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Veröffentlicht am 21.09.2017

Die lange Flucht im Untergrund

Underground Railroad
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„Die Wahrheit war eine wechselnde Auslage im Schaufenster, von menschlicher Hand verfälscht, wenn man gerade nicht hinsah, verlockend und stets außer Reichweite.“

Inhalt

Cora wird als Kind einer Sklavin ...

„Die Wahrheit war eine wechselnde Auslage im Schaufenster, von menschlicher Hand verfälscht, wenn man gerade nicht hinsah, verlockend und stets außer Reichweite.“

Inhalt

Cora wird als Kind einer Sklavin mitten hinein in ein menschenunwürdiges Leben geboren. Sie wächst auf einer Baumwollplantage in Georgia auf und wird mit 10 Jahren von ihrer Mutter im Stich gelassen, als diese beschließt, zu fliehen und der Farm unerlaubter Weise den Rücken zu kehren. Fortan muss sich das Mädchen allein durchschlagen und wird auch bald unter Ihresgleichen ausgebeutet und in die Hob verbannt, einen Ort an dem all jene leben, von denen niemand etwas wissen will und die gnadenlos aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Demütig erträgt Cora ihr Leid, bewahrt sich aber auch ihren Stolz und beginnt erst ernsthaft über die eigene Flucht nachzudenken, nachdem ihr der junge Sklave Caesar den Vorschlag gemacht hat, mit ihr gemeinsam über die sagenumwobene „Underground Railroad“ – einer Eisenbahnlinie unter der Erde, dem unausweichlichem Schicksal zu entkommen. Gemeinsam gelingt es ihnen dank einiger Verbündeter, die gefährliche Reise anzutreten und weiter nördlich ein besseres Zuhause zu finden. Doch ihre Häscher sind ihnen dicht auf den Fersen und der Abstand wird immer geringer. Als die beiden schließlich getrennt werden, muss sich Cora alleine durchschlagen, wenn sie überleben will. Ihre Odyssee durch das Land beginnt, gebeutelt von Verrat, gemildert durch wenige Menschen, die ein Herz haben, reist sie von Bundesstaat zu Bundesstaat und begegnet dem ganzen Ausmaß der Sklaverei, erkennt die vielen Formen der Gewalt und hofft dennoch auf ein Leben in Freiheit, wenn auch in ferner Zukunft …

Meinung

Der amerikanische Autor Colson Whitehead hat mit diesem Roman ein ganz besonderes Buch geschaffen, indem sich auf angenehme Art und Weise Realität und Fiktion vermischen. Seine erfundene Eisenbahnlinie unterhalb der Erde mit dunklen Stationen in engen Tunneln ist zwar erfunden, doch die Organisation selbst, die es einigen Leibeigenen ermöglicht hat, ein besseres Leben in einem anderen Land zu finden, gab es sehr wohl. Doch nicht nur dieser gelungene Mix macht den Roman so besonders, sondern in erster Linie der schonungslose Blick auf ein düsteres Kapitel der Menschheitsgeschichte. Sehr detailliert und ausdauernd beschreibt er die Sklaventreiberei, die alltäglichen Lebensumstände dieser „Untermenschen“, die von ihren Besitzern schlimmer noch als manches Tier behandelt werden. Und so kommt einen die Aussage des Buches nicht wie ein trauriges Einzelschicksal vor, sondern wie ein Schreckensbildnis der Tyrannei. Gerade dieser historische, undankbare Aspekt, der zwischen Willkür, Gräueltaten und Massenmord angesiedelt ist, untermalt die gesamte Geschichte und brennt sich ins Gedächtnis des Lesers.

Dabei legt Whitehead großen Wert auf die Charakterisierung seiner Protagonisten, die der Geschichte die notwendige Innerlichkeit geben. Ihre Handlungen und Gedanken werden vortrefflich eingefangen und sehr menschlich und direkt wiedergegeben. Fast wie der Tropfen auf dem heißen Stein erscheint dieses willkürliche Betrachten eines erbarmungswürdigen Lebens, doch niemals gewinnt das Mitleid die Oberhand sondern vielmehr die Wut auf all jene, die es vermocht haben, Menschen wie Abfall zu behandeln. Und so offenbart sich dem Leser die Hölle, deren Wurzeln zwar in der Vergangenheit liegen aber auch heute noch unerschütterliche Präsenz haben.

