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Veröffentlicht am 24.02.2019

Der Wandel - die Mauer - das Meer

Die Mauer
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„Du wirst etwas über dich selbst herausfinden. Du wirst herausfinden, wie du dich verhältst, wenn das Schlimmste passiert. Du wirst herausfinden, ob du immer noch du bist.“


Inhalt


Joseph ist ein junger ...

„Du wirst etwas über dich selbst herausfinden. Du wirst herausfinden, wie du dich verhältst, wenn das Schlimmste passiert. Du wirst herausfinden, ob du immer noch du bist.“


Inhalt


Joseph ist ein junger gesunder Brite, der wie alle seine Landsleute, egal ob männlich oder weiblich seinen Dienst auf der Mauer ableisten muss. Diese Betonmauer umgibt sein ganzes Land und dient zum Schutz vor „den Anderen“ all jenen Menschen also, die jenseits der Mauer leben und um jeden Preis versuchen, hinüberzugelangen. Für genau zwei Jahre muss jeder Verteidiger auf der Mauer sein Land beschützen, bis in den Tod hinein, oder schlimmer noch – gelingt es den Anderen die Mauer zu erklimmen, dann werden ebenso viele Verteidiger dem Meer übergeben, um dann selbst zu sehen, wie sie auf der unwirtlichen Seite des Lebens weiterexistieren können. Gefangen zwischen körperlichen Trainingseinheiten, zähen Stunden des Wartens auf Nichts, eisiger Kälte und kaum menschlichen Kontakten richtet sich Joseph in seinem gegenwärtigen Leben ein, findet sogar in seiner knappen Freizeit eine junge Frau, die er liebt und die ebenfalls ihren Dienst ableistet und beginnt schon von einem Leben „danach“ zu träumen. Doch eines Nachts kommt es zu einem Stromausfall und „den Anderen“ gelingt es eine Bresche zu schlagen und ins Landesinnere zu flüchten und für Joseph ist damit sein Leben in Großbritannien Vergangenheit. Gemeinsam mit einigen anderen Verteidigern wird er in ein Rettungsboot gesetzt und weit hinaus aufs offene Meer gebracht …


Meinung


John Lanchester, gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern und führenden Intellektuellen Englands und hat mit diesem Buch gewissenmaßen den Roman der Stunde geschrieben, in Anbetracht einer politischen Entwicklung, deren Themen Migration, Klimawandel und Brexit sind. Und dennoch wirkt diese Dystopie mehr wie ein Gedankenexperiment und viel weniger als eine Anklageschrift. Denn die politischen Handlungsspielräume sind hier längst schon ausgeschöpft und eine Generation von Menschen ist herangewachsen, die nur die Zeit nach „dem Wandel“ kennt und nicht mehr die Möglichkeiten der freien Wahl.

In ihrer gegenwärtigen Situation ist jede Abweichung tödlich und jede Alternative noch schrecklicher als der Status-Quo. Auch daraus resultiert die unterschwellige Botschaft des Buches, an die dortige Elterngeneration, die für den Lebensstandard von ihren Kindern verantwortlich gemacht wird und nur wenig Liebe und Verständnis erfährt, weil sie es waren, die die Zeitrechnung in ein davor und ein danach geteilt haben.

Prinzipiell konnte mich diese Dystopie wirklich fesseln und da sie von diversen Aktionen lebt, wirkt sie stellenweise wie ein Abenteuerroman der Zukunft. Doch sie spart allzu viel Fiktion aus und stützt sich vielmehr auf die philosophischen Betrachtungsmöglichkeiten in lebensgefährlichen Situationen. Was zunächst nur eine weit entfernte Strafe zu sein scheint, wird nunmehr Wirklichkeit.

