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Veröffentlicht am 13.10.2019

Ein, Aus, Ein, Aus. “Laufen” und der Weg zurück ins Leben.

Laufen
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Wie schafft man es am Besten einen Schicksalsschlag zu verkraften? Der Tod einer nahestehenden Person ist oft sehr überrumpelnd und niederschmetternd. Schlimmer wird’s dann noch, wenn der eigene Partner ...

Wie schafft man es am Besten einen Schicksalsschlag zu verkraften? Der Tod einer nahestehenden Person ist oft sehr überrumpelnd und niederschmetternd. Schlimmer wird’s dann noch, wenn der eigene Partner Selbstmord begeht. Ein großes Loch tut sich auf, Vorwürfe machen sich breit und das ganze Leben ändert sich auf einen Schlag. So ergeht es auch Isabel Bogdans Protagonistin in ihrem Roman Laufen.



“Rike sagt, es wird jetzt besser, ein Jahr ist rum, ein Jahr lang habe ich alles zum ersten Mal ohne dich gemacht, mein erster Geburtstag ohne dich, kein Sommerurlaub, […] dein erster Geburtstag ohne dich, ich habe wieder alles falsch gemacht an deinem Geburtstag, aber wie soll man so etwas richtig machen,…”



Und wie soll man damit umgehen, dass man nun wieder allein ist? Laufen soll den Kopf frei machen, laufen soll helfen und gerade deshalb hat ihre beste Freundin sie auch hierzu animiert. Und nun läuft die Protagonistin regelmäßig um die Alster und lässt uns hier an ihren Gedankenkonstrukten teilhaben. Laufen ist ein sehr persönlicher Monolog, voller Gedanken, Probleme, Sorgen, aber eben auch Zuversicht. Zunächst ist sie noch ein sehr unruhiger Mensch, schafft kleine Strecken zu laufen und auch nach diesem einen Jahr hat sie den Verlust nach wie vor nicht verarbeitet. Alles fühlt sich so an, als wäre es erst gestern passiert, als das Leben eine brutale Wendung nahm . Ein, aus, ein, aus. Sie atmet, sie lebt, es geht weiter. Eher schleppend, doch mit jedem Mal besser. Alles wird selbstverständlicher. Und sie selbst Schritt für Schritt ruhiger, optimistischer. Laufen ist nicht ihr Hobby, Laufen schildert ihren Weg zurück ins Leben.



“… wenn ich jetzt öfter laufe, falls ich öfter laufe, falls ich das beibehalte, dann werde ich straff und schön und fit, wenigstens das, als wäre es nicht vollkommen egal, ob ich straff und schön und fit bin, als könnte ich nicht ebenso gut im Bett liegen bleiben […] und der Welt abhandenkommen, aber damit wäre niemandem geholfen, vor allem mir nicht.”



Es ist nun wirklich kein actionreicher Roman, es ist ein eher menschliches Buch. Isabel Bogdan schafft es dabei sehr einfühlsam das Leben und die Gedankenwelt ihrer Protagonistin, ohne Namen zu schildern. Der Leser erfährt alles über ihre aktuelle Gefühlslage, die Wirrungen mit den Eltern des verstorbenen Freundes, ihre Erinnerungen und doch auch sehr trüben Gedanken. Auch die Musik, das verbindende Element zwischen ihr und ihrem Freund, spielt aufgrund der Hinterlassenschaft eine recht wichtige Rolle bzw. es sind Andenken, jene Gegenstände, die ihren Freund auch noch nach dem Tod in ihrem Leben halten. Wut, Trauer, Liebe, Freude, Neugier und Angst wechseln sich ab und es entsteht eine recht bunte, manchmal eher fragmentartige Mischung an Impressionen, Erzählungen und Erinnerungen während des Laufens. Man könnte sagen, das Buch hat insgesamt eine lebensbejahende Einstellung, zumindest die trübseligeren Gedanken werden im Laufe der Geschichte weniger, der Verlust scheint überwunden und die anfänglich direkten Worte werden distanzierter. Und gerade diese Entwicklung in einem reinen Gedankenkonstrukt macht diesen Roman so besonders. Der Schreibstil ist vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber gerade dieser macht es dann auch aus. Es sind einzelne, intime und ungeschönte Gedanken, die dann doch etwas wild aneinandergereiht sind und vom Ein- und Ausatmen durchbrochen werden. Und gerade das macht jedes Fragment, jeden Gedanken, jedes Wort so nachfühlbar. Die Gedanken werden quasi vom gedruckten Wort zu den eigenen Gedanken und lassen ohne große Umschweife das Leben der Protagonistin nachfühlen. Empathie und Einfühlungsvermögen sind hier vielleicht die großen Stichworte.
Und so hat es mir dieses Buch trotz seiner Schwere und Trübseligkeit sehr viel Freude bereitet. Es ist ein Buch über den Prozess der Trauerbewältigung, aber es beinhaltet einfach so viel Menschlichkeit, Wärme und Hoffnung, dass man das Gefühl hat, man hätte in ihm eine beste Freundin, die man auf ihrem Weg begleitet.