Ein kleiner Makel, der keiner ist, weil er hervorragend zur Geschichte passt, ist diese allesumfassende Schwere, die bedrückende Stimmung und dieser viel zu kleine Hoffnungsschimmer, der nicht einmal glimmt, geschweige denn brennt. Stellenweise mochte ich das Buch mit all seinen Facetten nicht wahrnehmen, weil ich immer noch geglaubt habe, dass am Ende des Weges etwas wartet, für dass sich dieses dargestellte Leben lohnt. Doch so gut, wie sich das Ende des Textes in das Gesamtkonzept des Buches einfügt, mir war die Geschichte etwas zu düster und schwer, auch und vor allem, wegen der Echtheit der Gefühle und der Realitätsnähe, die man trotz aller Fiktion sehr unmittelbar spürt.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen wichtigen zeitgenössischen Roman, der der Thematik Sklaverei, Ausbeute und Misshandlung einen sehr hohen Stellenwert einräumt und Geschichte greifbar macht. Zurecht hat dieses Buch seine Auszeichnungen bekommen und es ist ein nachhaltiges, wenn auch schwer verdauliches Werk über Menschen und die Auswüchse ihrer Unbarmherzigkeit, die sich in einer maßlosen Selbstüberschätzung äußern.

Veröffentlicht am 11.09.2017

Der Held des Widerstands

Der Gefangene des Himmels
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„Wie ein gischtender Wasserfall stürzte die Helligkeit auf die Winkel des großen Labyrinths aus Gängen, Tunnels, Treppen, Bögen und Gewölben, die aus dem Boden zu sprießen schienen gleich einem riesigen ...

„Wie ein gischtender Wasserfall stürzte die Helligkeit auf die Winkel des großen Labyrinths aus Gängen, Tunnels, Treppen, Bögen und Gewölben, die aus dem Boden zu sprießen schienen gleich einem riesigen Baumstamm aus Büchern, der sich in einer unmöglichen Geometrie zum Himmel hin öffnete.“

Inhalt

Fermín Romero de Torres zählt sich zu den guten Freunden von Daniel Sempere, dem jungen Buchhändler, der die Familientradition fortsetzt und in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist. Doch um die Hochzeit mit seiner Angebeteten feiern zu können, benötigt Fermín zunächst eine offiziell bestätigte Geburtsurkunde, die er jedoch nicht mehr besitzt. Denn seine Vergangenheit ist mehr als düster und bedrohlich. Mit Hilfe von David Martín, dem begnadeten Schriftsteller, der immer mehr dem Wahnsinn verfällt, ist es Fermín vor Jahren gelungen, aus dem Gefängnis zu fliehen und seitdem existiert er nicht mehr, denn seine Personalien wurden gelöscht und er ist für tot erklärt worden. Gemeinsam mit Daniel erkundet er die bedrückende Vergangenheit und weiht seinen einzigen Vertrauten in die Ereignisse hinter den Gefängnismauern ein. Eine Zeit, die er nur knapp überlebte und in der andere die Opfer des brutalen Gefängniswärters Mauricio Valls wurden. Und ebenjener hat nach seiner Karriere als Misshandelnder einen wahren Blitzstart in Gunst und Ansehen der oberen Gesellschaftsschichten hingelegt und lebte viele Jahre seine Medienpräsenz, doch nun ranken sich auch um Valls Gerüchte und Fermín kennt die Hintergründe, die schließlich auch Daniel und seine verstorbene Mutter Isabella betreffen …

