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Veröffentlicht am 19.11.2016

Für den Fall, dass du dein Leben nicht zurückwillst

Binde zwei Vögel zusammen
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„Binde zwei Vögel zusammen, sie werden nicht fliegen können, obwohl sie nun vier Flügel haben.“

Inhalt

Albert ist freier Redakteur und hangelt sich nur mäßig erfolgreich durchs Leben, immer knapp an ...

„Binde zwei Vögel zusammen, sie werden nicht fliegen können, obwohl sie nun vier Flügel haben.“

Inhalt

Albert ist freier Redakteur und hangelt sich nur mäßig erfolgreich durchs Leben, immer knapp an der Grenze zur Arbeitslosigkeit und auf der Suche nach dem Sinn seines Daseins. Als er auf eine Rekrutierungsmaßnahme aufmerksam wird, die gute Bezahlung bei kurzem Arbeitseinsatz verspricht, verpflichtet er sich für 6 Wochen, um in die Rolle eines gewissen Aladdins zu schlüpfen und mitten in einem bayrischen Trainingscamp, den Ernstfall Krieg zu proben. Doch nach seiner Rückkehr in das normale Leben erscheint ihm sein Job, seine Freundin, ja sein ganzes soziales Umfeld als fremd und er fühlt sich immer mehr wie Aladdin. Fast besessen von der Idee Aladdin, den es schon oft gab und der dennoch nicht existiert zu finden, zieht sich Albert immer mehr zurück. Bis er eines Tages erneut auf eine Annonce aufmerksam wird, diesmal geht es um Schiffbrüchige, die verzweifelt versuchen, das rettende Ufer zu erreichen …

Meinung

Isabelle Lehn, eine mir bisher unbekannte Autorin schafft mit diesem Roman ein sehr eindrucksvolles, wirklich beklemmendes Szenario zwischen Identitätsverlust und Sinnsuche, zwischen Ignoranz und Anteilnahme, zwischen Realität und Fiktion. „Binde zwei Vögel zusammen“ beschreibt den Weg eines jungen Mannes, der sich nicht sicher ist, was er möchte, der zweifelt, ob sein Leben wirklich das ist, was es zu sein scheint und ob er nicht genauso ersetzbar wie die Statistenrolle von Aladdin ist.

Sprachlich auf hohem Niveau, entführt uns die Autorin hinein in eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, die nicht mehr gerecht agiert und die erst durch Überspitzung der Tatsachen zu dem wird, was sie wirklich ist – verkommen, elitär und irgendwie auch abstrakt. Besonders gut gelungen finde ich die distanzierte und doch intensive Erzählweise des Hauptprotagonisten Alberts, für den man zwar nur bedingt Verständnis aufbringen kann, der aber doch absolut konsequent und umsichtig handelt. Innerlich zerrissen, emotional aufgewühlt und schließlich angetan von einer alles verändernden Idee präsentiert sich dieser junge Mann, der stellvertretend für eine ganze Generation handelt. In kurzen Sequenzen, die zwischen der Zeit vor dem Trainingscamp, den fast realen Ereignissen im roten Sand des Lagers und der erschreckend nüchternen Gegenwart, erlebt der Leser eine Metamorphose der ganz besonderen Art. Hier wird gezeigt, wie schmal der Grat zwischen einem Leben in Freiheit und ohne kriegerische Bedrohung ist und dem Gegenstück nur wenige Kilometer vor der eigenen Haustür. Indirekt und zwischen den Zeilen bietet dieser Roman alles, was man braucht um eine Debatte auszufechten, Argumente zu suchen und Thesen zu belegen bzw. zu wiederlegen. Auf kurzen 192 Seiten stellt sich damit eine fühlbare Beklemmung ein, die den Leser an das Geschehen bindet, ohne wirklich ein absolutistisches Statement zu liefern. Auch dieser Aspekt konnte mich überzeugen, denn er lässt vieles offen und bringt doch Wahrheiten ans Licht.

Fazit

Ich vergebe sehr gute 4 Lesesterne für diesen ungewöhnlichen, sprachlich ansprechenden Roman jenseits des Mainstreams. Eine aktuelle Thematik, gepaart mit einer fiktionalen Handlung, die dennoch zahlreiche Parallelen zu unserem Leben aufwirft, konnte mich begeistern. Ich empfehle diesen zeitgenössischen Roman sowohl politisch als auch psychologisch Interessierten, die gerne reflektieren und Handlungen hinterfragen. Gesprächsstoff für einen gelungenen Meinungsaustausch bietet der Roman in Hülle und Fülle. Und wer sich tatsächlich die Frage stellt, ob er sein Leben zurückwill, so wie es war vor einer Zeit, in der man ein anderes Individuum war, findet hier ebenfalls Gehör.