Veröffentlicht am 13.10.2019

Beklemmend, düster, überrumpelnd - von der Geschichte in der Geschichte

Melmoth
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Das neuste Werk "Melmoth" von Sarah Perry ist ein sehr aufwühlender Roman. Dies hat allerdings weniger mit der Geschichte der Protagonistin selbst zutun, denn obwohl Helen Franklin in Prag auf ein seltsames ...

Das neuste Werk "Melmoth" von Sarah Perry ist ein sehr aufwühlender Roman. Dies hat allerdings weniger mit der Geschichte der Protagonistin selbst zutun, denn obwohl Helen Franklin in Prag auf ein seltsames Dokument stößt, in dem von einer mysteriösen, angsteinflößenden Frau die Rede ist, und sie sich seitdem verfolgt fühlt, sind es eher die eingeschobenen Manuskriptfragmente, Briefe und Erinnerungen, die hier mit einer großen Intensivität hervortreten. Aber eins nach dem anderen...

"Während der vergangenen zehn Tage konnte ich an nichts anderes denken als an meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld! Ich kann nicht mehr schlafen. Ich spüre ihren Blick und drehe mich um, erfüllt von Hoffnung und Furcht und bin doch immer allein."

Und gerade diese Angst bringt J.A. Hoffmann um den Verstand. Auch er fühlt sich von ihr verfolgt. Melmoth, die Frau die dazu verdammt ist, auf ewig über die Erde zu streifen und nach Bösem und Niederträchtigem Ausschau zu halten. "Sie erscheint den Menschen am Tiefpunkt ihres Lebens, und nur die Erwählten spüren ihren Blick. Sie heben den Kopf, und plötzlich steht die Zeugin vor ihnen. Angeblich streckt sie dann die Arme aus und sagt: Nimm meine Hand! Ich war so einsam!" Natürlich ist dies nur eine Legende, doch Hoffmann ist sich sicher, Melmoth schon einmal begegnet zu sein. Damals zur Zeit des zweiten Weltkrieges in einem tschechoslowakischen Dorf, am östlichen Ufer der Eger. Heute lebt er in Prag und hat seine Schuld, seine Geschichte und Begegnung mit der düsteren Frau als Manuskript verfasst und bereits mehrfach überarbeitet. Nach dem plötzlichen Tod Hoffmanns gelangt Helen Franklin über Umwege an eben dieses Dokument. Sie ist zweiundvierzig Jahre alt und lebt hier seit einigen Jahren im selbst auferlegten Exil, denn auch sie hat ihre eigene, dunkle Vergangenheit. Mit Hoffmanns Manuskript über seine Kindheit, geprägt von Neid, Missgunst und den auflehnenden Wirrungen des Krieges, öffnen sich zahlreiche, weitere Abgründe. Berichte, Briefe, Tagebucheinträge, die von Melmoths Existenz berichten und ihre eigenen Erlebnisse greifen um sich. Sie fühlt sich verfolgt und ist sich sicher, Melmoth wird auch sie holen, aber dann...

"Wer außer mir wird von deiner Bosheit erfahren? Wer außer mir hat gesehen, was in deinem Herzen ist? Was soll aus dir werden, [...] wenn dei anderen davon erfahren? Wenn sie es sehen?" "Dann bin ich also verdammt", sagte ich. "Verdammt? Oh ja, du bist verdammt! [...] Erkennst du denn nicht, welche Strafe dich erwartet?"

