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Veröffentlicht am 01.03.2019

Die Verrücktheit zum "Aus-der-Reihe-Tanzen"

Kirio
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„Nennen wir eine Katze eine Katze und Kirio einen Heiligen. Kirio hatte, von wem auch immer einen Auftrag bekommen. Das glaubte nicht er, aber ich. Er sollte die Menschheit aufrütteln, und bei mir hat ...

„Nennen wir eine Katze eine Katze und Kirio einen Heiligen. Kirio hatte, von wem auch immer einen Auftrag bekommen. Das glaubte nicht er, aber ich. Er sollte die Menschheit aufrütteln, und bei mir hat er damit angefangen.“


Inhalt


Kirio ist der Gute – ein Schalk, ein Schelm der freudestrahlend, radschlagend und unvoreingenommen durch die Welt zieht und mit leichter Hand große und kleine Wunder vollbringt. Was auch immer er in Angriff nimmt, alles ist durch die Besonderheit, das Anderssein geprägt und alle, die ihm begegnen sind nachhaltig beeindruckt, doch der Protagonist des Buches lässt sich davon nichts anmerken. Wenn er liebt, dann endgültig und einmalig, wenn er Flöte spielt dann nur zum Vergnügen, wenn er Wunder vollbringt, geschehen sie ohne sein Wissen und er mogelt sich irgendwie durch, fast wie ein Fluss mal zügig, dann reißend und manchmal nur plätschernd, nur wenn er fehlen würde, wäre Vieles, nein Alles ganz anders. Die Geschichte von Kirio gleicht einer Heiligenlegende, mit Spuren zwischen Frankreich und Deutschland doch ohne Beweise, ohne Substanz verliert sie sich auf der langen Reise zwischen Wunsch und Wirklichkeit.


Meinung


Laut Klappentext ist „Kirio“ ein Roman, der seinesgleichen und bis zum Ende seinen Erzähler sucht. Und dem kann ich nach der Lektüre nur zustimmen, beides findet man hoffentlich und sowieso nicht so schnell wieder. In mehreren kurzen Kapiteln entwirft die deutsche Autorin Anne Weber eine gar seltsame Figur, die vor allem durch ihre Einzigartigkeit besticht. Der Leser begleitet diesen Kirio und bekommt ihn nie zu fassen, was jedoch noch viel abenteuerlicher daherkommt, ist der fehlende Erzähler oder besser noch die Fiktion seiner selbst. Klar wird lediglich, dass immer mal ein anderer oberflächlich Bekannter seine Erlebnisse mit Kirio und dessen Verdienste schildert, nur basierend auf einem klitzekleinen Lebensmoment, der sich nicht auf einen Ort oder eine genaue Zeit beschränkt. Und immer dann, wenn die reale Person das Feld räumt, tritt jener geheimnisvolle Erzähler auf, der uns auf Rätselsuche schickt.


Allerdings hatte ich schon nach dem ersten Drittel des Buches davon die Nase voll. Der Text erinnert mich viel zu sehr und nachhaltig an ein literarisches Experiment, getragen von ausgereifter Sprache aber bar jeglichen Inhalts, geschweige denn mit einer Aussage. Eine wahrhaft kreative Geschichte, oder besser noch mehrere Kurzgeschichten, die der Willkür einer übergeordneten Macht ausgesetzt sind und diese in fragwürdige Handlungen transformieren. Sollte sich jetzt jemand fragen, was meine Rezension bedeuten mag, dann kann ich nur antworten: „Das Buch bleibt mir ein Rätsel.“


Fazit


Ein poetischer Grenzgang zwischen Himmel und Erde? Ja durchaus! Doch mehr als ein sehr enttäuschtes Lesesternchen ist mir diese Sammlung an schönen Wörtern nicht wert. Sollte irgendwer verstanden haben, wer oder was Kirio ist, wer oder was den Text erzählte, wer oder was die Aussage des Geschriebenen formulierte, möge er es bitte nicht mit mir teilen. Es interessiert mich nicht. Definitiv nur für Liebhaber skurriler Erzählungen mit dem besonderen Etwas oder für jene, die sich mit schriftstellerischen Experimenten beschäftigen möchten – dann allerdings könnte „Kirio“ tatsächlich zur Fundgrube werden.

