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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.06.2026

Erschütternd

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Ich glaube, es ist bislang noch selten, dass ein dreißig Jahre altes Buch, das eigentlich schon fast in Vergessenheit geraten war, noch einmal so einen Hype erlebt, wie ihn "I who have never known men" ...

Ich glaube, es ist bislang noch selten, dass ein dreißig Jahre altes Buch, das eigentlich schon fast in Vergessenheit geraten war, noch einmal so einen Hype erlebt, wie ihn "I who have never known men" im vergangenen Jahr erlebt hat.
In seiner englischen Übersetzung habe ich das Buch plötzlich überall gesehen, entsprechend wundert es mich nicht, dass es nun eine deutsche Übersetzung gibt.

Und ja, nach dem Lesen verstehe ich den Hype. Nie zuvor habe ich eine Dystopie gelesen, die so andersartig, so hellsichtig und so erschütternd ist.
39 Frauen leben gemeinsam in einem Käfig, bewacht von Wärtern. Sie wissen nicht wer die Wärter sind, wer sie selbst sind und wie sie dort hineingekommen sind. Es ist eine Existenz rein um der Existenz Willen, bis sich eines Tages die Tür des Käfigs öffnet.

Eschütternd ist dieser Roman im wahrsten Sinne des Wortes.
In seiner Radikalität: Wie kann so viel Brutalität in der Einfachheit einer Tatsache liegen? Dieses Buch ist vielleicht der Inbegriff von "show don't tell", weil alles gezeigt und nichts erklärt wird.

Das lässt die Tür offen - nicht nur die Tür des Käfigs, sondern auch die Tür zur Vorstellungskraft eines Lesenden - für zahllose Interpretationen und Lesarten. Am Ende ist es für mich ein Gedankenkarussell gewesen, weil nichts so richtig gepasst hat. Am Ende doch nichts außer die Sinnlosigkeit Sinn ergibt.

Es ist ein bitteres Verwirrspiel, in dem teils grausame Bilder gezeichnet werden.
Ein Buchclub- oder Leserundenbuch, an dem man sich gemeinsam abarbeiten kann.
Ich würde empfehlen, das Buch in einem mental stabilen Moment zu lesen. Dann handelt es sich aber wirklich eine Geschichte, welche die Aufmerksamkeit verdient, welche sie in den letzten Monaten erhalten hat.
Sie hat mich nachhaltig beeindruckt.

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Veröffentlicht am 01.06.2026

ultramarin fast schwarz

Ultramarin
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Es ist etwas passiert: Mit mir und mit diesem Buch.
Und mit einem anderen Buch.
Man könnte es eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung nennen.
Was ein bisschen wild ist: Weil es in beiden Büchern um verhängnisvolle ...

Es ist etwas passiert: Mit mir und mit diesem Buch.
Und mit einem anderen Buch.
Man könnte es eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung nennen.
Was ein bisschen wild ist: Weil es in beiden Büchern um verhängnisvolle Dreiecksbeziehungen geht und ich jetzt quasi mittendrin stecke.

Schon beim Lesen des Klappentexts von "Ultramarin" habe ich gedacht: Den kennst du doch!
Gemeint ist der Protagonist "Raf" - oder Rafael. Raf, der in diesem Roman mit seinem besten Freund Lou ans Meer fährt. Auf der Rücksitzbank sitzt dieses Mal jedoch nicht Rafs Schwester, sondern deren Freundin Nora, und die bringt das sowieso schon instabile Gefüge zwischen den beiden Freunden gefährlich ins Wanken.

Ich habe schon einmal einen Protagonisten gelesen, der diesem Raf zum Verwechseln ähnlich ist. Er treibt in dem Roman "Dunkelgrün fast schwarz" von Mareike Fallwickl sein Unwesen. Auch in diesem Buch geht es um eine komplizierte Männerfreundschaft. Ich habe die Geschichte damals verschlungen. Es gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Vielleicht hat die Assoziation deshalb so heftig bei mir gehitted.

Um ehrlich zu sein: Teilweise hat es sich beim Lesen so angefühlt, als wäre der Raf aus dem einen Buch in das andere Buch kopiert worden - als so ähnlich habe ich die beiden empfunden. Und gleichzeitig bin ich mir nicht sicher, ob ich diese Parallele so krass gesehen hätte, wenn die Autorin von "Ultramarin" einen anderen Vornamen gewählt hätte. Wahrscheinlich nicht.

Denn von den oben genannten Parallelen mal abgesehen (und davon, dass sie beide dunkel, beklemmend und abgründig sind) sind es zwei völlig unterschiedliche Bücher. "Ultramarin" hat einen sehr nüchternen, prägnanten, fast schon scharfen Schreibstil. Die Umgangssprache und die fehlende wörtliche Rede unterstreichen das.