Meinung

Auch der dritten Band der Reihe um den „Friedhof-der-vergessenen-Bücher“ überzeugt mit erzählerischem Können und einer geheimnisvollen Geschichte hinter Gefängnismauern. Diesmal spielt der Schauplatz Barcelona eher eine untergeordnete Rolle, hier sind es vor allem die Personen, die miteinander in Verbindung gebracht werden und deren vielfältige Interaktionen in der Vergangenheit weitreichende Auswirkungen auf die Zukunft haben. Ein Buch, in dem man viele „alte“ Bekannte wiedertrifft und sich die Generationenfolge der Buchhandlung Sempere und Söhne offenbart. Dafür verzichtet der Autor etwas auf die gewohnte Mystik und setzt den Schwerpunkt auf ganz menschliche Verhaltensweisen. Aus diesem Grund, empfinde ich Band 3 der Reihe etwas schwächer als seine Vorgänger, weil es an geheimnisvollen Begebenheiten fehlt und auch an der subtilen Gruselatmosphäre, die Zafón bisher gewählt hatte.

Sehr gelungen finde ich hier das Beziehungsgeflecht der Personen, ihre Interaktion aber auch die Rätsel der Vergangenheit, die sich nun wie ein weiteres Puzzlestück zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammensetzen. Empfehlenswert ist es, dieses Buch in der chronologischen Reihenfolge zu lesen, weil es anders als die bisherigen Bücher der Reihe, eine eher unscheinbare Geschichte erzählt, die nur dann ihre volle Bedeutung entfaltet, wenn man die Beteiligten schon kennt und ihre Geheimnisse im rechten Licht erscheinen.

Fazit

Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen Roman, der eine ideale Kombination aus bisher Bekanntem und möglichen Folgen im letzten Band der Reihe schafft. Ein Buch, welches die vier Bände verbindet und großen Wert auf die Charaktere und ihre Sichtweisen legt. Kleine Abstriche gibt es nur bezüglich des erhofften mystisch-gruseligen Faktors, der hier etwas zu kurz kommt. Dennoch bin ich mit der Gesamtheit der Geschichte mehr als zufrieden und werde mich demnächst in „Das Labyrinth der Lichter“ wagen, um gemeinsam mit den Bibliothekaren der Buchhandlung Sempere die letzten verborgenen Dinge, die Grenzen der Vorstellungskraft zu entdecken. Eine wirklich beeindruckende Geschichte, deren Erzählniveau mich begeistert.

Veröffentlicht am 07.09.2017

Hüte dich vor Einhorn und Adler!

Aquila
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„Das Blut ist nicht deines. Du weißt, wo das Wasser am dunkelsten ist. Halte dich fern von Adler und Einhorn.“

Inhalt

Die junge Studentin Nika wacht eines morgens auf und stellt fest, dass ihr die Erinnerung ...

„Das Blut ist nicht deines. Du weißt, wo das Wasser am dunkelsten ist. Halte dich fern von Adler und Einhorn.“

Inhalt

Die junge Studentin Nika wacht eines morgens auf und stellt fest, dass ihr die Erinnerung an die vergangenen zwei Tage komplett fehlt. Sie ist in ihrer Wohnung eingeschlossen und von ihrer Mitbewohnerin Jenny fehlt jede Spur. Aber schlimmer noch, auf dem Spiegel im Badezimmer steht eine Drohung und auf dem Wannenrand liegt ein blutiges T-Shirt. Nur mühsam gelingt es Nika, die Umstände zu recherchieren und dann findet sie in ihrer Hosentasche eine merkwürdige Liste, die sie selbst verfasst hat, deren tieferer Sinn sich aber verschließt. Als schließlich Jennys Leiche gefunden wird, steht Nika schon bald als Hauptverdächtige im Zentrum der Ermittlungen. Nur ihr Bekannter Stefano steht noch auf ihrer Seite, doch auch er hat sie ganz bewusst belogen, wie sie schon bald schmerzlich herausfinden muss. Wer steckt wirklich hinter dem Mord und wird es Nika trotz ihres Blackouts gelingen, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen?

