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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.01.2026

Schonungslos

Ellbogen
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Wir lernen Hazal kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag kennen. Sie ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern sind streng und gewalttätig. Bisher hat sie kaum Gutes erfahren und erwartet es auch ...

Wir lernen Hazal kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag kennen. Sie ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern sind streng und gewalttätig. Bisher hat sie kaum Gutes erfahren und erwartet es auch nicht. Weder von ihrer Familie noch von der Gesellschaft. Sie fühlt sich auf der Verliererseite des Lebens. An ihrem achtzehnten Geburtstag will sie feiern, mit ihren Freundinnen so richtig ausgelassen sein, doch es kommt anders und der Tag endet in einer Katastrophe.
Dieser Roman ist schonungslos brutal. Hazal lebt in einem vielgepriesenen sicheren Land und ist doch gefangen in einem Alptraum aus Perspektivlosigkeit, Gewalt und Verachtung. Ein Absatz in Fatma Aydemirs Roman beschreibt es so treffend. Da heißt es sinngemäß: Sie sehen erst auf uns, wenn wir etwas schlimmes anstellen, vorher sind wir unsichtbar. Nicht Hazal ist die erste die die Ellenbogen rausstreckt, um sich Platz zu verschaffen. Vorher ist sie ihr ganzes Leben gegen zig Ellenbogen gelaufen, von ihnen gestoßen und verletzt worden. Niemand hat sich für sie interessiert, niemand hat sich um sie gekümmert. Das schmälert nicht ihre Tat. Die ist grausam und unverständlich. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass der Roman versucht zu rechtfertigen oder zu erklären. Ich hatte nur wenig Sympathie mit Hazal, dennoch habe ich viele ihrer Handlungen aus der Situation heraus verstanden. Am Ende bleibt eine gewisse Traurigkeit, einen Menschen kennengelernt zu haben, von dem man annehmen muss, dass er niemals richtig glücklich sein wird.

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Veröffentlicht am 09.01.2026

Raffiniert

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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Der neue Roman von Vea Kaiser beginnt in den 80er Jahren in Wien. Angelika Moser arbeitet als Buchhalterin im Grand Hotel Frohner. Zahlen, Struktur und Ordnung, das ist genau ihre Welt. Umso gegensätzlicher ...

Der neue Roman von Vea Kaiser beginnt in den 80er Jahren in Wien. Angelika Moser arbeitet als Buchhalterin im Grand Hotel Frohner. Zahlen, Struktur und Ordnung, das ist genau ihre Welt. Umso gegensätzlicher ihr Privatleben. Hier geht sie gerne in die Clubs der Stadt, schlägt sich die Nächte um die Ohren, tanzt, feiert und schläft wenig. Sie sprüht vor Energie, Lebenslust und Zukunftsplänen. Als Kind einer alleinerziehenden Hausmeisterin kommt sie aus ärmlichen Verhältnissen, doch sie schafft im „Frohner“ den Sprung in eine Leitungsposition. Nun selbst alleinerziehende Mutter eines kleinen Sohnes steht sie vor vielen schier unlösbaren Problemen. Anstatt zu verzweifeln, geht sie einen ganz anderen Weg. Im Laufe der Jahre wird sie zur Millionenbetrügerin, zweigt Geld des Hotels heimlich auf ihr eigenes Konto ab. Was aus der Not heraus geboren wird, entwickelt sich zur Selbstverständlichkeit.
Die Geschichte hat mir richtig gut gefallen. Die Frau ist wirklich mit allen Wassern gewaschen. Was sie tut, ist Unrecht und dennoch entwickelt man eine gewisse Anerkennung vor ihrer Raffinesse und ihrem Charme. Wirklich geschädigt hat sie niemanden, denn das Geld wurde jahrzehntelang offensichtlich nicht vermisst. Und es zeigt damit auch die Kluft, die zwischen der reichen Wiener Gesellschaft und den Menschen, die für sie arbeiten herrscht. Während die einen das Geld in Saus und Braus zum Fenster hinauswerfen, wissen die anderen kaum, wie sie ihre Miete bezahlen sollen. Und doch haben alle denselben Arbeitsplatz. Und die einen würden ohne die anderen nicht existieren können. Angelika Moser war da nicht so scheu, sich zu nehmen, was ihr zustand. Sie hat sich von dem Geld der Frohners ein kleines Luxusleben finanziert und ihrem Sohn eine bessere Zukunft ermöglicht. Der Roman basiert auf einer realen Person, was es für mich nur noch interessanter gemacht hat. Obwohl Angelika Moser bestimmt nicht zu bewundern ist, hat ihre Geschichte doch einen hohen Unterhaltungswert. Vea Kaiser hat mich tief abtauchen lassen in eine Welt voller Glamour, Schein und Trug und in eine ganz tolle Stadt.

