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Veröffentlicht am 24.07.2026

Das Auge der Vorsehung

Der Totengräber und der Orden des Teufels (Die Totengräber-Serie 5)
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Wien 1896: „Inspektor Herzfeld, glauben Sie an den Teufel? Es sieht nämlich so aus, als wäre Satan persönlich in Wien aufgetaucht.“ (S. 31)
Im Haus der ehemaligen Schauspielerin Sophia von Tatten soll ...

Wien 1896: „Inspektor Herzfeld, glauben Sie an den Teufel? Es sieht nämlich so aus, als wäre Satan persönlich in Wien aufgetaucht.“ (S. 31)
Im Haus der ehemaligen Schauspielerin Sophia von Tatten soll ihr Sohn Ferdinand eine Teufelsanbetung durchgeführt haben, bei der ein rituelles Menschenopfer dargebracht wurde. Das Opfer ist Pauline Bellheimer, die Tochter der Nachbarn. Ihr wurde die Kehle durchgeschnitten, Zunge und Herz wurden entfernt und ihr Körper mit satanischen Symbolen verunstaltet. Ferdinand wird nackt, blutverschmiert und schlafend vor dem Haus aufgefunden. Verhören kann man ihn jedoch nicht – entweder ist er dem Wahnsinn verfallen oder er spielt seine Rolle erschreckend überzeugend. Dank seiner einflussreichen Mutter landet er nicht im Wiener Landgericht, sondern in einem privaten Sanatorium.

Als Leo seiner Verlobten Julia von dem Fall erzählt, denkt die Journalistin sofort an Sigmund Freud, über den sie gerade ein Porträt schreibt. Der junge Nervenarzt sorgt mit seinen Hypnose-Experimenten für Aufsehen. („Ich bin ein Archäologe, der verschüttet Erinnerungen ausgräbt.“ (S. 57) Vielleicht könnte ausgerechnet Freud Ferdinand dazu bringen, über die grausamen Ereignisse zu sprechen.

Leo sucht Rat bei Totengräber Augustin Rothmayer. Dieser erkennt die Zeichen auf Paulines Körper als das „Auge der Vorsehung“, ein Symbol, das unter anderem den Freimaurern zugeschrieben wird. Um sie ranken sich düstere Gerüchte über Teufelsmessen und geheime Aufnahmerituale, bei denen Verrätern die Kehle durchgeschnitten sowie Herz und Zunge entfernt werden. Als weitere Opfer auftauchen, die nach demselben grausamen Muster ermordet wurden, ohne dass eine Verbindung zwischen ihnen erkennbar ist, verdichten sich die Rätsel. Schließlich wird auch noch Beethovens Grab auf dem Zentralfriedhof geschändet. Für Augustin gibt es nun kein Halten mehr: Er will Leo unbedingt bei den Ermittlungen unterstützen – und bringt sich damit selbst in höchste Gefahr.

Auch der fünfte Band der Reihe von Oliver Pötzsch ist wieder ungemein spannend und atmosphärisch dicht erzählt. Das Wien der Jahrhundertwende befindet sich im Umbruch: Die Welt wird moderner, schneller und komplexer, und viele Menschen fühlen sich von diesem Wandel überfordert. Genau dieses Phänomen untersucht Sigmund Freud mit seiner Forschung zur Neurasthenie – der nervlichen Erschöpfung durch die moderne Zeit.

Gleichzeitig brodelt die politische Stimmung. Rechtsnationale Kräfte und ihre Zeitungen instrumentalisieren die grausamen Morde, um gegen Juden, Freimaurer, Ausländer und Anarchisten zu hetzen. Auch Polizeirat Moritz Stukart und Leo geraten wegen ihrer jüdischen Abstammung zunehmend ins Visier. Als sich schließlich auch noch der Vizebürgermeister einmischt und den ehemaligen Polizeichef von Linz zum Leiter einer neuen politischen Polizeiabteilung ernennt, wird ihnen der Fall kurzerhand entzogen.

Doch nicht nur beruflich steht Leo unter Druck. Sein verstorbener Vater greift noch immer in sein Leben ein: Sollte Leo seine Verlobung mit Julia nicht lösen, wird er enterbt. Wie soll er ihr das nur erklären?