Meinung

Ursula Poznanski schreibt für gewöhnlich atemberaubend spannende Geschichten, egal ob es sich dabei um ihre Jugendbücher oder auch Thriller handelt, sie zählt zu meinen Lieblingsautorinnen und mit entsprechend hohen Leseerwartungen habe ich auch dieses Buch begonnen. Allein das Cover strahlt förmlich und zieht die Blicke auf sich, ganz zu schweigen vom schönen Layout – der Loewe Verlag hat sich mit dem Taschenbuch wirklich große Mühe gegeben. Nur leider konnte mich diesmal die Geschichte, die sich als Jugendthriller präsentiert kaum überzeugen.

Am ärgerlichsten fand ich nicht einmal die etwas öde Geschichte, die sich immer wieder um das gleiche Thema dreht, sondern in erster Linie den Handlungsverlauf und die Hauptprotagonistin Nika, die mir über gut 400 Seiten hinweg ganz und gar nicht sympathisch geworden ist. Bis zur Hälfte des Textes dreht sich alles um den Gedächtnisverlust und die ominöse Liste, mit deren Hilfe Nika versucht, ihre Erinnerung zu rekonstruieren. Doch jede Bemühung wird im Keim erstickt und nach weiteren 30 Seiten steht man wieder am gleichen Punkt. Obwohl mir grundsätzlich Thriller mit persönlichem Bezug gefallen und man als Leser zumindest stellenweise mit Nika Mitleid hat, habe ich mich immer wieder gefragt, warum sie so handelt wie beschrieben. Ihre Beweggründe, ihre Ängste aber auch ihre Aktionen ergaben für mich nur bedingt einen tieferen Sinn und in meine Reaktionen auf ähnliche Umstände wären sicher ganz anders ausgefallen. Kurzum, vieles erscheint mir hier sehr konstruiert und damit zu Lasten der Stimmung gehend, die irgendwo zwischen Desinteresse und Kopfschütteln lag.

Trotz all dieser Kritikpunkte muss man diesem Jugendroman zugestehen, dass er sehr gut geschrieben ist und mit einer gelungenen Wortwahl hantiert, die mich dazu veranlasst hat, doch immer weiter zu lesen, einfach weil der Text schön flüssig und gut gegliedert ist. Der Schreibstil von Frau Poznanski spricht mich sehr an, gerade weil er etwas intensiver und weniger umgangssprachlich ist, als man das von manch einem anderen Buch des Genres gewöhnt ist.

Fazit

Ich vergebe 2,5 Lesesterne (aufgerundet 3) für dieses schwächere Buch einer erfahrenen Autorin, welches sich nicht speziell an Jugendliche wendet, aber sicher auch diese Zielgruppe trifft. Für eingefleischte Fans ist es okay, wer die Autorin kennenlernen möchte, sollte ein anderes Buch von ihr wählen. Mir kam Nika in der italienischen Stadt Siena äußerst verloren vor und die Aufklärung des Mordfalls stellt mich nur bedingt zufrieden. Vielleicht hätte mir dieses Buch mit einem Touch Mystik und mehr Atmosphäre gleich viel besser gefallen, so beurteile ich es eher durchschnittlich.

Veröffentlicht am 07.09.2017

Ich war erfolgreich, wo er versagt hatte

Geständnisse
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„Ich begriff, das Rache niemals auslöschen würde, was geschehen war, mich niemals davon abhalten würde, Sie abgrundtief, mit meinem ganzen Sein zu hassen.“

Inhalt

Als Yuko Moriguchis vierjährige Tochter ...

„Ich begriff, das Rache niemals auslöschen würde, was geschehen war, mich niemals davon abhalten würde, Sie abgrundtief, mit meinem ganzen Sein zu hassen.“

Inhalt

Als Yuko Moriguchis vierjährige Tochter einem als Unfall getarnten Mord zum Opfer fällt, ermittelt die verzweifelte Mutter selbst, wie es dazu kommen konnte. Schon bald findet sie heraus, dass zwei ihrer Schüler, für das Verbrechen die Schuld tragen, doch da beide noch minderjährig sind, vertraut die ambitionierte Lehrerin diesmal nicht der Polizei und der Gesetzgebung, sondern beschließt, die beiden ihrer gerechten Strafe zuzuführen und sich an ihnen zu rächen. Doch so einfach funktioniert das nicht, denn während derjenige, der ihre kleine Manami wirklich töten wollte, sie nur betäubt hat, war sein Helfer derjenige, der alles vertuschen wollte und sie letztlich im Schwimmbad ertränkte. So setzt sie ein Gerücht in die Welt, dem es an jeder Grundlage fehlt, doch den einen treibt sie damit in den Wahnsinn und den anderen verleitet sie zu weiteren mörderischen Taten …

