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Veröffentlicht am 24.10.2016

Der lange Weg zurück auf Null

Weit über das Land
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"Nicht alles, was man tut, hat einen Grund. Es war kein großer Entschluss gewesen, eher eine Reihe kleiner, zielloser Entscheidungen, Nachlässigkeit vielleicht, ein Nachgeben."

Inhalt
Eines Abends, kurz ...

"Nicht alles, was man tut, hat einen Grund. Es war kein großer Entschluss gewesen, eher eine Reihe kleiner, zielloser Entscheidungen, Nachlässigkeit vielleicht, ein Nachgeben."

Inhalt
Eines Abends, kurz nach der Rückreise aus dem gelungenen Sommerurlaub, beschließt Thomas, nicht nach drinnen ins Bett zu gehen, sondern hinaus in die Welt. Er läuft los, ohne ein Wort des Abschieds und verlässt nicht nur Frau und Kinder sondern auch sein gesamtes bisheriges Leben. Für die Hinterbliebenen bleibt nur Ursachenforschung und gähnende Leere, denn gerade Astrid, seine Frau findet keine Erklärung für sein Verhalten und kann es dennoch tief im Inneren nachvollziehen. Als er offiziell für tot erklärt wird, mag sie nicht daran glauben und behält Thomas auf eigene Art und Weise in ihrem Herzen.

Meinung
Dieses Buch habe ich ohne besondere Erwartungshaltung begonnen, da ich weder den Autor kannte, noch ein Augenmerk auf den Deutschen Buchpreis hatte. Einzig die Geschichte an sich, so wie sie der Klappentext verspricht, reizte mich ungemein. Insbesondere die Aussage "Ein Roman über den einen Moment, der unser Leben in Frage stellt", weckte meine Neugier. Denn ich spekuliere sehr gerne über das Für und Wider einer Entscheidung und genau das, kann man hier tatsächlich.

Auf recht wenigen Seiten entwirft Peter Stamm ein derart greifbares Szenario in einer schockierenden, lebensverändernden Situation, so dass ich zwischen Mitleid, Verzweiflung und Unverständnis hin und herpendelte. Gerade die durchaus banale Entscheidung, einfach aus der Tür zu gehen und niemals wieder zurückzukehren, entfacht eine unmittelbare Kettenreaktion, die gerade die Angehörigen nachhaltig und bitter beeinflusst.

Beim Lesen habe ich immer wieder innegehalten und versucht, die Beweggründe der Protagonisten nachzuvollziehen, doch das ist mir nicht gelungen. Sowohl der entschlossene, doch unzufriedene Thomas als auch die patente, doch zurückgelassene Astrid blieben mir immer recht fremd, dennoch hat mich dieser Abstand nicht gestört, denn die Hauptcharaktere handeln schlüssig und werfen mit ihren Handlungen immer neue Fragen auf, denen man nur zu gern nachgehen würde. Auf Grund dieses Aspektes sehe ich auch eine Berechtigung darin, diesen Roman beispielsweise als Unterrichtslektüre zu wählen, denn kontroverse Diskussionen werden sich fast zwangsläufig ergeben.

Ein kleiner Kritikpunkt meinerseits sind die ausufernden Landschaftsbeschreibungen, die gerade bei der geringen Seitenanzahl des Buches manchmal zu viel Raum einnehmen und den Blick auf die Gefühle und Gedanken der Protagonisten schmälern.

Fazit
Ich vergebe 5 Lesesterne und eine Leseempfehlung, für alle die sich gern mit unliebsamen Entscheidungen, einem aufgezwungenen Schicksal und der Möglichkeit, das eigene Leben radikal zu verändern, beschäftigen möchten.

Es fällt schwer die Situation objektiv zu betrachten, selbst wenn Peter Stamm sehr distanziert und korrekt schreibt. Immer wieder fällt der Leser in eine Rolle hinein - in die des sinnsuchenden Vaters, der verlassenen Ehefrau, der enttäuschten Kinder und letztlich bleibt er hängen an der Tatsache, dass nicht alles im Leben einen Sinn haben muss. Und selbst wenn man keine müde Mark auf diese Aussage setzt, wird man hier gezwungen, darüber nachzudenken, was sein könnte, was wirklich ist und was niemals geschehen wird. Dieses Dilemma verkörpert "Weit über das Land" und wird mir damit lange und nachhaltig in Erinnerung bleiben.