Auch Augustin Rothmayer hat mit privaten Sorgen zu kämpfen. Seine Adoptivtochter Anna steckt mitten in der Pubertät und verbringt immer mehr Zeit im gerichtsmedizinischen Institut bei Professor Hofmann. Dieser fördert ihr außergewöhnliches Talent und macht ihr Mut, vielleicht zu den ersten Studentinnen Wiens zu gehören – die Zeit des gesellschaftlichen Wandels könnte ihr diese Möglichkeit tatsächlich eröffnen.

Oliver Pötzsch verbindet historische Fakten, gesellschaftliche Entwicklungen und einen packenden Kriminalfall erneut zu einem fesselnden Pageturner. Die Vielzahl an Verdächtigen, immer neue Spuren und überraschende Wendungen sorgen dafür, dass man bis zum Schluss miträtselt. Besonders eindrucksvoll ist, wie der Autor den aufkommenden Antisemitismus und die politischen Strömungen jener Zeit einarbeitet – Entwicklungen, in denen sich bereits die Vorboten des Nationalsozialismus und sogar erste Hinweise auf das Hakenkreuz erkennen lassen. Hervorragend recherchiert, atmosphärisch dicht und bis zur letzten Seite spannend.

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Veröffentlicht am 21.07.2026

Zwischen Familie und Kunst

Die Königin der Blumenmaler. Rachel Ruysch – Ihre größte Liebe war die Kunst
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„Wenn Rachel anfing zu malen, war es fast, als betrete sie eine andere Welt ... Wenn sie malte, vergaß sie alles andere um sich herum. Ihre Probleme rückten in den Hintergrund, in ihrem Inneren kehrt Ruhe ...

„Wenn Rachel anfing zu malen, war es fast, als betrete sie eine andere Welt ... Wenn sie malte, vergaß sie alles andere um sich herum. Ihre Probleme rückten in den Hintergrund, in ihrem Inneren kehrt Ruhe ein. Für Rachel bedeutete ihr Beruf nicht nur Broterwerb und Unabhängigkeit. Für sie war Malen eine Überlebenskunst.“ (S. 247)

Seit ich 2023 im Albertinum in Dresden die Ausstellung „Zeitlose Schönheit. Eine Geschichte des Stilllebens“ gesehen habe, faszinieren mich Stillleben – insbesondere die üppigen Blumen- und Früchtegemälde, die so lebendig und farbenprächtig wirken, als würden sie von innen heraus leuchten. Eine der bedeutendsten Vertreterinnen dieser Kunst war Rachel Ruysch, die Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts in Amsterdam lebte und wirkte. Sie war die erste Frau, die in eine Malergilde aufgenommen wurde, später sogar zur Hofmalerin ernannt wurde und trotz Heirat und zehn Kindern nie aufhörte zu malen. Möglich war das nur, weil ihr Vater, der berühmte Anatom Frederik Ruysch, ihr Talent von klein auf förderte und ihr Ehemann, der Porträtmaler Juriaen Pool, seine eigene Karriere stets hinter die seiner berühmten Frau zurückstellte.

Rachel Ruysch führte also ein außergewöhnliches und spannendes Leben – umso bedauerlicher ist es, dass Alexander Schwarz diesem Potenzial nicht gerecht wird. Die Handlung plätschert über weite Strecken dahin; wirklich fesselnd sind vor allem die Schilderungen des Malprozesses und die Beschreibungen ihrer Bilder. Den Nebenstrang um das Hausmädchen Emma hätte ich hingegen nicht gebraucht. Hinzu kommen eine stellenweise überraschend modern wirkende Sprache und eine Rahmenhandlung, die 1748, kurz vor Rachels Tod, angesiedelt ist, für mich jedoch eher wie eine überflüssige Klammer wirkt.

Zwar zeigt Alexander Schwarz eindrucksvoll Rachels Ringen um den Spagat zwischen Familie und Kunst sowie die Widerstände, die sie als Frau überwinden musste. Doch diese Aspekte gehen leider immer wieder in ausführlichen Alltagsbeschreibungen unter. Schade – denn das Leben dieser außergewöhnlichen Künstlerin hätte einen mitreißenderen Roman verdient.

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Veröffentlicht am 20.07.2026

Eine Frage der Chemie

Deal with the Devil
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„Ich will einen Monat ihrer Zeit… Sie stehen mir rund um die Uhr zur Verfügung, sieben Tage die Woche. Wenn Sie die dreißig Tage durchhalten, stelle ich Ihre Schwester wieder ein …“ (S. 63)
Ria kann Adrien, ...