Meinung

Dieser psychologische Spannungsroman hat mich auf ganzer Linie überzeugt, gerade weil er aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive erzählt wird und viele Protagonisten zu Wort kommen lässt, die nichts weiter tun, als dem Leser ihre Version der Geschichte zu präsentieren. So fühlt man sich wie in einem Spiegelsaal – wohin man auch schaut, immer wieder begegnet man dem Bösen, den verzweifelten Hilferufen geschundener Seelen und den niederträchtigen Beweggründen von Mördern und Wahnsinnigen. Dadurch entsteht ein umfassendes, sehr facettenreiches Porträt eines Verbrechens, welches nicht nur die Sinnlosigkeit mancher Handlung in Frage stellt, sondern konkrete Beispiele liefert, wie eine kleine Gruppe funktioniert, wen sie ausschließt, wen sie bevorzugt und vor allem, was passiert, wenn sie aus dem Gleichgewicht gerät und plötzlich mit Begriffen wie Schuld, Verantwortung und Mittäterschaft konfrontiert wird.

Der Titel „Geständnisse“ wurde sehr passend gewählt und umfasst den kompletten Text, der sich mit allen Beteiligten intensiv auseinandersetzt. Trotz der Tatsache, dass der jeweilige Erzähler immer in der Ich-Form spricht, merkt man deutliche Unterschiede zwischen den Charakteren. Dieses hintergründige Agieren hat mir sehr gut gefallen, denn dadurch gewinnt der psychologische Aspekt des Ganzen an Bedeutung und man bekommt ein gutes Gefühl dafür, aus welchen teils abstrusen Gedanken sich eine mörderische Handlung aufbaut. Aber schlimmer noch, die Autorin setzt den Fokus bewusst auf das Motiv Rache und bald schon hat man das Gefühl, dass ein Geständnis noch aussteht und die endgültige Wahrheit noch viel bedrückender sein wird, als das Intermezzo ohnehin schon ist.

Fazit

Ich bin begeistert und vergebe für diesen ansprechenden, wenn auch ungewöhnlichen Spannungsroman volle Punktzahl und damit 5 Lesesterne. Kein klassischer Thriller, vielmehr eine psychologische Studie über die Verfehlungen, denen Menschen aus diversen Gründen erliegen können. Auch die angesprochene Thematik der Selbstjustiz hat mich zwar erschreckt, erscheint mir in diesem Zusammenhang aber durchaus verständlich. Dieser Roman wird mir noch lange in Erinnerung bleiben, weil er sich so positiv vom „Einheitsbrei“ abhebt und vollkommen ohne Effekthascherei und abstruse Handlungen auskommt – gerne mehr von solch interessanten Sachverhalten.

Veröffentlicht am 05.09.2017

Eine Jugendfreundschaft auf Distanz

Die Geschichte der getrennten Wege
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„Er war, so kam es mir vor, zu einer Gestalt des Bedauerns geworden, zur Synthese dessen, was ich nun wohl nie werden würde, obwohl ich die Chance dazu gehabt hatte.

Inhalt

Diesmal gehen Elena und Lila ...

„Er war, so kam es mir vor, zu einer Gestalt des Bedauerns geworden, zur Synthese dessen, was ich nun wohl nie werden würde, obwohl ich die Chance dazu gehabt hatte.

