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Veröffentlicht am 16.10.2017

Zwischen Ideologie und Freundschaft

Endland
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Martin Schäuble entführt uns in ein Deutschland, das von der rechtsnationalen Partei die "Nationale Alternative" regiert wird. Kurz nach der Wahl trat Deutschland aus der EU aus, die Atomkraft steht wieder ...


Martin Schäuble entführt uns in ein Deutschland, das von der rechtsnationalen Partei die "Nationale Alternative" regiert wird. Kurz nach der Wahl trat Deutschland aus der EU aus, die Atomkraft steht wieder hoch im Kurs, die Schulpflicht sowie gesetzliche Arbeitslosenhilfe abgeschafft und das Land steuert nun gerade darauf zu 'Endland' zu werden. Die beiden Soldaten und Freunde Anton und Noah befinden sich beide an der Grenze zu Polen und wollen das Land vor Flüchtlingen auf der einen und Deutsch-Flüchtigen auf der anderen Seite schützen. Doch Noah zweifelt stark an der neuen Ideologie.

"In Deutschland machen sich die Leute was vor. Sie ziehen Mauern um sich herum hoch und denken: Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung. Dabei haben sie sich nur die Augen zubetoniert."

Größer könnte der Kontrast nicht sein: Fana lebt in Äthiopien - ein Land, das dank Klimawandel unter einer immensen Hungerkatastrophe leidet und Menschen kaum noch medizinisch versorgt werden können. Sie möchte einmal Ärztin werden. In Äthiopien stößt sie auf die Karla, die ihr eine Flucht nach Deutschland ermöglicht. In dem letzten übrig gebliebenen Flüchtlingslager treffen Anton und Fana aufeinander. Anton wird jedoch zu einem zweifelhaften Auftrag gezwungen und wird mit ihm vor eine große Zerreißprobe gestellt - zwischen Ideologie und Freundschaft, Zensur, Observation und Flucht, Gefangenschaft und Freiheit. Wird er die richtige Wahl treffen und sich für Fana einsetzen und Noah unterstützen oder die Radikalisierungen und das Chaos vorantreiben?

"Mich hat noch nie eine Schwarze berührt. Wie auch? Im Kindergarten hatten wir nicht mal Türken. Von denen gibt es zwar viele in Deutschland. Aber vor allem im Westen und in der Hauptstadt. Da soll's Klassen ganz ohne Deutsche geben." "Wir sind nicht das Sozialamt der Welt"

Martin Schäuble ist es mit diesem Roman gelungen, ein so wahrscheinlich, unwahrscheinliches Szenario zu erschaffen, das für die heutige Zeit nicht treffender und mitreißender sein könnte. Er beschreibt eindrucksvoll die Anstrengungen der Flucht, die Zweifel an der Gesellschaft und die Vergehen einer nationalen Partei so, als wäre man selbst dabei. Mir ging dieser Roman sehr nahe und ich habe bis zum Ende mitgefiebert; vielleicht ist es eine Art Horror- und Wunschvorstellung (Anfang und Ende) zugleich und gerade das macht es so spannend.

"Warum denken wir Deutschen immer, alle wollen uns was wegnehmen? Müssen nicht die, die nichts haben viel mehr Angst haben?"

Veröffentlicht am 09.10.2017

Du kannst deinen eigenen Südpol finden

Stille
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"Die Stille ist eher eine Idee. Ein Gefühl. Eine Vorstellung. Die Stille um dich herum kann viel enthalten, aber für mich ist die interessanteste Stille diejenige, die in mir ist. Eine Stille, die ich ...

"Die Stille ist eher eine Idee. Ein Gefühl. Eine Vorstellung. Die Stille um dich herum kann viel enthalten, aber für mich ist die interessanteste Stille diejenige, die in mir ist. Eine Stille, die ich in gewisser Weise selbst schaffe." Der Abenteurer Erling Kagge verleiht der Stille Raum. In seinem Wegweiser zu diesem Thema gibt er uns 33 Antworten auf die Fragen:Was und wo ist Stille? Und warum ist sie gerade heute so wichtig?

Kagges Lebenslauf ist einzigartig. Er ist nicht nur Verleger, Autor, Jurist, Kunstsammler und Vater, sondern auch der Erste, der alle drei Pole (Nord- und Südpol sowie den Mount Everest) der Erde erklommen hat. Bereits hier gab es unzählige Momente, in denen er sich der Stille widmete und ihn stark geprägt haben. "Ich selbst musste weit gehen, um das herauszufinden, aber jetzt weiß ich, dass wir die Stille überall finden können. Man muss nur subtrahieren." Philosophische, persönliche und wissenschaftliche Fakten, Eindrücke sowie Geschichten bietet Kagge seinen Lesern. Es ist ein Buch, das viel zum Nachdenken anregt und leider auch nicht immer ganz leicht verständlich ist. Es ist ein Werk der Tiefgründigkeit umrahmt von Bildern und Weißraum. Der weiße, minimalistische Schutzumschlag und das bildlich schreiende Cover - ein weiteres Highlight dieses Buches.

