Platzhalter für Profilbild

heinoko

Lesejury Star
offline

heinoko ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit heinoko über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.10.2017

So ein leises, so ein starkes Buch

Das Geräusch der Dinge, die beginnen
0

So ein leises Buch. So ein zartes Buch. So ein starkes Buch.
Ada, ein stilles, sensibles und naives Mädchen, wird von seiner Mutter im Alter von 3 Jahren verlassen und wächst bei der liebevollen Großmutter ...

So ein leises Buch. So ein zartes Buch. So ein starkes Buch.
Ada, ein stilles, sensibles und naives Mädchen, wird von seiner Mutter im Alter von 3 Jahren verlassen und wächst bei der liebevollen Großmutter auf. Die Großmutter bringt Ada bei, auf die kleinen Dinge zu achten, wie z. B. auf das Wachsen des Olivenbaums im Garten. Trotz der liebevollen Fürsorge verliert Ada niemals die Angst vor dem Verlassen-Werden. Als Ada 27 Jahre alt ist, wird die Großmutter schwer krank. Im Krankenhaus lernt Ada Matteo kennen, einen Handelsvertreter für Medizintechnik und liefert sich ihm völlig aus, ohne ihn wirklich zu kennen. Auch die Freundschaft zu der Krankenschwester Giulia bringt Ada der Wirklichkeit nicht näher.
Immer wenn ich das Buch aufschlug und zu lesen begann, geriet ich in eine andere Seinsform, weit weg vom lauten, fordernden Alltag. Es wurde in mir ganz still und ich fühlte mich ein in Ada, in diese stille junge Frau, die nichts anderes will als nicht verlassen zu werden, die sich dem Geschehen restlos hingibt, scheinbar ohne jeglichen eigenen Willen.
Restlos verzaubert bin ich von diesem Buch, von dieser Sprache, von Ada. Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, sich das Geschehen ganz real, sozusagen als Abbild der tatsächlichen, uns umgebenden Welt vorzustellen. Nirgends geht es so leise, so sensibel, so feinsinnig zu wie in der Welt in und rund um Ada. Die Zeitfolgen sind unwichtig, nur die Bezüge der Themen zueinander sind bedeutsam und was wir aus dem Buch mitnehmen können: manchmal in Stille genau hinschauen, ganz genau hinhören
Ich glaube, man muss mit diesem wundervollen Buch ganz zart und still umgehen.

Veröffentlicht am 31.10.2017

Ich bin verwirrt

Tod in Deauville
0

Ich bin verwirrt.
Habe ich wirklich einen Krimi gelesen?
In dem Badeort Deauville, in der Normandie gelegen, steht ein Filmfestival bevor, zu dem viele Stars der Filmbranche erwartet werden. Zum selben ...

Ich bin verwirrt.
Habe ich wirklich einen Krimi gelesen?
In dem Badeort Deauville, in der Normandie gelegen, steht ein Filmfestival bevor, zu dem viele Stars der Filmbranche erwartet werden. Zum selben Zeitpunkt ist eine Rechnungsprüfung angesagt beim Museum für moderne Kunst, ebenfalls in Deauville, und dafür werden entsandt Jean-Francois Lacroix, ein zwanghafter und weltfremder Beamter, und Eglantine de Tournevire, eine kapriziöse, reiche Schönheit. Kaum sind die beiden in Deauville angekommen, bricht bei einer Vernissage der Buchhalter des Museums aus unerklärlichen Gründen tot zusammen, eben der Mann, der den beiden Rechnungsprüfern kurz zuvor noch angedeutet hatte, dass er ihnen etwas sagen müsse. Die Ermittlungen führen mitten hinein in Machtspiele, Korruption und Eitelkeiten.
Das Buch ist in einer etwas behäbigen, vielleicht sogar altmodischen, aber dennoch schönen, sorgsamen, sauberen Sprache geschrieben. Das hat mich für das Buch eingenommen. Ein Personenverzeichnis zu Beginn wäre hilfreich gewesen, da uns zum einen die französischen Namen nicht sofort im Gedächtnis bleiben und zum anderen im Buch oftmals gewechselt wird zwischen Nennung des Vornamens allein oder des Nachnamens. Gut gefallen haben mir die vielen detailreichen Schilderungen, mitunter mit feinem Humor durchsetzt, die es dem Leser leicht machen, innere Bilder zu entwickeln. Manche Passagen sah ich geradezu filmhaft in meiner Phantasie ablaufen. Apropos Humor: Ich bin mir nicht sicher, ob James Holin nicht mit einer gewissen diebischen Freude und ganz bewusst immer so haarscharf an der Grenze eines möglichen realen Geschehens und einer Slapstick-Komödie herumwanderte. Zudem nahm er in so mancher Szene die Politiker, die Ämterwirtschaft, das Polizeiwesen und andere Absurditäten des öffentlichen Lebens auf die Schippe.
Das Buch hat mir Spaß gemacht zu lesen, auch wenn es insgesamt nur mäßig spannend war. Vielleicht war es ja gar kein Krimi und brauchte deshalb das Element des Spannungsbogens gar nicht. Vielleicht war es eine gesellschaftskritische Satire oder vielleicht ganz schlicht eine Komödie oder vielleicht eine Filmvorlage für – ja vielleicht doch für einen Krimi? Ich weiß es nicht und bin verwirrt. Ich weiß nur, dass das Buch zu lesen mir rundum Spaß gemacht hat.