Menschen generell sind ihren Vorgesetzten ausgeliefert und darauf angewiesen um ihr Leben zu kämpfen, Rechte und Pflichten sind klar strukturiert und in der Gesellschaft ist kein Platz für schwache Charaktere, egal ob sie körperlich oder mental angegriffen sind, wer nicht die Norm der geforderten Leistung erfüllt, wird verstoßen. Und so kommt die Hoffnungslosigkeit, die Wut auf das vorhersehbare Leben, die Angst vor dem Eintreten des Allerschlimmsten und damit auch die Angst des Versagens auf die Menschen zu. Geschildert wird ein Dasein wie in einem kriegsähnlichen Zustand, nur das der Feind vielmehr im Inneren des Individuums lauert als im tatsächlichen Angriff. Wirst du töten, wenn du musst? Kannst du retten, wen du liebst? Wirst du verzweifeln, wenn dir alles genommen wird? Lohnt sich dein Leben überhaupt?


Fazit


Ich vergebe sehr gute 4,5 Lesesterne (aufgerundet 5) für diesen dystopischen Roman, der viel Atmosphäre schafft und sich auf das Menschsein an sich konzentriert. Es hat mir sehr gut gefallen, dass hier weniger die Unvorstellbarkeit der Handlung im Zentrum des Textes stand, sondern vielmehr der Umgang des Individuums mit den gestellten Anforderungen. Dadurch wurde für mich der Inhalt viel besser greifbar, insbesondere weil mir Dystopien ohne diese menschliche Komponente oftmals zu weltfremd und weit hergeholt erscheinen. Ein gelungener Unterhaltungsroman mit Mehrwert bezüglich der allseits relevanten Frage: „Was für ein Mensch willst du sein?“.

Empfehlenswert für alle Leser, die sich auf die Situation einlassen wollen und nicht auf die Hintergründe der Entwicklungen wert legen. Denn dafür gibt es den halben Punkt Abzug: Die Frage nach dem Sinn und Zweck der Gegenwart, die politischen Hintergründe im Vorfeld und die Greifbarkeit der Entscheidungen werden nur wenig beleuchtet und man findet sie auch nur schwer zwischen den Zeilen, doch dafür ist es ein fiktiver Roman und deshalb kann ich mich damit arrangieren.

Veröffentlicht am 16.02.2019

Die Stolpersteine einer ambivalenten Mutterrolle

Frau im Dunkeln
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„Ich war sehr unglücklich. Ein Eindruck von Auflösung, als wäre ich ein ordentlicher Haufen Staub, der vom Wind kräftig aufgewirbelt worden war und nun formlos in der Luft hing.“


Inhalt


Leda möchte ...

„Ich war sehr unglücklich. Ein Eindruck von Auflösung, als wäre ich ein ordentlicher Haufen Staub, der vom Wind kräftig aufgewirbelt worden war und nun formlos in der Luft hing.“


Inhalt


Leda möchte in ihrem Sommerurlaub entspannen, ihre Freiheit genießen und die wärmende italienische Sonne, zwar reist sie allein, doch gerade diese Unabhängigkeit ist es, die ihr gefällt. Einzig eine neapolitanische Großfamilie, die viel Platz und Raum am Strand beansprucht, wird ihr von Tag zu Tag lästiger. Zur Familie gehört auch die junge Nina mit ihrer kleinen Tochter Elena, die Leda bereits viele Stunden beobachtet hat und deren Einheit die Endvierzigerin angenehm an ihre eigenen Erfahrungen aus den Kindertagen der beiden mittlerweile erwachsenen Töchter erinnert. Aber natürlich sind es nicht nur die guten Gefühle, die dabei präsent sind, sondern auch die Unzulänglichkeiten einer jungen Frau, die ihrem Kind stellenweise nichts entgegenzusetzen hat und sich dem Geschrei und Gequengel des Kindes niedergeschlagen beugt. Leda selbst schwankt zwischen Neid, Bewunderung und Zweifeln und knüpft lockeren Kontakt zu Nina und ihrer Tochter, nur um dann zu erkennen, dass auch hinter der offensichtlich glücklichen Fassade dunkle Abgründe und geheimnisvolle Gefühlsregungen verborgen sind …