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Veröffentlicht am 03.01.2026

Viele Emotionen

Windstärke 17
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Der Roman knüpft an den ersten Roman von Caroline Wahl „22 Bahnen“ an. Aus dem kleinen Mädchen Ida ist mittlerweile eine junge Frau geworden. Ihre Schwester Tilda ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ...

Der Roman knüpft an den ersten Roman von Caroline Wahl „22 Bahnen“ an. Aus dem kleinen Mädchen Ida ist mittlerweile eine junge Frau geworden. Ihre Schwester Tilda ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen als sie noch ein Kind war, und hat sie mit ihrer alkoholkranken Mutter zurückgelassen. Ida hat versucht ihr Leben zusammenzuhalten, doch als ihre Mutter ihrem eigenen Leben ein Ende bereitet, bricht auch für Ida alles zusammen. Sie flüchtet, will eigentlich zu ihrer Schwester Tilda, strandet aber auf Rügen, wo sie Halt bei einem älteren Ehepaar findet. Oft habe ich in Rezensionen gelesen, dass vielen dieses Buch noch besser gefallen hat als das erste. Bei mir ist es eher andersherum. Ich habe Tilda als starke Frau empfunden, die sich trotz aller Widerlichkeiten durch ihr Leben gekämpft hat. Ich war eher ziemlich entsetzt, was aus Ida geworden ist: eine zerstörte, traumatisierte junge Frau, schutzlos mit einer Situation allein gelassen, die zu groß für sie ist. Anders als bei Tilda habe ich mir Sorgen gemacht, dass sie es nicht überstehen wird. Und ich habe mich auch über Tilda geärgert, wie sie ihrer kleinen Schwester so etwas antun kann und selbst einen wahren Familientraum lebt. Ich fand diesen Roman eher deprimierend durch Idas destruktive Art. Und dann möchte ich auch noch thematisieren, was mich persönlich ziemlich angefasst hat. Zu allem Unglück muss auch noch eine der Protagonistinnen Metastasen bekommen. Ida setzt sich damit stark auseinander und googelt alles darüber. Ich bin selbst Betroffene, aber so etwas wie die Lebenserwartung zu googeln habe ich aus gutem Grund nie getan. Und folglich möchte ich es auch nicht schwarz-auf weiß in einem Roman lesen müssen, ohne darauf vorbereitet zu werden. Ich war nie überzeugt von Triggerwarnungen, habe jetzt aber zum ersten Mal selbst gemerkt, wie sinnvoll sie doch sein können. Oder wenigstens ein Wort darüber im Klappentext hätte ich gut gefunden. Im Allgemeinen hat mir der Roman gut gefallen und ich mag den Schreibstil von Caroline Wahl sehr. Dennoch hat mir der erste Teil besser gefallen.

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Veröffentlicht am 30.12.2025

Bitteres Idyll

Der Honigmann
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Im Vorstadtidyll Fischbach ist die Welt noch in Ordnung. Tim und Fine lieben diesen Ort, in dem sie mit ihrer 8-jährigen Tochter Carla leben. Die Kleine lebt hier einen wahren Kindertraum, in Geborgenheit ...

