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Veröffentlicht am 16.09.2025

Manchmal kommt man vom Mond nicht zurück

Die Sonne und die Mond
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„Die Sonne und die Mond“ der neue Roman von Chris Kraus, erschienen 2025 bei Diogenes, ist für mich ein überraschendes Juwel am Literaturhimmel, eine durchweg berührende, poetische und humorvolle Geschichte ...

„Die Sonne und die Mond“ der neue Roman von Chris Kraus, erschienen 2025 bei Diogenes, ist für mich ein überraschendes Juwel am Literaturhimmel, eine durchweg berührende, poetische und humorvolle Geschichte über das Leben und das Sterben und das große menschliche Dazwischen. Überrascht hat es mich, da ich das Buch tatsächlich nur lesen wollte, weil ich zum einen selbst im Kultur- und Medienbereich arbeite wie eine der Protagonistinnen und ich zum anderem dem morbiden Charme von Bestattungsunternehmen immer etwas abgewinnen kann. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Sonne und Mond und vor allem auch der kleine Satellit Nicky jede Menge Saiten ganz tief in mir zum Klingen bringen und ein zart drängendes, sehnsüchtiges Gefühl hervorrufen – wie ein früher Morgen, an dem der Mond noch am Himmel im Dunst zu sehen ist, während die Sonne schon aufgeht.

Erst einmal aber die Fakten: Das Buch ist gegliedert in 6 sinnvolle Teile mit den Titeln „Der erste Tag“, „Die erste Woche“, „Der erste Monat“, „Der letzte Gruß“, „Das Ende“ und „Ein Jahr später“. Der Plot klingt bekannt: Sonja Meling, genannt Sonne, und Jana von Mond, genannt Mond, verbindet eine Teeniefreundschaft, die durch dick und dünn ging und für die Ewigkeit gemacht schien. Bis ein Ereignis alle Brücken zwischen den beiden jungen Frauen abriss und aus Liebe Hass und Verachtung wurde. Inzwischen im Erwachsenenleben fest verankert, ist Mond ein erfolgreicher Fernsehstar und Sonne führt ein besonderes Bestattungsunternehmen. Und weil der Tod nie schläft, führt er die beiden Frauen wieder zusammen.

Was so banal klingt, ist alles andere als das, denn Kraus schreibt auf allen Ebenen einfach großartig. Die Figuren sind schräg, sehr eigen, sehr verwundet und beide Protagonistinnen wirken wie Wüsten, so karg und fest und einödig, verdorrt und doch eiskalt – aber das Leben, es wartet nur unter der Oberfläche darauf, dass endlich der Regen kommt und alles Lebendige wieder erweckt. Der Autor bringt mich ständig zum Lachen, weil er so klug und ehrlich beobachtet, dabei steckt so viel Traurigkeit in dem, was passiert ist, was noch passiert. Es gibt unendlich viele unfassbar skurrile Szenen, und es wird SO VIEL SCHWERES so wahnsinnig LEICHT verhandelt, es ist ein Kunstwerk, das mich zum Lachen, zum Weinen, zum Schreien, zum Wüten und zum Freuen, ganz einfach zum wie wild Fühlen gebracht hat auf jeder Seite. Die wahrhaft magische Erfindung in diesem Roman ist aber Nicky, ein Kind, geschlagen mit Hämophilie, ein Kind, das wirklich Grund zum Leiden hätte, aber bombenfest im Leben verankert ist, und die Dinge unfassbar weise und pragmatisch angeht. Eine uralte Seele in einem Kinderkörper, die eine enorme Heilkraft hat, weil Nicky zu sein bedeutet, sich dem Leben stellen zu müssen. Kraus Sprache ist wundervoll, jeder Satz eine solche Lesefreude, jedes Bild strotzt vor Lebendigkeit, jedes Detail sprüht Liebe.