Meinung


Dieser frühe Roman der Autorin, deren Neapolitanische Saga ich mit viel Freude gelesen habe, kann nicht so ganz an dieses Werk heranreichen. Einerseits kommt mir die Thematik der Mutterrolle seltsam bekannt vor und bietet daher nur wenig Raum für Neues, zum anderen konfrontiert die Autorin uns hier mit einer unsympathischen, eigenwilligen Person, die dermaßen unzufrieden und verbittert wirkt, dass es mir schwerfiel, mich mit ihren Handlungen auch nur objektiv vertraut zu machen.


Das Augenmerk liegt vor allem auf den Bürden und Lasten, die ein Leben mit Kindern mit sich bringt, sei es die Entbehrung der eigenen Freizeitgestaltung, die Liebe zu einem Mann, der sich nun immer weiter distanziert, oder auch die kleinen und größeren Machtkämpfe die eine Mutter mit ihren Kindern führt, während sie sich bemüht ihnen das bestmögliche zu bieten und sie zu selbstsicheren, anständigen Menschen zu erziehen. Nur bleibt Leda tatsächlich in diesen übereifrigen Bemühungen stecken. Denn obwohl sie zwei gesunde, gebildete Töchter großgezogen hat, sieht sie in deren Dasein immer noch eine Bedrohung und einen ganz wesentlichen Faktor, warum ihr eigenes Leben eine so elementare Wende genommen hat.


Beim Lesen habe ich mich sehr oft gefragt, warum Leda überhaupt Mutter geworden ist, wenn sie doch so wenig Liebe für ihre Kinder empfindet, dass sie sogar fremde Urlauber unter dem Fokus einer ähnlichen Beziehung beobachtet und deren Verhaltensweisen regelrecht seziert. Im Grunde genommen wirkt die Protagonistin egozentrisch, verbittert und anmaßend auf sehr dominante Art und Weise. Was mich aber vielmehr irritiert ist die scheinbare Allgemeingültigkeit, mit dem die Autorin nicht nur diese spezielle Familie ins Visier nimmt, sondern jedwede Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Und spätestens an dieser Stelle muss ich mich deutlich von den Aussagen des Buches distanzieren, weil sie mir so fremd und unvorstellbar erscheinen. Könnte man doch nach der Lektüre vermuten, das eigene Kinder die Mutter in die Opferrolle drängen und sich selbstbewusst alles nehmen, ohne jemals zu hinterfragen, wie sich die Frau, die sie „Mutter“ nennen fühlen könnte.


Positiv bewerten möchte ich hier den ganz entspannten, bildhaften Erzählstil, der gerade die Umgebung und das Strandleben aufs Beste einfängt, und die Stimmung vor Ort auch in die Geschichte selbst hineinbringt. Bedeutsame Formulierungen, viele aussagekräftige Momentaufnahmen und eine mit Leichtigkeit erzählte Handlung, die sehr gut vorstellbar und greifbar wird.


Fazit


Ich vergebe leicht zwiegespaltene 3 Lesesterne, denn eigentlich war das Leseerlebnis selbst wesentlich positiver, während mir der Inhalt und die Charaktere um einiges unsympathischer waren. Sicherlich kommt es auch auf die Erwartungshaltung an, die bei mir im oberen Bereich angesiedelt war und die durch die abermalige Wiederholung der Thematik Frau und Mutter in der Gesellschaft (die später wesentlich umfassender in der Neapolitanischen Saga verankert ist) schnell abgenutzt wird. Hervorragend getroffen hat die Autorin allerdings eine ganz bestimmte Sorte Mensch: nämlich diejenigen, die die Schuld immer bei anderen suchen und sich die eigenen Verfehlungen nicht eingestehen wollen, geschweige denn eine Charakterwandlung vollziehen und dieses Phänomen gibt es längst nicht nur bei Müttern …

Veröffentlicht am 15.02.2019

Der letzte Funke Leben

Leichenblässe
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„Jetzt hatte sich die alte Besessenheit wieder geregt, das Bedürfnis, die Wahrheit über das Schicksal der Opfer zu erfahren.“


Inhalt


Für den forensischen Anthropologen, dem sein letzter Einsatz fast ...

