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Veröffentlicht am 18.03.2020

Familienbande damals und heute

Die Bagage
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„Eine Ordnung in die Erinnerung zu bringen – wäre das nicht eine Lüge? Eine Lüge insofern, weil ich vorspielen würde, so eine Ordnung existiere.“

Inhalt

Die Familie Moosbrugger lebt am Rande ...

„Eine Ordnung in die Erinnerung zu bringen – wäre das nicht eine Lüge? Eine Lüge insofern, weil ich vorspielen würde, so eine Ordnung existiere.“

Inhalt

Die Familie Moosbrugger lebt am Rande eines österreichischen Dorfes, weit oben auf dem Berg und wird in dem Ort nur unter dem Sammelbegriff „Die Bagage“ tituliert. Vater Josef ist ein stiller, charismatischer Mann, der keine großen Kontakte zu anderen pflegt, seine Frau Maria eine wahre Schönheit, die von den Frauen bewundert und von den Männern begehrt wird und ihre Kinderschaar bekommt ganz automatisch den Stempel der Abseitigen aufgedrückt, mit denen die anderen keinen Kontakt wünschen. Man zerreißt sich lieber die Mäuler über die Familie, die auch in aller Armut und Bescheidenheit ein kleines Stückchen Glück gepachtet zu haben scheint.

Erst als Josef zum Kriegsdienst eingezogen wird, steht das Schicksal der Moosbruggers auf Messers Schneide. Denn der älteste Sohn ist noch zu jung, um die Mutter zu beschützen und Josef weiß sehr genau, dass Maria allein zum Freiwild werden würde. Er bittet den Bürgermeister darum, seine Familie zu beschützen und zu versorgen, weil er der Einzige ist, dem er ein gewisses Vertrauen entgegenbringt. Doch kaum ist Josef weg, bedrängt auch dieser vornehme Herr die Zurückgebliebenen und die Familie durchlebt Monate voller Angst und Entbehrungen. Bis zu dem Tag, an dem Josef zurückkehrt …

Meinung

Monika Helfer widmet sich in ihrem aktuellen Roman ihrer eigenen Familiengeschichte und erzählt rückblickend aber gleichzeitig sehr präsent von ihrer wunderschönen Großmutter, ihren Onkeln und Tanten, ihrer Mutter, die eine schwere Kindheit hatte, da der Vater sie als ein Kuckuckskind betrachtete und kein Wort an sie gerichtet hat. Sie zeichnet die Lebenswege und Entwicklungen aller Familienmitglieder auf und springt dabei munter in den Zeitabläufen und Einzelgeschichten. Doch gerade diese scheinbar willkürliche Abfolge zwischen Vergangenheit und Gegenwart macht das Buch trotz seiner wenigen Seiten zu einem recht umfassenden Werk über die eigene „Bagage“, deren Belange, Besonderheiten und ihr Wirken in der Familiengemeinschaft.

Die Kerngeschichte, die sich zu Zeiten des 1. Weltkrieges abspielt, bleibt dennoch das tragende Element und spricht den Großeltern trotz ihrer Eigenheiten auch einen starken Charakter zu. Ein Ehepaar, welches nicht nur eine Zweckgemeinschaft mit vielen Kindern war, sondern sich prinzipiell sehr zugetan war. Ihre Kinder allesamt nicht nur zu Helfern degradiert, sondern als Menschen geachtet. Besonderes Augenmerk legt die Autorin auf die unüberwindliche, alles außer Kraft setzende Geschwisteraffinität. Die Kinder der Moosbruggers bilden eine starke Bande, sie nehmen ihre Rollen wahr, sie beschützen und vertrauen einander, sie ergreifen trotz schwieriger Umstände immer Partei füreinander, sie halten zusammen und wissen um ihre Besonderheiten. Selbst nach dem frühen Tod der Eltern besteht diese Einigkeit weiter, so dass selbst noch die Autorin in der nächsten Generation dieser Familie, niemals den Zusammenhalt und die Stärke der Verbands bezweifelt.

