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Veröffentlicht am 05.03.2023

Über das Ungesagte

Wir hätten uns alles gesagt
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„Jede Entscheidung für eine Geschichte schlägt unzählige andere Geschichten aus. Ein Wort vernichtet ein anderes Wort. Schreiben heißt auslöschen.“ (7%)

In ihrem aktuellen Buch nähert sich Judith Hermann ...

„Jede Entscheidung für eine Geschichte schlägt unzählige andere Geschichten aus. Ein Wort vernichtet ein anderes Wort. Schreiben heißt auslöschen.“ (7%)

In ihrem aktuellen Buch nähert sich Judith Hermann scheinbar autobiografisch ihren bisherigen Geschichten. Was dabei entsteht ist eine sehr besondere neue Geschichte.
Wer Judith Hermanns Werk kennt, weiß, dass sie vieles in ihren Geschichten ungesagt lässt: Sie lösen in uns Lesern Bezüge und Emotionen aus und wir bleiben frei darin, sie zu interpretieren.

„Wir hätten und alles gesagt“ setzt eine Ebene höher an. Wir scheinen uns über allem bisher von Hermann Geschriebenem zu befinden und sie verrät uns ein wenig über den Schreibprozess und die Hintergründe zu ihren Geschichten. Aber tut sie das wirklich? Am Ende dieses Buches war ich mir da nicht mehr so sicher. Denn auf der einen Seite scheint „Wir hätten uns alles gesagt“ zu analysieren und Persönliches aus dem Leben der Autorin preiszugeben; auf der anderen Seite ist es wieder ein typischer Hermann-Roman. Alles bleibt in der Schwebe.

Und auch in diesem Buch geht es wieder um zwischenmenschliche Beziehungen, die so vielfältig und manchmal schwierig sein können. Es geht um ungewöhnliche Freundschaften, die familiäre Herkunft und um Wahlverwandschaften.

„Wie hätten uns alles gesagt“ hat mich unheimlich tief berührt und angesprochen. Für mich ist dieses Spiel mit dem Ungesagten, das Judith Hermann so meisterlich beherrscht, tiefgründig und aufregend. Und so sehr mich ihre Kurzgeschichten beeindrucken - Hermanns Romane (und dieses Buch zähle ich dazu) sind für mich noch bedeutender.

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Veröffentlicht am 10.02.2023

Spannende Grundlage, langweilige Umsetzung

Mary & Claire
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„Ich schreibe stets, wie mir das Herz durchs Zünglein hüpft, sonst sind die Worte nichts als Kritzelkratzel.“ (15%)

Die Stiefschwestern Mary Shelley und Claire Clairmont verlieben sich beide in denselben ...

„Ich schreibe stets, wie mir das Herz durchs Zünglein hüpft, sonst sind die Worte nichts als Kritzelkratzel.“ (15%)

Die Stiefschwestern Mary Shelley und Claire Clairmont verlieben sich beide in denselben Mann, in Percy Bysshe Shelley. Jeder steht auf jeden, man unterhält sich kultiviert.

Die Namen der Protagonisten sind bekannt und es soll im Roman von Markus Orths die wahre Geschichte der Geschwister und Liebenden erzählt werden.

Ich bin sehr interessiert an „Mary & Claire“ herangegangen, war aber sofort irritiert von der Sprache: Eher modern, manchmal fast, als würde man die erste Skizzierung des Romans lesen. Manchmal dann gezwungen poetisch. Das hat mich immer wieder aus dem Lesefluss gebracht.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Geschichte nicht richtig an Fahrt gewinnt. Im Stile des Romans ausgedrückt: Sie ist lang & sie ist langweilig.

Hat mich leider überhaupt nicht überzeugen können.

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Veröffentlicht am 15.01.2023

Über unsere Arbeitswelt

Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten?
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„Wir versuchen in einer übermäßig fordernden, Workaholic-Kultur zu überleben, die Menschen dafür niedermacht, grundlegende Bedürfnisse zu haben.“ (5%)

Schon vor vielen Jahren gab es die Mutmaßung, dass ...