Veröffentlicht am 28.10.2017

Atem anhalten

Atemlose Stille
0

In der Tat habe ich stellenweise den Atem angehalten. Zum einen aufgrund der Spannung, aber auch bei der Vorstellung des Apnoetauchens, insbesondere wenn dieses Tauchen als Form von Gewalt angewandt wird.

Die ...

In der Tat habe ich stellenweise den Atem angehalten. Zum einen aufgrund der Spannung, aber auch bei der Vorstellung des Apnoetauchens, insbesondere wenn dieses Tauchen als Form von Gewalt angewandt wird.

Die Mindener Kommissarin Marlene Borchert und Kommissar Benno Erdmann aus Bielefeld haben eine schwierige Beziehung zueinander, die zwischen Nähe und Distanz wechselt. Beide werden bis ans Äußerste gefordert, nachdem eine Leiche in der Weser treibend gefunden wird, besonders als sich herausstellt, dass der Tote zum Vorstand einer Bank gehörte, ein affärenreiches Leben geführt hatte und, besonders seltsam, in Salzwasser ertrunken ist. Hin und her durch Ostwestfalen-Lippe führt die Ermittlungsarbeit, und immer zwischendrin der Versuch Benno’s, Marlene wieder näher zu kommen. Aber auch Marlene’s Vorgeschichte wird aufgrund eines Zufalls aufgerollt und führt Marlene bis ans Äußerste ihrer psychischen Belastbarkeit. Bis Benno schließlich in eine absolut ausweglose Situation und in allerhöchste Lebensgefahr gerät…

Das Buch kommt von Anfang an spannend in Schwung und lässt den Leser nicht mehr los bis zum fulminanten Ende, wobei das Ende gar kein Ende ist, sondern ehe die Brücke zum hoffentlich bald erscheinenden nächsten Band. Vielleicht tritt die dem Krimi zugrunde liegende Tat und deren Aufklärung manchmal zu sehr in den Hintergrund, wenn all die persönlichen Verstrickungen von Benno und Marlene sehr viel Raum einnehmen, aber letztlich zählt, dass man das Buch nicht weglegen kann, bevor man atemlos auf der letzten Seite angekommen ist! Absolut lesenswert!

Veröffentlicht am 28.10.2017

Ein Ort im Nirgendwo

Umkehrschuss
0

Landeskunde wird groß geschrieben bei Martina Kempff. Die Kehr, dieses winzige Pünktchen auf der Landkarte, das gleichermaßen in Deutschland wie auch in Belgien liegt und das es wirklich gibt, ist bei ...

