wird zu einer Haftstrafe verurteilt. Schreiende Ungerechtigkeit – gespeist vom alltäglichen Rassismus Israels.

Die Eltern verlasen mit ihrem Kind das Land, doch die Schulgefühle bleiben auch in Nigeria, wo sie jetzt wohnen. Auch, weil der älteste Sohn des Handwerkers sie immer wieder anruft und Wiedergutmachung in Form von Geld fordert. Recht bekommen und Gerechtigkeit können eben zwei unterschiedliche Paar Stiefel sein.

Im ersten Teil bietet „Ungebetene Gäste“ einen spannenden Plot und wirft moralische Fragen auf. Allerdings verläuft sich die Handlung mit dem Wegzug aus Israel in vielen Nebenhandlungen. Das Ende wirkt – so viel sei verraten – wie die Auflösung eines Kriminalfalls – der aber erst am Schluss überhaupt aufkommen. Immerhin: Ein versöhnliches Ende ist angedeutet.

Fazit: Mich hat „Ungebetene Gäste“ nicht wirklich überzeugt. Nach einem starken Beginn kommt nicht mehr viel. Die Figuren sind vielschichtig angelegt, aber auch sehr schwammig.

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Veröffentlicht am 20.08.2025

Empfehlenswert!

Thomas Mann
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Thomas Manns 150. Geburtstag hat eine ordentliche Menge an Neuerscheinungen auf den Plan gerufen. eine sticht dabei besonders positiv hervor: Tilmann Lahmes Buch „Thomas Mann. Ein Leben„. Lahme nimmt dabei ...

Thomas Manns 150. Geburtstag hat eine ordentliche Menge an Neuerscheinungen auf den Plan gerufen. eine sticht dabei besonders positiv hervor: Tilmann Lahmes Buch „Thomas Mann. Ein Leben„. Lahme nimmt dabei die Freundschaft zwischen Thomas Mann und Otto Grautoff ins Visier. Alles andere gerät dabei in den Hintergrund. Das ist freilich nicht schlimm, denn das meiste hat man schon einmal gehört und gelesen. Mit der Veröffentlichung seines Tagebuchs wurde Thomas Mann quasi zum offenen Buch.

Unter die Räder kam aber dennoch die Kindheitsfreundschaft zwischen Thomas Mann und Otto Grautoff. Und das hat ganz unterschiedliche Gründe. Einmal ist das Tagebuch Thomas Manns zunächst mit vielen Auslassungen veröffentlicht worden. Das gilt auch für den Briefwechsel zwischen Thoms Mann und Otto Grautoff, der bis heute nicht vollständig veröffentlicht war. Irgendwie war der der Thomas-Mann-Forschung zu suspekt. Denn zum einen zeigt sich Thomas Mann immer wieder zutiefst herablassend und kaum wie ein echter Freund, zum anderen unterhalten sich die beiden so offen über ihre Homosexualität, dass zumindest biederen Thomas Mann-Forschern die Ohren schlotterten. Glücklicherweise hat sich Otto Grautoff nicht an das Diktum Thomas Manns gehalten, die Briefe zu vernichten. Freilich hat er „intimere“ Stellen mit der Schere entfernt.

Von „Jugendsünden“ sprach man früher in der Thomas Mann-Forschung. Tilmann Lahme gelingt es hingegen in seinem Werk, das Gegenteil zu beweisen. Schlüssig legt er dar, dass sich Thomas Mann an die so genannte Konversionstherapie Zeit seines Lebens hielt. Und dass die so erfolgte Unterdrückung seiner Sexualität mithilfe des Tagebuchs – neben anderem wie der Ernährung oder Hypnose – für Thomas Mann von großer Bedeutung war. Es half ihm im Einüben seiner „Selbstzucht“.

Fasziniert folgt man Lahmes chronologisch angelegten Ausführungen, die Verbindungen zum Werk Thomas Manns herstellen. Losgelöst voneinander könne man sich Manns Homosexualität und Werk nicht vorstellen. Nur so lasse sich etwa verstehen, weshalb im gesamten frühen Erzählwerk Thomas Manns die Liebe stets in den Untergang führe. Allzu sehr verwundert es nicht, dass es kein Hochzeitsfoto von Thomas und Katia Mann gibt.

