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Veröffentlicht am 14.05.2019

Kunst und Krieg

Lisette und das Geheimnis der Maler
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1937: Lisette wuchs in einem Waisenhaus in Paris auf. Das einzige Bild dort war die „Jungfrau mit dem Kind“ in der Kapelle. Dessen Farben weckten ihr Interesse an der Kunst und die Ordensschwester Marie-Pierre ...

1937: Lisette wuchs in einem Waisenhaus in Paris auf. Das einzige Bild dort war die „Jungfrau mit dem Kind“ in der Kapelle. Dessen Farben weckten ihr Interesse an der Kunst und die Ordensschwester Marie-Pierre förderte dieses.
Inzwischen ist Lisette Anfang 20 und lebt mit dem Rahmenmacher André in seiner Heimatstädtchen Roussillon im Luberon. Sein Großvater Pascal besitzt 5 wertvolle Bilder von Picasso, Pissarro, Cézanne. Ihre Gemeinsamkeit ist der Ocker, der für alle Bilder verwendet wurde und aus den Ockersteinbrüchen um Roussillon stammt. Pascal hat die Maler selbst mit den Farben beliefert oder die Rahmen für ihre Gemälde gebaut. Mit seinem Tod vererbt er die Bilder Lisette und André. Als dieser sich bei Kriegsausbruch freiwillig zum Militärdienst meldet und kurz darauf fällt, sucht Lisette verzweifelt nach den Bildern. André hat sie vor seiner Abreise vor den Nazis versteckt. Doch auch die deutschen Besatzer suchen danach ...

Susan Vreeland baut, wie schon in ihren anderen Romanen, die Handlung um die (zum Teil fiktiven) Gemälde herum. Lisette und die Bewohner Roussillons, ihr (Über)Leben im 2. Weltkrieg bilden den Rahmen für die wertvollen Bilder, die tief in diesem Landstrich verwurzelt sind. Vor seinem Tod hat Pascal Lisette ihre jeweilige Geschichte erzählt, sie gelehrt, sie zu sehen und zu verstehen. „Er möchte nicht, dass das, was er erlebt hat, nach seinem Tod in Vergessenheit gerät. Es soll weiterleben, beweisen, dass sein Leben einen Sinn hatte und dass auch Roussillon von Bedeutung war und ist.“ (S. 100)
1941 lernt sie Bella und Marc Chagall kennen, die sich im Nachbarort verstecken. Auch sie schärfen Lisettes Augen und Verständnis für das, was ein Gemälde offen oder versteckt erzählt. Lisette träumt davon, nach dem Krieg in einer Galerie zu arbeiten, aber auch im Luberon fühlt sie sich inzwischen zuhause.
Geschickt hat die Autorin auch Samuel Beckett eingebunden, der seinen Aufenthalt in diesem Landstrich während des 2. WK später in „Warten auf Godot“ verarbeitet hat.

Susan Vreeland erzählt ihre Geschichte sehr ruhig, kommt ohne Effekthascherei und große Dramen aus. Man spürt ihre Liebe zur Kunst und zu diesem Landstrich in jeder Zeile. Das Buch weckt die Sehnsucht nach dem Luberon und einem Besuch der Galerien und Museen von Paris. Sie gibt einen spannenden historischen Einblick in das Schaffen der Künstler und die Wirkung ihrer Bilder auf den Betrachter.

Mein Tipp für Fans historischer Kunstromane.

Veröffentlicht am 10.05.2019

Der Hypochonder

Unheilbar glücklich
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„Lieber ein paar Tage als jahrelang sterben.“ (S. 38) sagt sich Konstantin, als er von seinem Hausarzt die Diagnose Leberkrebs im Endstadium bekommt. Dabei hatte er doch nur leichte anhaltende Schmerzen ...

„Lieber ein paar Tage als jahrelang sterben.“ (S. 38) sagt sich Konstantin, als er von seinem Hausarzt die Diagnose Leberkrebs im Endstadium bekommt. Dabei hatte er doch nur leichte anhaltende Schmerzen im rechten Oberbauch. Jahrelang hat er sich in alle möglichen Krankheitsszenarien reingesteigert und nun das. Total kopflos lässt er sein altes Leben hinter sich und fliegt nach Thailand, um Freya wiederzusehen, die neben ihm im Wartezimmer saß und dort Yoga-Unterricht erteilt. Er, der immer alles durchorganisiert und sich dreifach absichert, reist ohne Gepäck und Impfung. Schließlich hat er ja nichts mehr zu verlieren. Doch schon bei der Ankunft gibt es Probleme. Auf einem Markt schenkt im eine alte Frau einen Bergkristall, der nach Ansicht von Käthe, einer anderen Deutschen, verhext ist. Prompt fängt er sich einen Magen-Darm-Virus ein, Yoga erweist sich als „ ... Sadomaso in Sportklamotten.“ (S. 71) und Käthe entwickelt sich zur Stalkerin – sein Leben könnte wirklich beschaulicher enden. Und dann erinnert sich Freya nicht mal an ihn ...

