Profilbild von hasirasi2

hasirasi2

Lesejury Star
offline

hasirasi2 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit hasirasi2 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.08.2018

DER ANRUF

Ein Song bleibt für immer
1

Alice ist 26 und wunderschön, als Tom sie das erste Mal in einer Galerie sieht. Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick, aber dann erfährt er zufällig, dass sie an Mukoviszidose leidet (einer unheilbaren ...

Alice ist 26 und wunderschön, als Tom sie das erste Mal in einer Galerie sieht. Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick, aber dann erfährt er zufällig, dass sie an Mukoviszidose leidet (einer unheilbaren Lungenkrankheit). Er besorgt sich Informationen und ist geschockt, Alice Lebenserwartung beträgt nur 30 Jahre. Ihr erstes Treffen findet dann auch in ihrem zweiten Zuhause, dem Krankenhaus statt. Gegen jede Vernunft und den Rat seines besten Freundes entscheidet sich Tom für eine Beziehung mit Alice. Sie imponiert ihm, ist eine echte Kämpfernatur und lässt sich von ihrer Krankheit nicht beherrschen: „Ich bin nicht meine Krankheit.“ (S. 23).
Alice schreibt seit ihrer Kindheit Songs und ihr größter Traum ist eine Karriere als Sängerin und Songwriterin. Aber geht das mit ihrer eingeschränkten Lungenfunktion? Kann sie einen Produzenten überzeugen, es mit ihr zu versuchen? „Ich habe mich noch nie von irgendetwas aufhalten lassen, schon gar nicht von meiner Mukoviszidose.“ (S. 16)

„Ein Song bleibt für immer“ beruht auf der wahren Geschichte von Alice Martineau. Ich habe sie bewusst nicht vor dem Lesen gegoogelt, damit ich mir das Ende nicht vorwegnehme. Der Roman erzählt von ihrem Kampf und dem ihrer Familie und Freunde. Alle haben immer zurückgesteckt, eigene Wünsche und Träume, Lebensentwürfe hintenangestellt – denn Alice Alltag bestimmte ihren Lebensrhythmus. Verständlich, dass sich Alice oft schuldig fühlte und dass gerade ihre Mutter manchmal dachte, wie ihr Leben wohl mit einer gesunden Alice verlaufen wäre.
Auch Tom versucht sich dem anzupassen, aber es verlangt ihm (zu?) viel ab. Während seine Freunde heiraten und Eltern werden, muss er um Alice’ Leben bangen, seine Träume von einer eigenen Familie und Kindern wahrscheinlich begraben.
Als sich ihr Zustand immer weiter verschlechtert, wird sie auf die Warteliste für eine Herz-Lungen-Lebertransplantation gesetzt. Die Überlebenschancen dieser OP liegen bei nur 30%. Aber wenn sie gelingt, kann Alice hinterher ein fast normales Leben führen. Das Warten auf DEN ANRUF beginnt: „Der Mensch hofft, so lange er lebt.“ (S. 417) ...

Das Buch ist extrem emotional und eine echte Gefühlsachterbahn. Genau wie Alice Gesundheit geht es ständig auf und ab. Ich konnte mich in ihre Angst und die ihrer Familie und Freunde richtig einfühlen, habe mit ihnen gelitten. Aber sie hat ihnen auch viel gegeben, Mut gemacht, das eigene Leben und Ziele zu überdenken. Alice hat eine unglaubliche Kraft und Durchhaltewillen und verfolgt ihren Traum von der Karriere als Sängerin unablässig weiter. „Meine Musik wird weiterleben, wenn ich einmal nicht mehr da bin.“ (S. 185)

Besonders berührend fand ich neben der Beziehung zu Tom die zu ihrem Bruder Jake und die Anti-Selbsthilfe-Gruppe, die Alice und zwei andere betroffene junge Frauen gegründet hatten. Sie waren immer füreinander da und haben sich gegenseitig Mut gemacht und unterstützt.

Das Cover ist sehr romantisch und hoffnungsvoll - eine eigene Welt und Schallplatte zugleich, die sich jeweils um Alice drehen. Aber für mich stand die Liebesgeschichte gar nicht im Vordergrund, sondern Alice Leben, ihr Mut, ihr Durchhaltewillen, ihre Kraft.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Authentizität
  • Charaktere
  • Gefühl
  • Thema
Veröffentlicht am 03.08.2018

Von Klütz nach Hollywood?