„Jetzt hatte sich die alte Besessenheit wieder geregt, das Bedürfnis, die Wahrheit über das Schicksal der Opfer zu erfahren.“


Inhalt


Für den forensischen Anthropologen, dem sein letzter Einsatz fast das Leben gekostet hat, wird das Wiedersehen mit seinem alten Mentor Tom Lieberman in Tennessee, längst nicht so harmlos wie angenommen. Denn obwohl sich Tom aus gesundheitlichen Gründen von der Arbeit zurückziehen möchte, wirkt er an einer aktuellen Mordserie mit und unterstützt mit seinen Entdeckungen die Ermittlungsarbeit der Polizei.

Anscheinend hat ein Serienmörder die Leichen mehrerer Menschen auf spektakuläre Art und Weise vertauscht, so das sich der Verwesungsgrad der Leiche mit ihrem eigentlichen Todeszeitpunkt nicht verträgt. Allerdings fehlt von einem möglichen Motiv jegliche Spur, die einzige Erkenntnis, die Tom und David gewinnen, ist die Tatsache, dass sich der Mörder ebenso gut wie sie selbst, mit den Prozessen der biochemischen Zersetzung lebender Organismen auskennen muss. Ein zwielichtiger Bestattungsunternehmer rückt schnell in den Fokus der Ermittlung, doch die Puzzleteile passen nicht ganz, selbst wenn der potentielle Täter urplötzlich verschwunden ist. Doch während Tom der Aufklärung ein Stückchen näher gekommen ist, ereilt ihn ein Herzanfall und David, muss die Sache alleine weiterführen, ohne zu ahnen, dass er nun selbst zur Zielscheibe eines Verrückten geworden ist, der sein Kunstwerk noch nicht vollenden konnte …


Meinung


Auch in seinem dritten Band der David-Hunter-Reihe punktet der britische Bestsellerautor Simon Beckett mit einer fundierten Mischung aus forensischer Anthropologie, menschlichen Abgründen und mörderischen Aktivitäten. Der Mehrwert dieser Serie beruht nicht nur auf spannenden Mordfällen und grausamen Szenarien, sondern auch auf detaillierten Personenbeschreibungen und realitätsnahen Verhaltensweisen der Protagonisten. Insgesamt ist es genau dieser Mix, der für abwechslungsreiche Lesestunden mit hohem Suchtfaktor sorgt. Der Autor bringt genau die richtige Dosis Privatleben ein und garniert sie mit spezifischem Fachwissen und unwiderlegbaren Ereignissen.

Dabei lockert er den Text immer wieder mit kurzen Auszügen aus den Gedankengängen des Täters auf, ohne dabei zu viel zu verraten. Denn insgesamt bleibt der Leser auf dem gleichen Kenntnisstand wie David Hunter und damit immer ein klein wenig im Nachteil gegenüber dem Täter, obgleich es manchmal ein kurzes Aufflackern gibt, bei dem man denkt, der Wahrheit viel näher gekommen zu sein, bis die nächste unerwartete Wende ihren Lauf nimmt.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen intensiven, konkreten Thriller mit viel informativen Wissen bezüglich der menschlichen Verwesungsprozesse und ihrer Spuren nach dem Tod. Schriftstellerisch wertvoll, da es weder die pure Action, noch der sadistische Wahnsinn sind, die den Verlauf bestimmen, sondern vielmehr ein akribischer Ermittler, der sehr gut im Lesen diverser Spuren ist und trotzdem rein intuitiv und menschlich handelt. Für Fans der Reihe ein absolutes Must-Read, obwohl man hier die Bände auch gut in abgewandelter Reihenfolge lesen kann, da sie immer abgeschlossen sind und auch solo spannende Lesestunden bescheren. Wer ausgereifte Lektüre auf dem Markt der Spannungsliteratur sucht, wird mit Simon Beckett sicherlich fündig.