Veröffentlicht am 15.11.2016

Der hohe Preis vermeintlicher Freiheit

Die Spionin
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„Denn das habe ich immer gesucht: die Freiheit. Ich habe nicht die Liebe gesucht. Denn die Liebe kommt und geht – und ich habe ihretwegen Dinge getan, die ich nicht hätte tun sollen, und mich an Orte begeben, ...

„Denn das habe ich immer gesucht: die Freiheit. Ich habe nicht die Liebe gesucht. Denn die Liebe kommt und geht – und ich habe ihretwegen Dinge getan, die ich nicht hätte tun sollen, und mich an Orte begeben, die ich besser gemieden hätte.“

Inhalt

Die schillernde Femme fatale Mata Hari, einst wunderschön und beneidet ebenso wie begehrt und berühmt schreibt aus dem französischen Gefängnis „Saint-Lazare“ einen Brief an ihren Anwalt, in Erwartung ihrer Strafe, die sich zwischen Begnadigung und Todesurteil entscheiden wird. Ein kurzer, skizzenhafter Abriss über ihr Leben, ihre Wünsche und Sehnsüchte ebenso wie getroffene Fehlentscheidungen, eine schriftliche Unschuldsbekundung und gleichermaßen ein bitteres Eingeständnis. Denn obwohl sie mitnichten eine deutsch-französische Doppelagentin im ersten Weltkrieg war, so lautete die Anklage, hat sie sich zahlreicher Verfehlungen hingegeben, deren einziger Initiator der Wunsch nach Anerkennung war. Und auch ihr Anwalt antwortet in einer Art Entschuldigungsschreiben, welches sie nicht mehr lesen wird, um ihr mitzuteilen, dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort war und im gesamtpolitischen Hintergrundgeschehen keine gerechte Strafe erwarten könne.

Meinung

Grundlegend muss ich sagen, dass Paulo Coelho zu einen meiner Lieblingsautoren zählt, der mich mit zahlreichen Romanen zum Nachdenken und Innehalten angeregt hat, schon allein deshalb war ich auf sein neues Buch so gespannt. Und schon nach den ersten Seiten des Buches wurde mir klar: hier gibt es zu wenig Platz, um die Geschichte rund um Mata Hari in allen Einzelheiten zu erzählen.

Umso treffender finde ich die Aussage, die der Autor im Nachwort des Romans liefert. Denn dieses Buch stellt nicht den Anspruch eine Biografie von Margaretha Zelle (später Mata Hari) zu sein, sondern fungiert eher als eine Art Einstieg, um vielleicht die Lust beim Leser zu wecken, genauere Recherchen anzustellen und sich ein eigenes Bild zu machen. Und das ist mit diesem wahrlich kurzen, skizzenhaften Briefroman sehr gut gelungen.

Coelho legt sein Augenmerk auf wenige, einschneidende Erlebnisse in Mata Haris Leben, die sie in die Arme der falschen Männer getrieben haben. Er setzt sich mit der Illusion auseinander, die eine Gefangene hat, die von ihrer Unschuld überzeugt ist. Er zeigt, wie sich ihr selbstgewähltes, exotisches Auftreten im Laufe der Jahre gegen sie gewandt hat, nachdem sie feststellen musste, dass es immer wieder hübschere, jüngere Tänzerin geben würde und ihr Stern am Himmel nicht unendlich strahlen würde. Glanz und Glamour hatten auch damals schon einen hohen Preis, insbesondere, wenn man fast blauäugig und an Selbstüberschätzung leidend versuchte, als emanzipierte Frau in einer männerdominierten Welt zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, Fuß zu fassen. Dieser innere Zwang, es anderen zu beweisen und selbst im Angesicht des Todes eine gewisse Rolle zu spielen, hat mir die Person Mata Hari nähergebracht.

Der Schreibstil von Paulo Coelho liest sich flüssig und durch einige eingestreute Bilder und Zeitdokumente, wird der Text zusätzlich aufgelockert. Leider muss ich sagen, dass ich dieses Buch so gern gelesen habe, dass es mich schmerzt, wie wenig Textmaterial tatsächlich vorliegt. An so vielen Stellen hätte man in die Tiefe gehen können und gerade die historischen Zusammenhänge besser herausarbeiten können.

