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Veröffentlicht am 30.06.2023

Hägar Reloaded

Wikinger im Nebel 1
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Hägar war einer der Lieblingscartoons meiner Kindheit. Der offiziell „Schreckliche“, aber insgeheim eher schrecklich nette Wikinger, der zum Arbeiten (also Plündern) nach England musste, abends gern ein ...

Hägar war einer der Lieblingscartoons meiner Kindheit. Der offiziell „Schreckliche“, aber insgeheim eher schrecklich nette Wikinger, der zum Arbeiten (also Plündern) nach England musste, abends gern ein Kaltgetränk in der Stammkneipe zischte, sich vor der Hausarbeit drückte, Angst vor seiner Gattin hatte und sich dennoch immer mühte, sich um seine Kinder zu kümmern. Schon diese Comics hatten starke Frauenfiguren wie Hägars Frau Helga und die gemeinsame Tochter Honi, die selbst Kriegerin werden wollte. Warum die lange Einleitung, wenn es doch eigentlich um einen ganz anderen Comic geht? Nun, Wikinger im Nebel stößt ins gleiche (Füll-)Horn. Mit noch stärkeren, sarkastischeren und selbstbestimmteren Frauen und moderner Gesellschaftskritik in einer Welt, die im Wandel ist. Und das macht größtenteils durchaus Spaß.

Als die Wikinger zu Beginn des Comics – Band 1 einer neuen Reihe – zur nächsten Plünderung aufbrechen, sind ihre Frauen erleichtert. Keine Fürze beim Abendessen und endlich die Gelegenheit, die ungeliebten Mitbringsel der letzten Fahrten zu verbrennen. Außerdem laden sie Bruder Ulrich ein, der ihnen den christlichen Glauben nahebringen soll – das Ende der heidnischen Rituale droht also, während die Männer noch erfolglos mit Runen den Wetterbericht würfeln, das Weihwasser fürchten wie, nun ja, Wikingermänner das Badewasser, und dennoch damit hadern, beim Brandschatzen die Kirche abzufackeln.

Viele kleine Szenen machen richtig Spaß, wenn beispielsweise der Stau auf den Meeresstraßen in der Plündersaison an die Sommerferien-Reisewellen erinnert, oder sich die Möwen auf das letzte Mahl vor dem großen Kampf stürzen. Auch kleinere (Bild-)Zitate finden sich im Werk von Wilfred Lupano und Ohazar, darunter Herr der Ringe, Game of Thrones und Hokusais große Welle vor Kanagawa, die hier, nicht ganz so groß, den Helm des Häuptlingsohns wegspült. Okay, und den Sohn gleich mit, aber nur bis zum nächsten Comic-Strip.

Im Gegensatz zu vielen anderen Werken, besteht Wikinger im Nebel allerdings nicht aus einer losen Comic-Strip-Sammlung, sondern bietet eine in sich schlüssige, aufbauende Geschichte. So werden amüsante Szenen zu einem großen Ganzen verbunden, manche Running-Gags wie die Ente (kein Spoiler an dieser Stelle) ziehen sich gar durch die 64 Seiten. Während die Frauen sich zuhause durchaus vergnügen, muss die Wikingerbande allerhand durchstehen und ein Bündnis mit einem anderen, mehr als zwielichtigen Wikinger schmieden, bevor sie am Ende, ja, die Welt ist im Wandel und die Männer verstehen ihre Frauen, ihre klägliche Beute nicht nach Hause bringen, sondern verkaufen. Zumindest größtenteils.

Ob Wikinger im Nebel das Potenzial zum neuen Hägar hat? Nun, die Geschichte und der Humor haben durchaus ihren Reiz, es gibt viel zu entdecken, zu schmunzeln, zu erfahren. Was ein bisschen auf der Strecke bleibt, ist die Entwicklung der Figuren, die noch nicht den Charme von Hägar, Helga, Honi, Hamlet und wie sie alle hießen, besitzen. Aber: Es ist ja erst Band 1. Kann also gut sein, dass Wikinger Reidolf, seine Familie und seine Crew uns allen noch schwer ans Herz wachsen werden in den kommenden Jahren.

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Veröffentlicht am 09.06.2023

Tierische Zukunft

Von Ameise bis Wombat: Tierisch geniale Bautricks für unsere Zukunft
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Wie unsere Zukunft aussieht? Schwer zu sagen, die Welt ist schließlich mehr als nur ein bisschen im Wandel. Aber: Wir können durchaus manches von denen lernen, deren Lebensraum wir viel zu häufig verdrängen ...