Das Buch hält, was sein Titel verspricht. Es zieht dich hinab, in das dunkle Blau, und weiter hinunter bis ins tiefste Schwarz einer toxischen Freundschaft (Plus). Das Ende ist richtig dick aufgetragen. Das was es braucht, um die Erwartungen zu erfüllen, nachdem man 240 Seiten lang beim Lesen die Luft angehalten hat. Ein bisschen too much ist manchmal genau richtig.

Irgendwie fühle ich mich doch dazu verpflichtet, wenigstens einen Stern abzuziehen. Maybe weil die Originalität am Ende doch darunter leidet, dass ich sowas in der Art schon einmal gelesen habe. Davon kann ich mich nicht ganz frei machen.
Nichtsdestotrotz handelt es sich um einen ganz eigenen Roman, der es mehr als wert ist, gelesen zu werden.

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Veröffentlicht am 25.05.2026

Female, nude!

Fünf Tage im Licht
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Ich beginne Rezensionen normal immer mit dem Positiven, hier fange ich mal mit dem Negativen an.
Was schlecht war: Cover und Titel. Lieber Verlag, what did you do? In diesem speziellen Fall ist das englischsprachige ...

Ich beginne Rezensionen normal immer mit dem Positiven, hier fange ich mal mit dem Negativen an.
Was schlecht war: Cover und Titel. Lieber Verlag, what did you do? In diesem speziellen Fall ist das englischsprachige Cover nun auch wirklich kein Meisterwerk, aber definitiv besser und treffender als dieses hier, das mich eher an ein Werbeplakat aus 2015 erinnert. Mit der Gestaltung der deutschsprachigen Ausgabe wird überhaupt nicht transportiert, was für eine Art von Roman das wirklich ist!

Kommen wir damit zu dem, was gut war: Der Inhalt das Buchs.
Hinter den generischen und ein bisschen altbackigen Buchdeckeln verbirgt sich nämlich eine kluger Text, der sich mit weiblicher Kunst und zahlreichen feministischen Themen auseinandersetzt.

Es ist ein eigentlich typische Setting eines Sommerromans: Eine Gruppe Freundinnen verbringt einen Urlaub auf einer griechischen Insel. Die letzten Tage ohne Männer, bevor eine von ihnen heiratet. Eine Art Abschiedsfest der gemeinsamen Girlhood. Die Protagonistin verliebt sich schließlich in einen anderen Mann, gerät ins Zweifeln.
Doch im Mittelpunkt dieser Geschichte steht gar nicht so sehr eine Liebesgeschichte, sondern viel mehr die inneren Konflikte der Frauen: Es geht um Selbstbestimmung und Selbstwahrnehmung, um Mutterschaft, Körperlichkeit und das oft komplexe Gefüge von weiblicher Freundschaft.

Besonders fällt auf, dass zwischen den Kapiteln immer wieder von Freuen geschaffene Werke und Darstellungen weiblicher Körper in der Kunstgeschichte thematisiert werden. Dadurch erhält der Roman eine zusätzliche Ebene.

Der Schreibstil der Autorin ist atmosphärisch und klar. Sie beschwört damit die flirrende, manchmal erdrückende Stimmung einer heißen Urlaubswoche herauf. Zwischenzeitlich hat das Buch Längen und verliert zwischen all den Themen etwas seinen Fokus.
Nichtsdestotrotz gelingt es der Autorin zu unterhalten und den Finger immer wieder gezielt in kleine Wunden zu legen.
"Famale, nude!", wie das Buch im Original heißt, ist ein besondererer Sommerroman, der eindeutig mehr sein möchte als ein klassischer Vertreter seines Genres.

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Veröffentlicht am 23.05.2026

La vie in love

Fast ein Leben
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Ich war mit diesem Buch in Paris. Und es war perfekt!

Laure und Erica begegnen sich 1978 in Paris, auf den Stufen von Sacré-Coeur. Von diesem Ausgangspunkt entspannt sich eine über Jahre andauernde Lebens- ...

Ich war mit diesem Buch in Paris. Und es war perfekt!

Laure und Erica begegnen sich 1978 in Paris, auf den Stufen von Sacré-Coeur. Von diesem Ausgangspunkt entspannt sich eine über Jahre andauernde Lebens- und Liebesgeschichte. Der Verlag bewirbt "Fast ein Leben", oder "Almost Life" wie der Roman im englischen Original heißt, mit dem Versprechen "Zwei an einem Tag für eine neue Generation" zu sein. Es ist Jahre her, dass ich letzteres gelesen habe, und ich stimme dem Vergleich zu. Beide Bücher hallen ähnlich lange nach.