Kraus wirft die Lesenden sofort ins Geschehen, ins Fühlen und ins Erleben. Spannende Paradoxien, die Hassliebe von Sonne zum Tod, der ihr alles genommen hat und jetzt doch alles gibt, jeden Tag. Samuel, auch so ein toller Charakter, der Sonne verfallen ist, aber das nicht zeigen darf, der dennoch mit ihr Tacheles redet und sie in die richtige Richtung schubst – wahrscheinlich der Einzige, der das neben Nicky kann. Mond, die so ziemlich alle Klischees einer Fernsehdiva erfüllt, zugedröhnt, mit Migräne und Kotzanfällen, sich um sich selbst drehend und selbstmitleidig, aber dennoch eine, die weiß, wann es Zeit ist, aus einer Niederlage einen Sieg zu machen, indem sie sich daran erinnert, dass sie mal wusste, was menschliche Größe ist – und am Ende irgendwie auch wieder zu ihr findet. Immer wieder starke Bilder, man könnte sich das super auch als Film vorstellen, die ausgepolsterte Wohnung von Sonne, das Blau und die Bilder, der Blick auf die LED Werbewand, der Puls von Berlin. „Kein Licht der Erkenntnis, sondern eine Art Parkplatzbeleuchtung für im Dunkeln abgestellte Kleinsthirne“ – Sätze wie Kristalle. Und auch noch geschickte Einbindung von Zeit und Historie, brandaktuell heute, später rekonstruierbar, dieser Roman ist jetzt. Ich mag es auch immer sehr, wenn Romane sinnstiftend eingebunden auf Krankheitsbilder, die nicht so bekannt sind, aufmerksam machen, wie hier auf Hämophilie, worüber ich tatsächlich auch nur sehr begrenzt Bescheid wusste.

Die Beschreibung der Szene in Syrien, da habe ich kurz für mich etwas gezuckt, aber eher mit einer Frage, die mich bewegt, inwieweit es klargeht, so geprägt über Dinge zu schreiben, die wir selbst nur sehr aus der Ferne kennen, das trifft auch auf die Angehörigen von Ying Shu und Said zu. Ohne dem Autor da auch nur irgendeine Absicht unterstellen zu wollen, fand ich es teilweise in der Schilderung problematisch, weil von Klischees ausgehend. Hätte man diese Szene im Herrschersitz auch weniger klischeereich schreiben können z.B.? Mein Gefühl sagt „ja“ und auch ohne, dass es ein Verlust gewesen wäre.

Der Tod, das Verschwinden von Eltern, das Verschwinden von Geliebten und Leben, allgegenwärtig in diesem Buch. Und dennoch ein Buch, das Frieden schließt mit dem Sterben, dem Enden. Entstanden aus einer tiefen, persönlichen Trauer des Autors ist dieses Buch irgendwie doch eine Ode an das Leben, ein Loblied auf das Überwinden, auf das Weitermachen, selbst wenn es doch eigentlich gar nicht mehr geht, nicht gehen kann, wirklich alle Zeichen auf Stop stehen. Und ein klarer Blick darauf, dass man eben doch manchmal im Falschen noch das Richtige finden kann, wenn man es denn nur zulässt, wenn man sich traut und sich dann im Trauen vertraut.

Spannend auch die vielen literarischen Formen, die Kraus im Buch verwendet, immer wieder gibt es Überraschungen, sehr besonders die Ebene des Märchens, die das Buch durchzieht. Hier wurde sehr genau konstruiert und dramaturgisch clever gearbeitet.
Für mich ein absolutes Highlight des Buchjahres 2025. Ich hab dich lieb bis zum Mond und zurück, das kennen wir alle aus einem Kinderbuch. Manchmal findet man vom Mond nicht mehr zurück. Und sowieso leuchtet der Mond nur durch die Sonne. Wir Menschen stehen immer zwischen beiden und spüren ihre Kraft. Vielleicht liegt die Kunst wirklich darin, beide einfach sein zu lassen und die Energie hinzunehmen. Hineinzunehmen. In sich selbst. Ich habe dieses Buch geliebt.

