Profilbild von hasirasi2

hasirasi2

Lesejury Star
offline

hasirasi2 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit hasirasi2 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.01.2021

Schnieke Deern

Als das Leben wieder schön wurde
0

„Hüte dich vor der Ollen! Und vor der Lütten, die ist nicht viel besser, der Apfel fällt eben ... Na, ich will euer Verhältnis nicht belasten, bevor es sich entwickelt hat. Die Butti wacht über ihren Liebling ...

„Hüte dich vor der Ollen! Und vor der Lütten, die ist nicht viel besser, der Apfel fällt eben ... Na, ich will euer Verhältnis nicht belasten, bevor es sich entwickelt hat. Die Butti wacht über ihren Liebling wie ein Drache über sein Gold. Ich … rate auch dir, dich an den einzig feinen Menschen der Familie zu halten. An Mickey.“ (S. 13 / 14) – so wird Greta bei ihrem Neustart in Hamburg vor der Familie ihres Vaters Harald gewarnt. Sie war 1939 mit ihrer Oma Annie in deren Heimat Schweden zurückgegangen. Ihre Mutter Linn wollte nachkommen, hat das aber nie getan. 1941 kam die Nachricht, dass sie verschwunden ist. Nach Annies Tod will Greta bei ihrem Vater leben, an den sie sich kaum erinnern kann. Doch der ist ein gebrochener Mann und seine neue Frau Trude macht keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen Greta. In der Familie herrscht eisiges Schweigen. Ihre Halbschwester Ellen sieht trotz ihrer 14 Jahre auf Greta herab. Nur ihr Halbbruder Mickey nimmt sich ihrer an. Über ihn lernt sie Marieke kennen, die aus Ostpreußen fliehen musste und jetzt in einer der Nissenhütten lebt. Sie verdient ihren Lebensunterhalt, indem sie anderen Frauen die Haare schneidet. Geld gibt es dafür kaum, aber Lebensmittel oder Dinge, die man tauschen kann. Greta ist Kosmetikerin, aber in Hamburg will sie niemand einstellen. Als sie wieder einmal bei Marieke ist und eine von deren Kundinnen zugibt „Ich weiß … nicht mehr, wie das geht, sich wohlzufühlen.“ (S. 95) behandelt Greta sie einfach und der Traum vom eigenen Schönheitssalon wird geboren. „Ein Salon, in dem die Frauen für sich waren und dessen Tür doch offen blieb, niemandem verschlossen. Hatte sie nicht immer von so einem Ort geträumt?“ (S. 105) Da sie etwas Startkapital brauchen, nehmen sie Trixie dazu. Die kommt aus gutem Haus, wollte Modedesign studieren, als der Krieg kam, und hat ein untrügliches Gespür dafür, was ihren Kundinnen steht.

„Als das Leben wieder schön wurde“ lässt mich sehr zwiegespalten zurück, weil ich etwas völlig anderes erwartet hatte. Eine Geschichte voller Neubeginn, Träume und Hoffnungen, positiv und fröhlich, aber stattdessen ist sie sehr problembeladen. Träume haben die drei jungen Frauen zwar mehr als genug, aber vor allem hat jede ein Geheimnis oder etwas in ihrer Vergangenheit, dass sie am liebsten vergessen würde oder verdrängt hat. Zudem kommt die „Schnieke Dirn“, der Schönheitssalon der Freundinnen, für meine Begriffe etwas zu kurz, hauptsächlich dreht es sich um Gretas Suche nach ihrer Mutter.
Greta kommt nur schwer über den Verlust ihrer Großmutter und den Abschied von Schweden hinweg. Sie ist nach Hamburg gekommen, um ihre Mutter oder wenigstens einen Hinweis über ihren Verbleib herauszufinden, außerdem hatte sie insgeheim gehofft, dass ihr Vater sie mit offenen Armen empfängt. Doch der lässt niemanden an sich ran und will auch nicht über Linn reden. „Ihr Vater wirkte wie jemand, der sich lieber freiwillig in einer Höhle verkriechen würde, als sich dem Familienleben zu widmen. Oder überhaupt anderen menschlichen Wesen, für die er wenig übrig zu haben schien.“ (S. 127) Das „Familienleben“ hat mir regelmäßig eisige Schauer über den Rücken gejagt. Während sich Trude und Gretas Halbschwester damit anscheinend abgefunden haben, begehrt Mickey regelmäßig dagegen auf. Er ist – wie Greta – ein lebensfroher Freigeist und träumt von einer Kariere als Jazzmusiker.
Über viele Umwege und einige Zufälle erfährt Greta, was mit Linn geschehen ist – das lässt ihr (und auch dem Leser) das Blut in den Adern gefrieren. Aber auch Marieke und Trixie haben ihre Traumata, die sie im Laufe der Handlung überwinden bzw. sich damit anfreunden.