Zwischendurch immer wieder kleine Episoden aus der Gegenwart, Erlebnisse mit den eigenen Kindern – dadurch entsteht ganz nebenbei eine generalistische Aussage, die den Wert der Familie durch alle Zeiten hindurch bekräftigt. Nicht nur die der eigenen Herkunft sondern ganz allgemein die Möglichkeiten mittels Eltern, Geschwistern, Kindern, Großeltern, Cousins und Cousinen ein intaktes, beständiges und doch freiheitliches Gebilde zu schaffen, in dem sich das Individuum wertgeschätzt fühlt, bestärkt wird und sich einmalig entfalten kann ohne den Rückhalt der Familie zu verlieren.

Fazit

Ein wunderbares kleines Buch mit einer lebendigen Familiengeschichte, starken Charakteren, intensiven Erinnerungen und biografischen Zügen. Der Mehrwert liegt hier nicht nur in der Besonderheit und den individuellen Entwicklungen, sondern vor allem in den Gedankengängen bezüglich funktionierenden Familienstrukturen, die es aufzubauen, zu pflegen und zu erhalten gilt. Deutlich wird aber auch, dass Krisen und Belastungsproben, die man gemeinsam gemeistert hat,einen unabänderlichen, eisernen Bestand an der Wertschätzung seiner nächsten Familienangehörigen hervorbringen. Ein einprägsamer, berührender Roman über Herkunft, Familie und Lebensentwicklung mit differenzierten Ansätzen und klaren Aussagen – sehr empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 07.03.2020

Ich will niemand sein

Der Empfänger
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Er spürte zum ersten Mal Geiz, was sein Leben anging, niemand hatte das Recht, sich Wissen über ihn zu erschleichen. Er hatte unsichtbar gelebt, und das sollte so bleiben.“

Inhalt

Josef Klein lebt in ...

Er spürte zum ersten Mal Geiz, was sein Leben anging, niemand hatte das Recht, sich Wissen über ihn zu erschleichen. Er hatte unsichtbar gelebt, und das sollte so bleiben.“

Inhalt

Josef Klein lebt in Amerika sein einfaches Leben und hat weder mit Ideologien noch mit der Politik irgendetwas am Hut. Sein Steckenpferd ist das Amateurfunken, welches er voller Leidenschaft und mit einem gewissen Know-How betreibt. Auf diesem Gebiet kann ihm so schnell keiner das Wasser reichen und genau deshalb gerät er ins Visier der deutschen Abwehr, die in Übersee zu Gunsten Hitlers ein Spionagenetzwerk etablieren will. Josef ist der ideale Mann für sie: er ist naiv, ein Könner auf seinem Gebiet und nur ein kleiner, unbedeutender Mann, der schon nicht so genau hinschauen wird, was die politischen Größen im Untergrund planen. Tatsächlich gerät er wie nebenbei an ominöse Männer, die ihm in seinem Tun bestärken aber über die genauen Hintergründe der Funkinhalte Stillschweigen bewahren. Doch Josef erkennt selbst, dass er sich hier auf die falschen Freunde eingelassen hat und er einer übergeordneten Sache dient, die nicht nur verachtenswürdig, sondern sogar gefährlich sein kann. Leider gelingt es ihm mehr schlecht als recht, der Vereinigung den Rücken zu kehren, insbesondere weil seine Fähigkeiten weiterhin benötigt werden. Doch als ein schwerer Anschlag auf die amerikanische Bevölkerung in New York verübt wird, der angeblich auf das Konto eines deutschen Spionagenetzwerkes geht, zieht sich die Schlinge um seinen Hals immer enger …