„Ich will einen Monat ihrer Zeit… Sie stehen mir rund um die Uhr zur Verfügung, sieben Tage die Woche. Wenn Sie die dreißig Tage durchhalten, stelle ich Ihre Schwester wieder ein …“ (S. 63)
Ria kann Adrien, den Chef ihrer Schwester Alba, nicht ausstehen. Er fordert von seiner Assistentin grenzenlosen Einsatz, ohne sich auch nur ansatzweise für ihr Privatleben zu interessieren – schließlich weiß er nicht einmal, dass seine schwangere Assistentin bereits eine sechsjährige Tochter hat. Als Rias impulsive Racheaktion jedoch einen 700-Millionen-Dollar-Deal platzen lässt, werden beide fristlos entlassen. Während Ria ihren Job verschmerzen kann, ist Alba dringend auf ihre Anstellung und die damit verbundene Krankenversicherung angewiesen.
Also lässt sich Ria auf einen Deal ein: Einen Monat lang steht sie Adrien rund um die Uhr zur Verfügung und muss jede noch so absurde Aufgabe erledigen. Adrien setzt alles daran, ihren Widerstand zu brechen – vom Joggen um vier Uhr morgens bis zu sinnlosen Schikanen. Doch Ria lässt sich nicht unterkriegen. Als sie ihn schließlich auf eine Reise zu seiner Familie nach Victoria begleiten soll, nutzt sie die Gelegenheit, die Bedingungen neu zu verhandeln: Hält sie die zehn Tage durch, erhält Alba ihren Job zurück und Ria ist sofort frei.

Was zunächst wie eine klassische Enemies-to-Lovers-Geschichte wirkt, entwickelt sich schnell zu mehr. Ria ist schlagfertig, selbstbewusst und herrlich bissig, gleichzeitig aber loyal und fürsorglich gegenüber den Menschen, die ihr wichtig sind. Adrien erscheint zunächst als arroganter Workaholic, dessen Verhalten kaum Sympathien weckt. Umso spannender ist es, dass Kyra Parsi seine Figur nach und nach aufbricht und hinter der kontrollierten Fassade einen deutlich vielschichtigeren Menschen zeigt.
Besonders die Dynamik zwischen den beiden trägt den Roman. Ihre Wortgefechte sind pointiert, voller Ironie und entwickeln sich zunehmend zu einem Flirt, den beide lange nicht wahrhaben wollen. „Du musst mich nicht mögen, damit zwischen uns Chemie existiert, Ria.“ (S. 191) Gerade diese Mischung aus Schlagabtausch, gegenseitigem Respekt und wachsender Anziehung macht ihre Beziehung glaubwürdig und unterhaltsam.
Auch der Besuch bei Adriens Familie verleiht der Geschichte überraschend viel emotionales Gewicht. Hier zeigt sich eine Seite von ihm, die Rias bisheriges Bild komplett infrage stellt. Die liebevolle und enge Beziehung innerhalb seiner Familie bildet einen gelungenen Kontrast zum harten Geschäftsalltag und sorgt dafür, dass sich die Figuren glaubwürdig weiterentwickeln. Trotzdem bleibt Rias Misstrauen nachvollziehbar – schließlich hat Adrien ihr bisher wenig Anlass gegeben, ihm zu vertrauen. „Ich dachte, für das Foto nach der Verhaftung sollte ich gut aussehen.“ (S. 403)

Mit Deal with the Devil ist Kyra Parsi eine humorvolle Romantic Comedy gelungen, die weit mehr bietet als die bekannten Genreklischees. Der Roman lebt von seinem schlagfertigen Humor, den hervorragend geschriebenen Dialogen und zwei Figuren, die sich überraschend vielschichtig entwickeln. Gleichzeitig gelingt der Autorin die Balance zwischen Leichtigkeit, Romantik und emotionalen Momenten, ohne dass die Geschichte an Tempo verliert.
Auch der Spice-Anteil fügt sich stimmig in die Handlung ein. Persönlich empfand ich die Szenen allerdings deutlich expliziter, als die zwei Chilischoten vermuten lassen, die der Verlag angibt – stellenweise geht es durchaus etwas kinky zu. Wer damit kein Problem hat, bekommt eine unterhaltsame, witzige und überraschend tiefgründige Enemies-to-Lovers-Romance, die vor allem durch ihre großartige Chemie und ihre spritzigen Dialoge überzeugt.