Im Vorstadtidyll Fischbach ist die Welt noch in Ordnung. Tim und Fine lieben diesen Ort, in dem sie mit ihrer 8-jährigen Tochter Carla leben. Die Kleine lebt hier einen wahren Kindertraum, in Geborgenheit groß werden, immer Freunde zum Spielen und ganz viel Natur, die sie barfuß durchstreifen darf. Gegenüber der Fischbacher Grundschule lässt sich ein Mann nieder, der ein Geschäft eröffnet. Hier gibt es viel schnuckeliges Dekozeug und jede Menge Honig. Die Mütter und Kinder lieben diesen Laden und den Honigmann, denn er hat immer ein offenes Ohr für alle. Doch dann finde eine Mutter etwas Beängstigendes über den Honigmann heraus. Das Gerücht läuft wie ein Lauffeuer durch den Ort und Fischbach entwickelt sich zu einem brodelnden Vulkan. Ein Ereignis zieht das andere nach sich. Aus dem lieben Nachbar wird eine suspekte Person, die Freundin wird zur Feindin, Meinungen drehen sich wie ein Fähnchen im Wind und die Idylle wird zum Alptraum ohne Erwachen. Ich habe dieses Buch förmlich verschlungen. Hier wandelt sich eine Gesellschaft von einer Weintrunkenden-dauerlächel-Grillparty zu einem geifernden, wütenden Mob. Genial fand ich den Schachzug, dass der Honigmann selbst gar nicht zu Wort kommt. Die Zerstörung findet um ihn herum statt. Die Eltern zerfleischen sich selbst in dem Bemühen nur das Beste für die eigenen Kinder zu wollen. Und leider muss ich sagen, dass uns der Wandel von Menschen, die wir für stabil und verlässlich hielten, seit der Coronazeit nur allzu vertraut ist. Wo aus Freunden oder Nachbarn plötzlich Nudeln-hortende Straßenseitenwechsler wurden. Peter Huth ist hier eine exakte Zeichnung einer Gesellschaft im Ausnahmezustand gelungen. Spannend zu lesen und spannend auch, sich selbst zu fragen, was hätte ich getan?

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Veröffentlicht am 29.12.2025

Zum Schmunzeln

Früher war mehr Weihnachten
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Diese kleine Sammlung an Kurzgeschichten, stammt aus verschiedenen Büchern aus Horst Evers Repertoires und macht einfach nur Spaß. So wandeln wir mit ihm über die skurrilsten Weihnachtsmärkte der Welt, ...

Diese kleine Sammlung an Kurzgeschichten, stammt aus verschiedenen Büchern aus Horst Evers Repertoires und macht einfach nur Spaß. So wandeln wir mit ihm über die skurrilsten Weihnachtsmärkte der Welt, wo man alkoholfreien Glühwein mit Schuss bekommt und ihm dann dabei zuschaut wie es ihn auf der Eisbahn zerlegt. Er verliert sich in der (Un-)sinnhaftigkeit der deutschen Sprache wie kein Zweiter und treibt einfache Gedanken so auf die Spitze, dass sie bizarr und absonderlich wirken. So nimmt er den Geschenkewahnsinn auf die Schippe, wie auch die unweihnachtliche Atmosphäre der Berliner Weihnachtsmärkte. Und wer ihn kennt, weiß, er kann auch wunderbar über sich selbst lachen. Genau das macht ihn für mich auch so sympathisch. Nicht von oben herab, sondern einer von uns, dem einfach auch schreiend peinliche, lustige Dinge passieren. Das Buch ist mit seinen 75 Seiten recht kurz, dafür aber perfekt zum Vorlesen auf Weihnachtsfeiern oder für Zwischendurch. Mir hat es die Zeit zwischen den deftigen Weihnachtsessen sehr versüßt.

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