Meinung

Die deutsche Autorin Ulla Lenze widmet sich in diesem Roman einer eher unverbrauchten Thematik über die Machenschaften der Sympathisanten Hitlers im Ausland und ihren Einfluss auf den Krieg im eigenen Land. Dabei nimmt sie die Geschichte des Josef Klein als Anlass nicht nur die Tätigkeiten verbotener Organisationen im Untergrund zu erläutern, sie legt auch ein großes Augenmerk auf die persönliche Entwicklung des kleinen Mannes, der zu arglos und naiv mit den gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit umgeht. Deutlich wird vor allem die Heimatlosigkeit des Protagonisten, der sich ursprünglich in New York heimisch fühlte, dem aber dieses Wohlgefühl sehr schnell abhandenkommt, weil er immer mehr zum Objekt degradiert wird und nur noch eine Aufgabe erfüllen soll, mit der er sich in keiner Weise identifiziert. Doch eine Rückkehr nach Deutschland ist ebenso unvorstellbar, denn selbst nach Ende des Krieges, und trotz vorhandener Familie, hat er den Bezug zur ursprünglichen Heimat längst verloren. Ein kurzer Aufenthalt zeigt ihm, wie groß die persönliche Kluft zwischen ihm und dem Leben des Bruders geworden ist. Josef ist allein, ein zerriebenes Rad im Getriebe, ohne Orientierung und für ihn gibt es nur noch eine Möglichkeit: sein Leben als Reisender zwischen Ländern und Grundsätzen zu verbringen.

Prinzipiell hat mir die Geschichte gut gefallen, gerade weil sie eine literarisch unverbrauchte Szenerie heraufbeschwört, die durch Zeitsprünge und diverse Portraits besticht. Der Hauptprotagonist passt charakteristisch hervorragend zum Buch, er ist ein schwer durchschaubarer, eher blasser Mann, der sich mit seinem Verhalten gekonnt durch brenzlige Situationen schmuggelt und eigentlich nichts weiter will, als seine Ruhe und ein Fleckchen Erde um er selbst zu sein. Der Leser begleitet ihn durch turbulente Zeiten und streift wie nebenbei andere Lebensläufe, die sich parallel entfalten: die kurze Liebesbeziehung zu einer befreundeten Funkerkollegin, das biedere Leben des Bruders und seiner Familie, die wendigen, geschäftstüchtigen Männer, die ihren eigenen Vorteil über den des Landes stellen und solche, die immer wieder auf die Beine fallen, selbst nachdem sie für ihre Taten bestraft wurden.

Fazit

Ich vergebe 3,5 Lesesterne (aufgerundet 4) für diesen Roman über politische Netzwerke, fragwürdige Identitäten und der großen Frage nach der Heimat im Herzen. Mein größter Kritikpunkt ist der allgemeine Handlungsverlauf, der mir zu wenig konkrete Aussagen liefert, ein netter aber unspektakulärer Protagonist und seine endlose Suche nach dem, was wirklich Bestand hat. Irgendwie zieht sich ein grauer, unscheinbarer Nebel über die Geschichte, der sie letztlich ziemlich bedeutungslos erscheinen lässt und ich habe die Story zwar gern gelesen, kann aber keinen Mehrwert darin erkennen. Prädikat: gut geschrieben, hinreichend interessant aber nur mäßig in der Durchschlagskraft.

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Veröffentlicht am 06.03.2020

Alt werden heißt verlieren lernen

Dankbarkeiten
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„Es lässt sich nichts mehr teilen. Und jeder ihrer Versuche fällt in einen bodenlosen Brunnen, aus dem nie mehr etwas geborgen werden kann. Sie sucht in meinem Blick nach einen Indiz, einem Schlüssel, ...

