„Tür zu, es zieht! Hausenheim Hood News und Kinderlalaland“ erzählt von Sebastian Stuertz und Lukas Nimscheck, erschienen 2025 bei Oetinger, ist ein Kinderbuch für alle Fans der großartigen Band „Deine ...
„Tür zu, es zieht! Hausenheim Hood News und Kinderlalaland“ erzählt von Sebastian Stuertz und Lukas Nimscheck, erschienen 2025 bei Oetinger, ist ein Kinderbuch für alle Fans der großartigen Band „Deine Freunde“ – und natürlich auch für Menschen, die das noch werden worden. Bunt und peppig illustriert von Renato Klieger, nehmen Deine Freunde uns mit auf eine wilde Reise über etwas mehr als 200 Seiten.
Was geht ab in Hausenheim? Romy ist auf der Suche nach einer Story für ihren Hausenheim Hood News Podcast und kommt dabei den fiesen Machenschaften von Dr. Degenhardt Dämmerich auf die Schliche, der alle Kinder für immer zum Stillsitzen verdammen will. Zeitgleich sind die Freunde Flo, Lukas und Pauli einem anderen Geheimnis auf der Spur, auf dem Dachboden des ehemaligen Schulgebäudes stoßen sie auf eine magische Tür. Was das wohl alles mit den Gerüchten zu tun hat, dass es in der Schule spukt? Was hat Dämmerich vor und wird Romy ihn zusammen mit Flo, Lukas und Pauli aufhalten können?
Natürlich geht es auch um Musik und fette Bässe, denn sonst wäre es ja kein Deine Freunde Buch! Der Erzählton ist locker und voller Wortwitz, natürlich fehlen auch jede Menge Anspielungen auf Deine Freunde Hits nicht, aber keine Sorge, auch ohne Kenntnis der Musik lässt sich das Buch verstehen. Über weite Strecken gelingt hier eine peppige Story mit Anlehnungen an die Unendliche Geschichte von Michael Ende – aber ganz 2025, hier staubt nichts. Manchmal allerdings wird es dann doch etwas überkomplex für Kinder und sind es ein paar Referenzen zu viel, denen Kids wohl nicht mehr werden folgen können. Und im hinteren Teil verliert sich die Spannung ein bisschen im Gefüge der zwei Handlungsstränge.
Über weite Strecken aber gibt es richtig viel zu lachen und jede Menge coole Identifikationsfiguren. Wer also Bock auf eine chillige Story mit ganz viel Bass hat, die:der sollte hier unbedingt mal reinsliden! Der Verlag empfiehlt das Buch für Kinder ab 7 Jahren, ich wäre eher für ab 8.
„Frau Hempels Tochter“ von Alice Berend wurde vom Reclam Verlag für die tolle Reihe DAMALS – HEUTE – MORGEN: Reclams Klassikerinnen aus der Versenkung geholt – vollkommen zu Recht. Aber zuerst ein paar ...
„Frau Hempels Tochter“ von Alice Berend wurde vom Reclam Verlag für die tolle Reihe DAMALS – HEUTE – MORGEN: Reclams Klassikerinnen aus der Versenkung geholt – vollkommen zu Recht. Aber zuerst ein paar kurze Worte zu dieser Reihe, mit der Reclam versucht, den vielen weiblichen Autorinnen der Literaturgeschichte mehr Sichtbarkeit zu verleihen – eine wirklich großartige Idee mit einer Vielzahl lesenswerter und liebevoll designter Bücher, denen ich nur ganz viele Käufer:innen wünschen kann. Da macht Reclam einfach ganz viel richtig!
Nun aber zu „Frau Hempels Tochter“. Das Buch hat einen festen, direkt bedruckten Einband mit einer extrem angenehmen Haptik und kommt zur Freude mit einem farblich passenden Lesebändchen. Berend erzählt die Geschichte von der Schustertochter Laura, die gemeinsam mit ihren Eltern in einem Berliner Mietshaus wohnt, in dem sich ganz unterschiedliche Menschen begegnen. Gegenüber wohnt ein Graf – der diesen Titel nur noch als Titel trägt und nicht mehr wirklich mit Geld hinterlegen kann, der aber dennoch vollkommen ausreichend als Projektionsfläche für Lauras Sehnsüchte ist. Warum es für ihr Glück ein ganzes Schwimmbad braucht und was ein Schutzmann damit zu tun hat – das müssen Lesende selbst herausfinden, aber versprochen werden kann eine äußerst vergnügliche Lesereise.