Wie unsere Zukunft aussieht? Schwer zu sagen, die Welt ist schließlich mehr als nur ein bisschen im Wandel. Aber: Wir können durchaus manches von denen lernen, deren Lebensraum wir viel zu häufig verdrängen – den Tieren. Christiane Dorion und Yeji Yun zeigen in „Von Ameise bis Wombat“ genau die im Untertitel genannten tierisch genialen Bautricks für unsere Zukunft.

Von der Physis des Dornteufels über Biberdämme hin zu den starken Netzen von Darwins Riesenspinne sind hier verschiedene Aspekte des tierischen Lebens vertreten – Körperbau, Wohnungsbau, Arbeitsmaterialien. Und, das ist in Kinderbüchern ja auch häufig ein Renner, Häufchen. Oder besser gesagt: würfelförmiges Wombat-Kacka, das nicht einmal stinken soll. Sachen gibt’s.

Das spannende Buch ist wundervoll illustriert und schön gebunden und allein daher schon ein Hingucker wie Handschmeichler und sicher einer der Gründe, warum es immer wieder angeschleppt wird. Aber auch die Inhalte sind kindgerecht geschrieben und gesetzt, so dass es schon bei knapp Vierjährigen Spaß macht, Neues zu entdecken und regelmäßig erneut anzusehen. Der Favorit hier ist übrigens The Gherkin in London, die direkt im Second Screen geöffnet werden muss.

Kleiner Wermutstropfen: Manchmal fehlt doch ein bisschen die Tiefe. Ja, es ist ein Buch für die jüngeren Kinder ab 5 Jahren (geht aber auch schon vorher), trotzdem wäre für Kinder wie Eltern manchmal spannend zu erfahren gewesen, worin Besonderheiten liegen, was vielleicht schon umgesetzt wurde oder auch woran es bislang scheitert. Bei manchen Tieren ist das der Fall, z. B. beim Gießkannenschwamm und der genannten Gurke im Zentrum Londons, bei anderen, wie beim Dornteufel oder beim Wombat wäre mehr tatsächlich mehr gewesen.

Alles in allem aber ein spannendes Buch, das nicht nur einen tollen Einblick in die Welt der Tiere gibt, sondern auch zeigt, wie sich der Mensch auf die Zukunft vorbereitet, aber auch vorbereiten muss. Das abschließende Quiz zeigt dann auch noch einmal schön, ob man alles im Kopf behalten hat, oder das Buch noch einmal lesen sollte. Aber das ist hier eh keine Frage – dafür macht es viel zu viel Spaß.

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Veröffentlicht am 02.06.2023

Feuer auf Sparflamme

Idol in Flammen
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Akari ist Fan eines Pop-Idols. Nicht ungewöhnlich für Teenager. Als ihr Idol Masaki beschuldigt wird, einen anderen Fan geschlagen zu haben, scheint ihre heile Welt zu zerbrechen. Aber: Richtig dramatisch ...

Akari ist Fan eines Pop-Idols. Nicht ungewöhnlich für Teenager. Als ihr Idol Masaki beschuldigt wird, einen anderen Fan geschlagen zu haben, scheint ihre heile Welt zu zerbrechen. Aber: Richtig dramatisch wird Rin Usamis „Idol in Flammen“ nie. Gut für Akari, etwas schade vielleicht für die Leser:innen.


Eigentlich geht es gut los. Ein Skandal, der Schlag, macht die Runde. Und dieser erschüttert Akaris kleine Welt. Sofort tauscht sie Nachrichten mit ihrer Freundin Narumi aus, am nächsten Tag im Schulbus ist es auch sofort das erste Thema:

„Echt stark, dass du noch [zur Schule] gehst.“

„Erst habe ich >echt stark, dass du noch lebst< verstanden.“
„Das natürlich auch.“

Der Fan-Wahnsinn, der hier angerissen wird, ist jedoch nicht Teil des Romans. Akari vernachlässigt die Schule, ihren Nebenjob, den sie eh nur hat, um sich Merch von Masaki und seiner Band zu kaufen, und ihre Familie. Aber sie denkt nicht an Suizid, ihre Welt fällt nicht in Scherben und auch ihr Idol steht nicht in Flammen, maximal in einem Feuer auf Sparflamme, trotz Shitstorm in sozialen Medien.