Veröffentlicht am 01.02.2019

Zwei Seelen in einer Brust

Krähenmädchen
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„Das Einzige, was er ihr eingeimpft hat, war der Wille zu fliehen. Er hat ihr nie beigebracht bleiben zu wollen.“


Inhalt


Für Victoria Bergman ist ihr Lebensweg eine einzige Tortur, vom Vater schwer ...

„Das Einzige, was er ihr eingeimpft hat, war der Wille zu fliehen. Er hat ihr nie beigebracht bleiben zu wollen.“


Inhalt


Für Victoria Bergman ist ihr Lebensweg eine einzige Tortur, vom Vater schwer missbraucht, traumatisiert und allein versucht sie ihre schlimmen Ereignisse bei der Psychotherapeutin Sofia Zetterlund zu verarbeiten. In ellenlangen Monologen arbeitet sie die monströsen Ereignisse auf, ohne tatsächliche Hilfe zu erwartet, denn wer kann schon eine geschundene Seele heilen? Unterdessen versucht die Kommissarin Jeanette Kihlberg aktuelle Mordfälle aufzuklären, bei der junge Männer, fast noch Kinder verschwinden, misshandelt werden und erst eine Weile nach ihrem Tod wieder an der Oberfläche auftauchen. Einige von ihnen sind nicht einmal gemeldet, sondern höchstwahrscheinlich illegal im Land. Jeanette findet heraus, dass einer der Ermordeten ebenfalls Patient bei Frau Zetterlund war und erhofft sich von ihr, neue Erkenntnisse, um die Aufklärung der Mordfälle voranzutreiben. Schon bald werden aus Sofia und Jeanette Freundinnen, die sich gegenseitig in ihrem schwierigen Privatleben unterstützen, doch manchmal weiß Sofia Dinge, die ihr nie jemand erzählt hat, außer vielleicht Victoria in einer besonders schmerzhaften Phase …


Meinung


Das schwedische Autorenduo, unter dem Pseudonym Erik Axl Sund, greifen in ihrem Auftaktband zur Victoria-Bergman-Reihe, einen sehr interessanten Ansatzpunkt auf, welcher sich in erster Linie mit schweren psychischen Störungen beschäftigt, die sich auf Grund diverser Misshandlungen in der Kindheit manifestieren, um sich dann im Erwachsenenalter mit enormer Kraft ihren Weg zu bahnen.

Allerdings kann man diesen Prozess nur mäßig gut nachvollziehen, da die Handlung selbst sehr sporadisch und undurchsichtig verläuft. Immer wieder werden neue Aspekte aufgegriffen, die zunächst in keinerlei Kontext zu stehen scheinen. Mal taucht der Leser in Victorias Psyche ein, kurz darauf in die schwierige Beziehung zwischen Jeanette und ihrem Mann, dann wieder hin zu misshandelten Kindern im Krieg und neuen Erkenntnissen auf Grundlage der laufenden Autopsien. Dadurch ist es ein stetes Auf und Ab, dem es über weite Teile schlicht und einfach an Spannung mangelt.

Erst im zweiten Teil wird dieser Thriller deutlicher, weil sich plötzlich Parallelen zeigen, die im Vorfeld keinen Sinn ergaben. Doch auch nun, bezugnehmend auf die psychische Komponente, bleibt der Text hinter meinen Erwartungen zurück. Nicht zuletzt die Tatsache, dass dieses Buch ein offenes Ende hat, dessen Fortsetzung sich in den Folgebänden entfalten wird, stimmt mich eher frustriert.