Veröffentlicht am 19.10.2016

Späte Einsicht, spätes Glück

Und damit fing es an
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" Und jetzt, dachte er, befinde ich mich selbst im Mittelland meines Lebens, und alles um mich herum brüllt mich an und will, dass ich mein Verhalten und meine Ansichten ändere, und das bringt mich noch ...

" Und jetzt, dachte er, befinde ich mich selbst im Mittelland meines Lebens, und alles um mich herum brüllt mich an und will, dass ich mein Verhalten und meine Ansichten ändere, und das bringt mich noch um."

Inhalt
Gustav Perle und Anton Zwiebel lernen sich als Schuljungen kennen und werden fast sofort beste Freunde. Obwohl der begabte Anton in ganz anderen Kreisen verkehrt als der Halbwaise Gustav, verbindet sie eine ungebrochene Zuneigung und Nähe. Die Gewissheit, dass der andere einen versteht, ganz egal, wie die Gedanken strukturiert sind, schenkt ihnen Lebensvertrauen. Doch im fortgeschrittenen Alter bietet sich Anton endlich die Möglichkeit, seinen lang gehegten Wunsch, als gefeierter Klavierspieler wahr zu machen und er verlässt seine Heimat und alles, was ihm bisher etwas bedeutet hat. Nur bleibt die bange Frage, ob er nicht die falsche Entscheidung getroffen hat und sein Herz längst woanders schlägt?

Meinung
Dieses Buch konnte mich absolut überzeugen, weil es trotz seiner Stille so viel Aussagekraft und gedankliche Ansätze schafft, dass man über alles traurig-dramatische nachdenken möchte, aber auch über die Glücksmomente des Lebens, über die wichtigen Pfeiler im Erschaffen eines Selbstbildes und über die schicksalhaften Entwicklungen, denen man als Individuum manchmal nichts entgegensetzten kann. "Und damit fing es an" ist nicht nur ein Roman über eine besondere Freundschaft, sondern auch über verschiedene Lebensentwürfe und den Lauf der Dinge.

Rose Tremain, von der ich nun gerne noch weitere Bücher kennenlernen würde, erzählt in zwei Handlungskomplexen. Zum einen schildert sie den Beginn und den Verlauf einer innigen Beziehung zwischen zwei Männern, zum anderen entwirft sie eine Vorgeschichte, die viele Zusammenhänge verdeutlicht und das Gesamtbild harmonisch abrundet.

Besonders gelungen empfand ich die Charakterisierung der beiden Hauptprotagonisten. Der eine stammt aus einem lieblosen, ärmlichen Elternhaus und findet sein Lebensglück in der Leitung eines Hotels. Der andere möchte seit Kindheitstagen ein erfolgreicher Pianist werden, scheitert zunächst an seiner Scheu, später an seiner Mittelmäßigkeit. Und diese beiden bleiben sich treu, durch alle Strömungen, Hindernisse und Tiefschläge. Obwohl sie sich immer weiter entfremden bleibt das Gefühl bestehen, in dem anderen das gefunden zu haben, was der eigenen Persönlichkeit fehlt. Wirklich eine ganz hervorragende Aussage für ein Menschenleben.

Auch die Einbindung der Nebenprotagonisten mit Ecken und Kanten und menschlich fehlerhaften Verhaltensweisen, wurde intensiv und schlüssig vorgenommen, so dass es viele weitere Punkte gibt, die mich ansprechen konnten. Wofür leben wir? Was verleugnen wir? Was verschweigen wir? Und warum fällt es uns Menschen so schwer, ehrlich zu uns selbst zu sein? Dieser Roman spricht sehr philosophische Themen an, ohne sie gezielt zu fokussieren. Die wichtigen Fragen ergeben sie mehr aus dem Gesamteindruck des Buches.

Das Thema Homosexualität wird hier aufgegriffen, doch steht es nicht im Zentrum des Geschehens. Lediglich die Aussage, dass es vollkommen egal ist, wen wir lieben, solange wir ihn lieben.