Die drei Freundinnen und die Interaktion zwischen ihnen werden sehr glaubhaft und lebendig beschrieben. Sie sind sich nicht immer grün, müssen sich erst zusammenraufen und immer wieder Probleme bewältigen.

Kerstin Sgonina zeichnet ein sehr lebendiges Bild der damaligen Zeit. Die Parolen und Ansichten der Nazis sind z.T. noch fest in den Köpfen verankert (eine erschreckende Vorstellung), es herrscht auch 9 Jahre nach Kriegsende noch Wohnungsnot und Hunger. Die Menschen trauen ihrem Gegenüber nicht mehr oder noch nicht wieder. Greta läuft gegen eine Wand des Schweigens, wenn sie nach ihrer Mutter fragt. Das macht die damalige Zeit sehr lebendig, allerdings hatte die Handlung für mich einige Längen und Wiederholungen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.01.2021

Das Erbe der Schattenwelt

Die Rache des Lombarden
0

Obwohl Aleydis de Bruiker inzwischen länger Witwe ist, als sie mit Nicolai Golatti verheiratet war, kehrt in ihrem Leben einfach keine Ruhe ein. Sie hatte erst nach seinem Tod erfahren, dass er sich ein ...

Obwohl Aleydis de Bruiker inzwischen länger Witwe ist, als sie mit Nicolai Golatti verheiratet war, kehrt in ihrem Leben einfach keine Ruhe ein. Sie hatte erst nach seinem Tod erfahren, dass er sich ein riesiges Schattenreich aufgebaut und durch unlautere Geschäfte unzählige Menschen in seiner Hand hatte. Seitdem versucht sie, seine Machenschaften zu entwirren und die Verbindungen zu zerschlagen. Doch noch immer kommen Nicolais Gläubiger zu ihr und versuchen z.T., sie übers Ohr zu hauen. Außerdem steht sie einem großen Hauswesen vor, zu dem auch ihre Mündel (Nicolais Enkelinnen und der Sohn ihres ebenfalls verstorbenen Schwagers) gehören. Ihr wird immer klarer, dass sie nicht ewig ohne Ehemann bleiben kann und will – aber wen soll sie nehmen? Alle bisherigen Anwärter scheinen es nur auf ihr Geld abgesehen zu haben oder wollen Nicolais schmutziges Geschäft übernehmen. „Überleg es dir gut. Als Witwe hast du so viel mehr Freiheiten. Beug dich nicht einem Eheherrn, der nach Gutdünkel über dich und dein Wohl und Wehe verfügen kann.“ (S. 111) Nur der Gewaltrichter Vinzenz van Cleve, dessen Vater ihn ihr schon mehrfach schmackhaft machen wollte, scheint keinerlei Interesse an Nicolais Reichtum oder Nachfolge zu haben – und leider auch nicht an ihr. Dabei hat er ihr schon mehrfach in brenzligen Situationen zur Seite gestanden und ist auch diesmal sofort zur Stelle, als Aleydis Mündel entführt werden. „… Ihr habt die unselige Angewohnheit, Euch in Dinge zu verstricken, die Euch gefährlich werden könnten, und ich will nicht schon wieder in Eurem Auftrag auf Mörderjagd gehen müssen.“ (S. 64)

„Die Rache des Lombarden“ ist bereits der dritte und leider auch letzte Band der Reihe rund um die schöne junge Kölner Witwe. Obwohl die Bücher in sich abgeschlossen sind, würde ich empfehlen, mit dem ersten zu beginnen. Dann versteht man die Zusammenhänge besser und was die einzelnen Personen antreibt. Außerdem ist die Reihe einfach toll.