Tatsächlich gelingt es den Autoren nicht, mich von den Charakteren, den Opfern und Tätern aber auch nicht von den Ermittlern zu überzeugen. Die guten Ansätze verlaufen zusehends im Sand. Am meisten störte mich die sprunghaft wechselnde Perspektive in Kombination mit unglaubwürdigen Ereignissen und unrelevanten Problemen, wie z.B. die kurz vor dem Aus stehende Ehe der Kommissarin – ein unschöner Lückenfüller, der aber nicht die beabsichtigte Nähe zum Charakter herstellt, sondern vollkommen zusammenhangslos erscheint.


Fazit


Ich vergebe 2 Lesesterne für diesen Thriller, der leider nicht das erhoffte Ergebnis erzielt, weil es ihm nicht gelingt mich für die Geschichte zu sensibilisieren. Die Schreibweise ist gar nicht mal so verkehrt, es hätte mir aber sehr geholfen, wenn ich Bilder vor Augen gehabt hätte, wie z.B. in einem Film, denn allein der Text war mir zu verworren und die schöne, grausame Victoria hat ebenso wenig Bestand, wie die unentschlossene Jeanette, die allzu schnell die Flinte ins Korn wirft. Ganz klar: diese Reihe werde ich mit gutem Gewissen nicht fortsetzen – mögen sich die Protagonisten auch weiterentwickeln, mir ist es einerlei in welche Richtung. Obwohl ich schwedische Kriminalromane sehr gerne lese, fällt mein Urteil hier sehr schlecht aus – schade, denn die Ansatzpunkte waren mal etwas ganz anderes, mit viel Potential für einen grausigen, psychologischen Thriller jenseits des Mainstream.

Veröffentlicht am 29.01.2019

Die unsicheren Konstanten der Einsamkeit

Agathe
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„Doch wie ich hier so saß, hatte ich nicht die leiseste Ahnung, woraus dieses Leben bestehen sollte. Waren nicht Angst und Einsamkeit die einzigen Konstanten, derer ich mir sicher sein konnte?“


Inhalt


Mit ...

„Doch wie ich hier so saß, hatte ich nicht die leiseste Ahnung, woraus dieses Leben bestehen sollte. Waren nicht Angst und Einsamkeit die einzigen Konstanten, derer ich mir sicher sein konnte?“


Inhalt


Mit 72 Jahren begibt sich ein alternder Psychiater auf seinen persönlichen Abschiedsweg aus dem Berufsleben. Er hat sich eine Frist gesetzt, wie viele Gespräche er vor Beginn seines Ruhestands noch führen wird, um dann endgültig die Türen seiner Praxis zu schließen. Fortan zählt er rückwärts und findet die einzige Motivation für den Tag in der immer kleiner werdenden Zahl seiner Verpflichtungen. Die neue Patientin Agathe, eine manisch-depressive Person, die sich bereits jahrelang in psychiatrischer Behandlung befindet, kommt ihm dabei irgendwie in die Quere. Nicht nur, dass sie es schafft sich in seinen Terminkalender zu schmuggeln, obwohl er niemanden mehr aufnehmen wollte, nein, sie ist auch die Einzige, die ihn nach vielen Jahren wieder in seiner Lethargie erschüttert und bei der endlich einmal wieder das Gefühl verspürt, nicht nur ihre Krankheit zu lindern sondern auch Zutritt zu ihrer Seele zu bekommen. Ihre Denkanstöße gehen aber weit über sein normales Praxisniveau hinaus, besonders weil sie ihm zeigt, wie leer und einsam sein Leben ist, wie aufgesetzt seine Freude über den anstehenden Pensionsbeginn, hat er doch dann so gar keine Aufgabe mehr und kann sich tagein tagaus mit seinem immer älter werdenden Körper beschäftigen. Der Psychiater kommt ins straucheln und beginnt, sich neu zu erfinden, denn Agathe hat den Nagel auf den Kopf getroffen – was bleibt ihm denn, außer Einsamkeit und Verdruss?