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Veröffentlicht am 19.08.2025

Was bedeutet Glück?

All Better Now
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Der neue Roman von Neal Shusterman, „All Better Now“, erster Teil einer Dilogie und erschienen 2025 bei Fischer Sauerländer, kann leider nicht in vollem Umfang überzeugen. Ausgestattet mit einer genialen ...

Der neue Roman von Neal Shusterman, „All Better Now“, erster Teil einer Dilogie und erschienen 2025 bei Fischer Sauerländer, kann leider nicht in vollem Umfang überzeugen. Ausgestattet mit einer genialen Ausgangsidee schafft es Shusterman nicht, das dadurch gegebene Potenzial voll einzulösen.

Kurz müssen wir über das Cover der deutschen Ausgabe sprechen, meiner Meinung nach leider ein Fail, zielend auf das angepeilte jugendliche Publikum (Zielgruppe ist 14+) strahlt den Lesewilligen vom Cover ein fetter Smiley entgegen, allerdings fasst diese Optik nicht die Dimension des Romans und lässt das Buch eher wie einen Ratgeber aus der Grabbelkiste wirken. Das Cover der englischsprachigen Ausgabe wird dem Buch da so viel mehr gerecht! Wäre ich nicht im Vorfeld medial auf das Buch aufmerksam geworden, ich hätte kaum danach gegriffen.

Shusterman konstruiert in der nahen Zukunft eine neue Pandemie namens Crown Royal, kurz CR – Ähnlichkeiten zu dem Coronavirus sind absolut gewollt. An diesem Virus kann man ähnlich wie bei Covid sterben – überlebt man die Infektion jedoch, ist man ab sofort glücklich und zufrieden. Das klingt doch super, oder? Das findet auch Mariel, die wahrlich kein leichtes Leben hat und für die das Virus eine Lösung darstellen könnte. Und auch Rón, der trotz aller Privilegien, die sein Leben ihm schenkt, schon immer mit Depressionen kämpft, setzt Hoffnung auf CR. Dagegen stehen die Mächtigen und Reichen der Welt, die Nutzziehenden des Kapitalismus, für die eine glückliche und zufriedene Menschheit der Supergau wäre. Der Konflikt der Interessen ist explosiv – und auch die Pharmaindustrie wittert natürlich Möglichkeiten, zumal das Glück sich immer mehr als Gewinn mit Nebenwirkungen entpuppt...

„Crown Royal“, die neue Pandemie, ist eine für mich gelungene Gegenkonstruktion zu Corona, bis zu so schönen Details wie dem, dass Erkrankte einen besonderen Geruch wahrnehmen, während Corona ja Geruchs- und Geschmackssinn zerstört in vielen Fällen. Es ist eine tolle philosophische Frage, die zugrunde liegt: Würde man in Kauf nehmen, vielleicht zu sterben, wenn der Lohn wäre, endlich zu wissen, was wahres Glück ist und dieses damit zu erleben? Generell strickt Shusterman viele philosophische und ethische Dilemmata in seinen Roman – in der Häufung ungewöhnlich für einen Jugendroman, was das Buch auf jeden Fall sehr geeignet für eine Schullektüre macht. Und auch als erwachsene Person kommt man immer wieder an den Punkt, wo es schwer ist, sich zu entscheiden und klar eine Position zu beziehen. Das erreicht Shusterman unter anderem dadurch, dass er letztlich keine der Hauptfiguren wirklich sympathisch gestaltet. Gut für die inhaltliche Debatte – leider aber schlecht für das Leseerlebnis, denn ich konnte einfach nie ganz in die Handlung einsteigen – und das trotz wirklich viel Action und Wendungen.
Ein zweiter Kritikpunkt ist die fehlende Tiefendimension, leider kommt Shusterman von seiner Grundidee aus nicht wirklich viel weiter und vor allem hat er die Folgen des CR-Virus nicht konsistent und glaubwürdig durchgestaltet. So gibt es viele Ungereimtheiten. Am Ende präsentiert Shusterman noch einmal eine ganz neue Figur in einer ganz neuen Form – und da hat mich der Roman leider endgültig verloren, weil hier erneut ein so großes Potenzial verschenkt wird. Denn Shusterman entscheidet sich für Esoterik und Schwurbelei, statt für klaren Kopf und Kalkül. Letzteres wäre eine Bedrohung und eine neue, ernstzunehmende Fragestellung gewesen, ersteres ist leicht wegzuwischen.
Das Finale formt einen erwartbaren Cliffhanger zu Band 2 – dieser wird allerdings auch mit viel Überkonstruktion herbeigeschrieben und verlässt endgültig jeden Pfad der Logik. Darum reizt es mich momentan nicht, Band 2 zu lesen, auch wenn die für diesen Band erarbeitete Grundkonstruktion erneut interessant ist. Ich habe das Gefühl, es wäre gut gewesen, hier auf eine Dilogie zu verzichten und den Stoff komprimiert in einen Band zu bringen, das hätte viele von mir empfundenen Längen aufgehoben.
Unter dem Aspekt des Jugendbuches glaube ich, dass es durchaus funktionieren kann, hier im Rahmen einer actiongeladenen Grundstory gesellschaftliche Fragen zu vermitteln. Dennoch dürften auch Jugendliche über die mangelnde Tiefe der Charaktere und die vielen Inkongruenzen stolpern. Dringend empfehlen würde ich das Buch für eine Verfilmung, dafür finde ich den Plot wirklich sehr geeignet. Alles in allem also kein Hype – aber solide lesbar.