Zugleich kommt man Thomas Mann als Person unglaublich nah. Seine Widersprüchlichkeit und Unbedarftheit in politischen Dingen macht Lahme deutlich, seinen Narzissmus und seine Eitelkeit, seine Neigung, Freunde auch fallen zu lassen, seine fehlende Kritikfähigkeit bei sich selbst, seine ungehobelte Unfreundlichkeit im Urteil über andere. Ja, Thomas Mann kann ein Arschloch sein. Auch das zeigt Tilmann Lahme.

Den Schwerpunkt seines Buches setzt Lahme in Manns Jugendjahren, wo er seine Entscheidung, die Ehe als Therapie anzustreben, verortet. Wenn einzelne Briefpassagen ausführlichst gedeutet werden, kann man sich als Leser sicher sein: Unbedeutendes ist hier nicht angesprochen. Allenfalls die Ausführlichkeit, mit der Susan Sontags Begegnung mit Thomas Mann als 16-Jährige thematisiert wird, wirkt wie ein Fremdkörper.

Fazit: Tilmann Lahmes Thomas-Mann-Biographie ist gut lesbar, bringt Thomas Manns Charakter nahe, zeigt seine inneren Kämpfe und verknüpft sie mit den damit verbundenen literarischen Erfolgen. Zugleich räumt er mit manch verstaubter Thomas Mann-Forschung auf.

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Veröffentlicht am 17.08.2025

KI kindgerecht aufbereitet

KI und du
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KI dringt immer tiefer in unseren Alltag ein. Daher ist es gut, dass der Ravensburger-Verlag mit zwei renommierten Verfasserinnen ein Sachbuch für Kinder und Jugendliche herausbringt. Titel: KI und DU. ...

KI dringt immer tiefer in unseren Alltag ein. Daher ist es gut, dass der Ravensburger-Verlag mit zwei renommierten Verfasserinnen ein Sachbuch für Kinder und Jugendliche herausbringt. Titel: KI und DU. Diana Knodel und Hannah Lesch gelingt es, in kurzen, leicht verständlichen Texten die Möglichkeiten und Gefahren der Künstlichen Intelligenz darzustellen. 

So erklären die beiden Autorinnen, wie die KI bei Hausaufgaben helfen kann - ohne dass sie diese für einen einfach nur erledigt. Ebenso werden die Gefahren beleuchtet - zum Beispiel, dass eine KI eben auch falsche Informationen liefern kann und "halluziniert". 

Über zahlreiche QR-Codes gelangt man zu praktischen Übungen und Beispielen, die die Funktionsweise der KI erklären. So kann man eine KI selbst programmieren und eben auch falsch programmieren, mit der KI Musik machen oder Bilder im Stil berühmter Maler erstellen lassen. Auch wird klar gezeigt, dass eine KI mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet. 

Wie nützlich die KI-Einschätzung darüber ist, welche Berufe zukünftig von ihr übernommen werden können, darüber lässt sich sicherlich streiten. Auch ist das Programm zur Erstellung von Musik sehr einfach gestaltet, Geräusche werden einfach miteinander verbunden, von Melodien kann keine Rede sein. 

Schade ist, dass die QR-Codes zu Interviews mit KI-Profis nicht funktionieren - aber man kann davon ausgehen, dass der Ravensburger-Verlag das noch korrigieren wird. 

Insgesamt ist "KI und DU" eine gut gemachte & verständliche Erklärung für Kinder und jüngere Jugendliche zu Chancen und Gefahren der Künstlichen Intelligenz. Die Texte sind knapp gehalten und inhaltlich ausgewogen - die Autorinnen warnen vor Gefahren, ohne dass die Chancen der KI kleingeredet werden. Auch die Sammlung von Fachbegriffen am Schluss des Buches bietet gut verständliche Erklärungen. 

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