Veröffentlicht am 26.02.2019

Der dunkle Fleck im Herzen

Worauf wir hoffen
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„Und was geschieht, wenn du sündigst? Dann bekommst du einen Fleck im Herzen, einen dunklen kleinen Fleck. Ein Fleck, der nicht mehr weggeht. So fett und schwarz, dass das Herz nicht mehr imstande ist, ...

„Und was geschieht, wenn du sündigst? Dann bekommst du einen Fleck im Herzen, einen dunklen kleinen Fleck. Ein Fleck, der nicht mehr weggeht. So fett und schwarz, dass das Herz nicht mehr imstande ist, Gut und Böse zu unterscheiden.“


Inhalt


Die Ehe von Laila und Rafik ist zwar arrangiert, doch die Liebe lässt nach drei gemeinsamen Kindern nicht mehr auf sich warten. Eine Beziehung, die durch Respekt und Zuwendung geprägt ist und die viele gemeinsame Jahre im Guten wie im Schlechten überdauert hat. Beide stammen ursprünglich aus Indien und leben als streng gläubige Muslime schon viele Jahre in Amerika. Unter diesen Bedingungen wachsen nun auch ihre Kinder Haida, Huda und Amar auf – die Töchter werden nach alter Tradition beschützt und zu Gehorsam und Sittlichkeit erzogen, während der Sohn die Familie repräsentieren soll und sie mit Stolz und Ehrgefühl bereichern darf. Doch die Sehnsucht der Eltern nach diesem Idealbild will sich einfach nicht erfüllen, denn gerade ihr Jüngster entwickelt sich zu einem Rebell und bricht mit Regeln, Traditionen und Wunschvorstellungen jeder Art. Sein Zuhause bleibt ihm eine unerfüllte Sehnsucht, die er bewusst hinter sich lässt und doch nicht aus dem Herzen verbannen kann. Und auch die Töchter wachsen in einer anderen Zeit auf, sie sind viel selbstständiger als ihre Eltern, studieren, leben nur noch eine leichte Variation der elterlichen Religionsverbundenheit und integrieren alle Möglichkeiten, die sich ihnen offenbaren voller Überzeugung in ihr Leben. Und so müssen die Eltern schmerzlich erleben, wie schwer es ist, die Nachkommen gehen zu lassen, deren Wege zu akzeptieren und mit differenzierten Ansichten konfrontiert zu werden.


Meinung


In ihrem Debütroman widmet sich die junge Autorin Fatima Farheen Mirza einer Familiengeschichte, die gleichermaßen besonders und weitreichend ist. Sie erforscht die Tatsache, was Familien im Innersten zusammenhält und welche Probleme sie über die Jahrzehnte bewältigen muss. Viel Raum für Liebe, Glaube und Zuversicht wird gewährt ebenso wie bittere Erkenntnisse, nicht gutzumachende Fehler und die schier ungreifbare Gewalt des Schicksals, dem man nur begrenzt etwas entgegensetzen kann.


Diese Geschichte bereichert die Buchlandschaft um ein buntes, vielschichtiges Geschehen innerhalb einer kleinen Gruppe, deren Mitglieder sich einerseits verpflichtet und verbunden fühlen, die aber auch sehr genau registrieren, dass sich ihr Zusammenhalt zu eng, zu unausgewogen und bremsend auf ihre Persönlichkeitsentwicklung auswirkt. Die Erzählung folgt keiner Chronologie, was anfangs etwas verwirrend wirkt, doch man gewöhnt sich schnell an die vielen kleinen Episoden erzählt aus dem Leben der jeweiligen Person, so dass die Zeitsprünge eher eine generalistische Aussage hervorrufen und die kleinen Nuancen und Verletzungen gut spürbar werden. Darüber hinaus schafft es die Autorin, für einen fremden Kulturkreis Feingefühl und Verständnis zu vermitteln, denn wer kann schon aus seiner Haut, wenn der ganze Glaube so stark auf ein bestimmtes Idealbild konzentriert ist?


Das Aufwachsen der Kinder in einem strengen, an Konventionen gebundenen Elternhaus ist nicht einfach, zumal die Schwestern und Brüder ständig um Anerkennung bei beiden Elternteilen buhlen und damit auch ihre harmonische Geschwisterkonstellation ins Wanken gerät. Und genau dieser Ansatzpunkt hat mir bei der Lektüre am Besten gefallen: Das Betrachten einer ganz normalen, greifbaren Familie, die mit allen Mitteln um die Liebe kämpft und doch nur hoffen kann, dass die Zeit alle Wogen glättet.