Mein wunderbarer Küstenchor
0

„Beziehungen kommen und gehen, aber der Klützer Chor bleibt bestehen.“ (S. 52) dachten Britta und die anderen Chormitglieder immer, doch dann eröffnet ihnen ihr Chorleiter Dustin, dass er endlich eine ...

„Beziehungen kommen und gehen, aber der Klützer Chor bleibt bestehen.“ (S. 52) dachten Britta und die anderen Chormitglieder immer, doch dann eröffnet ihnen ihr Chorleiter Dustin, dass er endlich eine Festanstellung bekommen hat. 900 km entfernt. Dabei wollen sie bald in Finnland an einem Chor-Wettbewerb teilnehmen. Aber ohne ihn?! Nicht zu schaffen. Sie brauchen dringend Ersatz und veranstalten ein Casting. Aber die Bewerber, die sich da vorstellen, passen einfach nicht.
Zufällig lernt Britta den Klavierlehrer und Pianisten Jasper kennen. Er ist überzeugt, dass Britta selbst die perfekte Chorleiterin wäre ...

Britta geht auf die 50 zu und arbeitet im Boltenhagener „Hotel Bernstein“. Das hat wegen der Winterpause ein halbes Jahr geschlossen und so sind die wöchentlichen Chorproben ihr Highlight. Nach Klütz hat es sie vor über 25 Jahren wegen ihrer Großtante Sybille verschlagen. Die ist inzwischen 83 und hat den Chor damals zusammen mit Britta gegründet. Genau wie die anderen fast ausschließlich weiblichen Mitglieder genießen sie gemeinsame regelmäßige Auszeit vom Alltag, das Zusammengehörigkeitsgefühl und dass sie auch über das Singen hinaus immer füreinander da sind.
Um den Chor zu retten, brauchen sie aber nicht nur einen neuen Leiter sondern auch mehr männliche Mitglieder. Also muss Britta ihre Komfortzone verlassen und versuchen, alte Freunde und ehemalige Mitglieder zurückzugewinnen. Auch ihren langjährigen Ex-Freund Olli.

Britta und Sybille sind sehr sympathische Figuren, die man gern als Freundinnen hätte. Gestandene Frauen, im Leben angekommen und mit sich selbst im Reinen. Britta kümmert sich rührend um ihre Großtante, die wegen ihres aristokratischen Auftretens „die Gräfin“ genannt wird.
Auch die anderen Mitglieder sind liebenswerte Protagonisten, Menschen wie Du und ich. Da ist die Pastorin Julika, die schwanger von einer Urlaubsliebe in Südfrankreich zurückkam. Galeristin Regina wirkt immer etwas abgehoben. Dorfpolizist Rainer, die russische Krankenschwester Ludmilla und Wendy mit ihrem Obst- und Gemüsestand sind herrlich bodenständig. Friseurin Gerda ist bei ihren Strähnchen zwar experimentierfreudig, scheut aber die große Bühne. Physiotherapeutin Jenny und Lehrerin Anika sind noch auf der Suche nach der großen Liebe und hoffen auf jüngeren Männerzuwachs. Die introvertierte Gewandmeisterin Sarah schneidert die Kostüme für den Auftritt und wächst beim Singen über sich hinaus. Und Jasper bringt frischen Wind in den Chor und Brittas Leben. Er glaubt an sie und unterstützt sie, aber was sind seine Beweggründe?

Ich habe Janne Mommsen erst vor kurzem für mich entdeckt, aber schon jetzt ist er für mich ein Garant für entspannte, heitere Lesestunden, die mich an die See entführen. Er beschreibt sehr bildlich die Landschaft und das gemütliche Leben in der Kleinstadt, wo man sich kennt, zusammenhält und wenn nötig hilft. Seine Bücher machen Sehnsucht nach Mee(h)r.

Veröffentlicht am 30.07.2018

Wenn Liebe geht ...

Der Duft des Glücks ist stärker, wenn es regnet
0

„Sollte ich eines Tages das Gefühl haben, ich hätte dich über, dann musst du alles tun, um mich wieder zur Besinnung bringen, denn ich irre mich bestimmt.“ (S. 152) hat Ben vor Jahren zu Pauline gesagt. ...

„Sollte ich eines Tages das Gefühl haben, ich hätte dich über, dann musst du alles tun, um mich wieder zur Besinnung bringen, denn ich irre mich bestimmt.“ (S. 152) hat Ben vor Jahren zu Pauline gesagt. Als er jetzt die Scheidung will, weil er sie nicht mehr liebt, erinnert sie sich daran. Sie hat das Ende nicht kommen sehen, liebt Ben immer noch, er ist ihr Seelenverwandter. Außerdem haben sie einen kleinen gemeinsamen Sohn, Jules.
Pauline zieht zurück zu ihren Eltern ins ehemalige Jugendzimmer und leckt ihre Wunden. Als die ganze Familie in den Urlaub ans Meer fährt, meint ihr Therapeut, sie solle mitfahren, sich mit allen aussprechen. Denn auch da gibt es viele nie verarbeitet Erlebnisse.