Alice Berend schreibt in einem heiteren Plauderton und greift die Atmosphäre im Berlin der Jahrhundertwende gekonnt, dicht und detailreich auf. Herrlich schildert sie das Milieu der Arbeiterklasse und Kleinbürger mit viel Komik und sehr genauer Beobachtungsgabe, ohne dass sie die Figuren vorführt. Das Besondere an ihrem Schreiben sind die tätigen Frauen. Die Männer rücken in den Hintergrund, hier bewegen und bewältigen starke Frauen den Alltag, das Leben, die Träume und die Realität. Das macht Alice Berend aus heutiger Sicht zu einer feministischen Autorin, die der Frau in ihrem sozialen Umfeld viel Handlungsspielraum einräumt und sich gegen gesellschaftliche Konvention auflehnt.
Ihr Bücher wurden im Nationalsozialismus verboten, da sie, zwar evangelisch getauft, dennoch nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten eine Jüdin war. Sie musste ins Exil gehen und starb dort 1938 krank und verarmt. Sich mit diesen Schicksalen auseinanderzusetzen und ihnen eine Stimme zu geben, war immer schon wichtig – aktuell wird es wieder wichtiger. Und da „Frau Hempels Tochter“ beim Lesen einfach wundervoll viel Spaß macht: Ist dieses Stück Zeitgeschichte gerne jedem ans Herz gelegt. Vielen Dank also an den Reclam-Verlag für diese tolle Lesereihe!
„Dunkle Asche“, vermutlich der Auftakt zu einer neuen Ostsee-Krimi-Serie aus der Feder von Jona Thomsen (Pseudonym), ist ein solider Ostsee-Krimi, der zwei sehr sympathische neue Ermittlerinnenfiguren ...
„Dunkle Asche“, vermutlich der Auftakt zu einer neuen Ostsee-Krimi-Serie aus der Feder von Jona Thomsen (Pseudonym), ist ein solider Ostsee-Krimi, der zwei sehr sympathische neue Ermittlerinnenfiguren auf einen Cold Case loslässt und am Ende mit einer überraschenden Wendung aufwartet.
Die beiden neu zusammengewürfelten Kriminalistinnen Gudrun Möller und Judith Engster, letztere frisch aus Rostock hinübergewechselt zur Landespolizei Schleswig-Holstein, erstere ein Gewächs der Kieler Förde, die deshalb den alten Fall selbst als Jugendliche miterlebt hat, sind Teil einer neue aufgesetzten Cold Case Unit und befassen sich mit dem Mord an Sanna Hansen, der in den 90ern geschah und zu dem es nun neue Erkenntnisse gibt. Platziert am Strandbereich Kalifornien, fängt Thomsen das Ostseekolorit und die bestehende Spaltung der Bevölkerung in die Rich Kids und die Working People, in die Unterschiede zwischen den Städten Hamburg und Kiel und den dazwischen liegenden ländlichen Regionen souverän ein. Nachdem zunächst Schwung in die Ermittlungen kommt und Gudrun und Judith über den Fall hinweg zunehmend ihr gegenseitiges Misstrauen einander gegenüber ablegen können, treten die Nachforschungen nach einiger Zeit doch zunehmend auf der Stelle. Gibt es vielleicht gar keinen Fall? Waren die Erkenntnisse der damaligen Zeit vollkommen korrekt und die ganzen Mühen sind umsonst? Doch wer einmal eine Wattwanderung gemacht hat, der weiß, wie tief der Schlick der See ist. Und so gerät gerade Gudrun, die aufgrund ihrer Vernetzung an der Förde mehr weiß und erahnt, als für sie gut ist, zunehmend in den Fokus des damaligen Täters.
Thomsen schreibt flüssig und hält über weite Strecken einen guten Spannungsbogen. Er charakterisiert das Figurenpersonal mit wenigen Strichen und vielleicht insgesamt deshalb etwas klischeehaft. Dagegen hat mir sehr gut gefallen, wie selbstverständlich er Queerness ohne weitere Bedeutung in seine Erzählung als Teil der Gesellschaft integriert. Der Fokus wechselt klug zwischen verschiedenen Verdächtigen und auch wenn ich relativ früh erahnt habe, wer der eigentliche Täter ist, war die Motivation dennoch überraschend. Allerdings liegt in der Überraschung auch ein bisschen ein Wermutstropfen begraben, denn Thomsen muss schon tief in die Zufalls- und Konstruktionskiste greifen, um aus dem geschriebenen Showdown wieder herauszukommen, für mich ein Manko dieses Krimis, der über weite Strecken sehr unaufgeregt erzählt wird, was für mich auch am Ende durchaus hätte der Stil bleiben dürfen. Sehr gelungen sind die Beziehungen im Ermittler:innenteam, die zum Glück noch nicht auserzählt sind, so dass hier noch ausreichend Potenzial für weitere Fälle besteht. Insgesamt ein solider Serienauftakt, dem ich vor allem wegen Gudrun und Judith gern gefolgt bin. Für die weiteren Fälle würde ich mir noch etwas mehr Komplexität und Feinheit in der Ausarbeitung wünschen, werde aber sich auch in Band 2 gerne hineinschauen.