Trotzdem ist „Idol in Flammen“ keine Enttäuschung, sondern ein phasenweise durchaus spannender Einblick in die japanische Pop-Industrie, die Fans jeden Yen aus dem Sparschwein ziehen möchte – und das bei Akari auch schafft. Die Stars von Masakis Band haben alle ihre persönliche Farbe, mit Lichtstäben kann auf Konzerten gezeigt werden, wer die Favoriten der Fans sind. Auch Akaris Zimmer strahlt in Masakis Blautönen. Regelmäßig wird das beliebteste Band-Mitglied gewählt, abstimmen darf nur, wer die neueste Platte kauft – Akari bestellt sie gleich dutzendfach, damit Masaki nach dem Skandal nicht Letzter wird. Immerhin: Geld für persönliche Treffen und Selfies für gemeinsame Selfies mit ihrem Idol gibt sie nicht aus, auch an einer Beziehung ist sie (scheinbar) nicht interessiert.

Und dann ist Usamis Debütroman auch noch etwas anderes: eine Art Aufstehhilfe. Ein kleines, kurzes, schnell gelesenes Buch, das zeigt, wie ein Drama das eigene Leben erschüttern kann, wie schwer es fällt, wieder auf die Füße zu kommen, dass es aber gelingen kann. Und das sollte zumindest jugendlichen Leser:innen Mut machen, wenn ihr Idol oder ihre eigene Welt in Flammen steht.

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Veröffentlicht am 04.05.2023

Innerer Schweinewolf

Wolf
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Kemi muss ins Zeltlager. Die Ferien sind lang, seine Mutter muss arbeiten, der Vater ist weg. Bocklevel? Im Minusbereich. Und dann ist da auch noch Jörg, der einfach „andersiger“ ist. Ein typisches Opfer. ...

Kemi muss ins Zeltlager. Die Ferien sind lang, seine Mutter muss arbeiten, der Vater ist weg. Bocklevel? Im Minusbereich. Und dann ist da auch noch Jörg, der einfach „andersiger“ ist. Ein typisches Opfer. Wird in der Schule gemobbt und natürlich auch im Feriencamp. Kemi findet das ziemlich mies – aber wird er sich trauen, Jörg zur Seite zu stehen?

Saša Stanišić ist ja mittlerweile fast schon ein alteingesessener Kinderbuchautor. Nach seiner bunt-verrückten Geschichtensammlung „Hey, hey, hey Taxi“ und der abgedrehten „Panda-Pand“ geht’s nun also in den Klassiker der deutschen Feriengestaltung – ins Zeltlager. Die Zielgruppe von „Wolf“ ist entsprechend älter, irgendwo so frühe Sekundarstufe, zwischen Spielerei, Zankerei und erster Gefühlsduselei. Eieiei. Aber auch: Eltern, die wissen wollen, was so auf ihre Kinder zukommt. Und Erzieher:innen, die lernen möchten, wie man besser kein Camp leitet. Denn wenn Kemi oder Benisha sie auf die zielscheibige Präsenz von Jörg aufmerksam machen, gibt’s nur Empfehlungen. Abstand halten. Konflikte alleine lösen. Sowas eben. Bloß nicht selbst einmischen, lieber irgendwo heimlich Melone futtern oder „Minigolf spielen“.

Am spannendsten ist aber Kemis Gefühlswelt. Wie er Jörg beschreibt, Episoden aus dem Schulleben aufzeigt, wie er sich die Gedanken von „man müsste mal“ zu „ich müsste mal“ wandeln, sich dem Bully Marko und den Dreschkes entgegenzustellen nämlich, wie er aber auch immer mit einem inneren Schweinewolf zu kämpfen hat, der ihn in seinen Träumen heimsucht. Den typischen Ängsten, über seinen Schatten zu springen, Courage zu zeigen.

Stanišić ist selbst Vater und das tut „Wolf“ richtig gut. Denn dieser Kinder- oder Frühe-Jugend-Roman ist kein Buch von oben herab, sondern auf Augenhöhe erzählt. Kein Ratgeber, mehr ein Erfahrungsbericht, in dem viele doof sind, Kinder wie Erwachsene, und in dem in den vermeintlichen Außenseitern die größten Held:innen stecken. Fast augenzwinkernd wird auch der typische Alltagsrassismus angeschnitten – Pinneberg-Türkei-Albanien, Leser:innen wissen mehr – was sich Stanišić als gebürtiger Bosnier auch gut rausnehmen und aus einem vermutlich unangenehmen Schatz eigener Erfahrungen zehren kann.