Fazit
Ich vergebe volle Punktzahl für diesen ansprechenden Roman über menschliches Verhalten in engen Beziehungen, für eine kraftvolle, nachdenklich stimmende Erzählweise mit Nachklang. Ich empfehle diesen Roman uneingeschränkt weiter, vor allem an Leser, die sich gerne mit den "großen" Fragen des Lebens konfrontiert sehen und die Entscheidungen oder Unterlassungen gerne beurteilen bzw. sich damit auseinandersetzen möchten. Einer der wenigen Romane, die es geschafft haben, aus einer melancholischen Grundstimmung heraus einen positiven Ausgang zu schaffen, allein durch die Einsicht und die Bereitwilligkeit der Protagonisten zur Veränderung - geboren aus dem Gefühl der Liebe.

Veröffentlicht am 17.10.2016

Eine Auszeit auf hoher See

Tage zwischen Ebbe und Flut
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" Und im Moment würde sie fast ihr Leben dafür geben, wenn sie diesen Satz noch einmal von ihm hören und sich in seinen Armen sicher fühlen könnte."

Inhalt
Um den größten Wunsch von Felix, einem 70-jährigen, ...

" Und im Moment würde sie fast ihr Leben dafür geben, wenn sie diesen Satz noch einmal von ihm hören und sich in seinen Armen sicher fühlen könnte."

Inhalt
Um den größten Wunsch von Felix, einem 70-jährigen, der an Alzheimer erkrankt ist, zu erfüllen, begeben sich Frau, Tochter und Enkeltochter mit ihm auf eine Kreuzschifffahrt durchs Mittelmeer. Eine Reise, die für allerlei Abenteuer, für Zerstreuung aber auch ernsthafte Gespräche gut ist und im krankheitsüberschatteten Alltag für eine willkommene Auszeit sorgt. Auf hoher See kommen sich die Familienmitglieder wieder näher und finden trotz aller gegensätzlichen Ansichten wieder mehr zueinander.

Meinung
In diesem optimistischen Unterhaltungsroman begleitet der Leser eine ganz normale Familie auf einer nicht ganz herkömmlichen Urlaubsreise, die intensiv und schonungslos die Wahrheit über zwischenmenschliche Beziehungen offenbart. Die festgelegte Rahmenhandlung zwingt die sehr verschiedenen Charaktere, sich nicht nur mit ihren persönlichen Wünschen und Ängsten auseinanderzusetzen, sondern auch die Gemütslage der Angehörigen wahrzunehmen.

Und so lösen sich anfangs klischeehafte Verhaltensweisen nach und nach in Wohlgefallen auf, weil der Leser mitverfolgt, dass Menschen nicht immer überdreht sind sondern auch mal einfühlsam, dass sie zwar gerne kontrollieren aber manchmal auch die Zügel aus der Hand geben, dass sie rational denken aber sich im Inneren Liebe wünschen.
Unterschwellig plädiert die Autorin für mehr emotionalen Zusammenhalt, der sich nicht an gesellschaftlichen Normen orientiert sondern in erster Linie an der Menschlichkeit und Wärme eines Familienverbandes.
Ein leichter, flüssiger Schreibstil in Verbindung mit wechselnden Erzählperspektiven und einer überschaubaren Anzahl an Protagonisten sorgt für angenehme Lesestunden.

Besonders positiv empfand ich die geschilderte Möglichkeit, wie verschiedenartig sich zunächst eingeschliffene Verhaltensmuster im Zusammenspiel mit anderen Menschen entwickeln können. Lediglich die Auseinandersetzung mit dem Krankheitsbild Alzheimer kam mir hier etwas zu kurz, denn der Erkrankte veränderte zwar seine Familienmitglieder, stand aber eher im Hintergrund. Hier hätte ich mir persönlich etwas mehr Schwere, Trauer und Verlustgefühl gewünscht, obwohl man davon gerade als Betroffener gern mal eine Auszeit nimmt.

Fazit
Ich vergebe 4 Lesesterne und eine Empfehlung für alle, die sich für gute Unterhaltungsliteratur erwärmen können und auf der Suche nach einem lebensbejahenden Buch sind, welches auch in dunkle Alltagsstunden etwas Sonnenschein zaubert. Insgesamt eine überzeugende, durchaus realistische Erzählung, die sich intensiv mit menschlichen Befindlichkeiten aller Art befasst.