Ihre Mutter war in ihrer Kindheit 1 Jahr verschwunden, bis heute wissen sie und ihre Geschwister nicht warum und wohin. Ihr Vater war bis zu seiner Krebserkrankung schwerer Alkoholiker und die Angst, dass er rückfällig wird, begleitet sie bis heute. Ihre Schwester führt ein scheinbar perfektes Leben, aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Ihr Bruder lebt seit Jahren mit einem Mann, was ihre Eltern schockiert hat. Der Familienurlaub holt diese und noch mehr Sachen ans Licht. Es kracht gewaltig.

Pauline erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht. Sie beschreibt ihre momentane Situation, ihren Alltag, den psychischen Zusammenbruch nach der Trennung: „Nicht nur Ben hat mich verlassen. Meine Lebensfreude ist mit ihm gegangen.“ (S. 32)
Den Kontakt zu ihren glücklichen, verheirateten Freunden kann sie nicht ertragen, von ihrer Mutter fühlt sie sich immer wieder angegriffen (dabei will die nur, dass sie sich endlich wieder aufrappelt) und von ihrer Schwester ignoriert.

Sie schreibt Ben fast täglich einen Brief, in dem sie ihn an ihre gemeinsame Vergangenheit, ihre große Liebe erinnert. Genau wie Pauline habe ich das Ende von Bens Liebe nicht kommen sehen, dazu war ihre Story zu romantisch. Sie waren so lange zusammen, sind immer liebevoll miteinander umgegangen, haben Jules. Pauline stellt Ben nie als den Bösen hin, er hat keine Neue, sich einfach nur „entliebt“.
Doch dann kommt er zu Wort, schreibt ihr ebenfalls Briefe und erzählt alles aus seiner Sicht – und alles ändert sich. Sie hat nämlich einen ganz wichtigen Teil ihrer gemeinsamen Vergangenheit einfach ausgeblendet, verdrängt!

Das Buch ist unglaublich emotional und ich habe mir sogar ein paar Tränen verdrücken müssen. Es ist überraschend anders, dramatisch und doch ganz zart, hat einen feinen leisen Humor. Man leidet mit Pauline – und Ben. Und alles klingt es so real, dass ich mich gefragt habe, ob Virginie Grimaldi ihre eigenen Erlebnisse verarbeitet hat ...

Veröffentlicht am 30.07.2018

Man ist das, was man sein will

Warum ich trotzdem an Happy Ends glaube
0

Emma de Tessent wäre gern erfolgreiche Filmproduzentin und würde in der mit Glyzinien bewachsenen Villa wohnen, die seit Jahren zum Verkauf steht. Im realen Leben ist sie die „ewige Praktikantin“ der amerikanische ...

Emma de Tessent wäre gern erfolgreiche Filmproduzentin und würde in der mit Glyzinien bewachsenen Villa wohnen, die seit Jahren zum Verkauf steht. Im realen Leben ist sie die „ewige Praktikantin“ der amerikanische Filmproduktionsfirma Fairmont in Rom und wohnt bei Mama, weil sie sich von ihrem mickrigen Gehalt nicht mal eine eigene Wohnung leisten kann. Ihre Abende verbringt sie am liebsten mit schmalzigen Liebesromanen, ungesunden Keksen und den Überlegungen, wie sie den berühmten Schriftsteller Tameyoshi Tessai doch noch dazu bewegen kann, ihrer Firma die Filmrechte an seinem Bestseller zu verkaufen.
Als ihr Praktikum wieder einmal ausläuft und nicht, wie versprochen, in einen richtigen Vertrag umgewandelt oder wenigstens verlängert wird, stürzt sie in eine Sinnkrise. Die Vorstellungsgespräche bei anderen Firmen laufen überhaupt nicht gut, am schlimmsten läuft es bei der elitären Firma Waldau – Dr. Scalzi demütigt sie regelrecht. Da kommt ihr die Arbeit in der Kinderboutique von Vittoria Airoldi wie eine Ruheoase vor, ein Stück heile Welt in ihrem Katastrophenfilm. Doch plötzlich reißen sich auch die Fairmont und Waldau wieder um sie ...