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Veröffentlicht am 13.07.2026

Die rollende Kinderbücherei

Adalina und die Liebe zu den Büchern
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Nach acht Jahren kehrt Adalina aus Pisa in ihre Heimat Ferrandina in der Region Basilikata zurück, um an ihrem neuen Roman zu schreiben. Bei einem Spaziergang durch die Straßen ihres Heimatortes entdeckt ...

Nach acht Jahren kehrt Adalina aus Pisa in ihre Heimat Ferrandina in der Region Basilikata zurück, um an ihrem neuen Roman zu schreiben. Bei einem Spaziergang durch die Straßen ihres Heimatortes entdeckt sie das Bibliomotocarro – die hellblaue dreirädrige Ape mit dem kleinen Bücherhäuschen auf der Ladefläche, mit der der ehemalige Lehrer Maestro Antonio La Cava seit 25 Jahren Kinderbücher in die umliegenden Dörfer bringt. Doch nun ist die Ape leer, und Adalina sorgt sich: Der Maestro war zwar schon alt, aber hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen? Schließlich hat er Generationen von Kindern geprägt: „Ein Geschichtenträger, ein Glücksbringer, ein Herzensberührer, jemand, der allein durch seine Anwesenheit die Welt ein Stückchen besser macht.“ (S. 43)

Auch Adalinas Leben hat er nachhaltig beeinflusst. Deshalb beschließt sie, die Fahrten mit dem Bibliomotocarro wieder aufzunehmen und den Kindern der Region neue Hoffnung, Fantasie und Freude am Lesen zu schenken.

Tessa Hansen ließ sich für ihren Roman vom echten Straßenlehrer Antonio La Cava und seinem Bibliomotocarro inspirieren. Seine Erinnerungen fließen in Form von Tagebucheinträgen in die Handlung ein. Weil er Kinder in abgelegenen Regionen für Bücher und das Lesen begeistern wollte, gründete er 1999 aus eigener Initiative und überwiegend aus eigener Tasche finanziert seine rollende Kinderbücherei – und ließ in all den Jahren keine einzige Tour ausfallen.

Adalina hatte keine leichte Kindheit und fühlte sich von ihren Eltern und Geschwistern nie wirklich verstanden. Als Älteste musste sie sich um ihre jüngeren Geschwister und den Haushalt kümmern. Von ihr wurde erwartet, einen soliden Beruf zu erlernen, eine Familie zu gründen oder ihre Herkunftsfamilie zu unterstützen. Doch Maestro La Cava erkannte ihre Leidenschaft für Geschichten und förderte ihren Traum, selbst Schriftstellerin zu werden.

Ich konnte gut nachvollziehen, dass Adalina zunächst keinen Kontakt zu ihrer Familie sucht und sich dem Maestro viel näher fühlt. Er und seine Frau werden zu ihrer Wahlfamilie. Wie einst ihr Mentor möchte auch sie Kinder für Bücher begeistern und ihnen die Freude am Lesen vermitteln. Viele Menschen in der Region leben in bescheidenen Verhältnissen und haben nur wenige Perspektiven. Bücher aber eröffnen neue Welten – und für Geschichten braucht es kein Geld.

Durch ihre Fahrten mit dem Bibliomotocarro entdeckt Adalina zudem die Liebe zu ihrer Heimat wieder. Sie beginnt zu überlegen, länger zu bleiben oder sogar ganz nach Ferrandina zurückzukehren. „Ich fühle mich hier wohler, als ich erwartet hatte. Die Weite, die Stille, selbst die Melancholie, die manchmal wie Nebel in der Luft hängt, tut mir gut. Ich kann die Lucana in mir wohl doch nicht verleugnen.“ (S. 199)

Neben all dem erhält man auch interessante Einblicke in den Entstehungsprozess eines Romans und das Leben einer Autorin.

Ein ruhiger, nachdenklicher Roman mit viel italienischem Flair. Er erzählt von Familie und Freundschaft, Zusammenhalt und der Liebe zur Heimat – vor allem aber davon, wie Bücher Hoffnung schenken und Kindern neue Horizonte eröffnen können.

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Veröffentlicht am 06.07.2026

Ein ungelebtes Leben

Fünf, sechs, sieben, acht
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„Du bist so sehr auf dieser sinnlosen Suche nach der eigenen verlorenen Jugend, dass du mir meine nicht verzeihen kannst.“ (S. 200)
Anton ist Stepptänzer und Choreograph am Theater und steht mit 60 Jahren ...