Sarah Perry nimmt uns dieses Mal also mit nach Prag, einem sehr geschichtsträchtigem Ort. Ihre Hauptprotagonistin kommt ursprünglich aus Essex und hat sich über einige Umwege hier eingefunden. Und da ist sie wieder: die Verbindung zu ihrem Buch "Die Schlange von Essex", einer Geschichte in der die Wissenschaft und die Kirche aufeinandertreffen und dem Unheil in Form einer Schlange, die im Moor ihr Unwesen treibt, auf Spurensuche geht. In ihrem neuen Werk ist es nun die Legende einer schwarz gekleideten Frau, die Verdammte, die Zeugin des Unheils. Und gerade nach den ersten Zeilen befindet man sich als Leser erneut in dieser sehr mystischen, poetischen Welt, mit der Perry bereits in ihrem vorherigen Roman begeistern konnte. Doch dann wird es nach und nach tatsächlich etwas viel. "Melmoth" ist eher geprägt von unterschiedlichen Geschichten und Erinnerungen und weniger durch die im Klappentext versprochene Handlung und Hinweissuche. Und dabei meine ich nicht nur 'Geschichten' sondern gefühlt sind es beinahe schon eigenständige Buchanfänge oder Kurzfassungen, die in dieser Kombination einfach zu viel abverlangen. Mir z.B. hätte bereits die Geschichte von Hoffmann, die etwa ein Drittel des Buchs ausmacht voll und ganz gereicht, aber es gibt eben auch noch Briefe und weitere Fragmente, die von der Existenz Melmoths zollen und dann ist da auch noch Helens Vergangenheit, die ein weiteres Feld in diesem eher bunten Sammelsurium öffnet. Insgesamt ist es daher ein eher wuchtig daherkommendes Werk, das auch den Leser sehr in Beschlag nimmt und fordert, ihm teilweise sogar zu viel abverlangt. Und auch wenn im Nachhinein gerade dies so faszinierend ist, so enttäuscht ist man dann von der eigentlichen, mangelnden gegenwärtigen Handlung. Für mich ist es eine Mischung aus einer Legende, einer Juden- und Kriegsgeschichte, leicht poetisch, leicht verwirrend. Teilweise hat es mich an zahlreiche andere Bücher erinnert, die Perry vielleicht als Inspiration genutzt hat und dann musste ich tatsächlich sehr häufig an "Der Vogelgott" von Susanne Röckel denken, in dem es auch um eine ominös, angsteinflößende Gestalt in Form eines Vogels ging - mehr verwirrend, beklemmend, aufwühlend, als verständlich und nachvollziehbar. Dohlen kündigen in Perrys Roman das Unheil an, es könnte genauso gut eine Anlehnung an Hitchcocks "Die Vögel" sein und doch ist es in dieser Form sehr speziell und eigenartig.
Direkt nach der Lektüre war ich ausgelaugt und konnte dem Roman gar nicht so viel abgewinnen, doch mit der Zeit finde ich ihn mehr und mehr faszinierend. Es ist die Geschichte in der Geschichte, neben der Geschichte und doch ist alles eben jene Geschichte, die den Leser in Beschlag nimmt, stellenweise vielleicht enttäuscht, fraglich zurücklässt und dennoch sehr fordert. An einigen Stellen wendet sich das Buch direkt an den Leser und an anderen ist es einfach nur eine weitere Erzählung, die eben mehr überfordert, als tatsächlich nützlich ist. Von daher ist es von mir eine vorsichtige Empfehlung und doch hätte ich hier deutlich mehr erwartet.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Geschichte
  • Figuren
Veröffentlicht am 27.09.2019

Ein Komplott mit Folgen

Commissaire Le Floch und der Brunnen der Toten
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Mit "Commissaire Le Floch & der Brunnen der Toten" von Jean-Francois Parot erschien der zweite Band der historischen Paris-Krimis. Wir treffen Commissaire Nicolas le Floch bei seinem zweiten großen Fall, ...

Mit "Commissaire Le Floch & der Brunnen der Toten" von Jean-Francois Parot erschien der zweite Band der historischen Paris-Krimis. Wir treffen Commissaire Nicolas le Floch bei seinem zweiten großen Fall, der zunächst, so scheint es, mit einem Selbstmord hinter verschlossener Tür beginnt. Allerdings wirft die Leiche einige Fragen auf, dessen Antworten es herauszufinden gilt und Le Floch erneut über Lug und Trug in eine mehr als verzwickte Lage führen. Mit Le Floch gelingt ein Blick in die verschiedenen Gegenden und Ränge zur Zeit des Königs Ludwig XV. Dieses Mal führt der Fall uns ins Theater, die Klöster und den Hof von Versailles, allerdings so ganz ohne verbotene Glücksspiele und einem Besuch in dem berüchtigten Edelbordell geht es auch dieses Mal nicht. Ich könnte nun auch weiter auf den Inhalt eingehen, aber gerade das Spiel der verworrenen Tatorte und Tatmotive macht diesen Roman so spannend, dass ich an dieser Stelle darauf verzichten möchte.