„Es lässt sich nichts mehr teilen. Und jeder ihrer Versuche fällt in einen bodenlosen Brunnen, aus dem nie mehr etwas geborgen werden kann. Sie sucht in meinem Blick nach einen Indiz, einem Schlüssel, einen Umweg zum Ziel. Doch mein Blick bietet keine Hilfe, keine Umleitung. Die Straße ist gesperrt. Der Faden des Austauschs mit den anderen reißt. Das Schweigen siegt. Und nichts hält sie mehr zurück.“

Inhalt

Mischka Seld lebt nun in fortgeschrittenen Lebensjahren in einem Pflegeheim, da sie nicht mehr in der Lage ist allein klarzukommen, ihr Gedächtnis oder vielmehr die Sprache selbst kommt ihr abhanden. Zunächst sind es nur einzelne Wörter, bald fehlen ihr die Sätze, zum Schluss kann sie ihre Gedanken nicht mehr in Worte fassen. Das Alter mit seinen unerbittlichen Folgen hat sich eingenistet und zersetzt langsam aber stetig all das, was die junge Mischka, die selbstständige, energische Frau mit dem großen Herzen ausgemacht hat. An ihrer Seite gibt es nur noch zwei Menschen: zum einen Marie, eine junge Frau, die in ihrer Kindheit oft bei Mischka Zuflucht gesucht hat, wenn ihre eigene Mutter wieder einmal tagelang nicht da war, die damals und heute wie die Tochter der Betroffenen agiert und die sich nun schweren Herzens von dieser Frau verabschieden muss, die ihr immer eine Stütze war und zum anderen den Logopäden Jérome, der sich auf den Spracherhalt alter Menschen spezialisiert hat und mit ihnen kleine Übungen gegen das Vergessen unternimmt. Diese beiden treten als die Erzähler einer Geschichte auf, die den Lebensabend einer Frau miterleben und sich selbst dadurch in einem anderen Licht wahrnehmen. Und so entwickelt sich ein zartes Geflecht aus menschlicher Zuneigung, bei dem eine Person verliert und zwei andere gewinnen.

Meinung

Bereits im vergangenen Jahr war ich vom Roman „Loyalitäten“ der französischen Autorin Delphine de Vigan restlos begeistert, so dass ich sehr hoffnungsfroh und motiviert in diese Lektüre gestartet bin, immer in Erwartung einer ähnlich tiefsinnigen Handlung. Und ganz klar, auch „Dankbarkeiten“ trifft mitten in mein Leserherz und beleuchtet den Lebensabschnitt des Alters auf ungeschönte aber nicht restlos pessimistische Art und Weise. Vielmehr zielt diese kleine Erzählung auf die Notwendigkeit menschlicher Beziehungen ab, den gemeinsamen Austausch zwischen den verschiedenen Generationen und den unbedingten Hinweis, sich möglichst früh darüber Gedanken zu machen, wer oder was man im Alter sein möchte und welche Spuren auch dann noch sichtbar sein werden, wenn man nicht mehr lebt.

Sprachlich besticht das Buch mit einem klaren, aussagekräftigen Text, in dem generelle Sachverhalte ebenso wie Emotionen Platz finden. Gerade durch die beiden jüngeren Erzähler entsteht eine gewisse Perspektivenvielfalt, die nicht nur Mischkas Leben in den Mittelpunkt rückt, sondern auch Aspekte aus den Lebenswegen von Marie und Jérome. Die Leere, die entsteht, wenn alle Wörter verschwinden wird ganz besonders durch die wörtliche Rede sichtbar, bei der die alte Frau zunächst noch bestmöglich versucht sich zu artikulieren, schließlich nur noch Wortsilben bildet und letztlich aufgibt, anderen irgendetwas mitteilen zu wollen.

So wirkt der Grundtenor des Romans sehr traurig, was er letztlich auch ist aber niemals so bedrückend und schwermütig, dass es nicht auszuhalten wäre. Die Autorin schafft es immer genau im richtigen Moment von der Einzelsituation in allgemeine Aussagen zu wechseln oder umgekehrt das Schicksal Vieler auf ein Menschenleben zu reduzieren. Durch diesen Schachzug wirkt der Roman authentisch, greifbar und im richtigen Maße ausgleichend, so dass es geradezu zwingend notwendig erscheint, eigene Erfahrungen und Meinungen auf die Waage zu legen und mit dem Inhalt des Buches abzugleichen. Vor allem die generalistischen Aussagen über das Alter haben mich sehr nachdenklich gestimmt, weil man dem nur schwer etwas hinzufügen kann: „Alt werden heißt verlieren lernen. Das verlieren, was einem geschenkt wurde, was man gewonnen, was man verdient, wofür man gekämpft und woran man geglaubt hat, man würde es für immer behalten. Sich neu anpassen. Sich neu organisieren. Ohne zurechtkommen. Darüber hinweggehen. Nichts mehr zu verlieren haben.“

