Platzhalter für Profilbild

leseleucht

Lesejury Star
offline

leseleucht ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit leseleucht über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.05.2026

(Irr)witzig

Die Assistentin
0

Caroline Wahls dritten Roman kann man durchaus auch als Coming-of-age-Geschichte lesen wie die beiden Vorgänger. Wieder steht eine weibliche, nicht ganz unproblematische, recht eigenwillige Hauptfigur ...

Caroline Wahls dritten Roman kann man durchaus auch als Coming-of-age-Geschichte lesen wie die beiden Vorgänger. Wieder steht eine weibliche, nicht ganz unproblematische, recht eigenwillige Hauptfigur im Mittelpunkt, wieder geht es um den Aufbruch in die Zukunft, um die Ungewissenheit und die Suche nach dem eigenen Weg. Auch hier sind die Familienverhältnisse nicht unbedingt hilfreich. Auch wenn hier der familiäre Hintergrund nicht so bedrückend ist. Allerdings ist der dritte Band keine einfache Neuauflage der ersten beiden, stellt auch keine Fortsetzung dar und mag in diesem Sinne den ein oder anderen in seinen Erwartungen getäuscht haben.
Insbesondere der Tonfall ist ein ganz anderer, wir haben hier häufig eine von Spott triefende Erzählstimme im Hintergrund, die mit dem selbstverliebten, eitlen, neurotischen, egozentrischen und dabei willkürlichen bis hin zum despotischen Verlags- und Kulturbetrieb abrechnet. „Die Assistentin“ ist eine schlecht bezahlte Arbeitskraft, die ins kalte Wasser geworfen wird und von der man erwartet, dass sie von Anfang an alles richtig macht, ohne ihr zu sagen, was denn nun richtig oder falsch ist, weil das letztlich auch gar nicht möglich ist, da der Verleger so launisch und unberechenbar ist, dass man es nur falsch machen kann. Wenig hilfreich dabei sind Verlagsmitarbeiter, die ebenfalls im Dschungel der Launen versuchen, ihre Existenz im Verlag nicht nur zu sichern, sondern auch zu optimieren, und „Zweitassistentinnen“, die übefliegermäßig starten, ausgestattet mit überbordendem Selbstbewusstsein, wenig Reflexionsvermögen und noch weniger Frustrationstoleranz.
Letztlich rechnet Caroline Wahl damit nicht nur mit dem Literaturbetrieb ab, sondern mit dem Teil der Arbeitswelt, der sich die Dienste von Trainees und Praktikanten zu nutze macht, billige Arbeitskräfte auszubeuten und dann fallen zu lassen.
Trotz ihrer Schrullen und Macken ist die Protagonistin für mich eine Figur, der ich meine Sympathie aussprechen kann und der ich gerne gefolgt bin in ihrem Versuch, mit ehrlicher Arbeit und Anstand alles richtig machen und den Ansprüchen der anderen genügen zu wollen. Und die im Beruflichen und wie Privaten mit ihrer Ausdauer und Beharrlichkeit sowie der nötigen Selbstreflexion und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber doch so etwas wie innere Stärke zu entwickeln, um an den passenden Stellen dann auch einmal „Nein“ sagen zu können.
Nach wie vor nimmt mich Wahls Schreibstil, wie gewohnt, wenn auch hier ganz anders, beißender, (irr)witziger, schonungsloser, gleich mit in die Geschichte und lässt mich nicht mehr los.
Vielleicht muss man diesen Roman besser hören als selbst zu lesen, damit der Ton besser zur Geltung kommt. Auch wenn man sich an Caroline Wahls Art des Vortragens erst gewöhnen muss, ist es insbesondere ihre ausdrucksstarke, bisweilen nervtötende, aber damit hundertprozentig passende Lesart das, was die Lebenswelt, in der die Assistentin aufschlägt, noch einmal besonders stark veranschaulicht. Für mich auf jeden Fall absolut hörenswert!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.05.2026

Das Erbe des Schweigens

Tanzende Spiegel
0

Eine Frau in der Nachkriegszeit: eine Zeit nach Armut, Entbehrung, eine Zeit der Neuanfänge, Neuorientierung, Unsicherheit, eine vielversprechende Beziehung zu einem Arzt, eine Affäre mit einem verheirateten ...

Eine Frau in der Nachkriegszeit: eine Zeit nach Armut, Entbehrung, eine Zeit der Neuanfänge, Neuorientierung, Unsicherheit, eine vielversprechende Beziehung zu einem Arzt, eine Affäre mit einem verheirateten Mann, ein uneheliches Kind, eine Lüge, Schweigen …
Eine Tochter heute: eine Zeit nach dem Tod des Ehemannes, eine Zeit, in der die eigenen Kinder schon aus dem Haus sind, eine Zeit der Unsicherheit und Verwirrung, eine phantasierte Beziehung zu einer Patientin, die Notwendigkeit des Schweigens, die Entdeckung einer Lebenslüge, neue Möglichkeiten …