"Ja, Monsieur, es gibt mehrere Komplotte. Ein privates Komplott, das ich als Rache gegen den Comte de Ruissec bezeichnen würde. Ein geheimes Komplott, das ich als politische Verschwörung gegen das Leben des Königs bezeichnen würde, und schließlich ein Komplott von Interessen oder vielmehr der eigennützige Aktion einer Dame, die um ihre Position zu behalten und zu schützen, Sie wissen schon wen, charakterschwache Personen manipuliert."

Für mich ist dieser Teil eine gelungene Fortsetzung des ersten Bands und wie bereits bei "Le Floch & das Geheimnis der Weißmäntel" beschreibt Parot ein sehr detailreich, faszinierendes Bild von Paris und das Leben auf Hofe zur damaligen Zeit. Ich würde ihn nicht als einen brutalen, zum Mitfiebern anregenden Krimi nennen, dafür liegt der Fokus viel mehr auf dem Geschehen der damaligen Zeit, den Komplotten und Machenschaften zwischen Untergrund und Königshof. Ich habe mich sehr auf diese Fortsetzung gefreut und mindestens genauso vorfreudig warte ich schon jetzt auf den im Herbst erscheinenden dritten Teil.

"Und dann schien es ihm, dass an jenem Abend in der Oper alles in Gang gesetzt worden war wie eine ungeheure Maschinerie, die erst wieder anhielt, als das Schicksal befriedigt und mit Trümmern und Toten gesättigt war."

Veröffentlicht am 27.09.2019

Die Hoffnung ist ein gutes Frühstück, aber ein schlechtes Abendessen

Vielleicht wird morgen alles besser
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Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich damals das Buch "Im Meer schwimmen Krokodile" zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Es war mein erstes Buch von Fabio Geda und ich mochte es wirklich ...

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich damals das Buch "Im Meer schwimmen Krokodile" zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Es war mein erstes Buch von Fabio Geda und ich mochte es wirklich sehr gern. Umso mehr freute ich mich nun, auf seinen neuen Roman "Vielleicht wird morgen alles besser" gestoßen zu sein.

"Meine Oma starb auf dem Großmarkt, wo sie von einem Gabelstapler überfahren wurde: Ich habe sie sehr geliebt, weil sie mir das Zeichnen beigebracht hat, und obwohl ich sie erst im Sarg wiedersah, als ihr das halbe Gesicht fehlte, durfte ich ihr ein Pokémon in die Hand drücken: Squirtle. Und sonst?"

Ercoles Leben war noch nie einfach, von gut situiert, meilenweit entfernt. Seine Großeltern leben nicht mehr und auch seine Mutter hat sich eines Tages aus dem Staub gemacht. Sein Vater trinkt gerne mal einen zu viel und seine Schwester Asia schmeißt mehr oder weniger den gesamten Haushalt. Sie versuchen irgendwie den Schein einer funktionierenden Familie aufrecht zu erhalten, um nicht aufzufallen und dem Jugendamt zu entgehen. Doch eines Tages scheint alles ins Wanken zu geraten. Seine Schwester möchte ausziehen, sein Vater wird von der Polizei festgenommen und mit seiner neu gewonnenen Freundin verbockt er es. Das mühsam errichtete 'Kartenhaus' schein einzustürzen. Ercole flüchtet und macht sich anhand von Postkarten auf die Suche nach seiner Mutter, doch was er findet ist mehr, als er je erwarten konnte. Zwischen Flucht, Liebe und Unverständnis.

"Aus meiner Sicht erinnert das Leben oft an die Garderobe eines Clowns: Es hält die wildesten Farben parat - und Boxhandschuhe, die hervorschnellen, wenn man es am wenigsten erwartet. Manchmal grinse ich auch, wenn es sich eigentlich nicht gehört, und dann denken die Leute, ich würde sie auf den Arm nehmen."

Auch wenn die ursprüngliche Geschichte recht vielversprechend klang, war dieser Roman für mich kein Highlight. Neben Ercoles manchmal recht unverständlichen Reaktionen, die man vielleicht noch irgendwie aufgrund von Verlustängsten deuten könnte, machten Szenen wie die Fluchtfahrt mit dem Transporter einfach keinen Sinn. Auf einem kurzen Ausflug hatte er gerade erst das Fahren gelernt und kann bereits am Abend das Auto ganz leise von Hof stehlen und soll nun auch noch unbeschadet eine Verfolgungsjagd durch die Stadt überstehen? Vielleicht habe ich mich selbst als Fahrschüler auch nur dumm angestellt, ich konnte das jedenfalls nicht. Und so geht es dann auch weiter, im Wust der Zufälle und Möglichkeiten.
Ich hätte dieses Buch wirklich gerne gemocht, zumal ich Gedas Art zu schreiben sehr mag, aber hier fand ich dann weder die durch das Titelbild assozierte Geschichte, noch einen lange nachhallenden, im Gedächtnis bleibenden und realistischen Roman vor. Sehr schade!