„Die Eigensinnige“ von Lucca Müller, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, ist eine fiktionale Romanbiografie, bei der das Wort „fiktional“ nicht groß genug gedacht werden kann. Über knapp 450 Seiten verfolgt ...
„Die Eigensinnige“ von Lucca Müller, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, ist eine fiktionale Romanbiografie, bei der das Wort „fiktional“ nicht groß genug gedacht werden kann. Über knapp 450 Seiten verfolgt Lucca Müller das Leben und leider sehr wenig das Werk von Marie von Ebner-Eschenbach von der Jugend bis ins Alter und zeigt, streckenweise durchaus feministisch, die Schwierigkeiten einer unkonventionellen Frau in Kunst und allgemeinem Leben im 19. Jahrhundert auf.
Das Buch startet schwungvoll und mittendrin, was ich persönlich sehr mag. In einem kurzen, im Theater spielenden Prolog, der weit vorgreift in der Geschichte, wird Marie auf wenigen Seiten sofort ganz klar charakterisiert und ihr ungewöhnlicher Charakter wird direkt deutlich. Wie gefesselt muss diese spannende Frau in ihrer Zeit gewesen sein! Dieser Eindruck hat sich für mich durch das ganze Buch gezogen. Was für ein unterdrücktes Frauendasein strahlt einem da aus jeder Zeile entgegen, und wie dankbar können wir allen Frauen sein, die für Emanzipation und Freiheit gekämpft haben. Unvorstellbar, so reduziert leben zu müssen.
Nach dem kurzen Prolog im Theater macht das Buch einen gut nachvollziehbaren Zeitsprung in Maries Jugend – hier helfen auch die durchweg im Buch vorhandenen zeitlichen Einordnungen am Kapitelbeginn. Lucca Müller schreibt sehr gut, es gelingt ihr, immer eine sehr klare Atmosphäre und Emotion zu schaffen, ohne dass sie dafür viele Beschreibungen der Umwelt braucht. Das Drehbuchschreiben, von dem Müller kommt, merkt man dem Roman an – im positiven Sinne, insbesondere auch in der Dialoggestaltung! Freiheit gegen Form – dieses Thema dominiert immer wieder den Roman, in dem Marie sich, immer wieder auch von Rückschlägen geprüft, zunehmend ihren Raum erobert – und den für sie richtigen Mann erobert. Dieser wirkt im Buch auf jeden Fall erstaunlich modern für seine Zeit, und er teilt mit Marie die Erfahrung, für etwas zu brennen und Pionier zu sein. Schnell kommt es aber auch zu den ersten historischen Irritationen, beispielsweise die Darstellung der verhindernden Rolle der Stiefmutter für Ebner-Eschenbachs Schaffen, historisch dagegen hat Xaverine Kolowrat-Krakowsky Marie von Ebner-Eschenbach gefördert und unterstützt.
Nicht zufällig spielt Lucca Müller mit Referenzen an Drei Haselnüsse für Aschenbrödel und Sissi-Romantik, einerseits toll, weil hier indirekt deutlich wird, wie sehr starke Frauen am Ende eben immer auch Prinzessin sein sollen, andererseits legt sie hier aber auch den Grundstein, der sich durch den Roman zieht, dass der Fokus streckenweise doch sehr auf Eheleben, Schmonzette und gesellschaftlicher Präsenz liegt, wodurch das literarische Schaffen zunehmend in den Hintergrund rückt. Warum wird eine (fiktionale?) Affaire mit einem Schauspieler endlos ausgewalzt, aber kaum aus Ebner-Eschenbachs Werken zitiert? Warum wird ihr Schreiben immer als hilfloser Prozess dargestellt und nicht als die schöpferisch-kreativ kreisende Suchbewegung einer Schriftstellerin, die zunehmend in ein Ziel mündet?
Müller zeigt auf, dass die Frau in der Kunst in der Öffentlichkeit immer unter anderen Bewertungskriterien beurteilt wird als der Mann (bis heute leider). Aber selbst unterläuft ihr derselbe Fehler, indem sie nicht darauf vertraut, hier wirklich die Künstlerin in ihrem Schaffenskampf zu zeigen, sondern eher auf die populären Anteile einer Biographie mit Groschenromanvibe setzt, Begegnungen mit Kaiserin Sissi inklusive.