Selten hatte ich soviel Mitleid und musste gleichzeitig so laut lachen über einen jammernden Mann. Konstantin ist aber auch wirklich eine arme Sau. Seine Freundin hat ihn nach 14 Jahren abserviert. Er horcht dauernd in sich rein und analysiert sich selbst, ist er der Guru in einem (für den Leser sehr amüsanten) Selbsthilfeforum und hat für jedes Zipperlein die passende Krankheit inkl. der Behandlungsmöglichkeiten und Statistik zur Überlebenschance parat. Konstantin hat eigentlich vor allem Angst, vorm Leben genau so wie vorm Sterben. „Als ich die Möglichkeit hatte zu leben, versteckte ich mich in Planung, Pflicht und Arbeit, und als ich krank wurde, flüchtete ich nach Thailand.“ (S. 88) Doch auch in Thailand kann er sich weder auf das tolle Land, noch auf die Leute einlassen, weil er in allem immer nur die Gefahr sieht.

Sehr humorvoll und gleichzeitig philosophisch schreibt Jonas Erzberg über Konstantins Sinnsuche. Neben Leben, Krankheit und Tod und wie wir damit umgehen, geht es auch um die Schnelllebigkeit unserer Zeit. Wir sind immer online, immer sichtbar, immer auf dem neuesten Stand und uns selber damit meist schon drei Schritte voraus. Wir verbleiben nicht mehr im Jetzt und hören kaum noch unserem Körper (oder Ärzten) zu, sondern suchen unsere Informationen im Netz und verlernen bzw. verpassen dabei unser Leben. „... hören sie endlich mit dem Leben in Schonhaltung auf!“ „Leben ist die beste Therapie!“ (S. 172)

„Unheilbar glücklich“ ist kein Liebesroman, obwohl natürlich auch ein kleines bisschen Liebe vorkommt, schließlich verguckt sich Konstantin in Freya, auch wenn es ihm schwer fällt, ihr das zu zeigen.
Für mich ist das Buch ein Aufruf, sein Leben mal wieder zu genießen und sich Zeit für sich zu nehmen – oder wenigstens für dieses Buch . „Und ich spürte den warmen Sand zwischen meinen Zehen, ich war Pilger, Entdecker, Abenteuerreisender, und ich wollte es genießen.“ (S. 74)

Hinter dem Pseudonym Jonas Erzberg steht übrigens der Journalist Hannes Finkbeiner, dessen Roman „Jogginghosen-Henry“ ich Euch ebenfalls sehr empfehlen kann.

Veröffentlicht am 04.05.2019

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust

Die Schwarzkünstlerin
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Wer kennt nicht dieses Faust-Zitat und was wäre, wenn es nicht ein, sondern zwei Menschen – ein Mann und eine Frau – gewesen wären, die Goethe als Vorbild für seinen „Faust“ gedient haben? Gut und Böse, ...

Wer kennt nicht dieses Faust-Zitat und was wäre, wenn es nicht ein, sondern zwei Menschen – ein Mann und eine Frau – gewesen wären, die Goethe als Vorbild für seinen „Faust“ gedient haben? Gut und Böse, Ying und Yang, Adam und Eva, Engel und Teufel – das eine kann ohne das andere nicht sein. Darauf baut Roman Rausch seinen Faust-Roman, seine „Schwarzkünstlerin“ auf.