Dennoch hat die Erzählung ihr Längen, werden doch einige Sachverhalte immer wieder zur Sprache gebracht und derart ausführlich beleuchtet, dass ich an dieser Stelle eine Straffung des Textes als wohltuend empfunden hätte. Auch der kulturelle Knackpunkt ist nicht so dramatisch wie erwartet, denn obwohl Glaubensfragen durchaus zur Debatte stehen, ergibt sich zu wenig Reibungsfläche, so dass die Erzählung für mich eher universellen Charakter hat und sich zielgerichtet mit Beziehungsmustern auseinandersetzt, doch das hätte ebenso gut in einer Familie ohne muslimischen Hintergrund funktioniert.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für einen intensiven, auf zwischenmenschliche Belange konzentrierten Familienroman, der viele Parallelen zum echten Leben aufweist. Gut gezeichnete Charaktere, bunte Erzählperspektiven und eine fundierte Innenansicht von Menschen, Gedanken und Gefühlen werden hier erschaffen. Doch der „Wow“- Effekt hat mir etwas gefehlt, dafür verliert sich einiges auf dem Weg zwischen Kindheit und Erwachsenwerden der Protagonisten. Sehr gelungen finde ich die Auseinandersetzung mit Geschwisterbeziehungen, Elternproblemen und der weisen Einsicht, dass man Kinder in die Welt setzt, um sie eines Tages ziehen zu lassen und der Weg dorthin ein steiniger ist, gepflastert mit Enttäuschungen, Bewunderung aber auch Überraschungen, die man erst im Lauf eines Lebens gänzlich begreifen kann. Ich vergebe eine Leseempfehlung, mir hat der Roman gerade als dreifache Mutter manches gezeigt, was im Alltag untergeht …

Veröffentlicht am 24.02.2019

Der Wandel - die Mauer - das Meer

Die Mauer
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„Du wirst etwas über dich selbst herausfinden. Du wirst herausfinden, wie du dich verhältst, wenn das Schlimmste passiert. Du wirst herausfinden, ob du immer noch du bist.“


Inhalt


Joseph ist ein junger ...

„Du wirst etwas über dich selbst herausfinden. Du wirst herausfinden, wie du dich verhältst, wenn das Schlimmste passiert. Du wirst herausfinden, ob du immer noch du bist.“


Inhalt


Joseph ist ein junger gesunder Brite, der wie alle seine Landsleute, egal ob männlich oder weiblich seinen Dienst auf der Mauer ableisten muss. Diese Betonmauer umgibt sein ganzes Land und dient zum Schutz vor „den Anderen“ all jenen Menschen also, die jenseits der Mauer leben und um jeden Preis versuchen, hinüberzugelangen. Für genau zwei Jahre muss jeder Verteidiger auf der Mauer sein Land beschützen, bis in den Tod hinein, oder schlimmer noch – gelingt es den Anderen die Mauer zu erklimmen, dann werden ebenso viele Verteidiger dem Meer übergeben, um dann selbst zu sehen, wie sie auf der unwirtlichen Seite des Lebens weiterexistieren können. Gefangen zwischen körperlichen Trainingseinheiten, zähen Stunden des Wartens auf Nichts, eisiger Kälte und kaum menschlichen Kontakten richtet sich Joseph in seinem gegenwärtigen Leben ein, findet sogar in seiner knappen Freizeit eine junge Frau, die er liebt und die ebenfalls ihren Dienst ableistet und beginnt schon von einem Leben „danach“ zu träumen. Doch eines Nachts kommt es zu einem Stromausfall und „den Anderen“ gelingt es eine Bresche zu schlagen und ins Landesinnere zu flüchten und für Joseph ist damit sein Leben in Großbritannien Vergangenheit. Gemeinsam mit einigen anderen Verteidigern wird er in ein Rettungsboot gesetzt und weit hinaus aufs offene Meer gebracht …


Meinung


John Lanchester, gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern und führenden Intellektuellen Englands und hat mit diesem Buch gewissenmaßen den Roman der Stunde geschrieben, in Anbetracht einer politischen Entwicklung, deren Themen Migration, Klimawandel und Brexit sind. Und dennoch wirkt diese Dystopie mehr wie ein Gedankenexperiment und viel weniger als eine Anklageschrift. Denn die politischen Handlungsspielräume sind hier längst schon ausgeschöpft und eine Generation von Menschen ist herangewachsen, die nur die Zeit nach „dem Wandel“ kennt und nicht mehr die Möglichkeiten der freien Wahl.