"Stille ist das einzige Bedürfnis, das diejenigen, die ständig auf der Jagd nach etwas Neuem sind, niemals erfahren werden."

Veröffentlicht am 09.10.2017

Glück ist die Idee von Glück

Herrn Haiduks Laden der Wünsche
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Ein Buch das Glück und Pech vereint - "Herrn Haiduks Laden der Wünsche" von Florian Beckerhoff. Es beginnt als recht ruhige Geschichte. Wir lernen Herrn Haiduk und seinen kleinen Zeitschriften- und Lottoladen ...

Ein Buch das Glück und Pech vereint - "Herrn Haiduks Laden der Wünsche" von Florian Beckerhoff. Es beginnt als recht ruhige Geschichte. Wir lernen Herrn Haiduk und seinen kleinen Zeitschriften- und Lottoladen kennen. Doch diese Ruhe ist plötzlich vorbei, als seine Kundin Alma einen Lottoschein findet. Es war das Gewinnerlos des großen 13 Millionen Jackpots, doch statt es für sich zu behalten, möchte sie den rechtmäßigen Eigentümer finden. Gemeinsam mit Herrn Haiduk und seinem Angestellten Adamo beginnt nun eine spannende Suche.

"Die Situation ist kompliziert, da wir den Gewinner finden müssen, dadurch aber sein Leben zerstören könnten. Wir tragen eine große Verantwortung, verstehen Sie? So ein Glück kann schnell Pech werden ..."

Sie rufen zu einer Art Casting auf. Jeder, der meint, der rechtmäßige Eigentümer zu sein, bekommt die Chance sich vorzustellen. Wir lernen allerhand komisch bis abstruse Charaktere kennen und eine Art Kampf um das große Glück entsteht. Mit viel Witz und ... schafft Beckerhoff den Leser in diese Geschichte mit eintauchen zu lassen und zum Mitfiebern zu bewegen.

"Die Aussicht auf so viel Geld wird die Leute ganz schön verändern, ein bisschen so wie im Flugzeug, wenn sie plötzlich Todesangst kriegen, nur eben andersrum. "

Alles in allem ist es eine eher niedliche Geschichte über Glück und Freundschaft, Neid und Gier. Leider gelingt es dem Autor nicht, meine Begeisterung bis zur letzten Seite aufrecht zu erhalten. Meine Erwartungen waren aufgrund des Klappentextes recht hoch. Das Ende mit der Auflösung, Kehrtwende und dessen Übergang ist für mich einfach nicht optimal und eher enttäuschend. Da der Ausgang der Geschichte eigentlich das Spannendste am gesamten Buch ist, spiegelt sich dies auch deutlich in meiner Bewertung wieder. Schade!

Veröffentlicht am 08.10.2017

"Ansichten eines Sterbenden"

Am Leben Sein
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"Ich kenne einen Menschen, der mit 17 Jahren erfuhr, dass er an einer unheilbaren, fortschreitenden Erkrankung leidet, die im Laufe der nächsten 3 bis 6 Jahren zum Tode führen sollte." - Sein Name ist ...

"Ich kenne einen Menschen, der mit 17 Jahren erfuhr, dass er an einer unheilbaren, fortschreitenden Erkrankung leidet, die im Laufe der nächsten 3 bis 6 Jahren zum Tode führen sollte." - Sein Name ist Paul.

Bei dem Buch "Am Leben Sein" von Ines Schmidt handelt es sich in dem Sinne nicht um einen Roman oder Sachbuch, es ist etwas viel Persönlicheres. Ihr Sohn Paul erfuhr mit 17, dass er an der unheilbaren, fortschreitenden Erkrankung ALS leidet. Aus der Sicht seiner Mutter Ines und seiner besten Freundin und Seelenverwandten Franzi begleiten wir Paul bei seinem Kampf ums Leben bis hin zum letzten Atemzug.

"Manchmal muss man glauben, um zu sehn, dass es noch mehr gibt, [...] Und so dreh ich mich immer weiter, immer weiter. Und irgendwann seh ich mein Leben, immer noch im Zweifel stehn, das würd ich mir nie vergeben, dieses Leben ist zu schön."