„Wir versuchen in einer übermäßig fordernden, Workaholic-Kultur zu überleben, die Menschen dafür niedermacht, grundlegende Bedürfnisse zu haben.“ (5%)

Schon vor vielen Jahren gab es die Mutmaßung, dass wir heutzutage deutlich weniger arbeiten müssten als zu Beginn der Industrialisierung, da viele Aufgaben von Maschinen übernommen werden können. In der Tat wurde sehr vieles übernommen. Und wir sind mehr Menschen geworden. Aber der Arbeitsumfang ist nicht weniger, sondern mehr geworden. Warum? In welch absurdem Hamsterrad stecken wir da fest?

Sara Weber geht dieser Frage nach und führt viele Analysen und Zitate zu unserer Arbeitswelt zusammen. Das ist eine fleißige Arbeit gewesen und ihr Buch liest sich auch ganz interessant. Es stellt allerdings kaum mehr als eine Paraphrase bereits bestehender Ideen und Theorien dar. Sprachlich flüssig aufbereitet, aber auch nicht spektakulär. Der gelungenste Satz ist der Titel des Buches.
Dieser führt allerdings auch ein wenig in die Irre. Erwartet hätte ich nämlich ein Buch, dass unsere Arbeits- und Wirtschaftswelt in den direkten Kontext zur Klimakrise stellt. Sie wird aber nur als eine von vielen Krisen immer mal wieder am Rande erwähnt.

Ich denke, dass Sara Weber ein wichtiges Thema aufgreift, das uns auch künftig noch mehr beschäftigen wird. Ihr Buch bietet einen guten Einstieg, wenn man den heutigen Arbeitsalltag hinterfragen möchte und eine Wissensgrundlage braucht. Darüber hinaus gibt es wenig Neues zu erfahren.

Das Zitat ist im Original aus „Laziness Does Not Exist“ von Devon Price.

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Veröffentlicht am 14.01.2023

Vom Ende einer Zeit irgendwo in Norddeutschland

Zur See
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„Auf allen Inseln gibt es einen, der die Sagen kennt. Die alten und die neuen Mythen. All die wahren, halbwegs wahren, frei erfundenen Geschichten über diese See, die Menschen, ihre Schiffe, ihre Angst. ...

„Auf allen Inseln gibt es einen, der die Sagen kennt. Die alten und die neuen Mythen. All die wahren, halbwegs wahren, frei erfundenen Geschichten über diese See, die Menschen, ihre Schiffe, ihre Angst. Er muss sie weitersagen, ob er möchte oder nicht, denn die Geschichten suchen den Erzähler aus. Nicht umgekehrt. Auf dieser Insel ist es Rykmer Sander, der die Sagen kennt.“ (4%)

Rykmer und seine jüngeren Geschwister Eske und Henrik sind bereits auf dieser Nordseeinsel geboren, von der wir nicht genau erfahren, welche es ist oder ob es sich um eine fiktive Insel handelt. Sie sind inzwischen erwachsen und führen ihre eigenen Leben. Aber - auf dieser Insel. Sie sind nicht weggezogen. Jeder von ihnen repräsentiert eine Urtümlichkeit des Insellebens. Rykmer, der bereits zur See gefahren ist und all die Geschichten über die See kennt. Eske, die sich für „die Inselsprache“, den Dialekt, der langsam in Vergessenheit gerät, begeistert und die alten Insulaner pflegt und sie oftmals inklusive der alten Geschichten und Sprache zu Grabe tragen muss. Und Henrik, der Jüngste, der eine tiefe Verbundenheit zum Meer und zur Natur empfindet, eins mit ihr zu sein scheint.

Ihre Eltern Hanne und Jens haben sich seit einigen Jahren auseinander gelebt. Sind den Anforderungen an die typischen Insulanerrollen nicht ganz gerecht geworden. Eine feste Verbundenheit bleibt. Es wird über dieses Auseinanderdriften nie gesprochen. Genauso kommentarlos nähert man sich nach Jahren wieder an. Nix gewesen.

Derlei Beziehungsgeflechte gibt es viele in Dörte Hansens drittem Roman. Die Geschichten der Figuren sind eng verwoben mit der Geschichte der Insel, die auf ein Ende zuzugehen scheint.

So schließt Hansens dritter Roman thematisch an die beiden Vorgänger an: Auch darin wird das Ende einer Zeit beschrieben. Das Ende einer Zeit irgendwo in Norddeutschland.
„Zur See“ hat mich noch ein wenig mehr aufgewühlt als die beiden Vorgängerromane. Dabei halte ich alle ihrer Bücher für absolut herausragend. Man findet immer Figuren (oder zumindest Teile von ihnen), mit denen man sich identifizieren kann. Sieht sich in einer ähnlichen Beziehung und begreift plötzlich viel mehr darüber.
Die zwischenmenschlichen Beziehungen scheinen gleichzeitig besonders und alltäglich. Sie werden akzeptiert und fast schon liebevoll betrachtet in ihrer Einzigartigkeit und Kauzigkeit.