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne für einen interessanten, wenn auch kurzen biographischen Eindruck aus dem Leben einer selbstbewussten Frau. Ein Buch, welches mir die Person Mata Hari aus der Ich-Erzählperspektive heraus, schmackhaft machen konnte. Mein Interesse wurde auf jeden Fall geweckt. Zwischen den Zeilen verpackt der Autor seine Lebensweisheiten, die ich immer gerne herauslese, um sie mit meinen persönlichen Lebenserfahrungen zu vergleichen. Ein stiller, nachdenklich stimmender Roman, dem es leider an Umfang fehlte.

Veröffentlicht am 13.11.2016

Im magischen Reich der Schattenjäger

City of Bones
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„Willkommen in New York City – der coolsten Stadt der Welt – der Stadt, die niemals schläft. Denn hier sind die Kreaturen der Nacht unterwegs: Feen und Vampire, Engel und Dämonen. Und sie sind auf der ...

„Willkommen in New York City – der coolsten Stadt der Welt – der Stadt, die niemals schläft. Denn hier sind die Kreaturen der Nacht unterwegs: Feen und Vampire, Engel und Dämonen. Und sie sind auf der Jagd … „

Inhalt

Vollkommen unbedarft gerät die 15-jährige Clary mitten hinein ins tödliche Chaos der Schattenwelt, in der es darum geht, Dämonen zu jagen und sie zu töten. Normalerweise können Sterbliche diese zweite Dimension gar nicht wahrnehmen, doch schon bald muss Clary erfahren, dass ihre Mutter selbst eine Schattenjägerin aus der Andernwelt war und ihr Vater einer der einflussreichsten Dämonenjäger überhaupt. Doch nun wurde ihre Mutter entführt und ihr Vater plant die Ausrottung aller Geschöpfe der Nacht, mit einem überaus zweifelhaften Ziel. Er will der alleinige Machthaber über das Reich der Dunkelheit werden. Gemeinsam mit ihren neuen Freunden, versucht Clary, das drohende Unheil abzuwehren und sieht sich dabei konfrontiert mit den abscheulichen Wahrheiten und Gesetzen der Unterwelt.

Meinung

Dieser Fantasyroman, der gleichzeitig der Debütroman der aus Teheran stammenden Autorin Cassandra Clare (ein Pseudonym) ist, lag schon geraume Zeit auf meinem SUB und wurde nun endlich aus seinem Dornröschenschlaf geweckt. Die Chroniken der Unterwelt erstrecken sich mittlerweile auf 6 Bände und eröffnen ein schier unglaubliches Repertoire weiterer Fantasyreihen wie „Magisterium“ oder die „Chroniken der Schattenjäger“. Der Auftakt zu dieser Reihe liest sich schon mal einprägsam und verbindet gekonnt Elemente eines Abenteuerromans, mit denen eines Jugendbuchs und natürlich der zauberhaften Magie und der gruseligen Geschöpfe aus dem klassischen Genre Fantasy.

Gemeinsam mit der Hauptprotagonistin Clary entdeckt man die geheime Unterwelt und wird nicht nur auf Zauberkräfte und Flüche aufmerksam gemacht, sondern erschließt sich ein ganz neues Universum. Diese Vielschichtigkeit fand ich äußerst gut gelungen und auch der wohldosierte Humor, der hier immer wieder zu finden ist, konnte mich für die Lektüre einnehmen. Kleine Kritikpunkte gibt es dennoch. Insbesondere die immense Fülle der Wesen aus der Schattenwelt ist hier fast etwas übertrieben, denn man findet sie allesamt gebannt auf nur wenige Quadratkilometer und ihre Artenvielfalt wirkt auf mich etwas beengend. Vampire, Werwölfe, Hexenmeister, Forsaken und viele andere liefern sich hier einen erbitterten Kampf um den Kelch der Engel, um Macht und Einflussreichtum sowie der Herrschaft über ihr düsteres Reich. Außerdem empfand ich sowohl Schreibstil als auch Inhalt sehr stark an einer jugendlichen Fangemeinde orientiert, so dass ich diesen Roman tatsächlich eher jüngeren Lesern ans Herz legen möchte, mir fehlte manchmal etwas Düsternes, tiefgreifende Geheimnisse und mehr Tiefgang.

Fazit

Ein gelungenes Romandebüt und eine abenteuerliche Reise quer durch die Schattenwelt von New York City, konnten mich durchaus überzeugen. Trotz der Tatsache, dass ich nicht zur Stammgemeinde von Liebhabern des Genres Fantasy gehöre, habe ich das Buch gerne gelesen. Die Reihe selbst werde ich aber nicht weiterverfolgen. Das Buch wandert jetzt in die Hände meiner Tochter, dort wird es wohl mehr Anklang finden.