Fazit

Ich vergebe begeisterte 5 Lesesterne für mein erstes Highlight 2020, einen Roman über das Leben selbst, das Alter im Besonderen und die Kraft der Einflussnahme nahestehender Menschen auf das Seelenheil anderer. Sicherlich fällt dieser Roman schon inhaltlich genau in mein Beuteschema, denn Bücher über den emotionalen Verlust diverser Dinge und Menschen lese ich ausgesprochen gerne, doch davon unabhängig schafft er es auch zärtlich zu berichten, warmherzig zu erzählen und letztlich eine gewisse Hoffnung zu beleben, über Spuren, die Menschen hinterlassen. Ich empfehle das Buch all jenen Lesern, die Traurigkeit gepaart mit Menschlichkeit mögen, die gerne mitfühlen und erleben, wie sich Protagonisten entwickeln und über sich hinauswachsen und die andererseits genügend Realitätssinn schätzen, um einzusehen das die Existenz zwar endlich, das Leben aber nicht umsonst ist.

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Veröffentlicht am 28.02.2020

Zwischen Liebe und Distanz

Ein wenig Glaube
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„Für ein Elternpaar gibt es keinen größeren Hoffnungsträger als das eigene Kind. Die Hoffnung in das eigene Kind zu verlieren – das ist so, als verlöre man den Glauben an die Welt. Und Lyle war ...

„Für ein Elternpaar gibt es keinen größeren Hoffnungsträger als das eigene Kind. Die Hoffnung in das eigene Kind zu verlieren – das ist so, als verlöre man den Glauben an die Welt. Und Lyle war trotz allem auch jetzt noch nicht gewillt, Shiloh einfach so aufzugeben.“

Inhalt

Das Ehepaar Hovde aus Wisconsin schaut auf ein langes, glückliches Eheleben zurück, welches sogar den Verlust des einzigen leiblichen Sohnes im Kleinkindalter verkraftet hat. Ihre Adoptivtochter Shiloh haben sie mit all der Liebe und dem Verständnis erzogen, wie sie es schon immer vorhatten. Doch obwohl die Tochter-Elternbeziehung nicht immer einfach war, lebt Shiloh nun mit ihrem 5-jährigen Sohn Isaac wieder zu Hause. Allerdings ist sie auf der Suche nach einem eigenen Heim für sich, ihr Kind und den neuen Mann an ihrer Seite. Als Lyle und Peg, den zukünftigen Mann ihrer Tochter kennenlernen, sind sie mehr als skeptisch, denn Steven ist Priester einer kleinen Glaubensgemeinschaft, die ihre Gottesdienste in einem alten Kino abhält. Der charismatische Mann hat Shiloh vollkommen für sich eingenommen und beansprucht auch den kleinen Isaac, der angeblich über Heilskräfte verfügt, die schwerkranke Menschen wieder gesunden lassen kann. Lyle und seine Frau, selbst Mitglieder der örtlichen Kirchengemeinschaft, bezweifeln die Grundsätze der neuen Glaubensgemeinschaft und behalten ihren Enkel sehr genau im Blick. Doch die Zwietracht zwischen Isaacs Mutter und ihren Eltern wird immer größer, es scheint keine gütliche Einigung zu geben, so dass der Enkel immer seltener bei seinen Großeltern sein darf. Erst als eines Tages ein Mitglied der Sekte bei den Hovdes anruft, um ihnen verzweifelt mitzuteilen, dass sie ihren Enkel schnellstmöglich abholen müssen, um ein Unglück zu verhindern, scheint sich das Blatt zu wenden …