Landeskunde wird groß geschrieben bei Martina Kempff. Die Kehr, dieses winzige Pünktchen auf der Landkarte, das gleichermaßen in Deutschland wie auch in Belgien liegt und das es wirklich gibt, ist bei allen Krimis dieser Autorin der Schauplatz allen Übels. Die Kehr ist eine Örtlichkeit, die unter 60 Bewohnern aufgeteilt ist zwischen NRW, Rheinland-Pfalz und Belgien und in der es je nach Landeszugehörigkeit so wunderliche Dinge gibt wie 3 unterschiedliche Abholzeiten von Mülltonnen oder 3 verschiedene Postboten.
Sonst gibt es nicht viel, aber immerhin eine Leiche, die passenderweise auf dem Friedhof liegt, mit einem Loch in der Brust. Niemand kennt den Toten, und so tut sich die deutsche Polizei sehr schwer, irgend einen Ansatzpunkt für die Ermittlungen zu finden. Gut, dass es da noch den belgischen Polizeiinspektor Marcel Langer gibt und seine Freundin Katja Klein, die das Restaurant „Einkehr“ in der Kehr führt. Beide können es nicht lassen und mischen kräftig mit bei der Suche nach dem Mörder. Allerlei schräge Typen schaffen weitere Verwirrung. Es wird auf Maulwürfe geschossen, ein fehlgeleiteter Enkel macht Probleme, bei Aldi gekaufte Kleidung gibt Rätsel auf, ansonsten wird gekocht, das Fernsehen dreht seltsame Szenen und Katja und Marcel sind immer mittendrin…
Martina Kempff schreibt im Präsens. Das macht das Lesen für mich ein wenig sperrig, auch empfinde ich die Sprache insgesamt mitunter etwas spröde. Außerdem hätte ich auf die relativ langen theoretischen Abhandlungen zur Örtlichkeit verzichten können. Aber diese kleinen Kritikpunkte fallen letztlich nicht ins Gewicht, denn es überwiegen die herrlich komischen Situationen, der schräge Wortwitz und der Spaß der Autorin am Erzählen, den man auf jeder Seite spürt. Am Anfang jedes Kapitels stehen sehr spezielle Rezepte. Dass stets die Mengenangaben fehlen, soll vielleicht die mäßig Kochbegabten davon abhalten, sich an Meerbarben auf exotischem Püree oder an Brennessel-Pfannkuchen zu versuchen. Wer weiß. Martina Kempff traue ich eine Menge zu, nicht nur das Schreiben komisch-verzwickter Krimis.



Veröffentlicht am 26.10.2017

Ein perfekter Thriller, unbedingt lesenswert

Nachtspiel: Thriller
0


Die Autorin war vor einiger Zeit eine Neuentdeckung für mich und sofort wurde ich glühender Fan ihrer Bücher. Beim Lesen der vorliegenden Neuerscheinung stelle ich fest, dass sich Catherine Shepherd von ...


Die Autorin war vor einiger Zeit eine Neuentdeckung für mich und sofort wurde ich glühender Fan ihrer Bücher. Beim Lesen der vorliegenden Neuerscheinung stelle ich fest, dass sich Catherine Shepherd von Buch zu Buch steigert.
Es handelt sich hier um den zweiten Band rund um die Rechtsmedizinerin Julia Schwarz, die nach wie vor unter dem Trauma der Ermordung ihres kleinen Bruders vor 11 Jahren leidet. Wieder dabei ist auch der ernsthafte Kommissar Florian Kessler, der einen besonderen Draht zu Julia hat. Beide tun sich jedoch schwer, ihre gegenseitige Zuneigung zu leben, beide verstecken sich hinter ihrer Arbeit. Julia leidet unter extremen Albträumen. Sie hört ihren toten Bruder weinen, sie sieht schemenhaft eine Gestalt im Zimmer – Folge fehlenden Schlafs? Eine Frauenleiche wird gefunden, vor ihrem Tod grausam gequält. Der ermittelte Täter nimmt sich das Leben, kurz darauf wird eine weitere Frauenleiche gefunden. Und diese Leiche bleibt nicht die letzte…
Als Leser lässt man alles stehen und liegen, jagt durch die Seiten und folgt atemlos der Geschichte, bis sie sich in völlig überraschender Weise auflöst. Denn Catherine Shepherd beherrscht das Thriller-Handwerk aus dem Effeff. Verschiedene Handlungsstränge, nicht durchschaubare Zusammenhänge, Irrwege in der Ermittlungsarbeit, Spuren, die keine sind, gemischt mit mitmenschlichen Beziehungen am Rande des Wahnsinns, und dies alles verpackt in einem nie abreißenden Spannungsbogen – mehr Thriller geht nicht. Für mich persönlich besonders faszinierend und sich dadurch positiv von der Masse der Spannungsliteratur heraushebend ist Catherine Shepherd’s Art und Weise, sich einfühlsam mit den Protagonisten zu befassen. Julias Befindlichkeiten, ihre traumatischen Erfahrungen und Erinnerungen, ihre Schlaflosigkeit, ihre Albträume nehmen einen ziemlich breiten Raum ein im Buch. Dass die Gerichtsmedizinerin so sehr im Mittelpunkt steht, war für mich erst einmal zuviel, hat aber zugegebenermaßen durch die realen Angriffe, die Erlebnisse, von denen man nie genau weiß, ob sie aufgrund mangelnden Schlafes Halluzinationen sind oder ob jemand ein äußerst fieses Spiel mit ihr treibt, die Spannung noch weiter hochgetrieben. Ein perfekter Thriller, unbedingt lesenswert!