Aleydis muss sich diesmal nicht nur mit ihren widerstrebenden Gefühlen zum Thema Heirat im Allgemeinen und Vinzenz van Cleve im Besonderen auseinandersetzen, sondern auch mit den Entführern ihrer Mündel und einer aufgeregten Köllner Bürgerschaft. Irgendjemand scheint nämlich ein Auge auf Aleydis Sicherheit zu haben und sie zu rächen, wann immer ihr etwas angetan wird. Bald pflastern die Leichen ihrer Widersacher die Straßen der Stadt und sie wird bezichtigt, Nicolais Schattenwelt übernommen zu haben. Sie muss also schnellstmöglich ihre Unschuld beweisen und herausbekommen, wer warum dahintersteckt.

Aleydis ist eine sehr starke und intelligente Frau, die sich trotz ihrer jungen Jahre und ihres zarten Äußeren in der harten Männerwelt durchzusetzen weiß und selbst den bärbeißigen Gewaltrichter mit Worten in die Knie zwingt. Ich habe mich wieder köstlich über ihre Wortgefechte amüsiert und das Prickeln zwischen ihnen genossen. Meine persönlichen Highlights des Buches sind übrigens zwei Heiratsanträge, einer ist herrlich schräg und undiplomatisch und der andere sehr ungewöhnlich und einfallsreich – natürlich verrate ich hier nicht, welche Paare sich finden.

Petra Schier hat es wieder geschafft, das alte Köln und das Leben der damaligen Zeit lebendig werden zu lassen. Sie schreibt sehr spannend und kurzweilig, mit vielen unvorhersehbaren Verwicklungen und der genau richtigen Prise Humor und Gefühl. Da es der letzte Teil der Reihe ist, kommen noch mal alle Protagonisten zu Wort – ein wirklich sehr gelungener Abschluss, auch wenn die Reihe wegen mir ewig weitergehen könnte …

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.01.2021

Vom tristen Norwegen zur reichsten Familie Amerikas

Miss Marie
0

Norwegen 1916: Thea ist das älteste von 6 Kindern und hilft ihrem Vater in der Bäckerei, die sie später übernehmen will. Doch wegen des Krieges gibt es kaum noch Mehl und wenn nicht ein Wunder geschieht, ...

Norwegen 1916: Thea ist das älteste von 6 Kindern und hilft ihrem Vater in der Bäckerei, die sie später übernehmen will. Doch wegen des Krieges gibt es kaum noch Mehl und wenn nicht ein Wunder geschieht, werden sie ihr Geschäft verlieren. Da bietet ihr ihre Tante Augusta in Amerika eine Stelle an, mit freier Kost und Logis und einem viel besseren Verdienst als zu Hause. Thea ist hin- und hergerissen. Sie will nicht weg, aber die Arbeit ist die einzige Chance, um die Bäckerei zu retten.
Erst nach ihrer Ankunft erfährt Thea, dass sie für die Vanderbilts arbeiten wird, die reichste Familie Amerikas. „Nichts von dem, was sie hinter diesen Toren sah, erinnerte Thea an das Leben, das sie von zu Hause her kannte.“ (S. 119) Statt Bäckerin ist sie nur noch ein einfaches Küchenmädchen, muss Hilfsarbeiten machen und aufpassen, dass sie dabei nicht auch noch von den männlichen Hausgästen oder Dienern vergewaltigt wird. Sie steht auf der untersten Stufe der Hierarchie des Haushalts, muss für ihre Arbeitgeber und deren Gäste unsichtbar sein, sich im Notfall hinter einem Vorhang verstecken oder mit dem Gesicht zur Wand drehen – sie ist ein Nichts! Außerdem bekommt sie ihren Lohn erst nach 6 Monaten ausgezahlt – wie soll sie da Geld nach Hause schicken? „Sie war … nicht hergekommen, um sich ein neues Leben aufzubauen, sondern in der Hoffnung, die Reste von dem retten zu können, was ihr Zuhause war.“ (S. 134)
Ein Lichtblick könnten ihre beiden Tanten sein. Augusta ist ihre unmittelbare Vorgesetzte und deren Schwester Hulda lebt frisch verheiratet in der Nähe, doch beide umgibt ein dunkles Geheimnis, über welches sie beharrlich schweigen.