In ihrer gegenwärtigen Situation ist jede Abweichung tödlich und jede Alternative noch schrecklicher als der Status-Quo. Auch daraus resultiert die unterschwellige Botschaft des Buches, an die dortige Elterngeneration, die für den Lebensstandard von ihren Kindern verantwortlich gemacht wird und nur wenig Liebe und Verständnis erfährt, weil sie es waren, die die Zeitrechnung in ein davor und ein danach geteilt haben.

Prinzipiell konnte mich diese Dystopie wirklich fesseln und da sie von diversen Aktionen lebt, wirkt sie stellenweise wie ein Abenteuerroman der Zukunft. Doch sie spart allzu viel Fiktion aus und stützt sich vielmehr auf die philosophischen Betrachtungsmöglichkeiten in lebensgefährlichen Situationen. Was zunächst nur eine weit entfernte Strafe zu sein scheint, wird nunmehr Wirklichkeit.

Menschen generell sind ihren Vorgesetzten ausgeliefert und darauf angewiesen um ihr Leben zu kämpfen, Rechte und Pflichten sind klar strukturiert und in der Gesellschaft ist kein Platz für schwache Charaktere, egal ob sie körperlich oder mental angegriffen sind, wer nicht die Norm der geforderten Leistung erfüllt, wird verstoßen. Und so kommt die Hoffnungslosigkeit, die Wut auf das vorhersehbare Leben, die Angst vor dem Eintreten des Allerschlimmsten und damit auch die Angst des Versagens auf die Menschen zu. Geschildert wird ein Dasein wie in einem kriegsähnlichen Zustand, nur das der Feind vielmehr im Inneren des Individuums lauert als im tatsächlichen Angriff. Wirst du töten, wenn du musst? Kannst du retten, wen du liebst? Wirst du verzweifeln, wenn dir alles genommen wird? Lohnt sich dein Leben überhaupt?


Fazit


Ich vergebe sehr gute 4,5 Lesesterne (aufgerundet 5) für diesen dystopischen Roman, der viel Atmosphäre schafft und sich auf das Menschsein an sich konzentriert. Es hat mir sehr gut gefallen, dass hier weniger die Unvorstellbarkeit der Handlung im Zentrum des Textes stand, sondern vielmehr der Umgang des Individuums mit den gestellten Anforderungen. Dadurch wurde für mich der Inhalt viel besser greifbar, insbesondere weil mir Dystopien ohne diese menschliche Komponente oftmals zu weltfremd und weit hergeholt erscheinen. Ein gelungener Unterhaltungsroman mit Mehrwert bezüglich der allseits relevanten Frage: „Was für ein Mensch willst du sein?“.

Empfehlenswert für alle Leser, die sich auf die Situation einlassen wollen und nicht auf die Hintergründe der Entwicklungen wert legen. Denn dafür gibt es den halben Punkt Abzug: Die Frage nach dem Sinn und Zweck der Gegenwart, die politischen Hintergründe im Vorfeld und die Greifbarkeit der Entscheidungen werden nur wenig beleuchtet und man findet sie auch nur schwer zwischen den Zeilen, doch dafür ist es ein fiktiver Roman und deshalb kann ich mich damit arrangieren.

Veröffentlicht am 16.02.2019

Die Stolpersteine einer ambivalenten Mutterrolle

Frau im Dunkeln
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„Ich war sehr unglücklich. Ein Eindruck von Auflösung, als wäre ich ein ordentlicher Haufen Staub, der vom Wind kräftig aufgewirbelt worden war und nun formlos in der Luft hing.“


Inhalt


Leda möchte ...

„Ich war sehr unglücklich. Ein Eindruck von Auflösung, als wäre ich ein ordentlicher Haufen Staub, der vom Wind kräftig aufgewirbelt worden war und nun formlos in der Luft hing.“