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Veröffentlicht am 19.08.2025

Vielleicht geht es nicht nur um Elefanten

Das Geschenk
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„Das Geschenk“ der neue, gerade mal 138 Seiten lange Roman von Gaea Schoeters, erschienen 2025 im Paul Zsolnay Verlag, hat es erwartbar in den großen Fußstapfen von „Trophäe“ nicht leicht und ist insofern ...

„Das Geschenk“ der neue, gerade mal 138 Seiten lange Roman von Gaea Schoeters, erschienen 2025 im Paul Zsolnay Verlag, hat es erwartbar in den großen Fußstapfen von „Trophäe“ nicht leicht und ist insofern ein achtbarer Nachfolger. Schoeters bleibt dran an der Thematik des Postkolonialismus und des white gaze und führt die Handlung diesmal sogar direkt in die deutsche Hauptstadt Berlin, so dass das Setting für deutsche Lesende mit viel Vertrautem aufwartet.

Die Handlung, die sich etwas über ein Jahr erstreckt, ist ebenso schnell beschrieben, wie sie wundervoll grotesk ist: Im politisch korrekten Deutschen Bundestag wird ein Gesetz gegen die Einfuhr von Elfenbein verabschiedet – was den Präsidenten von Botswana als Produzenten von Elfenbein sehr aufbringt, ist er doch der Auffassung, deutsche Politiker sollten sich mit deutschen Inhalten beschäftigen und nicht einfach Urteile über sein Land fällen, wenn sie die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen überhaupt nicht einschätzen können. Perfide und ein bisschen magisch hat er sich deshalb eine Lektion überlegt und lässt zwanzigtausend Elefanten in Berlin erscheinen, damit sich die Deutschen mal so richtig in die Situation einfühlen können. Und damit das Spiel auch nicht zu leicht gewonnen werden kann, gibt es noch eine Zugabe: Für jeden Elefanten, der zu Schaden kommt oder der eingesperrt wird, erscheinen zwei neue.