Inhalt

Diesmal gehen Elena und Lila getrennte Wege. Die eine heiratet in eine angesehene Professorenfamilie ein und genießt den Ruhm ihres ersten erfolgreichen Romans und die Freuden einer jungen Ehe, die andere plagt sich schwer in einer Wurstfabrik ab und kämpft für die Stärkung der Rechte aller Arbeitnehmer. Eine gemeinsame Herkunft und eine Freundschaft, die ebenso stark wie zermürbend wirkt, eint die beiden jungen Frauen, doch ihre Entwicklung könnte nicht differenzierter verlaufen. Endlich ist es Elena gelungen, aus dem Schatten ihrer um ihre Schönheit und Klugheit beneideten Freundin herauszutreten. Doch das erhoffte Hochgefühl stellt sich nicht ein, denn schon bald muss auch Elena einsehen, dass ihr Leben zwischen zwei kleinen Töchtern und der aufgedrängten Haushaltführung rein gar nichts mit ihren Vorstellungen von Freiheit und Akzeptanz zu tun hat und ihre ehelichen Pflichten bereiten ihr große Sorgen. Aus einer gut gewählten Partie, wird schließlich eine lieblose Beziehung und dann tritt plötzlich ihr Jugendschwarm Nino in ihr wohlgeordnetes Leben. Elena ahnt, dass sie sich positionieren muss und erneut an einer Wendeschleife des Lebens steht.

Meinung

Mittlerweile zähle ich mich tatsächlich zu den Ferrante Fans, die der Verlag und das Marketing bereits im Vorfeld verkündet haben. Zunächst bin ich eher skeptisch an die neapolitanische Saga rund um die beiden Frauen Elena und Lila herangegangen, weil der erste Band noch nicht dieses Hochgefühl erzeugen konnte, wie es nun der zweite aber noch mehr der dritte Band vermögen. Tatsächlich lebt diese Geschichte von zwei gegensätzlichen Charakteren und deren Handlungen sowie von dem geschaffenen Zeitpanorama, den politischen Entwicklungen und Verfehlungen eines Landes.

Gerade in diesem dritten Teil spielt auch der Klassenkampf eine wichtige Rolle, nicht nur die Ablösung zweier Frauen aus ihren Jugendjahren hinein in ein verantwortungsvolles Erwachsenenleben steht im Zentrum der Erzählung, sondern auch die brutalen Kämpfe der Arbeiter, die sich in Gewerkschaften formieren und auf Biegen und Brechen ihre Rechte einfordern. Die Autorin vermag es geradezu vortrefflich ein persönliches Schicksal mit den Rahmenbedingungen der Politik zu verweben, so dass tatsächlich eine Einheit entsteht, die keinerlei Widerspruch erzeugt. Ihr ist es gelungen über die Anzahl der vorherigen Bücher, die beiden Hauptprotagonistinnen so treffend und intensiv zu beleuchten, dass der Leser ihre Aktionen, ihren Willen und die publizierten Wünsche direkt greifen kann. So dass es weder Sympathie noch Ablehnung bedarf, um genau das auszudrücken, was die Geschichte ausmacht.

Nach wie vor ambivalent bleibt dabei die Mädchenfreundschaft, die sich im Wesentlichen auf Zuneigung, Bewunderung aber auch Neid und Konkurrenzkampf beruft. Man kann spüren, dass Elena und Lila viel verbindet, obwohl sie noch mehr trennt und da sich dieses Wissen nun noch auf einen gemeinsamen Liebhaber konzentriert, steigt die Spannung bis zum großen Finale in Band 4.

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen mitreißenden, sehr euphorischen Text, der viel Temperament und Charakterstärke besitzt und sich über Grenzen hinwegsetzen kann. Es empfiehlt sich hier unbedingt die Lesereihenfolge einzuhalten, da diese Tiefenwirkung des Romans wohl erst entstehen kann, wenn der Leser auch Teil der Vorgeschichte geworden ist. Ein unverwechselbarer Schreibstil und eine weitgreifende Geschichte nehmen hier den Verlauf des Lebens und die wichtigen Ereignisse im Kleinen wie im Großen auf und vermitteln zwar keine tieferen Erkenntnisse aber eine wunderschön erzählte, fast gelebte Geschichte, die zu Recht den Namen ROMAN trägt. Ich erwarte mit großer Spannung den vierten Band im Februar 2018 und freue mich jetzt schon auf einen würdigen Abschluss.