Inhalt


Leda möchte in ihrem Sommerurlaub entspannen, ihre Freiheit genießen und die wärmende italienische Sonne, zwar reist sie allein, doch gerade diese Unabhängigkeit ist es, die ihr gefällt. Einzig eine neapolitanische Großfamilie, die viel Platz und Raum am Strand beansprucht, wird ihr von Tag zu Tag lästiger. Zur Familie gehört auch die junge Nina mit ihrer kleinen Tochter Elena, die Leda bereits viele Stunden beobachtet hat und deren Einheit die Endvierzigerin angenehm an ihre eigenen Erfahrungen aus den Kindertagen der beiden mittlerweile erwachsenen Töchter erinnert. Aber natürlich sind es nicht nur die guten Gefühle, die dabei präsent sind, sondern auch die Unzulänglichkeiten einer jungen Frau, die ihrem Kind stellenweise nichts entgegenzusetzen hat und sich dem Geschrei und Gequengel des Kindes niedergeschlagen beugt. Leda selbst schwankt zwischen Neid, Bewunderung und Zweifeln und knüpft lockeren Kontakt zu Nina und ihrer Tochter, nur um dann zu erkennen, dass auch hinter der offensichtlich glücklichen Fassade dunkle Abgründe und geheimnisvolle Gefühlsregungen verborgen sind …


Meinung


Dieser frühe Roman der Autorin, deren Neapolitanische Saga ich mit viel Freude gelesen habe, kann nicht so ganz an dieses Werk heranreichen. Einerseits kommt mir die Thematik der Mutterrolle seltsam bekannt vor und bietet daher nur wenig Raum für Neues, zum anderen konfrontiert die Autorin uns hier mit einer unsympathischen, eigenwilligen Person, die dermaßen unzufrieden und verbittert wirkt, dass es mir schwerfiel, mich mit ihren Handlungen auch nur objektiv vertraut zu machen.


Das Augenmerk liegt vor allem auf den Bürden und Lasten, die ein Leben mit Kindern mit sich bringt, sei es die Entbehrung der eigenen Freizeitgestaltung, die Liebe zu einem Mann, der sich nun immer weiter distanziert, oder auch die kleinen und größeren Machtkämpfe die eine Mutter mit ihren Kindern führt, während sie sich bemüht ihnen das bestmögliche zu bieten und sie zu selbstsicheren, anständigen Menschen zu erziehen. Nur bleibt Leda tatsächlich in diesen übereifrigen Bemühungen stecken. Denn obwohl sie zwei gesunde, gebildete Töchter großgezogen hat, sieht sie in deren Dasein immer noch eine Bedrohung und einen ganz wesentlichen Faktor, warum ihr eigenes Leben eine so elementare Wende genommen hat.


Beim Lesen habe ich mich sehr oft gefragt, warum Leda überhaupt Mutter geworden ist, wenn sie doch so wenig Liebe für ihre Kinder empfindet, dass sie sogar fremde Urlauber unter dem Fokus einer ähnlichen Beziehung beobachtet und deren Verhaltensweisen regelrecht seziert. Im Grunde genommen wirkt die Protagonistin egozentrisch, verbittert und anmaßend auf sehr dominante Art und Weise. Was mich aber vielmehr irritiert ist die scheinbare Allgemeingültigkeit, mit dem die Autorin nicht nur diese spezielle Familie ins Visier nimmt, sondern jedwede Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Und spätestens an dieser Stelle muss ich mich deutlich von den Aussagen des Buches distanzieren, weil sie mir so fremd und unvorstellbar erscheinen. Könnte man doch nach der Lektüre vermuten, das eigene Kinder die Mutter in die Opferrolle drängen und sich selbstbewusst alles nehmen, ohne jemals zu hinterfragen, wie sich die Frau, die sie „Mutter“ nennen fühlen könnte.


Positiv bewerten möchte ich hier den ganz entspannten, bildhaften Erzählstil, der gerade die Umgebung und das Strandleben aufs Beste einfängt, und die Stimmung vor Ort auch in die Geschichte selbst hineinbringt. Bedeutsame Formulierungen, viele aussagekräftige Momentaufnahmen und eine mit Leichtigkeit erzählte Handlung, die sehr gut vorstellbar und greifbar wird.


Fazit


Ich vergebe leicht zwiegespaltene 3 Lesesterne, denn eigentlich war das Leseerlebnis selbst wesentlich positiver, während mir der Inhalt und die Charaktere um einiges unsympathischer waren. Sicherlich kommt es auch auf die Erwartungshaltung an, die bei mir im oberen Bereich angesiedelt war und die durch die abermalige Wiederholung der Thematik Frau und Mutter in der Gesellschaft (die später wesentlich umfassender in der Neapolitanischen Saga verankert ist) schnell abgenutzt wird. Hervorragend getroffen hat die Autorin allerdings eine ganz bestimmte Sorte Mensch: nämlich diejenigen, die die Schuld immer bei anderen suchen und sich die eigenen Verfehlungen nicht eingestehen wollen, geschweige denn eine Charakterwandlung vollziehen und dieses Phänomen gibt es längst nicht nur bei Müttern …

Veröffentlicht am 15.02.2019

Der letzte Funke Leben

Leichenblässe
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„Jetzt hatte sich die alte Besessenheit wieder geregt, das Bedürfnis, die Wahrheit über das Schicksal der Opfer zu erfahren.“


Inhalt


Für den forensischen Anthropologen, dem sein letzter Einsatz fast ...