„Miss Marie“ von Ellen Vahr ist ein sehr aufwühlendes und anklagendes Buch, das die gesellschaftliche Stellung der Dienstmädchen in Amerika um 1900 beleuchtet. Während Frauen in Norwegen längst gleichberechtigt sind und das Wahlrecht haben, ist Amerika noch sehr rückständig. Die Dienstmädchen arbeiten von früh bis spät, haben kaum frei und werden beim kleinsten Vergehen fristlos ohne Lohn entlassen.

Thea ist von diesen Zuständen schockiert. „Diese beiden Leben waren so weit voneinander entfernt, wie das überhaupt nur möglich war.“ (S. 130) Nicht nur, dass man sie bei der Einwanderung einfach in Marie umgetauft und ihr mit dem Namen auch ein Stück ihrer Herkunft und Vergangenheit genommen hat, es gibt unter den Dienstboten auch keinen Zusammenhalt. „Sie Frauen gelten als weniger wert als die Männer, daher kümmert sich niemand, niemand setzt sich für sie ein, nicht einmal die anderen Dienstmädchen. Die … sehen zu, wie ihre Freundinnen wie Dreck behandelt werden.“ (S. 222) Jede ist sich selbst die nächste und versucht so schnell wie möglich aufzusteigen oder zu heiraten. Da ist es kein Wunder, dass sich Thea bald für die Frauenrechtsbewegung interessiert, zumal sich auch Consuelo Vanderbilt den Suffragetten angeschlossen hatte.

Schonungslos offen und ehrlich beschreibt Ellen Vahr Theas Leben, die Hoffnungslosigkeit und Tristesse, die Grabenkämpfe innerhalt des Personals inkl. geheuchelter Freundschaften und Verrat, nichts wird beschönigt oder romantisiert. In Norwegen hat Thea selbständig gearbeitet, im Haushalt der Vanderbilts muss sie sich anpassen und unterordnen. Sie will nur durchhalten, bis sie endlich wieder nach Haus kann und ihr wird erst spät bewusst, welche Freiheiten ihr Amerika bieten kann – wenn sie sich die einfach nimmt. Diese Entwicklung war sehr spannend zu verfolgen.

Genauso aufwühlend wie Theas Geschichte ist auch das Geheimnis ihrer Tanten, allerdings wurde es mir im letzten Drittel des Buches dann etwas zu übertrieben verwirrend und dramatisch.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.01.2021

Glamourös, spannend und interessant

Die Jägerin
0

Sydney 1946: Billie Walker hat als Kriegsreporterin gearbeitet und danach die Agentur für Privatermittlungen ihres verstorbenen Vaters übernommen. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht, prestigeträchtige ...

Sydney 1946: Billie Walker hat als Kriegsreporterin gearbeitet und danach die Agentur für Privatermittlungen ihres verstorbenen Vaters übernommen. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht, prestigeträchtige Kunden bleiben aus, meist ermittelt sie gegen untreue Ehepartner. Doch der Auftrag, den sie von der gutsituierte und extrem aufgewühlten Mrs. Brown bekommt, ist anders. Deren Sohn Adin ist vor 2 Tagen verschwunden, angeblich hat sie keinerlei Hinweise auf seinen Verbleib. Doch Billie hat das Gefühl, dass sie ihr etwas verheimlicht. Bald kommt sie dahinter, dass die Browns jüdische Einwandere aus Deutschland sind und schwere Zeiten hinter sich haben. Von Adins Freunden erfährt sie außerdem, dass dieser vor seinem Verschwinden versucht hat, in einen sehr exklusiven Club zu kommen und abgewiesen wurde. Was wollte der Jugendliche dort? War er in eine der Angestellten verliebt oder steckt etwas anderes dahinter?