Veröffentlicht am 09.10.2016

Des Vaters letzte Reise

Niemand weiß, wie spät es ist
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" Und auch, wenn ich wie wir alle den Sinn nicht erkennen kann, möchte ich auf den Sinn wetten. Das macht unser Leben einfach größer und erfüllter.

Als Nora Weilheim zur Testamentsverlesung ihres Vaters ...

" Und auch, wenn ich wie wir alle den Sinn nicht erkennen kann, möchte ich auf den Sinn wetten. Das macht unser Leben einfach größer und erfüllter.

Als Nora Weilheim zur Testamentsverlesung ihres Vaters vorgeladen wird, muss sie sich mit einer ungewöhnlichen Bitte des Verstorbenen auseinandersetzen. Er hat verfügt, dass Nora unter notarieller Aufsicht eine Reise absolvieren muss, die sie quer durch Österreich führen wird und erst nach Erfüllung dieser Aufgabe, wird die Nachlassverfügung aktiv. Etwas missmutig gestimmt macht sich die junge Frau auf den Weg. Der ihr zugeteilte Begleiter treibt sie in seiner Spießigkeit an den Rand der Verzweiflung und wächst ihr doch nach und nach ans Herz. Doch noch bevor die beiden ihr Ziel erreicht haben, machen sie eine folgenschwere Entdeckung, denn Noras Vater bezweckt mit dieser organisierten Wanderung noch etwas ganz anderes ...

Dieser Roman überrascht mit einer humorvoll-traurigen Geschichte, die ebenso profan wie besonders ist. Eine durchaus realistische Ausgangssituation wird hier zur Bewährungsprobe und bewirkt eine charakterliche Veränderung samt Weiterentwicklung bei den Protagonisten.

Der Autor schickt die arbeitslose, chaotische Nora, die keine besonderen Lebenspläne hat und sich eher auf Sinnsuche befindet mit dem anscheinend organisierten, pedantischen und veganen Bernhardt auf eine ganz besondere Reise. Die Charaktere sind liebevoll und detailliert beschrieben, so dass man als Leser beide Figuren mag und ihre Kauzigkeit zu schätzen weiß.

Mittels Brief- bzw. Videobotschaften gibt Noras Vater die Etappenziele bekannt und offenbart in seinen posthumen Ansprachen viele Emotionen, gibt Dinge preis, von denen seine Tochter nichts wusste und erzählt von der großen Liebe zu seiner frühzeitig verstorbenen Frau, Noras Mutter. Gerade diese Sequenzen haben viele philosophische Denkansätze und zeugen von Lebenserfahrung und großer Liebe. Der Transfer an den Leser gelingt hier mühelos.

Zeitweise verläuft die Geschichte etwas handlungsarm, gewinnt aber durch eine unerwartete Wendung in den Beziehungsverhältnissen zwischen Nora und ihrem Begleiter wieder an Schwung und Aussagekraft, so dass ein rundherum gelungener Wohlfühlroman entsteht, der direkt aus dem Leben gegriffen scheint.

Ich vergebe 4,5 Lesesterne (aufgerundet 5) für diese herzliche, direkte und emotionale Geschichte, die mich mit humorvollen Sequenzen, tiefen Wahrheiten und traurigen Erkenntnissen überzeugen konnte. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wichtig es ist, offene und aufrichtige Beziehungen zu führen, wie bedeutsam die Liebe für den Menschen sein kann und auch, dass es niemals zu spät ist, über seine Verfehlungen nachzudenken und einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen. Das Thema Trauer wird hier nicht stilisiert sondern als eine Möglichkeit geschildert, die sich bietet, um Resümee zu ziehen. Sehr ehrlich, sehr wahr und absolut lesenswert.





Veröffentlicht am 07.10.2016

Das Spiel deines Lebens

Golden Boy
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„Denn was wir entdecken, wenn wir meinen, wir könnten die Gedanken eines anderen lesen, sind nur unsere eigenen, abgeschwächten Erwartungen an sie.“

Inhalt

Die beiden Brüder Radha und Manjuth Kumar haben ...