Veröffentlicht am 07.11.2016

Ein Sommer am Strand von Le Touquet

Die vier Jahreszeiten des Sommers
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Vier Lieben, vier Leben – ein Sommer.

Inhalt

Ein französischer Strand, an dem sich Jahr für Jahr das Sommerleben verschiedener Menschen abspielt, die immer gleichen Bewegungsabläufe, die ähnlichen Hoffnungen, ...

Vier Lieben, vier Leben – ein Sommer.

Inhalt

Ein französischer Strand, an dem sich Jahr für Jahr das Sommerleben verschiedener Menschen abspielt, die immer gleichen Bewegungsabläufe, die ähnlichen Hoffnungen, Wünsche und Probleme und das Meer, welches vieles relativiert, manches hervorlockt und einiges wegwischt. Am 14. Juli 1999 sind am Strand von Le Touquet im Norden von Frankreich vier verschiedene Personen, die sich nicht kennen, die alle ein anderes Alter haben und die der Zufall dennoch irgendwie verbindet. Sie sind die Gesichter der Liebe, in jungen Jahren, im Erwachsenenalter, im zweiten Frühling ihres Lebens und im Alter. Sie stehen gleichbedeutend für Sehnsucht, Begehren, Enttäuschung, Hoffnung, Neuanfang und Ewigkeit.

Meinung

Ich bin froh, mit diesem kleinen aber feinen Roman ein Juwel des französischen Autors Grégoire Delacourt kennengelernt zu haben, welches emotional, liebenswürdig, feinsinnig und mitreißend zugleich ist. Eine ganz klare Struktur schafft hier den Erzählrahmen, bei dem der Leser aus vier Perspektiven etwas über den Sommer der Liebe am Strand von Touquet erfährt. Egal ob man den sehnsuchtsvollen Blick des Teenagers spürt oder die enttäuschte Mittdreißigerin kennenlernt, die nie den Richtigen getroffen hat, immer findet der Leser neue Ansatzpunkte, die ebenso flüssig wie bekannt erscheinen und nichts weiter sind als einfache Lebensbetrachtungen. Und dennoch verbirgt sich hinter der simplen Beschreibung diverser Gefühlsregungen das ganze Leben.

Besonders gelungen finde ich die zufällig wirkende Verkettung der Protagonisten, die sich im Roman dadurch begegnen, dass sie zur gleichen Zeit am gleichen Ort aufhalten und von den anderen wahrgenommen werden, als das, was sie sind oder zu sein scheinen. Dadurch entsteht ein runder, in sich geschlossener Roman der den Leser mitnimmt zu den Grundsätzen seines Lebens, zu den vergessenen oder wiederentdeckten Gefühlen. Im Mittelpunkt steht hier nicht ein einzelner Charakter, noch nicht einmal ein Menschenleben sondern vielmehr die Liebe und ihre zahlreichen Schattierungen im Verlauf der Zeit. Mühelos könnte man weitere Geschichten einfügen und hätte die Grundaussage dadurch dennoch nicht verändert.

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne und eine eindeutige Leseempfehlung für alle, die französische Erzählkunst mögen und sich gerne in andere Menschen hineinversetzen oder auch nur Berührungspunkte zwischen sich selbst und den Romanfiguren suchen. Dieser Roman bietet nicht nur eine in sich geschlossene Erzählung über die Facetten der Liebe, sondern auch die Möglichkeit Dinge und Handlungen zu hinterfragen und sich wichtigen Lebensfragen zu stellen. Außerdem berührt er das Herz des Lesers, weil man doch zu gerne an das Gute, das Vorherbestimmte, das Besondere glauben mag, an die Einzigartigkeit der Liebe und die Unendlichkeit der Gefühle. Vielleicht ist es auch eine Lektüre für Idealisten, die gerne so bleiben möchten, wie sie sind.

Veröffentlicht am 31.10.2016

Vom Zerfall einer schönen Illusion

Das Nest
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„Früher hatte er immer irgendetwas auf die Beine stellen können, hier an diesem idealen Ort des Vermeidens, hatte immer mit zig Sachen gleichzeitig jongliert, bis alles nach und nach in sich ...