„Du bist so sehr auf dieser sinnlosen Suche nach der eigenen verlorenen Jugend, dass du mir meine nicht verzeihen kannst.“ (S. 200)
Anton ist Stepptänzer und Choreograph am Theater und steht mit 60 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Als sein Vertrag nicht verlängert wird, bricht für ihn eine Welt zusammen – vor allem, weil ausgerechnet seine Tochter Emma seine Nachfolgerin wird. Er schafft es nicht, ihr zu zeigen, wie stolz er auf sie ist. Stattdessen reagiert er mit Wur und Enttäuschung darüber, dass sie ihm nichts davon erzählt hat.
Anton flüchtet sich in Weltschmerz und die Erinnerung an seine erste Liebe Jo, die vor 35 Jahren zum Zigarettenholen aufbrach und nie zurückkehrte. Seitdem hat er nie wieder von ihr gehört. Der Verlust hat sein ganzes Leben überschattet. Seine inzwischen Ex-Frau Katja und Emma hatten stets das Gefühl, im Schatten einer Frau zu stehen, die nie wirklich aus Antons Herz verschwunden ist - immer nur zweite Wahl zu sein.
Als Anton zunehmend in eine Depression abzurutschen droht, schlagen Katja und Emma ihm vor, doch noch einmal nach Jo zu suchen. Tatsächlich findet Emma sie schließlich und reist mit ihrem Vater nach Irland. Doch statt einer Aussöhnung zwischen Vater und Tochter scheint die Reise den endgültigen Bruch herbeizuführen. „So eine ungelebte Liebe ist immer größer als die gelebte … Keiner kann rückwärts leben. Auch du nicht.“ (S. 61)

„Fünf, sechs, sieben, acht“ von Ewald Arenz hat mich tief berührt. Für Anton besteht alles aus Takten, Rhythmen und Tönen – ob Regen, Wind oder die Geräusche seiner Umgebung. Er übersetzt alles in Bewegung, und genauso fühlt sich auch der Roman an, als würde man tanzend durch die Handlung getragen.

Nach seiner Kündigung wird Antons Leben zum Tanz auf dem Drahtseil. Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit und Arbeitslosigkeit lässt ihn immer tiefer in die Vergangenheit eintauchen, während ihn gleichzeitig die Zukunft verunsichert. Dabei will er doch eigentlich noch Neues erleben und entdecken. Er weigert sich zu akzeptieren, dass er jetzt schon für die (über)nächste Generation Platz machen soll und nicht erst dann, wenn sein eigener Stern zu sinken beginnt.
Zur Angst vor dem Älterwerden kommt die Sorge vor den körperlichen Veränderungen. Anton spürt, dass er nicht mehr so schnell und kraftvoll ist wie noch vor einigen Jahren. Er fürchtet, überflüssig zu werden, einsam zu enden und seinen Platz in der Welt zu verlieren. Seine Ehe ist zwar gescheitert, doch Katja und er verbindet inzwischen eine tiefe Freundschaft. Seine Tochter hingegen stößt er mit seinem Neid und seiner Wut immer weiter von sich weg. Die Frage ist, ob es ihm gelingt, loszulassen und noch einmal neu anzufangen.

Ich bin zwar etwas jünger als Anton, konnte mich aber erstaunlich gut in seine Gedanken, Gefühle und Selbstzweifel hineinversetzen. Seine Angst vor dem Älterwerden, davor, nicht mehr gebraucht zu werden und den eigenen Platz zu verlieren, wirkt erschreckend authentisch. Auch deshalb fühlte sich der Roman für mich sehr nahbar an.
Überhaupt sind die Figuren wunderbar gezeichnet – lebensecht, vielschichtig und glaubwürdig. Besonders Anton hat mich oft an meinen eigenen Vater erinnert, der sich damals ebenfalls nur schwer mit dem Renteneintritt abfinden konnte und eigentlich gar nicht aufhören wollte zu arbeiten.

Ewald Arenz schreibt mit einer großen Leichtigkeit und gleichzeitig ungemein poetisch. Auf gerade einmal 240 Seiten erzählt er eine Geschichte voller Emotionen, Sehnsucht und leiser Zwischentöne. Besonders das Ende hat mich tief bewegt und den Roman für mich zu einem echten Herzensbuch gemacht.

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