„Eher gehe ich durch die Hölle, als mich ihrer Zucht noch länger zu unterwerfen.“ (S. 33)
Margarethe ist die Tochter eines einflussreichen Fürsten, die wegen ihrer Wissbegier und Unbeugsamkeit in ein Kloster abgeschoben wurde. Aber auch dessen Mauern können sie nicht halten. Auf ihrer Flucht begegnet sie dem Scharlatan Georg Helmstätter, der die Kleingläubigen mit seiner Scharade als Magister Sabellicus unterhält und abzockt. Er versucht Margarethe für seine Betrügereien zu gewinnen, aber sie widersteht und beginnt als Johann Faust ein Studium in Heidelberg. Doch als sie ihm später wieder über den Weg läuft, lockt er sie mit seinem geheimen Wissen über Magie und Alchemie. Sie zieht mit ihm durchs Land, fühlt sich endlich frei. Allerdings muss sie bald erfahren, dass sie als gelehrte Frau nichts gilt. Doch Sabellicus hat einen Plan – „Wie weit bist Du bereit, für Deine Träume zu gehen?“ (S. 141) – den sie letztendlich teuer bezahlen muss. Den Rest ihres Lebens wird sie von ihrem Hass auf Sabellicus getrieben, der Suche nach ihm, dem Durst nach Rache.

Roman Rausch hat ein sehr umfassendes Sittengemälde der damaligen Zeit geschaffen. Die Welt ist im Umbruch, die Bauernkriege verwüsten das Land, Luther spaltet die Gläubigen, der Buchdruck verbreitet sich (und damit Nachrichten, egal ob wahr oder falsch), Gewalt und Tod sind an der Tagesordnung. Aber es werden auch theologische und wissenschaftliche Streitgespräche geführt, man will der Welt auf den Grund gehen, will wissen „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Rauschs Margarethe ist keine verführte Unschuld sondern eine sehr kluge und wissbegierige Frau, die das will, was nur Männern zusteht – eine umfassende Bildung und die Welt erforschen, ihr Wissen anwenden und vielleicht sogar weitergeben, ohne dafür in einem Kloster gefangen zu sein. Leider geht sie dabei Georg Helmstätter auf den Leim und hilft ihm unbewusst, als Dr. Faust berühmt zu werden.

„Die Schwarzkünstlerin“ ist keine leichte Historische Unterhaltungsliteratur sondern anspruchsvoll und fordert seine Leser.

Veröffentlicht am 02.05.2019

Mehr politisches Statement als Krimi

Bronstein
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Wien 1936: Oberst David Bronstein soll zusammen mit seinem Mitarbeiter Cerny den Mord an Hans Binder aufklären, einem ehemaligen Vertrauensmann der Sozialdemokraten, welcher in seiner Wohnung erschossen ...

Wien 1936: Oberst David Bronstein soll zusammen mit seinem Mitarbeiter Cerny den Mord an Hans Binder aufklären, einem ehemaligen Vertrauensmann der Sozialdemokraten, welcher in seiner Wohnung erschossen wurde. Allerdings finden sich keinerlei Hinweise auf den Täter oder wenigstens ein Motiv. Die anderen Mieter im Haus meinen „Die G´schicht´ ist ja eh völlig klar. Den Hans, den haben die Faschisten g´macht.“ (S. 17)
So ist es auch nicht verwunderlich, dass Bronsteins Chef ihn nur 2 Tage später von dem Fall abzieht. Der tote Binder interessiere keinen, um den kann sich der Cerny kümmern. Er soll stattdessen in einem Sozi-Prozeß einen Zuschauer spielen und die anderen Zuschauer bespitzeln. Bronstein hat keine Lust, aber schon der erste Verhandlungstag macht ihm klar, dass dieser Prozess ein Politikum ist und seine Meinung über die herrschenden Verhältnisse nachhaltig beeinflusst.

„Bronstein – sein vergessener Fall“ ist bereits der 5. Fall dieser Reihe und obwohl ich die Vorgängerbände nicht kenne, hatte ich keine Probleme, die Figuren oder ihre Handlungen zu verstehen. Trotzdem konnte mich Andreas Pittler nicht ganz überzeugen.
Oberst Bronstein kein schneidiger Ermittler, sondern ein netter, älterer, gemütlicher Herr, der auf seine Pensionierung wartet und die Zeit gern im Kaffeehaus oder der Wirtschaft verbringt. „Wie sollte da er, alt und verbraucht, einen Mörder fangen, wenn überhaupt nichts mehr so war, wie es vordergründig den Anschein hatte?“ (S. 109) Im Umgang mit Frauen ist er etwas ungelenk aber charmant. Die Welt ist im Umbruch und Bronstein wird das alles zu viel. Der erste Weltkrieg war doch schlimm genug, warum haben die Menschen nichts daraus gelernt sondern bekriegen sich schon wieder?! Am liebsten würde er am Meer sitzen und in die Wellen starren. Genau so ermittelt er auch, ganz in Ruhe.