„Früher hatte er immer irgendetwas auf die Beine stellen können, hier an diesem idealen Ort des Vermeidens, hatte immer mit zig Sachen gleichzeitig jongliert, bis alles nach und nach in sich zusammenfiel und er sich schnell nach etwas anderem umsah, aber das hier fühlte sich anders an.“

Inhalt

Die vier Geschwister der Familie Plumb spekulieren schon geraume Zeit auf ihr finanzielles Polster in Form einer Erbschaft, deren Auszahlung lediglich an den 40. Geburtstag der jüngsten Schwester Melody gebunden ist. Liebevoll nennen sie die Hinterlassenschaft „Das Nest“ und ruhen sich mehr oder weniger darauf aus. Umso ärgerlicher für drei der Geschwister, dass der Älteste kurz vor Ablauf der Frist einen Unfall baut, bei dem er in Schadensersatzpflicht genommen wird und dringend Geld benötigt. Die Mutter nimmt kurzerhand das Geld vom vollen Bankkonto, um ihren Sohn aus der misslichen Lage zu befreien. Doch damit tritt sie eine wahre Lawine los, die alle schlechten und guten Charaktereigenschaften ihrer Kinder ans Licht bringt und die bange Frage in den Raum stellt: „Wie kommen wir schnell und unkompliziert an unser Geld?“

Meinung

In ihrem Debütroman greift die amerikanische Autorin Cynthia D´Aprix Sweeney zu einem ganz klassischen, immer wieder präsenten Thema - dem Geld. Wie es im echten Leben auch passieren könnte, streiten sich hier vier Geschwister um ihren Anteil am Familienerbe, wobei jeder einen anderen, immens wichtigen Verwendungszweck für die finanzielle Unterstützung hätte. Doch gnadenlos schlägt das Leben zu und verschlingt das Polster für einen absolut unnötigen Fehltritt, den einer der Beteiligten fahrlässig verursacht hat.

Die vier Hauptprotagonisten werden intensiv und facettenreich beschrieben, ihre Geheimnisse und Wünsche stehen immer im Mittelpunkt des Geschehens, so dass der Leser sehr bald weiß, dass der Älteste Leo als „Schwarzes Schaf“ auserkoren wurde und seine zahlreichen Liebesaffären, gefolgt von einem Drogenproblem und ominösen finanziellen Machenschaften die Familienidylle nachhaltig zerstört hat. Daneben existiert noch der homosexuelle, bei weitem nicht so attraktive Zweitgeborene Jack, die erfolglose aber vernünftige große Schwester Beatrice und das Nesthäkchen Melody, die als Mutter von Zwillingen zur Hochform aufläuft. Jeder befindet sich in einer Art Mikrokosmos, in dem er sich selbst nicht nur am Nächsten steht, sondern ganz klare Ansprüche an einen gehobenen Lebensstandard stellt und das Recht auf ein sorgenfreies Leben gepachtet hat. Niemand ist bereit, die lang gehegten Illusionen ad acta zu legen und sich auf ein freundliches Miteinander einzustellen.

Trotz der bisher sehr positiven Kritiken kann ich diesem Roman, der in der New Yorker Upper Class angesiedelt ist, kaum etwas abgewinnen. Ganz besonders die geschilderten Lebensumstände, bei denen es fast nie um echte Werte geht, sondern oft nur um Selbstverwirklichung, Prestige, öffentlichem Ansehen und die Meinung anderer über das eigene Lebensmodell haben mich befremdet. Aber auch die Vehemenz der Protagonisten, ihre Selbstdarstellung und die Interaktion zwischen den Geschwistern hat mich einfach nicht gereizt. Sowohl der zähflüssige Handlungsverlauf als auch die vielen angerissenen Nebenhandlungen schmälerten mein Lesevergnügen, so dass ich spätestens zur Hälfte des Buches darauf gewartet habe, dass etwas passiert, was mich fesseln kann.

Der Schreibstil selbst ist flüssig und elegant und bedient sich ansprechender Formulierungen. Leider entsprach die erzählte Geschichte nicht meiner Erwartungshaltung.

Fazit

Ich vergebe drei Lesesterne für diesen gesellschaftskritischen Unterhaltungsroman, der sich mit menschlichen Verhaltensweisen auseinandersetzt und die Interaktion von Familienmitgliedern im Umgang mit finanziellen Werten beleuchtet. Gerade weil mir die handelnden Personen allesamt fremd blieben und ihre Lebensansichten so eigen waren, konnte der Funke nicht überspringen. Andererseits schafft es die Autorin ein sehr vielschichtiges Menschenporträt zu entwerfen, welches deutlich zeigt, welche Motivation den Einzelnen antreibt und das es im Leben mehr geben kann als den schnöden Mammon.