Veröffentlicht am 27.09.2019

Auf Reisen mit einer ganz besonderen Familie

Mit anderen Augen
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"Mit anderen Augen - wie ich durch meine Tochter lernte, die Welt neu zu sehen" von Fabian Sixtus Körner eine Biografie oder besser gesagt ein Lebensausschnitt, der wesentlich von der Geburt seiner Tochter ...

"Mit anderen Augen - wie ich durch meine Tochter lernte, die Welt neu zu sehen" von Fabian Sixtus Körner eine Biografie oder besser gesagt ein Lebensausschnitt, der wesentlich von der Geburt seiner Tochter Yanti geprägt wurde. Sie ist nämlich nicht dieses "normale" Bilderbuchkind wie es unsere heutige Gesellschaft gerne hätte ...

"Downsyndrom ist, was es ist, und in den meisten Fällen nichts Schlechtes. Das eigentliche Problem sind wir, die das Privileg haben, ohne Auffälligkeiten und Behinderungen zur Welt zu kommen und durchs Leben zu gehen."

Schon alleine diese Erkenntnis macht für mich dieses Buch zu etwas ganz Besonderem. Man könnte meinen Fabian würde mit beinahe jeder Herausforderung klar kommen, er hat sich schließlich beruflich wie privat schon ganz anderen Dingen gestellt. Selbst als seine Frau schwanger war und sie in Berlin 'sesshaft' sein mussten, begab er sich auf die Suche nach etwas Aufregendem, sich selbst Herausforderndem, doch die eigentliche Herausforderung stand den beiden erst noch bevor.

Wie geht man damit um, wenn sich bei der Geburt herausstellt, dass sein Kind eine Behinderung hat und sich das ganze Leben plötzlich umkrempelt? Dieses Buch handelt von der anfänglichen Wut, Trauer, Enttäuschung bis hin zu der Erkenntnis: "Wir haben einen kleinen Menschen geschenkt bekommen, der uns so wahnsinnig glücklich macht, vielleicht glücklicher als jedes normale Kind." umrahmt vom unbeschwerten Leben und Surfen, über Krankenhausaufenthalte und dem neuen Alltag mit Yanti.

Es ist dieses Ineinandergleiten von Gefühlen, Gedanken, Erlebnissen und einfachen Berichten, die mich in diesem Fall sehr fasziniert haben. Es ist die gedankliche Entwicklung und das Meistern eines neuen, anfangs nicht einfachen 'Problems', welches sich zur schönsten Bereicherung des Lebens entwickelt. Die beiden zusätzlichen Bildstrecken zwischen den Kapiteln unterstützen die bildliche Greifbarkeit des Gelesenen und gerade damit baut Fabian eine starke Nähe zu den Lesern auf. Ein Tagebuch voller Gedanken und Erinnerungen quasi, das zusätzlich auch noch etwas Aufklärungsarbeit in Sachen Downsyndrom leistet und generelle Berührungsängste Unbeteiligter infrage stellt.

Desweiteren finde ich an dieser Stelle die optische Stringenz und Anlehnung an das Vorgängerbuch "Journeyman" erwähnenswert. Da alles vom Design über das Geschriebene und die Gedanken selbst aus einer Hand kommen, ist "mit anderen Augen" ein sehr persönliches Buch, das wörtlich und visuell ineinander greift und berührt. Umklammert wird dies vom Editiorial-Look des Covers, das bereits eine gewisse Freiheit, Unbeschwertheit und Harmonie erahnen lässt und neugierig auf die Geschichte und damit die Besonderheit der familiären Beziehung im Umgang mit dem Downsyndrom macht.
Mein einziger Kritikpunkt wäre, dass die Subline den Fokus auf die persönliche Entwicklung des Autors durch die Geburt und das Wachstum seiner Tochter lenkt, dafür inhaltlich allerdings das Thema "Reisen und Surfen" einen fast schon zu großen Bereich einnimmt. Hab ich was vergessen? Nein! Lieblingsbuch.