Was soll man sagen – „the elephant is in the room“. Was zunächst anmutet wie ein Aprilscherz wird zu einer Aufgabe, die die Mechanismen von Politik und die Arroganz westlicher Nationen paradigmatisch vorführt. Und dabei tauchen, sicher nicht zufällig, immer mehr Parallelen zur Flüchtlingsthematik und der AfD auf, was Schoeters gekonnt nicht thematisiert und auch nicht der Hauptfokus des Romans ist, vermutlich, aber es schwingt immer mit und es tut weh. Selbst das Konzept der Remigration taucht auf und wird in aller Deutlichkeit zuendegedacht. Vor allem aber wird deutlich, dass die Kulturarroganz und die postkoloniale Haltung, die in vielen Entscheidungen Europas immernoch mitschwingt, schnell an ihre Grenzen stoßen würde, wären wir selbst mit ähnlichen Voraussetzungen konfrontiert, wie die vielen unterschiedlichen Staaten in Afrika.

Gaea Schoeters schreibt dabei durchweg souverän und herrlich komisch, ihre Bildgewaltigkeit und Detailliebe ist beglückend, ihre Dialoge knackig und bissig und immer wieder ist auch Raum, noch etwas zu lernen, wie etwa Wissen über die Glass-Cliff-Theorie oder das Shifting-Baseline-Syndrom. Wie schnell aus politischen Idealen nur noch Taktik und Gewinnen wollen wird, wie wenig es Bereitschaft gibt, wirklich etwas zu verändern und Fakten Raum zu geben – das alles sind leider Realitäten und keine Fiktion. Und je länger der kurze Roman voranschritt, desto mehr mischten sich in meinem Kopf Elefanten mit Menschen, was die Bitterkeit der Handlung noch verschärfte. Eine kluge Parabel also auf unsere Zeit, auf unsere deutsche Gesellschaft, auf unsere Hochherrlichkeit und unsere Angst. Und ein erneut wacher Blick auf das Verhältnis zwischen erster und dritter Welt, das noch nie wirklich aus Hilfsbereitschaft bestand, sondern noch immer aus Herrschaftsdenken.

Dennoch fehlt etwas. Die Genialität von Trophäe bestand darin, dass wir lesend so tief in den Abgrund der Gedanken und Psyche eines Täters eingestiegen sind, dass es nicht mehr möglich war, sich davon zu distanzieren. Das Geschenk dagegen hält die Distanz durchweg aufrecht und hat zumindest bei mir zu keinem Zeitpunkt Identifikation oder emotionales Einsteigen hervorgerufen. Mir fehlen auch Lösungen. Lösungen, bei denen die Parabel nicht nur in der Parabel steckenbleibt. Lösungen, für die es keine Magie braucht, sondern Realität.

Rein literarisch habe ich den Roman oder vielleicht doch eher die Novelle? aber sehr genossen. Ein richtiger guter Snack, der auch zum Nachdenken anregt, auf jeden Fall zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 08.08.2025

Die Sterne sehen aus wie Einschusslöcher

We Burn Daylight
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„We burn daylight“ von Bret Anthony Johnston, erschienen 2025 bei C.H. Beck, hat mir durchweg den Atem abgeschnürt. Es ist ein eindrückliches, beklemmendes Werk, das tiefe Einblicke in die Struktur von ...

„We burn daylight“ von Bret Anthony Johnston, erschienen 2025 bei C.H. Beck, hat mir durchweg den Atem abgeschnürt. Es ist ein eindrückliches, beklemmendes Werk, das tiefe Einblicke in die Struktur von Sekten gibt, ohne dabei auch nur ein einziges gängiges Klischee zu benutzen. Johnston schreibt tiefgehend und mit viel Zeit, er ist ein Meister der Atmosphäre und der genauen Charakterzeichnung und: Der Andeutung. Denn mit diesem Mittel hält er die Lesenden durchweg in einer leisen Panik, ohne diese jemals wirklich zu lösen.

„We burn daylight“ ist kein Buch über David Koresh, wie es dem Autor wichtig ist zu betonen im Nachwort, dennoch beruht die Handlung deutlich ersichtlich auf den Ereignissen 1993 am Mount Carmel in Waco, Texas. Die besondere Qualität des Buches ist jedoch, dass er sich mit fiktiven Menschen befasst, die zu keinem Zeitpunkt eine Überzeugung haben, sondern einfach nur in das Ereignis mit hineingerissen werden.