„Denn was wir entdecken, wenn wir meinen, wir könnten die Gedanken eines anderen lesen, sind nur unsere eigenen, abgeschwächten Erwartungen an sie.“

Inhalt

Die beiden Brüder Radha und Manjuth Kumar haben als angehende Profi-Cricket-Spieler die einmalige Chance, ihrem Leben in den indischen Slums zu entkommen und sich stattdessen ein selbstbestimmtes, finanziell unabhängiges Leben aufzubauen. Für diese Möglichkeit gibt ihr ehrgeiziger Vater alles und sorgt mit rigiden Erziehungsmaßnahmen dafür, dass sich die Heranwachsenden seinem Willen unterordnen. Tatsächlich gelingt es dem jüngeren Bruder Manju, sich als „Golden Boy“ in die Herzen der Zuschauer und seiner reichen Mäzene zu spielen, doch während seine Cricket-Karriere auf den Höhepunkt zusteuert, erkennt er, wie unfrei und abhängig er immer bleiben wird, ganz egal wie seine Leistungen sein werden und er beschließt kurzerhand, dem geliebten Sport zu entsagen, um seinem Herzen zu folgen …

Meinung

Dies war mein erster Roman aus der Feder eines indischen Autors und ich habe auch keinen kulturellen Bezug zu dem Land, so dass ich mich vollkommen offen und ohne besondere Erwartungen an diesen Roman aus dem C.H. Beck Verlag gewagt habe. Leider musste ich bereits im ersten Viertel erkennen, dass meine Unwissenheit bezüglich des gesellschaftlichen Hintergrunds zu einiger Verwirrung führte. Gerade die ständigen Namens- und Ortsbeschreibungen, ergaben für mich kaum einen Sinn und ich habe sie oftmals überlesen, um den Lesefluss aufrecht zu erhalten. Der Schreibstil selbst ist auch nicht ohne, denn Herr Adiga vollzieht ungewöhnliche Zeitsprünge und wechselt die Erzählperspektiven sehr häufig und ohne erkennbares Muster.

Erst nach gut der Hälfte des Romans entwickelt sich die eigentliche Erzählung, eine Geschichte, die den Leser in ein fremdes Land entführt, in dem der Sport eine derart wichtige Rolle einnimmt, dass er sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht und das Leben vieler junger Inder beeinflusst. Aravind Adiga schildert nicht nur eine besondere Konkurrenzsituation zwischen Brüdern, sondern auch ein gestörtes Vater-Sohn-Verhältnis. Er prangert die Korruption einer Gesellschaftsschicht an, beschreibt aber auch die Aussichtslosigkeit einer Rebellion und er vermag es, die Hoffnungslosigkeit und Querelen, die man als Beteiligter unmittelbar und tagtäglich erlebt sehr intensiv und nachhaltig zu beschreiben. Für die aufstrebenden Sternchen am berühmten Sportlerhimmel steht immer alles auf dem Spiel und sobald man einen Rekord gebrochen hat, wird der nächste prompt erwartet. Die individuelle Prägung, die persönliche Motivation bleibt auf der Strecke und ein Scheitern auf dem Parcour ist gleichbedeutend mit einem Abrutschen in die Bedeutungslosigkeit. Und ebenso dramatisch und traurig gestaltet sich auch der Weg der Kumar-Brüder, die ihre erlangte Position nicht erfüllen und auf der Suche sind, nach einer anderen Freiheit, einer Freiheit jenseits ihres begrenzten Umfeldes.

Fazit

Ich vergebe wohlwollend 3 Lesesterne für diesen Roman, der sich für mich nur schwer erschließen ließ, weil ich immer das Gefühl hatte, die Grundaussage nicht recht zu verstehen und irgendeinen wichtigen Punkt nicht zu fassen bekam. Zahlreiche angerissene Themen und willkürliche Handlungssprünge haben das Lesen ebenfalls negativ beeinflusst. So dass ich nicht zuordnen konnte, ob es nun um das Erwachsenwerden, die eigene sexuelle Orientierung, den Umgang mit öffentlichen Anschuldigungen oder ein schwieriges persönliches Familienleben ging. Es ist ein bisschen von allem und doch nichts Ganzes. Hin und wieder blitzte dann doch ein Gedankengang auf, der mich kurzzeitig interessierte und die Hoffnung auf eine tiefere Wahrheit hat mich bis zum Schluss nicht ganz verlassen. Vielleicht ist dies kein Buch, welches man als Einsteigerlektüre in die indische Schreibkultur nehmen sollte, dafür ist es zu komplex.