Mit fehlte hier eindeutig Spannung. Die Handlung tröpfelt nur so vor sich hin. Ungefähr die Hälfte des Buches beschäftigt sich mit dem Gerichtsprozess und der Nazifizierung Europas, statt mit dem Mord. Ich war regelrecht überrascht, als es dann auf den letzten 60 Seiten doch noch mal um den Fall ging und er auch endlich aufgeklärt wurde.
Der Autor erzählt sehr weitschweifig, kommt vom Hundertsten ins Tausendste und verwendet sehr viele österreichische Begriffe, die leider nicht alle erklärt werden. Das sorgt zwar für viel Wiener Schmäh, aber auch Verwirrung bzw. Verzögerung, weil man immer mal wieder Googeln muss, was denn nun gemeint ist.
Leider nur 3 von 5 Sternen.

Veröffentlicht am 29.04.2019

Einsame Lady aus Lanster

Eine irische Familiengeschichte
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... steht über der Anzeige, die Patricia nach dem Tod ihrer Mutter aufgibt. „Die letzten 14 Jahre hatte sie damit verbracht darauf zu warten, dass es ihrer Mutter besser gehen würde oder dass sie starb.“ ...

... steht über der Anzeige, die Patricia nach dem Tod ihrer Mutter aufgibt. „Die letzten 14 Jahre hatte sie damit verbracht darauf zu warten, dass es ihrer Mutter besser gehen würde oder dass sie starb.“ Inzwischen ist sie schon Mitte 30 und gilt als alte Jungfer. Jetzt soll ihr Leben endlich anfangen – mit einem Mann. Edwards Antwort auf ihre Annonce gefällt ihr am besten, also treffen sie sich.

Elisabeth ist geschieden und lebt mit ihrem Sohn in New York. Nach dem Tod ihrer Mutter Patricia fliegt sie nach Irland, um deren Haushalt aufzulösen und das Haus zu verkaufen. Dabei entdeckt sie eine Kiste mit einem alten Babyschuh und Briefen aus dem Jahr 1973. „Erinnerungen verschwinden nicht einfach, sie verstecken sich nur.“ Elisabeth erfährt aus ihnen, dass ihre Mutter mit Hilfe einer Annonce einen Mann gesucht hat. Da sie ihren Vater nie kennengelernt hat, ist sie neugierig – sind die Briefe vielleicht von ihm?

Graham Norton erzählt die Geschichte dieser irischen Familie abwechselnd auf zwei Zeitebenen, wobei die Übergänge oft fließend sind.
Patricia hat nie über Elisabeths Vater geredet, es hieß, er wäre vor ihrer Geburt gestorben. Die Briefe allerdings sprechen eine ganz andere Sprache. Aber weder ihre irische Verwandtschaft noch ehemaligen Freundinnen ihrer Mutter wissen etwas darüber oder wollen darüber reden: „Was glauben sie dort zu finden? ... Meiner Erfahrung nach gibt es immer deutlich weniger Antworten als Fragen.“
Edward kam nie über den Tod seines Bruders hinweg, obwohl dieser schon Jahrzehnte her ist. Er bewirtschaftet den Hof und das Land zusammen mit seiner Mutter – ein einsamer Mann, der endlich eine eigene Familie will.

Der Autor schildert das Kennenlernen von Edward und Patricia aus ihrer beider Sicht. Sie erleben das gleiche, empfinden es aber ganz anders. Eigentlich löst Edward keine Gefühle bei Elisabeth aus, aber er bemüht sich sehr um sie und sie liebt die Idee, verliebt zu sein und einen Mann zu haben. Davon kann sie nicht mal seine merkwürdige Mutter abhalten. Ist er Elisabeth’ Vater?

Das Hörbuch ist viel spannender und emotionaler, als es das Cover und der Klappentext vermuten lassen. Die unheimliche Atmosphäre auf Edwards Hof und während Elisabeth’ Suche werden sehr fesselnd beschrieben. Für mich geht es in der Geschichte um 3 Neuanfänge – Edward und Patricia suchen eine Zukunft, Elisabeth ihre Vergangenheit. Dabei entdeckt sie ein düsteres, erschreckendes Familiengeheimnis, eine sehr verstörende Mutter-Sohn-Beziehung.

Ich mag Charly Hübner als Sprecher sehr, es war auch nicht mein erstes Hörbuch mit ihm. Er bringt die düstere, fast schon depressive und verzweifelte Stimmung der Protagonisten sehr gut rüber.

Mein Fazit: Eine extrem spannende Familiengeschichte und ein psychologisches Meisterwerk mit einem gleichermaßen überraschenden wie schockierenden Ende.