Johnston teilt die Handlung in Abschnitte, die er den Pferden der Offenbarung der Bibel zuordnet, was sehr viel Sinn ergibt. Er erzeugt von Anfang an durchweg eine hochbedrohliche Atmosphäre, ohne dass etwas Konkretes passiert. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, weil ich ständig dachte, gleich explodiert es, gleich passiert etwas greifbar Schlimmes. Nach einem kurzen Prolog, den die Lesenden erst am Ende des Buches angelangt einordnen können, geht es in die Haupthandlung, die eine sehr clever konstruierte Mischung aus Coming of Age, Liebesgeschichte, Gesellschaftskritik und historischem Rückblick formt. „Es ist die Zeit des Leidens gekommen, das Warten ist vorbei“ – das setzt den Pace und das Thema für das Buch und wurde von mir unterbewusst sehr abgespeichert.

Wir befinden uns also im Jahr 1993 und die beiden Hauptcharaktere Roy und Jaye, zwei Teenager, die zufällig in Waco aufeinandertreffen, waren mir direkt sympathisch, sie sind beide etwas verschroben, aber auf die gute Art, ich liebe solche Charaktere. Sie sind jung und formbar, sollte man denken, sind aber zum Glück viel zu sperrig, um leicht geformt werden zu können. Wir befinden uns in Waco, Texas und ohne dass ich jemals dort gewesen wäre, fühlt sich der Ort öde und staubig an. Und während sich im Hintergrund des Geschehens eine immer stärkere und fanatischere Religionsgemeinschaft formt, finden im Vordergrund zwei sehr besondere Menschen Halt aneinander, der jedoch durchweg bedroht ist.

Ich mochte die formale Grundidee total, das ist richtig gut gemacht, die kurzen Erinnerungsausschnitte aus einem Podcast, die vielen Stimmen, die aus der Vergangenheit erzählten und durchweg das Gefühl geben, hier ist eine Katastrophe passiert, für die sich keiner zuständig fühlen möchte, gepaart mit den wechselnden Erzählkapitelperspektiven von Roy und Jaye. Durch das langsame Entblättern des Geschehens und die Multiperspektive wird klar, warum Sekten so gut funktionieren, wie es eine Schüchternheit des Außen gibt, genau hinzusehen und eigentlich alle immer ganz froh sind, keinen Handlungsbedarf zu sehen, weil es doch nur ein bisschen verrückt und gar nicht so schlimm ist, wie auch Menschen sukzessive von Lamb, dem Führer der Religionsgemeinschaft, infiltriert werden, indem er seine Message nur in kleinen Stücken weitergibt und so gar keine Leaderpersönlichkeit ist auf der Oberfläche, selbst fast eher wie ein Opfer wirkt, nahezu hilfsbedürftig, aber dadurch die Menschen und vor allem die Frauen anzieht. Dabei schafft es Johnston sehr gut, uns durchweg die Armseligkeit und Verwahrlosung, den subtilen und teils auch gar nicht subtilen Missbrauch deutlich zu machen. Mir hat das richtig körperliche Schmerzen bereitet beim Lesen und auch sehr viel Ekel. Es ist einfach total gut beobachtet und gebaut. Verrückt, dass Menschen, die in das System geraten, diesen Ekel nicht mehr empfinden.

Beide Familien der Teenager haben ein internes Trauma, über das nicht wirklich gesprochen wird. Das macht sie angreifbar und abgelenkt. Immer wieder denke ich übrigens, Amerika, ein Land, das so traumatisiert ist als Nation. Man sollte ja denken, das wären eher wir Deutschen, aber ich sehe es in den U.S.A. viel stärker.
Traumatisiert ist natürlich auch Lamb. Die Beschreibung seiner Kindheit ist schlimm. Der Weg, den er zu seiner persönlichen Heilung beschreitet, ist dennoch schlimmer. Ich frage mich immer wieder, wie man es schafft, als Eltern so grausam zu einem Kind zu sein, einem Schutzbefohlenen, was ist das in Menschen? Leider psychologisch typisch, sich dann selbst zu ermächtigen, indem man Macht über andere ausübt und dem Leid rückwirkend einen Sinn gibt, indem man es zur Bestimmung erklärt. Auch das ist gut gezeichnet. Perry nennt sich „Lamb“ – und ich ahnte sofort, er ist kein Opferlamm Gottes, sondern ein Wolf, der sich im Schafspelz tarnt.