Paris als Kulisse hat mir hier besonders gut gefallen. Obwohl, "Fast ein Leben" in seinem Kern eine Liebesgeschichte ist, und man Paris ja im Allgemeinen als die Stadt der Liebe bezeichnet, bewegt sich die Darstellung von Paris hier weg von dem klassischen touristischen Abziehbild, das man so kennt. Ohne dabei all die großartigen Klischees liegen zu lassen, auf die man natürlich nicht verzichten möchte. (Rauchende, schillernde, vom Leben gebeutelte Künstlerpersönlichkeiten in den 70ern und so weiter.)

In diesem Roman haben sowohl die Liebe als auch die Stadt so viele verschiedene Facetten! Facettenreich ist auch die Geschichte selbst, die sich vor dem Hintergrund diverser weltpolitischer Ereignisse abspielt, und dabei keinesfalls reine Romance ist, sondern auch die persönlichen Entwicklungen von Laure und Erica im Laufe der Jahre, sowie ihre Beziehungen zu weiteren Personen in ihrem Umfeld fokussiert. Die fein ausgearbeitete Darstellung der Nebencharaktere hat mir besonders gut gefallen! Der Schreibstil und das plastische Storytelling der Autorin sorgen dafür, dass die Geschichte unwahrscheinlich authentisch wirkt. Das Schicksal von Laure und Erica, sowie all derer, die ihnen zur Seite stehen, hat mich beim Lesen wirklich bewegt. "Fast ein Leben" ist eine außerordentlich schöne, emotionale und oft auch melancholische Reise durch die Zeit und durch zwei Leben.

Ich lese viel und breche ungern Bücher ab. Da ich jedoch beruflich stark eingespannt bin und meine Lesezeit entsprechen begrenzt ist, überlege ich es mir mittlerweile sehr gut, wenn ich einen Roman mit über 500 Seiten beginne. Zu groß ist das Risiko lange in einem schlechten Buch festzuhängen. Für "Fast ein Leben" würde ich mich immer wieder entscheiden.

Liebesromane mit einem solchen Vielschichtigkeit und einem so starken emotionalen Sog findet man selten!

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Text, der glitzert

Unter Wasser
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Normalerweise ist Trauer eher selten ein Kernthema, zu dem ich bei Büchern greife. Zugegeben: Auf "Unter Wasser" von Tara Menon bin ich in erster Linie über das wunderschöne deutsche Cover aufmerksam ...


Normalerweise ist Trauer eher selten ein Kernthema, zu dem ich bei Büchern greife. Zugegeben: Auf "Unter Wasser" von Tara Menon bin ich in erster Linie über das wunderschöne deutsche Cover aufmerksam geworden - und über die begeisterten englischsprachigen Rezensionen. Was für ein Glück!

Unter der Tsunami-Katastrophe an Weihnachten 2004 bricht Marissas paradiesische Jugend in Thailand zusammen und seither ist nichts mehr wie es war. Obwohl sie überlebt, ist sie nie mehr ganz unter den Wellen dieses Ereignisses hervorgetaucht. Zu sehr überschattet der Verlust ihrer besten Freundin Arielle und die damit einhergehenden Schuldgefühle ihr Leben. Als junge Erwachsene findet sie in der Großstadt New York keinen Halt. Doch auch dort kann die Natur zur Bedrohung werden.

Tara Menons Roman hat mich begeistert! Nicht nur mit den feinfühligen Beschreibungen über Freundschaft und Verlust, sondern auch mit der Art und Weise wie die Natur, insbesondere Thailands, zu einem wesentlichen Charakter im Text gemacht wird. Beim Lesen kann man im wahrsten Sinne erfahren, wie diese Welt riecht, schmeckt und sich anfühlt. Untermalt mit spannenden meeresbiologischen und geographischen Fakten, wird in wunderschöner Sprache von einem Paradies erzählt, dass schützenswerte Heimat und bedrohlicher Feind zugleich sein kann.
"Unter Wasser" ist ein Text, der mit einer unerwarteten Sinnlichkeit daherkommt. Ich habe jeden einzelnen Satz gerne gelesen. Ich habe wirklich mitgefühlt und selten einen Roman gelesen, der sich mit einer realen Katastrophe so frei von Klischee oder Sensation auseinandersetzt.
Dieses Buch ist eine ganz eigene Art von Sommerroman. Sicher handelt es sich im Allgemeinen um eine Geschichte, die ein trauriges Thema angeht, und daher nicht um eine leichte Lektüre. Aber diese so ästhetische und farbenprächtige Darstellung von Thailand und seinen Naturschätzen, versetzt mich trotzdem in eine Art Urlaubsstimmung. Vielleicht auch, weil trotz allem, das Schöne überwiegt.

"Unter Wasser ist keine Geschichte" über das Überleben einer Naturkatastophe, sondern über das Weiterleben. Eine Liebeserklärung an Freundinnenschaften und an das Meer. Ein von innen und außen glitzernder Roman!

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