Klare Bilder findet Müller für die Zeit, in der Marie von Ebner-Eschenbach lebt, eine Zeit, in der Kaninchen gegen Menschenleben getauscht wurden, in der die einen hungern, während die anderen auf Bälle gehen. Und auch prominente Zeitgenossen werden in die Handlung immer wieder eingewoben, teilweise verkommt diese Ebene zum Namedropping, das einige Lesende überfordern und zum Querlesen animieren dürfte. Gut durchgearbeitet ist auch, wie Marie immer ihre Unabhängigkeit sucht – wobei dabei auch ihre Privilegiertheit sehr deutlich wird, sie ist durch ein Erbe finanziell vollkommen versorgt, entscheidet sich aus freien Stücken für „das einfache Leben“, gibt aber auch weiter an andere Menschen. Wobei ich sie da als sehr konzeptlos empfinde, relativ willkürlich sucht sie sich Menschen aus, die sie begünstigt, anstatt vielleicht mit dem Geld zu versuchen, eine größere Veränderung in der Gesellschaft zu erreichen oder nachhaltig etwas zu bewegen. Für mich ist da auch immer das Geschmäckle von Gutmenschentum zu spüren, sie gefällt sich selbst sehr im Geben... Sieht aber nie über ihr Privileg wirklich hinaus, ihr Horizont ist begrenzt. Auch wenn sie sich kritisch mit ihrer eigenen Klasse beschäftigt, sie bleibt eigentlich dabei stehen, die anderen ein bisschen doof zu finden, hinterfragt sich selbst aber kaum, was ihr allgemeines Leben betrifft. Hier ist aber Müllers Schreiben leider auch tendenziös, da sie sehr wenig Fokus auf Ebner-Eschenbachs soziale Arbeit im späteren Lebensabschnitt gibt und kaum davon erzählt.
Mich hat das Buch auf jeden Fall neugierig gemacht, mal wieder etwas von Marie von Ebner-Eschenbach zu lesen, durch den Filter dieses einerseits sehr egozentrischen, aber andererseits doch auch feministisch starken Lebens gelesen, wird das bestimmt sehr interessant. Insgesamt empfinde ich „Die Eigensinnige“ aber als zu wenig ausbalanciert und hätte mir gewünscht, den Eigensinn mehr aus der Kunst heraus zu lesen als aus der Romanze.
„Ich will einen Abdruck hinterlassen!“, zitiert Müller Marie von Ebner-Eschenbach. Der Roman hat bei mir nicht wirklich einen erreichen können.
Ein großes Dankeschön an lesejury.de und Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar!
„Tomke gräbt“, geschrieben von Lena Hach und illustriert von Julia Dürr, ist ein wundervolles Kinderbilderbuch, dass sich mit dem besonderen Fokus von Kindern und ihrer Fähigkeit, ganz im Moment zu versinken, ...
„Tomke gräbt“, geschrieben von Lena Hach und illustriert von Julia Dürr, ist ein wundervolles Kinderbilderbuch, dass sich mit dem besonderen Fokus von Kindern und ihrer Fähigkeit, ganz im Moment zu versinken, beschäftigt.
Tomke ist im Garten zu finden, bei einer wichtigen Tätigkeit: Es wird ein Loch gegraben. Und dieses Loch wächst und wächst und wächst und nur die Erwachsenen um Tomke herum haben viele Fragen an den Prozess: Was ist das Ziel dieses unendlichen Grabens? Doch Tomke gibt keine Antwort, völlig gefangen im Jetzt des Buddelns, selbstgenügsam nur in dieser Handlung aufgehend, geht das Loch vielleicht sogar bis zum Erdkern.
Lena Hach kommt für dieses Buch mit wenigen Sätzen aus, die dennoch die Situation und die Menschen in ihr ganz genau greifen. Julia Dürr illustriert liebevoll und in einem großartigen Mix aus Tusche, Filzstift, Collagenartigem, so dass wir uns auch hier durchweg in Kinderbildern bewegen. Die Buchseiten sind fest und geschmeidig zugleich, ein richtig schönes Buch, um gemeinsam zu blättern und viele kleine Details zu entdecken.
Dieses Buch ist von vorn bis hinten gelungen und findet hoffentlich viele kleine Leser:innen und große Vorleser:innen – die dann ganz schnell raus müssen, um auch ein Loch zu graben. Einfach, weil man’s kann!