Zwischendurch immer wieder unglaublich zerstörerische und vorausdeutende Poesie: „Die Sterne sehen aus wie Einschusslöcher.“ Generell schreibt Johnston auf sprachlich unglaublich hohem Niveau und lässt sich die Schönheit der Sprache immer wieder über die Gefährlichkeit der Ereignisse legen. In quälender Langsamkeit wird hier gezeigt, was Ideologie gefährlich macht bis zu einem vollkommen absurd wirkenden Showdown, den Johnston meisterhaft parallel führt, Atmosphäre und Dynamik vom innen und außen so gegensätzlich, der Staat wirkt lost und unvorbereitet, dadurch die komplette Eskalation. So gut gemacht, die Perspektive von Jaye für innen, Perspektive von Roy für außen, klassische antike Mauerschau, Machtlosigkeit im Nicht-Handeln drinnen wie draußen.

Das Ende des Buches formt einen weiteren genialen Coup mit einem Kreisschluss, der alles bisher Gelesene noch einmal neu wirken lässt. Mich hat dieser Roman unglaublich berührt und gepackt, ich hätte nie damit gerechnet, aber das ist wirklich ein Hammer Buch, ich könnte einen eigenen Roman über diesen Roman schreiben. Johnston erzählt die Sekte und die Infiltration, ohne sie zu erzählen, ohne je konkret zu werden. Für mich ein Meisterwerk, weil er genau damit die Struktur aufblättert – aber auch zeigt, wie sehr Gesellschaft solche Strukturen mitträgt durch aktives Unter- und Übertreiben, durch keine wirkliche intensive Auseinandersetzung. Ich bin geflashed von diesem Buch.

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Veröffentlicht am 02.08.2025

Fast schon Fantasy

Not Quite Dead Yet
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„Not Quite Dead Yet“, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, der neue Roman von Erfolgsautorin Holly Jackson, ist ein Roman mit guter Spannungskurve, der die Ankündigung, dass Holly Jackson mit diesem zum ersten ...

„Not Quite Dead Yet“, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, der neue Roman von Erfolgsautorin Holly Jackson, ist ein Roman mit guter Spannungskurve, der die Ankündigung, dass Holly Jackson mit diesem zum ersten Mal einen reinen Erwachsenenroman schreibt, allerdings nicht einlöst. Insgesamt fordert der Roman seinem lesenden Publikum viel Bereitschaft ab, Unwahrscheinliches zu akzeptieren – ist die lesende Person dazu bereit, findet sie sich auf einer angenehmen Lesereise mit vielen Plottwists ein, die keine schlaflosen Nächte bereitet, aber dramaturgisch durchweg gut gebaut ist und viel Spaß macht.

Bevor wir tiefer einsteigen, ein kurzes Shout-Out an das kluge Coverdesign von Erin Fitzsimmons und Scott Biel, dieses Cover erschließt sich erst auf den zweiten Blick und ist dann einfach richtig gut. Sowieso ist die Buchaufmachung in gewohnt guter und nachhaltiger Qualität, hier macht Bastei Lübbe immer alles richtig, die Liebe zum gedruckten Buch ist spürbar.