Meinung


Aufmerksam geworden bin ich auf dieses kleine feine Buch, weil mich die Geschichte an sich sehr angesprochen hat. Allein die Frage auf dem Klappentext, ob es jemals zu spät ist, um Nähe zuzulassen, impliziert einen emotionalen, tiefgründigen Text, der sich auf Zwischenmenschlichkeit und Lebensführung beruft, vielleicht auch auf verpasste Chancen und Neuanfänge. Ein psychologisches, universelles Thema, zu dem man sicher auch eigene Erfahrungswerte beisteuern kann.


Die Autorin Anne Cathrine Bomann arbeitet selbst als Psychologin, was dem Text vielleicht auch diese ganz persönliche Handschrift verleiht. Einerseits ein leichtes, lockeres Buch, basierend auf mehreren Gesprächsführungen ohne viel Nebenhandlungen. Doch dann wieder ein sehr traurig wirkender, melancholischer Monolog, bei dem sich der Hauptprotagonist immer mehr mit seinen Fehlern und Verfehlungen konfrontiert sieht, die ihm zwar durchaus geläufig sind, denen er aber erst jetzt, in Gegenwart seiner Patientin Agathe eine Bedeutung beimisst. Das Augenmerk liegt dabei eindeutig auf der Bewusstseinsfindung, ausgelöst durch eine fremde, anscheinend besondere Person, die ohne speziellen Willen und ein zielgerichtetes Vorhaben Veränderungen hervorruft, die es dem Hauptcharakter des Buches ermöglichen über seinen Schatten zu springen. Und so schafft der Roman beides: er bildet ein auf Einsamkeit ausgerichtetes Menschenleben ab, welches offensichtlich funktioniert aber keine Sinnhaftigkeit besitzt und er setzt diesem ein gestörtes, krankhaftes Bild entgegen, dem es zwar nicht an Erkenntnis mangelt, dafür aber an Freude. Zwei Personen treffen aufeinander, die sich gegenseitig beeinflussen können und das nach anfänglichen Zweifeln auch tun.


So einfühlsam und schön der Text aber auch geschrieben ist, mir fehlt dennoch ein bisschen Hintergrund. Das liegt vielleicht auch daran, das die Namensgeberin des Buches für mich eine sehr schemenhafte, blasse Gestalt geblieben ist, so dass ich nicht restlos nachvollziehen kann, wie es ihr gelingen konnte, den Psychiater (der leider ohne Namen bleibt) so wachzurütteln. Auch die Gedankengänge und die folgenden Handlungern erscheinen mir etwas unpassend vielleicht auch aufgesetzt. Denn die Erkenntnis, das Einsamkeit die Zukunft sein soll, bewegt den Herrn Doktor nun Kuchen für den Nachbarn zu backen und sich ans Sterbebett von Bekannten zu setzen – gut vielleicht ein Anfang, doch hatte ich nicht das Gefühl, das sein anfängliches negatives Weltbild nun wirklich einen positiven Wandel durchlaufen hat. Möglicherweise liegt auch in dem offenen Ende die Schönheit dieser Erzählung, bei der noch alles möglich scheint und nichts beendet – nur vermisse ich an dieser Stelle ein klares Schlusswort.


Fazit


Ich vergebe 4 Lesesterne für einen ansprechenden Roman mit einer sympathischen Geschichte. Ein guter Mix aus Unterhaltungsliteratur und anspruchsvollen Gedankengängen, die dem Leser aber selbst überlassen bleiben. Manchmal war mir der Inhalt zu seicht, dann wieder zu pessimistisch aber vor allem fehlt mir die Bedeutungsschwere, die ich zu Beginn erwartet habe. Für mich ist es eher ein leichtes Wachrütteln bezüglich der Möglichkeit, hin und wieder den Lebensweg zu überprüfen, damit man nicht irgendwann vor verpassten Chancen und endlosen Weiten steht und im Hintergrund die ablaufende Zeit wahrnimmt. Eine Hommage an das Motto: Nutze den Tag und die Menschen, die dir begegnen, um glücklich zu werden.

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