Als Norddeutsche fühlt man sich vermutlich noch mehr angesprochen von diesen Geschichten. Die Schroffheit der Personen und der Natur; der Wandel hin zu einer globalisierten Welt, der auch entlegenen Regionen Norddeutschlands allmählich die jahrhundertealten Eigenheiten nimmt.

„Zur See“ werde ich noch viele Male verschenken. Eine wunderbare Geschichte!

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Veröffentlicht am 27.12.2022

Die wertvollste Ressource unseres Lebens: Zeit!

Alle_Zeit
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„Viele begreifen es als Naturgesetz, dass die Erwerbsarbeit im Zentrum unserer Zeitkultur steht. Das hat zur Folge, dass wir uns den Ansprüchen unterordnen, die die Wirtschaft auf unsere Lebenszeit erhebt. ...

„Viele begreifen es als Naturgesetz, dass die Erwerbsarbeit im Zentrum unserer Zeitkultur steht. Das hat zur Folge, dass wir uns den Ansprüchen unterordnen, die die Wirtschaft auf unsere Lebenszeit erhebt. Wer viel Zeit für bezahlte Arbeit aufbringen kann, ist der gesellschaftliche Maßstab.“ (19%)

Wie sehr wir in diesem Strudel aus Geld durch Vollzeit-Erwerbsarbeit verdienen und damit konsumieren stecken, merken wir oft in dem Moment, in dem wir zusätzlich Care-Arbeit übernehmen. Wenn das erste Kind zu betreuen ist oder jemand pflegebedürftig wird. Dann spüren besonders auch Frauen, dass noch sehr viel mehr in Schieflage ist. Der Feminismus hat bislang vor allem dafür gekämpft, dass Frauen dieselben Möglichkeiten im Rahmen einer Erwerbsarbeit bekommen. Zusätzlich zur Haus- und Care-Arbeit müssen alle Erwachsenen möglichst bald auch wieder der Wirtschaft dienen. Der Tag hat allerdings immer noch nicht mehr als vierundzwanzig Stunden. Woher diese Extra-Zeit genommen werden soll und ob alle damit glücklich sind, die Erwerbsarbeit in den Fokus ihres Lebens zu rücken, das wird nicht gefragt. So etwas wie eine Zeitpolitik gibt es leider nicht.

Teresa Bücker macht in ihrem Buch „Alle_Zeit“ all diese Zusammenhänge sehr deutlich. Zeit ist unsere wichtigste Ressource und sie ist begrenzt. Um trotz all der Arbeit noch Zeit für sich selbst zu haben, muss man gewisse Dinge anderen Menschen übertragen: Das Haus putzen, die Kinder betreuen… Auch darin steckt so viel mehr. Wie geht es den Menschen, die diese Arbeiten übernehmen? Warum bezahlen wir sie so schlecht (damit es sich rechnet!) und woher nehmen sie wiederum die Zeit für sich und ihre Angehörigen?

Und überhaupt - ist denn der Wunsch nach mehr Zeit für sich und seine Familie nicht legitim? Vielleicht ist es mir doch viel wichtiger, mich um meine Kinder selbst zu kümmern. Zeit mit ihnen zu verbringen. Beziehungen aufzubauen.

Care-Arbeit ist das Gerüst unseres Daseins und Miteinanders. Fiele sie weg, würde alles in sich zusammen brechen. Auch die Wirtschaft.

Zu selten wird das bedacht. Teresa Bücker legt den Finger in die Wunde und argumentiert sehr klug. Ihr Buch ist ungefragt eines der wichtigsten unserer Zeit. Es könnte nur kürzer sein und mit mehr Vorschlägen aufwarten, wie es anders ginge und vor allem, wie jeder selbst den ersten Schritt gehen könnte zu einer anderen Zeitwahrnehmung.

Aber das Buch rüttelt auf. Und es führt die Fäden einiger großer Probleme unserer Zeit zusammen zu einem zentralen Thema: Das der wertvollsten Ressource unseres Lebens, der Zeit!

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