„Die Jägerin“ von Tara Moss ist gleichzeitig glamourös, spannend und interessant.
Billie erinnert an Phryne aus „Miss Fishers mysteriöse Mordfälle“. Sie ist sehr sexy, intelligent und selbstbewusst. Ihre Mutter ist eine holländische Baronin die versucht, den früher luxuriösen Lebensstandard mit dem Verkauf ihrer teuren Möbel etc. zu halten. Billie legt großen Wert auf ihr Äußeres, trägt immer „Fighting Red“-Lippenstift und schneidert ihre Kleider nach Schnittmustern von Designern selbst – mit Erfolg, die Männer liegen ihr zu Füßen und sehen trotzdem nicht, welche Waffe sie wo hautnah an ihrem Körper versteckt. Ihr glamouröses Auftreten hilft ihr auch bei der Lösung des Falles, denn die Spur führt von dem Club zu einem vornehmen Auktionshaus, in dem u.a. ausgefallenen Schmuckstücke versteigert werden – und auch dort wurde Adin nicht eingelassen …
Gleichzeitig versucht Billie ihrer Informantin Shyla zu helfen. Sie und ihre Freundinnen sind Aborigines, wurden ihren Familien weggenommen und in christlichen Waisenhäusern zu billigen Arbeitskräften wie z.B. Hausangestellte oder Farmhelfer herangezogen. Jetzt haben 4 der Mädchen einen neuen Dienstherrn, der Shyla extrem unheimlich ist.
Billie wird bei den Ermittlungen von ihrem Assistenten Sam und Detective Inspector Hank Cooper von der Polizei unterstützt. Zwischen Billie und Hank scheint es zu knistern (auch das erinnert etwas an Phryne Fisher) und ich bin gespannt, ob sie noch weitere Fälle gemeinsam lösen werden.

Ich hatte schon früh eine Idee, wie die Auflösung des Falls aussehen könnte. Trotzdem gelingt es Tara Moss, die Spannung geschickt aufzubauen und einen filmreifen Showdown ans Ende zu setzen.

Da ich fast nichts über Australiens Geschichte der Neuzeit weiß, fand ich es sehr interessant, wie Informationen zur Wirtschaft, der Rolle der Frauen in der Gesellschaft und die Behandlung der Aborigines und Einwanderer in die Handlung eingebunden wurden und diese abrundeten.

Ich hoffe, dass „Die Jägerin“ der Auftakt einer Reihe ist und ich bald wieder von Billie lesen kann. Und vielleicht werden im nächsten Band ihr Lippenstift oder ihre Strumpfnähte etwas weniger häufig erwähnt .

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.01.2021

„Um acht beim Mond.“

Helenes Versprechen
0

… ist Helenes Versprechen, als sie ihren achtjährigen Sohn Moritz 1938 in einen Kinderzug nach England setzt. Sie plant so bald wie möglich nachzukommen, bis dahin werden sie beide jeden Abend um 8 Uhr ...