Die Grundkonstruktion des Thrillers ist, das muss man Holly Jackson lassen, einfach genial, den eigenen Mörder zu suchen, weil man schon weiß, dass man an den Folgen einer Verletzung sterben wird und nichts dagegen tun kann, das ist richtig klug gesetzt. Ein kurzer Sprung in die Story also, ohne zu viel zu spoilern: Jet, 27 Jahre alt, wird am Ende des Halloween-Tages in ihrem Zuhause niedergeschlagen – mit fast letalem Ausgang, ihr alter Bekannter Billy entdeckt sie gerade rechtzeitig, Jet kann im Krankenhaus gerettet werden, die Sache hat nur einen Haken: Ein Knochensplitter in ihrem Kopf wird binnen sieben Tagen sicher ihren Tod verursachen. Alternativ könnte sie sich für eine OP entscheiden, mit nur einer sehr geringen Chance auf Erfolg und Überleben. Für Jet ist die Sache klar: Sie wird die sieben Tage nutzen, um ihre:n zukünftigen Mörder:in zu finden.

Mehr Details sollen nicht verraten werden, denn Jackson legt klug immer neue Spuren und führt die Lesenden in eine abgründige Konstruktion, in der eigentlich so gut wie jeder Charakter etwas auf dem Kerbholz hat und Gut und Böse schwer zu trennen sind. Der in Jet tickenden Bombe geschuldet, ist der Handlungsverlauf rasant und gedrängt, ein hohes Tempo setzt den Rhythmus, so dass man das Buch eigentlich nicht gern aus der Hand legt.

Jet ist ein toller Charakter, sie ist unglaublich trocken, und ich liebe ihren Humor. Sie hat etwas Gradlinig-kantiges und ist dabei dennoch sehr verletzlich. Mir gefällt gut, wie sich ihre Geschichte ganz langsam immer mehr zusammensetzt und sich viele Leerstellen mit der Zeit immer weiter auffüllen. Die weiteren Charaktere geraten etwas holzschnittartig, hier hätte ich mir für die Figuren mehr Tiefe gewünscht. Jackson schreibt gewohnt flüssig und stark, sie kennt ihr Handwerk, problematisch sind die großen Ungereimtheiten und Übertreibungen, es ist schon sehr erstaunlich, zu was Jet in der Lage ist, nachdem sie eben noch mit Schädel-Hirn-Trauma und fast verstorben im Krankenhaus lag. Viele kleine Details stimmen nicht und werden nicht aufgelöst. Mich hat das zunehmend dann doch verärgert, weil so für mich kein emotionales Einsteigen möglich war, dafür habe ich die Augenbrauen dann doch zu viel hochgezogen beim Lesen. Sehr gut gelungen ist aber, wie Jackson immer neue Charaktere als Verdächtige platziert, so dass die lesende Person erst sehr spät im Buch eine Ahnung entwickeln kann, wer Jets nahendes Ableben verursacht hat.

Ohne zu spoilern: Das Ende des Buches ist sehr gut gebaut und wartet auch noch mit einem formalen Twist auf. Insgesamt habe ich das Buch, nachdem ich mich vom Pfad der Logik verabschiedet habe (den zu verlassen gibt die Autorin im Nachwort immerhin auch zu), gern gelesen, es war spannend, hat ein hohes Tempo, ich mag den Schreibstil, und ich bin auch Fan von Jet als Charakter, aber die vielen Glaubwürdigkeitslücken sind schon hart. Ein gutes Buch zum einfach nur Konsumieren, hängenbleiben wird mir da nicht viel. Ich würde es auch definitiv in den Bereich YA einsortieren, so richtig erwachsen fand ich den Plot nicht – ein Buch wird nicht dadurch ein Erwachsenenroman, dass man die Protagonistin ins Alter von 27 setzt – vor allem nicht, wenn diese sich durchgehend wie ein Teenager verhält. Hier tut der Verlag meiner Meinung nach Holly Jackson keinen Gefallen mit dieser Einordnung, denn dadurch wird die Messlatte nach oben gesetzt und Holly Jackson kann nicht drüberspringen. Hat aber Spaß gemacht! Und bettet sich gut ein in das Werk von Holly Jackson, wer also einen entspannten Thriller mit bissigem Humor und schrägen Charakteren sucht, wird hier gut bedient.

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