Ihr Buch zeigt einem erneut, wie wertvoll das Leben ist, dass Lebenswillen so wahnsinnig wichtig ist und man vor allem eines: Nie aufgeben soll, solange bis einfach nichts mehr geht. Dieses Buch ähnelt einer Erzählung, einem Tagebuch gepaart mit Bildern und Liedern. In ihm steckt so viel Mut, Kraft und Freude am Leben, aber auch das mit der Erkrankung verbundene Leid und die Trauer. 162 Seiten plus Audio-CD, die so viel Raum für Emotionen, Gedanken und Leben bieten. Es ist einzigartig in dem, was es aussagt und dabei kein gewöhnliches Buch und vielleicht kann auch nicht jeder damit etwas anfangen, aber ich wünsche mir, dass dieses kleine Buch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit in dieser großen Welt bekommt. Mit dem Kauf geht ein Großteil des Autorenerlöses an ALS-mobil e.V. sowie an den Interdisziplinären Bereich für Paliativmedizin der Universitätsmedizin Rostock. Also warum nicht ab und zu mal etwas Gutes tun, wenn man ein Buch kauft oder anderen helfen, egal in welcher Form auch immer. Nur zusammen ist das Leben ein Stück einfacher, auf alles andere haben wir oftmals leider keinen Einfluss.

"Musik öffnet, genau wie die Liebe, den Blick für das Leben, den Sinn unseres Seins. Musik ist so unglaublich kraftvoll wie die Liebe. Für Paul war sie die Kraftquelle überhaupt. Er lebte mit ihr, von ihr, durch sie, und starb mit ihr!"

Veröffentlicht am 04.10.2017

"die Kluft zwischen dem, was ich sein sollte, und dem, was ich bin, nie größer war." – Zwischen Glaube und Wissenschaft

Die Schlange von Essex
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"Die Schlange von Essex" – ein Roman, in dem Wissenschaft und Glaube aufeinandertreffen. Nach dem Tod ihres Mannes blüht Cora Seaborne förmlich auf. Sie ist eine wohlhabende Frau, die nun ihrer neu entfachten ...

"Die Schlange von Essex" – ein Roman, in dem Wissenschaft und Glaube aufeinandertreffen. Nach dem Tod ihres Mannes blüht Cora Seaborne förmlich auf. Sie ist eine wohlhabende Frau, die nun ihrer neu entfachten Leidenschaft für Geologie und Naturkunde nachgehen will. Normalerweise gehört sich solch ein Verhalten für eine Frau ihres Standes nicht und auch so stößt sie nicht gerade auf Begeisterung ihrer Kinderfrau Martha, die sich sehr um ihren Sohn Francis bemüht. Da kommen ihr die Neuigkeiten aus Essex gerade recht.

"Stellen Sie sich nur vor, wir könnten an einem so langweiligen Ort wie Essex einem solchen Tier begegnen! Stellen Sie sich vor, was das bedeuten würde ... Es wäre ein weiterer Beweis dafür, wie alt unsere Erde ist, und dass wir unser Leben der natürlichen Entwicklung verdanken und nicht irgendeiner Gottheit ..."

In Essex lernen sie Pfarrer William und seine Frau Stella kennen, ihre Ansichten könnten kaum unterschiedlicher sein. Während Cora und Stella sich für die Mythen begeistern können, möchte William, dass endlich wieder Ruhe in seiner Gemeinde einkehrt. Neben mehrerer Dispute kommen sich Will und Cora zusehend näher, was von seiner kranken Frau, so scheint es, noch zusätzlich unterstützt wird. Stella wird zur verständnisvollen Freundin für Francis und hofft gemeinsam mit ihm dem ganzen Spuk bald ein Ende setzen zu können. Doch wird ihr das gelingen? Was wird aus Cora und was hat der Wundarzt mit der ganzen Sache zutun? Und werden sie die Schlange jemals zu Gesicht bekommen?

"Oh ja, es ist teuflisch zu wissen, dass das Jüngste Gericht bevorsteht und keiner sich verstecken kann; aber Sie hoffen darauf, nicht war, sie hoffen; Sie werden alles auf sich nehmen, Hauptsache, Sie bekommen es mit eigenen Augen zu sehen ..."

Nicht nur die Sprache macht diesen Roman so einzigartig. Sarah Perry erschafft ein faszinierendes Gesamtbild aus Neid, Angst, Aberglaube, Mythen, Liebe und Krankheit. Wir tauchen ein in das viktorianische Zeitalter und lernen neben historischen Missständen in London viel über das damals vorherrschende Standbild und die Klassengesellschaft kennen. Schon recht früh meint man den Ausgang der Geschichte erahnen zu können, doch die weiterführende Handlung überrascht; meiner Erwartungshaltung hingegen kann sie nicht ganz Stand halten.

"Wir glauben zu wissen, in welche Richtung wir zielen müssen, und vielleicht liegen wir gar nicht so falsch ... Aber dann am nächsten Morgen sehen wir alles in einem anderen Licht und merken, dass wir uns vielleicht doch in der Richtung geirrt haben."

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