Die Geschichte hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Emma erzählt die Geschehnisse aus ihrer Perspektive und lässt den Leser dadurch an ihren geheimsten Träumen, Wünschen und Gedanken teilhaben. Ein besonderes Highlight sind die witzigen Kapitelüberschriften, die fast immer das Wort Praktikantin beinhalten und eine Vorgeschmack auf die nächsten Szenen geben.

Emma war mir gleich sympathisch und ich konnte mich gut ihre Situation einfühlen. Sie hat eigentlich alles, was man für eine erfolgreiche Karriere braucht – eine gute Ausbildung, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen – nur ihre Gutgläubigkeit wird ihr zum Verhängnis. Zudem ist sie sehr romantisch und träumt von der einzigen großen Liebe, wie ihre Eltern sie gefunden hatten. Die Ehe ihrer Schwester Arabella ist leider das ganze Gegenteil und ein abschreckendes Vorbild.

Natürlich gibt es auch in dieser Geschichte viele Geheimnisse. Was verband z.B. Emmas Mutter mit Tessais Verleger und woher rührt Tessais Weltschmerz?
Und was will Dr, Scalzi von Emma? Sie geraten immer wieder aneinander, die Fetzen fliegen und Funken sprühen. Trotzdem sucht er immer wieder ihre Nähe ...

„Warum ich trotzdem an Happy Ends glaube“ ist ein wunderbar leichter und amüsanter Roman um die harte Filmbranche und zwischenmenschliche Beziehungen. Seine Sprache lädt zum Träumen ein und lässt die Dolce Vita vor meinem inneren Auge lebendig werden. Emma ist eine zauberhafte Person, die ich gern als Freundin hätte – auch um sie ab und an aus den Wolken auf den Boden der Realität zu holen.
Einzig das Ende hat mir nicht ganz so gut gefallen. Die Ereignisse überschlugen sich und die Handlung wurde zum Teil etwas unübersichtlich.

Veröffentlicht am 28.07.2018

Hat mich leider nicht ganz überzeugt

Schmälzle und die Kräuter des Todes
0

In Karlsruhe war Justin Schmälzle erfolgreicher Ermittler in der Drogen- und Mordabteilung. Wegen seiner Frau hat er sich nach Bad Wildbach versetzen lassen, hier werden maximal Blumenkübel in die Enz ...

In Karlsruhe war Justin Schmälzle erfolgreicher Ermittler in der Drogen- und Mordabteilung. Wegen seiner Frau hat er sich nach Bad Wildbach versetzen lassen, hier werden maximal Blumenkübel in die Enz geworfen. Er hat keinen guten Start, wird als Schwarzer in dem Kurort zuerst nicht ernst genommen – man bietet ihm sogar Schwarzarbeit als Gärtner an.
Doch eines Tages liegt ein Toter im Fluss. Kurz darauf verschwindet eine junge Frau beim Wandern und ein besorgter Bürger meldet, dass im Kurpark neuerdings Kräuter-Drogen an Jugendliche verkauft werden. Die Ereignisse überschlagen sich ...

Leider bin ich mit Schmälzle nicht ganz warm geworden. Er ist ein fanatischer Gesundheitsfreak und treibt seine Familie und Kollegen damit in den Wahnsinn. Er trinkt nur Reismilch-Macchiato, lebt ökologisch vegan und treibt fanatisch Sport – das machte ihn mir nicht besonders sympathisch. Zudem kommt er so rüber, als wäre er der einzige wirklich arbeitende Polizist seiner neuen Dienststelle.
Sein Chef Harald Scholz ist das ganze Gegenteil. Scholz ist aufs Essen und Trinken fixiert und lässt die Arbeit gern mal übers Wochenende liegen.
Auch die Kollegen der übergeordneten Dienststellen arbeiten ähnlich (un)motiviert und verweigern schlichtweg mehrfach die geforderte Amtshilfe. Das war mir zu irreal, zu weit vom wirklichen Leben weg.

Der Fall ist sehr verworren, springt zwischen der Ermittlung wegen des Toten, der Drogen und der verschwundenen Frau zeitlich vor und zurück. Das hat mich zu Beginn etwas irritiert, wurde am Ende aber aufgeklärt. Auch der schwäbische Dialekt, der in einigen Kapiteln überhand nimmt, macht es Nicht-Schwaben wie mir schwer, der Handlung zu folgen.

Alles in allem ist es ein netter, ruhiger Regionalkrimi, der eher durch seine Protagonisten und das Setting als durch Spannung besticht.