Meinung

Ein Familienroman der die Kluft zwischen dem Zusammenhalt untereinander und dem Glauben an einen Gott thematisiert, klang für mich nach einer äußerst intensiven, zweischneidigen Geschichte, auf deren Verlauf ich sehr gespannt war. Und da ich den amerikanischen Autor und seine Art zu Erzählen gern kennenlernen wollte, habe ich voller Vorfreude zu diesem Buch gegriffen.

Die gewählte Erzählperspektive aus Sicht des Familienoberhauptes, der mehrere Rollen erfüllt, sowohl als Ehemann, als auch als Vater und nicht zuletzt als Großvater, empfand ich sehr stark. Dadurch entsteht zwischen dem Leser und Lyle Hovde ein inniges, verständnisvolles Bündnis, bei dem man stark auf die Seite des Mannes gezogen wird, der seine Tochter vor ihrem persönlichen Unglück bewahren möchte. Das große Plus der Erzählung liegt auf dieser starken Vaterrolle, die genauestens beschrieben wird und deren Möglichkeiten und Grenzen immer wieder in den Vordergrund rücken. Besonders schön fand ich die fast idyllische Beziehung zwischen den Eheleuten, die damals wie heute immer am gleichen Strang gezogen haben. Aber auch ihr Unvermögen, trotz der liebevollen Kindheit, die sie ihrer Shiloh geschenkt haben, jene von eigenen Fehlentscheidungen abzuhalten und sie als Erwachsene zu beschützen. Dieser Aspekt, dass Eltern die Kinder irgendwann ziehen lassen müssen, um sie nicht zu verlieren ist hier äußerst empathisch, ehrlich und voller Lebensweisheiten herausgearbeitet wurden. Demnach ist es tatsächlich ein ganz toller Familienroman mit viel Gefühl.

Was mir jedoch über die gut 300 Seiten des Buches zu kurz kommt, ist der Konflikt zwischen dem Glauben an sich und der Zugehörigkeit zur Familie. Das mag zum einen daran liegen, das Shiloh keine eigene Stimme bekommt und nie ihre Ansicht über die Thematik äußern kann, zum anderen fokussiert sich der Text zu sehr auf Lyles Leben außerhalb seiner Familie, auf Freundschaften und Gesprächspartner, die mit dem Kern der Geschichte recht wenig gemeinsam haben. Deshalb gibt es auch nur wenig Reibungspunkte und alles wirkt sehr harmonisch, obwohl es gerade im letzten Teil dramatisch wird. Diese Dramatik verschwindet jedoch immer wieder zwischen guten Gesprächen, hoffnungsvollen Abenden und schönen Tagen auf der Apfelplantage eines befreundeten Ehepaares. Dieses „weichzeichnen“ des Konflikts Liebe versus Glauben konnte mich in der Summe nicht überzeugen und ich hätte mir mehr Biss in der Umsetzung und einen starken Antigonisten gewünscht, der nicht irgendwo zwischen den Seiten verschwindet.

Fazit

Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen stimmungsvollen, harmonischen Familienroman, der sich mit der Elternrolle und ihren Möglichkeiten intensiv auseinandersetzt. Es ist eine schöne, stimmungsvolle Erzählung gespickt mit einer guten Portion Alltagsphilosophie und erzählt mit großmütigem Herzen. Und wer auf eine kraftspendende Geschichte hofft, in der nicht jede Entscheidung die richtige war, wird hier bestens unterhalten. Allerdings bleibt das Kernthema hinter meinen Erwartungen zurück, denn die Diskrepanz zwischen dem Glauben an eine höhere Macht und den gutgemeinten Ratschlägen der Familie wird hier zu wenig detailliert beleuchtet. Also mehr ein Wohlfühlbuch als eine dramatisch-intensive Lebensgeschichte.