… ist Helenes Versprechen, als sie ihren achtjährigen Sohn Moritz 1938 in einen Kinderzug nach England setzt. Sie plant so bald wie möglich nachzukommen, bis dahin werden sie beide jeden Abend um 8 Uhr zum Mond schauen, um einander nah zu sein. Zu diesem Zeitpunkt ahnen sie noch nicht, dass bis zu ihrem Wiedersehen 9 Jahre vergehen werden. Als Helene 1947 endlich in New York vom Schiff steigt, erkennen sie sich nicht wieder. „Das soll seine Mutti sein? Eine ängstliche Frau, die nicht einmal das Haus verlässt, um sich New York anzuschauen, aber in sein Leben drängt und fordert, darüber zu bestimmen?“ (S. 202) Moritz, inzwischen ein junger Mann, ist bei Helenes Schwester Marlis aufgewachsen und hat seine Muttersprache verlernt. Helene ist eine gebrochene Frau. Sie kann das Grauen des Krieges nicht vergessen, findet sich in einem normalen Leben ohne Hunger und Angst nicht mehr zurecht. Außerdem kann sie nicht verstehen, dass Moritz und Marlis inzwischen vollkommen amerikanisiert sind, inkl. Vorstadtidylle, Tupperpartys, dem Hass auf Schwarze und der Abgrenzung von osteuropäischen Juden, die an ihren Muttersprachen und Traditionen festhalten. Zu ihnen gehört auch der polnische KZ-Überlebende Marek, den Helene auf der Überfahrt kennengelernt hat und der nicht nur ihr eine große Stütze ist. „An andere zu denken und nicht an mich, hat mir geholfen, nicht wahnsinnig zu werden. Und dabei, an Orten, an denen es keine Menschlichkeit gibt, trotzdem ein Mensch zu bleiben.“ (S. 24/25)

Ein Hinweis vorab, meiner Meinung nach ist der Klappentext vom Verlag nicht besonders günstig gewählt. Von ihm ausgehend hatte ich erwartet, dass es um Helenes Neuanfang in New York nach dem Krieg geht, wie sie die Geschehnisse verarbeitet und sich ihrem Sohn wieder annähert. Aber der Fokus liegt eindeutig auf ihrer Vergangenheit.
Aufgewachsen in den 1920er Jahren einer liberalen, zwar jüdischen, aber nicht gläubigen Familie, setzt sich ausgerechnet ihre Mutter dafür ein, dass Helene ihrem Vater nacheifern und Ärztin werden darf. „Helene kann heute alles werden, Ehefrau, Mutter und Ärztin.“ (S. 46) Ihre große Liebe Leon ist ebenfalls Jude und Journalisten. Doch seine Familie ist strenggläubig und hat Bedenken, dass Helene als Ärztin ihren Pflichten als Ehefrau und Mutter gerecht werden würde. Die Beziehung zerbricht. Leon, der schon früh ahnt, was die „Endlösung“ der Nazis für sie bedeuten wird, emigriert und Helene heiratet einen jungen (arischen) Arzt. Doch bald spitzt sich die Situation in Deutschland immer mehr und die Angst wächst – obwohl gerade am Anfang viele hoffen, dass Hitler nur ein böser Spuk und bald vorbei ist. Als sie nicht mehr praktizieren darf, wechselt sie in ein jüdisches Kinderheim und statt selbst zu fliehen rettet sie mit der Hilfe arischer Freundinnen einige Kinder vor der Deportation.

In bedrückenden und zum Teil gruseligen Bildern erzählt Beate Rösler die Geschichte einer selbstlosen jüdischen Ärztin, die ihre eigene Sicherheit und ihr Schicksal während des 2. Weltkrieges immer hintenanstellt, um für ihre Familie zu sorgen und jüdischen Kinder zur Flucht zu verhelfen. Sie beschreibt, wie Helene auch nach dem Ende des Krieges die Grausamkeiten nicht vergessen kann, wie sie von Halluzinationen und Albträume gequält wird und die Behandlung der Schwarzen sie erschreckend an ihre Zeit als „Mensch zweiter Klasse“ unter der Naziherrschaft erinnert. Zudem muss sie auch um die Liebe ihres Sohnes kämpfen, der nicht mehr damit gerechnet hatte, dass seine Mutter noch lebt, sich für sie schämt und sie vor seinen Freunden verleugnet.

Ich habe mit Helene gelitten, ihre Zerrissenheit und Ängste gespürt und sie und ihre Freundinnen für ihren Mut sehr bewundert. Mit ihrer Schwester hingegen bin ich nicht wirklich warm geworden. Sie wirkte auf mich sehr egoistisch. Obwohl sie die Irrfahrt der St. Louis miterlebt hat, kann sie sich nicht in Helene hineinversetzen und wirft ihr vor, dass sie sich dem neuen Leben nicht anpasst.

Ein weiteres wichtiges Buch #gegendasvergessen .

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere