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Veröffentlicht am 06.04.2017

Der Soldat und das Mädchen

Heute leben wir
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„Damit das Spiel perfekt, das heißt ausgeglichen lief, mussten die Guten und die Bösen spiegelbildlich zueinander existieren. Es musste schlicht und einfach die Guten und die Bösen geben.“

Inhalt

Der ...

„Damit das Spiel perfekt, das heißt ausgeglichen lief, mussten die Guten und die Bösen spiegelbildlich zueinander existieren. Es musste schlicht und einfach die Guten und die Bösen geben.“

Inhalt

Der deutsche Soldat Matthias schlägt sich in den letzten Tagen des Krieges als ein getarnter amerikanischer Soldat der Mission „Greif“ durch und plant weitere Menschen zu töten, egal wie sinnlos seine Bemühungen auch sein mögen. Denn innerlich hat er längst mit den Idealen des Nationalsozialismus abgeschlossen, er ist sich sicher, dass Hitlerdeutschland seinem politischen Ende entgegenstrebt. Als ihm durch Zufall ein kleines, jüdisches Mädchen anvertraut wird, ändert sich für ihn von Grund auf alles. Er kann Renée, die mutige Jüdin mit dem durchdringenden Blick einfach nicht töten, sondern wählt stattdessen seinen Kameraden. Fortan ist er sich seiner Gefühle nicht mehr sicher, denn sein einst abgebrühter, automatisierter Tötungsmechanismus gerät ins Wanken und weicht zugunsten eines ungekannten Beschützerinstinktes. Er schreibt es sich auf die Fahne, das Mädchen irgendwie durch den Krieg zu bringen, ihr Überleben zu sichern und irgendwann von vorn anzufangen. Doch Matthias gerät in Gefahr, als ihn die Amerikaner als das entlarven, was er wirklich ist. Ein Soldat, der auf der falschen Seite steht und keineswegs überleben darf …

Meinung

Diese Romanvorlage der französischen Autorin Emmanuelle Pirotte wird bereits 2017 verfilmt. Sie verarbeitet in ihrem Debütroman die autobiografischen Erzählungen ihrer Großeltern, die im zweiten Weltkrieg selbst eine Jüdin vor den Deutschen versteckt hielten. Diese innere Beteiligung, die Identifikation mit dem Verlauf der Geschichte merkt man der Erzählung an.

Auf sehr ungewöhnliche und intensive Art und Weise setzt die Autorin eine zwischenmenschliche Beziehung in den Fokus der Erzählung und verpackt ganz nebenbei wichtige historische Fakten in der geschaffenen Rahmenhandlung. Dieser Aspekt hat mir ausgesprochen gut gefallen, denn anders als in klassischen Romanen deren Handlung sich mit dem Kriegsgeschehen beschäftigt, steht hier ein desillusionierter Soldat und sein Leben im Vordergrund. Es ist in erster Linie eine Charakterstudie über Entwurzelung, Einsamkeit und Lebensabkehr, die erst durch den menschlichen Faktor eine Änderung einschlägt und wieder Hoffnung schöpft. Hoffnung auf ein Leben abseits von Krieg, Zerstörung und Mangel, abseits von fragwürdigen politischen Überzeugungen und sinnlosen Vernichtungsmanövern.

Matthias ist ein Individualist, der nichts beschönigt, der einst aus eigener Überzeugung in die Kriegsmaschinerie Deutschlands eintrat und jahrelang zur Marionette des Bösen wurde, dennoch versinkt er weder in Selbstmitleid noch verspürt er Reue über seine tödlichen Handlungen. Vielmehr überdenkt er seine Aktionen und stellt alles unter ein lobenswertes persönliches Ziel: die Rettung einer unschuldigen Seele. Der Leser erlebt die Beziehung zwischen Matthias und Renée als faszinierend anders, seltsam intensiv und nur intuitiv greifbar, denn das Geheimnis, warum der Soldat gerade dieses kleine Mädchen verschont, bleibt im Ungewissen.

Auch die Nebenfiguren, die in der Geschichte verankert sind, bekommen eine gewichtige Ausprägung. Menschen, denen ihre Rechte genommen wurden, die aber dennoch charakterstark und ausdauernd für ihr persönliches Umfeld eintreten. Menschen, die sich ferngehalten haben vom System Hitler und seinen bösartigen Auswüchsen und die nichts weiter wollen, als ihren Frieden auf Erden. Menschen, die den Leser mit ihren Ansichten überzeugen, weil sie konsequent und ehrbar handeln.

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen intensiven, spannenden Roman, der historische Fakten und psychologische Überlegungen gekonnt vereint. Eine Erzählung, die den Leser gefangen nimmt und immer etwas mysteriös bleibt. Gerade so als könne man nicht jeden Menschen einschätzen, weil es zu viele Unbekannte in seinem Charakterbild gibt. Lobenswert finde ich hier auch die sachliche Erzählweise, der es trotz der geschilderten Untaten gelingt, immer objektiv und nicht wertend aufzutreten. Ein Roman, der nicht mit den Emotionen des Lesers spielt und diese dennoch herausfordert.

Veröffentlicht am 27.03.2017

Das menschliche Projekt

Die Terranauten
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„Aber wir waren schon zu lange miteinander eingesperrt und kannten einander zu gut, jede Eigenart und Geste, jede Phrase, jede Sprechgewohnheit, jede hundertmal gehörte Geschichte zerrte an unseren Nerven, ...

„Aber wir waren schon zu lange miteinander eingesperrt und kannten einander zu gut, jede Eigenart und Geste, jede Phrase, jede Sprechgewohnheit, jede hundertmal gehörte Geschichte zerrte an unseren Nerven, bis das Prinzip der Kameradschaft nur noch ein Witz war.“

Inhalt

Es ist ein Pilotprojekt mitten in der Wüste von Arizona, dort wo die Sonne brennt, wurde unter dem Namen „Ecosphere“ eine riesige Glaskuppel errichtet, in der 8 Menschen für jeweils 2 Jahre hermetisch abgeschlossen sind und für wissenschaftliche Zwecke ein Leben außerhalb der Erdatmosphäre proben. Unter der Schirmherrschaft von Mission Control, einem kommerziellen Unternehmen, wird das Leben im inneren der Kuppel streng überwacht und für Marketingzwecke ausgenutzt. So gibt es Videoübertragungen, Ansprachen der Bewohner an die Menschen draußen und natürlich die Möglichkeit für Interessierte, direkt in den künstlich geschaffenen Lebensraum zu schauen. Für die „Terranauten“ im Inneren gestaltet sich das Leben alles andere als einfach, denn sie leiden alsbald unter Hunger, fühlen sich schlapp und ausgelaugt und fiebern dem Ende der Mission entgegen. Als die ersten Liebesspiele in der Kuppel stattfinden und sich Paare bilden, ergibt sich ein voyeuristischer Effekt, den der Boss, zu nutzen weiß. Doch als eine „Terranautin“ schwanger wird, geraten alle an ihre Grenzen und es fragt sich, ob sie ihre Mission beenden können …

Meinung

Die war mein erster Roman des Autors T.C. Boyle, auf den ich durch die zahlreichen begeisterten Leserstimmen aufmerksam wurde und den ich unbedingt selbst kennenlernen wollte. Doch leider konnte mich weder der Inhalt des Buches, noch die schriftstellerische Umsetzung überzeugen, so dass die über 600 Seiten für mich leider alles andere als ein Lesevergnügen wurden.

Die drei gewählten Erzählperspektiven aus Sicht eines männlichen und eines weiblichen Bewohners der Glaskuppel, sowie einer Frau, die es leider nicht in das „Heiligtum“ geschafft hat, sind gut gewählt, denn dadurch entsteht für den Leser ein gewisser Rundum-Blick. Man erfährt im Folgenden sehr wenig über den wissenschaftlichen Aspekt, dafür aber umso mehr über die zwischenmenschlichen Beziehungen der Projektteilnehmer. Da ist Dawn, die sich ehrgeizig in ihre Aufgabe stürzt und durch einen Verhütungsfehler zur Mutter wird und Ramsey, der Playboy, dem es in erster Linie um seine Bedürfnisbefriedigung geht und der fast alle Frauen liebt, bis er gezwungenermaßen zum Vater abgestempelt wird. Und dann gibt es Linda, die immerfort in der zweiten Reihe steht und zwischen naiven Racheakten, gezielten Eifersüchteleien und bösartigen Kommentaren schwankt. Und sie alle zeigen nur eines: Man kann in „E2“ durchaus überleben, doch man wünscht sich sehnlichst ein Ende des Projektes, um die geschundenen Seelen reparieren zu können.

Meine schlechte Bewertung beruht im Wesentlichen auf einem Mangel an wirklicher Handlung. Boyle bildet das tägliche Leben ab, beschreibt Alleingänge der Bewohner und teils handfeste Auseinandersetzungen, immer vor dem gleichen Hintergrund: arbeiten, essen, schlafen. Nur wenige Highlights, wie ein lebensbedrohlicher Stromausfall erhöhen die Lesefrequenz. Die vorherrschende Stimmung ist: Langeweile. Und daraus resultierende Ränkespiele, sexuelles Begehren und persönliche Fehltritte. Dieser Roman nimmt nicht nur unsympathische Protagonisten für sich in Anspruch, sondern sorgt dafür, dass ich mich immer wieder gefragt habe: „Warum tun sich Menschen freiwillig etwas Derartiges an, nur um sich dann fortwährend zu beklagen?“. Inhaltlich hätte sich das Buch mit der Hälfte der Seitenzahl begnügen können.

Fazit

Ich vergebe bescheidene 2 Lesesterne für einen im Grundsatz interessanten Roman, der sich in Kleinlichkeiten, Detailverliebtheit und Langeweile verliert. Wer gerne in die Abgründe der menschlichen Seele blicken möchte, wer es mag, wenn Protagonisten so geradlinig gestrickt sind, wie man es von Anfang an erwartet, wer Sex statt Wissenschaft sucht, dem könnte dieses Buch durchaus gefallen. Für mich lässt sich nur ein negatives Fazit ziehen. Schade!

Veröffentlicht am 27.03.2017

Eine Hetzjagd durch die Nacht

AchtNacht
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„Es ist der 8.8., 8 Uhr 08. Sie haben 80 Millionen Feinde. Werden sie die Achtnacht überleben?“

Inhalt

Ben Rühmann steckt in der Klemme, nicht nur sein Rauswurf bei seiner Band, setzt ihm zu, nicht nur ...

„Es ist der 8.8., 8 Uhr 08. Sie haben 80 Millionen Feinde. Werden sie die Achtnacht überleben?“

Inhalt

Ben Rühmann steckt in der Klemme, nicht nur sein Rauswurf bei seiner Band, setzt ihm zu, nicht nur die Tatsache, dass seine Tochter durch sein Verschulden lebenslang an den Rollstuhl gefesselt sein wird und seine Ex-Frau mittlerweile einen neuen Partner hat, nein, er sieht sein Porträt riesengroß auf einem Bildschirm und erkennt, dass er tatsächlich in Lebensgefahr schwebt. Als einer der beiden Nominierten für die verheißungsvolle „Achtnacht“, wird er für die Dauer von 12 Stunden vogelfrei sein und seine Jäger bekommen sogar noch eine Prämie, sobald sie ihn erwischen. Nun steht er im Fokus der Berichterstattung und rennt um sein Leben. Als sich die Zweitnominierte Arezu, mit ihm in Verbindung setzt, um gemeinsam die grauenvollen Stunden zu überstehen, keimt ein wenig Hoffnung auf, bis Ben erkennt, dass die junge, magersüchtige Frau viel mehr weiß, als sie zunächst zugibt. Und was noch viel schlimmer ist, sie kennt den Erfinder der „Achtnacht“ höchstpersönlich und kann das Spektakel dennoch nicht beenden …

Meinung

Sebastian Fitzek hat in seinem neuesten Thriller wieder sehr bekannte Aspekte seiner Spannungsliteratur aktiviert. In gewohnt hohem Tempo und mit Cliff-Hängern am Ende jedes kurzen Kapitels zieht er den Leser in den Bann der Geschichte. Auch die hier gewählte Inspiration, einer speziellen Nacht, die eine Deadline besitzt und tödlich enden könnte, gefällt mir durchaus. Womit der Grundstein für einen ansprechenden Thriller gelegt ist, dennoch bleibt die Erzählung hinter meiner Erwartungshaltung zurück.

Als Leser fühlt man sich schon bald wie der Protagonist selbst, getrieben durch eine Nacht, ohne Pause, ohne Entkommen nur unter Hochspannung. Leider türmen sich zunächst die Probleme, welche im Verlauf der Handlung immer konfuser und unzusammenhängender werden. Letztlich fehlt es an Glaubwürdigkeit, die zu Gunsten der Action immer mehr in den Hintergrund tritt. Stellenweise lässt Fitzek seinen Protagonisten Ben die haarsträubendsten Dinge tun und agiert mit einigen ominösen Nebenspielern, die im Gesamtkontext nur eine untergeordnete, wenn auch verwirrende Rolle spielen. Besonders gefehlt hat mir hier die psychologische Raffinesse, die bereits im ersten Drittel des Buches verloren ging und selbst mit der Auflösung nicht ins Spiel kam.

Fazit

Ich vergebe 3 Lesesterne für einen gängigen Thriller mit hohem Action-Potential, der sich gut lesen lässt, dem es aber an Substanz fehlt und letztlich auch an Glaubwürdigkeit. Für mich nur ein durchschnittlicher Roman des Autors, der es ursprünglich viel besser vermochte, mich für seine Texte zu begeistern. Mittlerweile finde ich den Hype und die hohe Erscheinungsfrequenz seiner Bücher nicht mehr optimal, zu wenig Tiefgang und Identifikationspotential sind die Folge.

Veröffentlicht am 23.03.2017

Ein zweites Leben für den Neubeginn

Das Leben wartet nicht
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„Erst jetzt begreife ich, wie geschützt ich hinter Gittern war. Wenn ich mich dort als Versager fühlte, war ich wenigstens nicht der einzige. Hier draußen dagegen begegnet man Leuten, die dir die ganze ...

„Erst jetzt begreife ich, wie geschützt ich hinter Gittern war. Wenn ich mich dort als Versager fühlte, war ich wenigstens nicht der einzige. Hier draußen dagegen begegnet man Leuten, die dir die ganze Lebenslust um die Ohren hauen, die bei dir verpufft ist.“

Inhalt

Mit neun Jahren kommt der pfiffige, kleine Junge Ninetto nach Mailand, um dort ein neues, besseres Leben zu beginnen als in seiner Heimat Sizilien. Seine Mutter lebt nach einem Schlaganfall im Altenheim und sein Vater kann der Abwärtsspirale durch Armut, Hilflosigkeit und Depression nicht entkommen, so dass er seinen Sohn regelrecht drängt, woanders hinzugehen. In der Fremde schlägt sich Ninetto als Bote durch und erobert die Straßen seines verkommenen Wohnviertels. Als er mit 15 Jahren seine große Liebe Maddalena trifft und heiratet, bekommt er erstmals die Chance auf persönliches Glück und eine intakte Familie, die er sich so sehr wünscht. Doch die Jahre vergehen, ohne nennenswerte Höhepunkte und ein tödlicher Fehltritt beraubt Ninetto seiner Freiheit. Als er nach 10 Jahren wieder aus der Haft entlassen wird, kennt er die Welt nicht mehr und doch kennt er jeden verdammten Tag, der ihm fehlt und der ihn unwiederbringlich daran erinnert, was er selbst mit 57 Jahren noch nicht erreicht hat …

Meinung

Der italienische Autor Marco Balzano fängt in seinem eher stillen, tiefsinnigen Roman die Befindlichkeiten eines Menschen ein, dem es an Heimat- und Zugehörigkeitsgefühl fehlt und der versucht sein kindliches Defizit durch eigene, engagierte Handlungen auszugleichen. Das Buch gleicht einem Erfahrungsbericht und ist doch so viel mehr. Viele kleine Ereignisse, erinnerungswürdige Momente und bleibende Eindrücke werden geschildert, so dass der Leser nicht nur erfährt, warum der Protagonist jahrelang im Gefängnis saß, sondern auch, warum er so wurde, wie er jetzt ist. Ebenso gefühlvoll und differenziert führt Balzano eine Liebesgeschichte auf, die mehr als 40 Jahre gehalten hat, trotz oder gerade wegen der dramatischen Ereignisse, die sie immer wieder bedroht haben. Eine Liebe, die durchaus ihre Schwächen und Konflikte hat und die in der Gegenwart nicht nur glänzt. Doch aus den Handlungen spricht tiefe Verbundenheit, ein inniges Verständnis und die Überzeugung, den Menschen gefunden zu haben, den man wirklich braucht, um sich wohl zu fühlen.

Der Schreibstil ist sehr erzählerisch, mit humorvollen Worten durchsetzt und mit Lebensweisheiten gespickt. Oft blitzen wunderschöne Sätze auf, die man sich nur zu gerne notiert, um sie nachklingen zu lassen. Lediglich die sporadischen Zeitwechsel, die immer wieder einfließen und die ungenaue Abgrenzung nach Kapiteln haben bei mir kurzzeitig für Verwirrung gesorgt. Doch schon bald gewöhnt man sich auch an diesen schriftstellerischen Schachzug.

Fazit

Ich vergebe 4,5 Lesesterne (aufgerundet 5) für diesen typisch italienischen Roman, der mir nicht nur das schicksalhafte Leben des entwurzelten Ninettos nähergebracht hat, sondern auch die generellen Missstände und Entwicklungen in einer Welt, in der es an Anerkennung und Akzeptanz fehlt und die nur dadurch besser werden kann, wenn sich Menschen darauf besinnen, was es bedeutet, füreinander einzustehen und gemeinsam für die Werte des Lebens zu kämpfen. Eine melancholische, von Erinnerungen geprägte Erzählung, die nachwirkt und trotz ihrer Schwere Hoffnungen keimen lässt.

Veröffentlicht am 21.03.2017

Die Aasgeier auf der politischen Bühne

Die Zeit der Ruhelosen
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„Wenn man an der Macht war, wandte man die Regeln der Kriegskunst an. Man griff zu den Waffen, wenn man erobern wollte, und tat dies auch, um sich seinen Platz zu sichern. Man ließ geliebte Menschen fallen. ...

„Wenn man an der Macht war, wandte man die Regeln der Kriegskunst an. Man griff zu den Waffen, wenn man erobern wollte, und tat dies auch, um sich seinen Platz zu sichern. Man ließ geliebte Menschen fallen. Man verriet, man verletzte. Man tötete, auch das. Unser Leben gegen euren Tod.“

Inhalt

Drei Menschen kämpfen hier den Kampf ihres Lebens, jeder auf seiner eigenen Bühne, mit ganz persönlichen Dramen, inneren Ängsten, äußeren Beschränkungen und ständig unter der Beobachtung einer ominösen Menschenmenge, die stets die Opposition bildet und doch nie ganz in Erscheinung tritt. Der Unternehmer Vély, der Kunst liebt und als geborener Jude nicht bedenkt, welche Folgen es hat, als er sich auf einem Stuhl in Form einer nackten schwarzen Frau setzt. Der traumatisierte Afghanistan-Soldat Romain, der nur Frieden findet, wenn er Vélys Frau besitzt und der farbige Politiker Osman, dessen politische Felle immer mehr davonschwimmen, nachdem er ein echtes Problem mit rassistischen Bemerkungen zu haben scheint. Sie alle spielen eine Rolle, stehen im Rampenlicht der Öffentlichkeit und fühlen sich doch unendlich einsam. Als sie gemeinsam auf einer Tagung im Irak sind, zerstört der Zufall ihr Leben auf ganz andere Art und Weise, als sie bis dato dachten …

Meinung

Die französische Autorin Karine Tuil setzt sich in diesem weltpolitischen Roman mit großer Aktualität ein kleines Denkmal, denn sie sensibilisiert den Leser für die unsichtbaren, zweitrangigen Belange, mit denen sich Menschen im Rampenlicht tagtäglich auseinandersetzen müssen. Ganz offensichtlich wählt sie die Politik als Auslöser dafür, wie vielfältig und intensiv ein persönliches Schicksal verlaufen kann, welches nur dadurch entsteht, dass ihre Protagonisten dem Rampenlicht zugewandt sind, manch einer ganz bewusst, ein anderer nur durch sein Erscheinen zur falschen Zeit am falschen Ort.

Sie thematisiert dabei viele gesellschaftsrelevante Begriffe wie Moral, Loyalität, Verrat, Macht und Erfolgsstreben, zeigt aber gleichzeitig, welchem Werteverfall die breite Masse ausgesetzt ist. Angefangen von öffentlichen Beleidigungen, Diffamierungen in der Presse und Ausgrenzung aus einem sehr fragwürdigen Freundeskreis, der sich nicht mehr an Menschlichkeit, sondern Prestige orientiert. Doch im gleichen Atemzug geht sie auch in die Tiefe und erörtert, wie sich der Charakter einer Person ändert, wenn sie meint ihr Wert reduziert sich auf das Bild der Anderen.

Ein sehr gekonnter Einstieg und ein hochdramatisches Finale lassen das Buch zu einem spannenden Schmöker werden, dem auch ein etwas schwächerer Mittelteil nur bedingt etwas anhaben kann. Leichte Probleme hatte ich eine Weile mit den drei Protagonisten, deren Einzelschicksale zwar sehr detailliert und umfassend beschrieben werden, deren Zusammenspiel aber wirklich erst im letzten Drittel des Romans ersichtlich wird. So kam mir der Text nicht ganz so flüssig und chronologisch sinnvoll vor, die verschiedenen Handlungsstränge hatten zeitweise keinen gemeinsamen Nenner, dies soll mein Hauptkritikpunkt bleiben in einer Story, die mich in ihrer Gesamtheit überzeugen konnte.

Fazit

Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen differenzierten, aktuellen, doch zeitlosen Roman über Menschen, die in ihrem Leben falsche Akzente gesetzt haben und in Folge mehrerer Dramen den festen Boden unter den Füßen verlieren. Menschen, die innere Zerrissenheit spüren und der Übermacht ihres geschaffenen Gesellschaftsbildes nicht mehr gerecht werden können. Sehr treffend formuliert, sehr raffiniert geschrieben und mit viel Stoff zum Nachdenken. Empfehlenswert für alle Leser, die sich mit Sachverhalten gedanklich auseinandersetzen und einen Blick hinter die Kulissen des schönen Scheins werfen möchten.