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Veröffentlicht am 18.02.2020

Auf den Spuren der eigenen Familiengeschichte

Klara vergessen
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„Diese Natur hingegen feierte das stetige Erwachen eines Lebens, das immer anders und doch unveränderlich war. Am Ende der Suche nach seiner Großmutter stand die Rückkehr zu ihm selbst.“

Inhalt

Juri ...

„Diese Natur hingegen feierte das stetige Erwachen eines Lebens, das immer anders und doch unveränderlich war. Am Ende der Suche nach seiner Großmutter stand die Rückkehr zu ihm selbst.“

Inhalt

Juri Bondarew kehrt nach vielen Jahren in seine Heimat Russland zurück, um ein letztes Mal am Sterbebett seines Vaters zu stehen. Seiner Familie hat er schon in jungen Jahren den Rücken gekehrt, denn dort fand er weder Liebe noch Anerkennung. Sein Vater Rubin war Kapitän eines Fischtrawlers und bedachte ihn mit Strenge, Züchtigungen, später nur noch mit Verachtung und seine Mutter Reva hat all das hingenommen, ohne sich jemals schützend vor ihren Sohn zustellen.

Mittlerweile ist Juri erfolgreicher Ornithologe in Amerika, der sich seiner Vergangenheit nicht stellen möchte, weil er äußerst genau um ihre wunden Punkte weiß. Doch Rubin steht in seinen letzten Stunden ohnehin nicht der Sinn nach Versöhnung, vielmehr möchte er Juri für die Aufarbeitung der Familiengeschichte sensibilisieren, in deren Zentrum dessen Großmutter Klara stand. Jene Frau, die als erfolgreiche Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Geologie tätig war und in einer gewaltsamen Nacht- und Nebelaktion spurlos verschwand …

Meinung

Die französische Autorin Isabelle Autissier konnte mich bereits mit ihrem Roman „Herz auf Eis“ absolut begeistern, so dass ich „Klara vergessen“ mit einer entsprechend hohen Erwartungshaltung begonnen habe. Diesmal schildert sie aus drei Perspektiven heraus die Geschichte der russischen Familie Bondarew, die sich im totalitären System Stalins ebenso behaupten musste, wie in der Neuzeit. Damit ist ihr ein umfassender, beeindruckender Generationenroman gelungen, der einerseits die Auswirkungen der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen auf das Leben Einzelner zeigt und andererseits die Versöhnung mit einer dramatisch, bedauernswerten Vergangenheit im Rahmen einer persönlichen Spurensuche.

Die Erzählung besticht durch Vielfältigkeit, die sowohl politische als auch individuelle Entwicklungen in einen stimmigen Kontext setzt und sich letztlich mit dem Seelenfrieden und der Vergebung vergangener Entscheidungen beschäftigt. Darüber hinaus erzeugt sie durch einzigartige Naturbeschreibungen ein eisiges, unwirtliches Bild einer menschenverachtenden Umgebung, in der die Natur die Oberhand über Leben und Tod behält.

Fazit

Ich vergebe 4,5 sehr gute Lesesterne für diesen informativen, fesselnden Roman mit einem stimmungsvollen Hintergrund, der besonders für die russische Nachkriegsgeschichte begeistern kann und zudem authentisch, persönlich und betroffen wirkt, weil Emotionen oder deren Fehlen spürbar werden. Dennoch reicht meine Begeisterung nicht ganz an die ihres Vorgängerromans heran, was vielleicht am Gesamtkontext und der Stimmung selbst liegen mag, denn obwohl beide Bücher schriftstellerisch und sprachlich brilliant sind, bleibt hier nicht so viel Interpretationsspielraum, nachdem man die Lektüre beendet hat. Ein sehr empfehlenswertes Buch, dem ich gerne meine Lesezeit geschenkt habe und welches mehr bietet als bloße Unterhaltungswerte.

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