„Jetzt hatte sich die alte Besessenheit wieder geregt, das Bedürfnis, die Wahrheit über das Schicksal der Opfer zu erfahren.“


Inhalt


Für den forensischen Anthropologen, dem sein letzter Einsatz fast das Leben gekostet hat, wird das Wiedersehen mit seinem alten Mentor Tom Lieberman in Tennessee, längst nicht so harmlos wie angenommen. Denn obwohl sich Tom aus gesundheitlichen Gründen von der Arbeit zurückziehen möchte, wirkt er an einer aktuellen Mordserie mit und unterstützt mit seinen Entdeckungen die Ermittlungsarbeit der Polizei.

Anscheinend hat ein Serienmörder die Leichen mehrerer Menschen auf spektakuläre Art und Weise vertauscht, so das sich der Verwesungsgrad der Leiche mit ihrem eigentlichen Todeszeitpunkt nicht verträgt. Allerdings fehlt von einem möglichen Motiv jegliche Spur, die einzige Erkenntnis, die Tom und David gewinnen, ist die Tatsache, dass sich der Mörder ebenso gut wie sie selbst, mit den Prozessen der biochemischen Zersetzung lebender Organismen auskennen muss. Ein zwielichtiger Bestattungsunternehmer rückt schnell in den Fokus der Ermittlung, doch die Puzzleteile passen nicht ganz, selbst wenn der potentielle Täter urplötzlich verschwunden ist. Doch während Tom der Aufklärung ein Stückchen näher gekommen ist, ereilt ihn ein Herzanfall und David, muss die Sache alleine weiterführen, ohne zu ahnen, dass er nun selbst zur Zielscheibe eines Verrückten geworden ist, der sein Kunstwerk noch nicht vollenden konnte …


Meinung


Auch in seinem dritten Band der David-Hunter-Reihe punktet der britische Bestsellerautor Simon Beckett mit einer fundierten Mischung aus forensischer Anthropologie, menschlichen Abgründen und mörderischen Aktivitäten. Der Mehrwert dieser Serie beruht nicht nur auf spannenden Mordfällen und grausamen Szenarien, sondern auch auf detaillierten Personenbeschreibungen und realitätsnahen Verhaltensweisen der Protagonisten. Insgesamt ist es genau dieser Mix, der für abwechslungsreiche Lesestunden mit hohem Suchtfaktor sorgt. Der Autor bringt genau die richtige Dosis Privatleben ein und garniert sie mit spezifischem Fachwissen und unwiderlegbaren Ereignissen.

Dabei lockert er den Text immer wieder mit kurzen Auszügen aus den Gedankengängen des Täters auf, ohne dabei zu viel zu verraten. Denn insgesamt bleibt der Leser auf dem gleichen Kenntnisstand wie David Hunter und damit immer ein klein wenig im Nachteil gegenüber dem Täter, obgleich es manchmal ein kurzes Aufflackern gibt, bei dem man denkt, der Wahrheit viel näher gekommen zu sein, bis die nächste unerwartete Wende ihren Lauf nimmt.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen intensiven, konkreten Thriller mit viel informativen Wissen bezüglich der menschlichen Verwesungsprozesse und ihrer Spuren nach dem Tod. Schriftstellerisch wertvoll, da es weder die pure Action, noch der sadistische Wahnsinn sind, die den Verlauf bestimmen, sondern vielmehr ein akribischer Ermittler, der sehr gut im Lesen diverser Spuren ist und trotzdem rein intuitiv und menschlich handelt. Für Fans der Reihe ein absolutes Must-Read, obwohl man hier die Bände auch gut in abgewandelter Reihenfolge lesen kann, da sie immer abgeschlossen sind und auch solo spannende Lesestunden bescheren. Wer ausgereifte Lektüre auf dem Markt der Spannungsliteratur sucht, wird mit Simon Beckett sicherlich fündig.