Am Ende ist das Ferienlager irgendwie fast zu schnell vorbei – vielleicht nicht für Kemi – aber zumindest für mich als Leser, ein kleiner Wermutstropfen eines großartigen Romans, der in ein paar Jahren hoffentlich auch die jüngere familiäre Zielgruppe begeistern wird. Und wer weiß, wie viele Romane Saša Stanišić bis dahin noch veröffentlicht hat. Für Groß, für Klein oder, wie hier, für alle.

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Veröffentlicht am 04.05.2023

(Vielleicht zu) Wholesome

Die Tage in der Buchhandlung Morisaki
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„Das Leben ist lang. Zwischendurch muss man auch mal innehalten, Pause machen. Du ankerst hier nur ein Weilchen, und wenn du dich wieder erholt hast, stichst du wieder in See.“

Eigentlich sind in „Die ...

„Das Leben ist lang. Zwischendurch muss man auch mal innehalten, Pause machen. Du ankerst hier nur ein Weilchen, und wenn du dich wieder erholt hast, stichst du wieder in See.“

Eigentlich sind in „Die Tage in der Buchhandlung Morisaki“ gleich zwei Geschichten versteckt. Die erste handelt von Takako, deren Leben aus den Fugen gerät, als ihr Freund sich verlobt – aber nicht mit ihr. Sie kündigt, zieht sich zurück, bis ihr Onkel anbietet, über seinem Antiquariat zu wohnen. Der Buchhandlung Morisaki. Die zweite Novelle schließt anderthalb Jahre später an, lässt sich aber wenig beschreiben, ohne zu spoilern.

Satoshi Yagisawas Erzählungen sind, in einem Wort beschrieben, wholesome. Die Figuren erleben traurige Momente und schaffen es, mit der Hilfe anderer und etwas Zeit für sich, ihr Leben in eine positive Bahn zu lenken. Beide Novellen lassen sich in einem Rutsch durchlesen, die perfekte Lektüre also für eine längere Bahnfahrt, einen Abend auf dem Balkon oder eingemümmelt mit Tee unter einer Sofadecke. Aber!

Mir persönlich war das manchmal etwas zu flach. Zu gut, zu nett, zu schön, zu lieb, zu, ja, wholesome. Nicht, dass ich Feel-Good-Storys nicht mag, aber dennoch verschenkt der Autor hier das Potenzial, das er gelegentlich aufblitzen lässt, wenn er die Protagonistin durch Klassiker der japanischen Frühmoderne blättern lässt. Vielleicht sind hier ein paar Anspielungen versteckt, die europäische Leser:innen nicht ganz greifen können, wenn sie diese Romane kennen. Aber hier hätte ich, besonders im ersten Teil, gerne mehr erfahren, mehr gelesen, denn asiatische Romane schaffen es häufig, unbekannte Welten zu öffnen, neues aus fremden Kulturen zu lernen.

Gelegentlich klappt dies sehr gut, wenn zum Beispiel Takaros Onkel das Viertel Jimbōchō ganz liebevoll beschreibt und sie sich irgendwann doch entschließt, aus ihrem Zimmer heraus die Welt neu zu entdecken, ins Café zu gehen und andere Antiquariate zu durchstöbern. Wenn es im zweiten Teil des Buches hinaus geht aus der Stadt, in die Berge, in einen Schrein. Doch leider sind diese Momente ein bisschen zu rar gesät, genau wie der Tiefgang der Geschichten. Ja, da sind Dramen in beiden Teilen, doch durch die Erzählweise sind diese nicht so emotional, wie sie sein könnten, vielleicht auch müssten.

Das macht „Die Tage in der Buchhandlung Morisaki“ zu keinem schlechten Buch, im Gegenteil. Aber auch zu einem Doppelroman, der mehr hätte sein können. Aber vermutlich muss das auch nicht immer sein. Schließlich fühlt man sich nach der Lektüre weniger betrogen oder um etwas gebracht, sondern eigentlich ausnahmslos … gut.

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