In dem Roman mit autobiografischen Zügen geht es um Familienbeziehungen, um Gefühlsverwirrungen, um die Suche nach Orientierung und Zukunftsperspektiven, um Geheimnisse, die das Leben aller verändern. Auf zwei Ebenen wird erzählt aus Sicht der Tochter, nun Psychotherapeutin, die dem Leben ihrer Mutter nachspürt, einer jungen Frau, die nach dem Krieg ganz auf sich gestellt ihr Leben entwerfen muss, die schwankt zwischen Vernunft und einer gesicherten Zukunft und der Sehnsucht nach echtem Gefühl und gleichzeitiger Unabhängigkeit, begrenzt durch die Situation im Nachkriegsdeutschland, dem Mangel, der Unsicherheit, dem Wiederaufbau, den wieder erstarkenden Rollenbildern, dem Verschweigen der Vergangenheit bzw. Schuld, dem Verdrängen des Gewesenen.
Auf der anderen Eben erzählt die Psychotherapeutin über sich und ihre Patientin, die auch Ängste, Unsicherheiten, Wünsche mit sich tragen, allerdings unter anderen Rahmenbedingungen. Davon kann sich die Therapeutin auch nicht frei machen. So reflektiert sie das Leben ihrer Mutter und ihr eigenes immer wechselseitig miteinander.

Das Cover ist sehr ansprechend, der Stil gut lesbar. Die Geschichte der Mutter finde ich – auch im Hinblick auf Historie und Mentalitätsgeschichte – sehr interessant. Sie ist es gewesen, die mich für das Buch interessiert hat. Mit der Geschichte der Therapeutin kann ich nur insofern etwas anfangen, als sie ihre Geschichte als Tochter ihrer Mutter erzählt. Die Beziehung zu einer ihrer Patientin, einer Künstlerin, ist für mich ziemlich überdreht, was dadurch noch verstärkt wird, als dass sie sich letztlich nur im Kopf der Therapeutin abspielt. Auch sehe ich nicht wirklich das Spiegelbild von Mutter und Tochter.

Als Familiengeschichte ohne therapeutischen Hintergrund hätte es mir auf jeden Fall besser gefallen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.05.2026

Großer Familienspaß

Der Tag, an dem Max dreimal ins Auto gekotzt hat
0

Dass mal jemand – meist ein Kind – auf einer längeren Autofahrt ins Auto kotzt, ist eine Erfahrung, die jeder kennt und jeder teilt. Dass dies aber auf so unterhaltsame Art passieren kann, ist etwas, was ...

Dass mal jemand – meist ein Kind – auf einer längeren Autofahrt ins Auto kotzt, ist eine Erfahrung, die jeder kennt und jeder teilt. Dass dies aber auf so unterhaltsame Art passieren kann, ist etwas, was einem erst Marc-Uwe Klings erneut wunderbar komisches Kinder – oder sollte man eher sagen Familien – buch erfahrbar macht.
Die Umstände, die dazu führen, dass Max gleich dreimal ins Auto kotzt, sind wieder einmal herrlich komisch und skurril und dabei zugleich so nachvollziehbar, dass diese eher unappetitliche Geschichte einen enormen Unterhaltungsfaktor nicht nur auf Autofahrten gewinnt. Die Figuren, bereits bekannt aus anderen Familienanekdoten aus der Feder Klings, sind wie immer liebenswert und lustig. Die Ereignisse bedürfen keiner großen Spezialeffekte, sondern der Autor vermag es, aus kleinen Alltagsdingen gute Unterhaltung zu machen, der man neugierig und gespannt folgt, bis man leider feststellen muss, dass die Geschichte schon zu Ende ist. Ich mag auch die Querverweise zu anderen von Klings Geschichten, weil man sich immer wieder gerne daran erinnert: Ach ja, das Klugscheisserchen, ach ja, das Känguru …
Auch diesmal wieder absolut klasse eingelesen vom Autor mit gut gesetzten Musikeffekten. Aber Achtung: Wer das Hörbuch über Kopfhörer in der Öffentlichkeit hört, sollte sich nicht wundern, wenn seine Umgebung ihn bisweilen verdutzt anschaut. Dann ist er vermutlich, von ihm selbst unbemerkt, in lautes Gelächter ausgebrochen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.05.2026

Großartig gelesen

Abschied
0

„Abschied“ ist eine wiederentdeckte Erzählung und insofern auch eine Entdeckung, weil man Haffners erzählerisches Talent zwar aus anderen Werken kennt, diese aber eher historische Darstellungen waren, ...

„Abschied“ ist eine wiederentdeckte Erzählung und insofern auch eine Entdeckung, weil man Haffners erzählerisches Talent zwar aus anderen Werken kennt, diese aber eher historische Darstellungen waren, keine erzählerische Fiktion.
Erzählen kann er auf jeden Fall. Und so erzählt er uns in „Abschied“ von einem eher bürgerlichen Rechtsreferendar, der während eines Kurztrips nach Paris – wie man heute sagen würde -, eintaucht in das bohemianhafte Leben, das diese Stadt demjenigen ermöglicht, der die Muße und das nötige Kleingeld hat. Oder der bereit ist, sich auch ohne Geld von einem solchen Moment des savoir vivre zum nächsten zu hangeln, wie es die Angebetete unseres jungen Referndars in Paris tut. Von ihr gilt es jetzt wieder Abschied zu nehmen und damit auch von einer besonderen Lebensweise, und diesen gilt es möglichst lang hinauszuzögern, um sich noch nicht der Lebenswirklichkeit stellen zu müssen, um die Geliebte nicht wieder sich selbst oder gar anderen Bewunderern überlassen zu müssen, um sich selbst um sie sorgen zu können, um dem spießbürgerlichen Leben nicht zu schnell wieder ins Gesicht schauen zu müssen, um Paris nicht zu schnell wieder den Rücken kehren zu müssen – wer weiß, bis wann.
Die Erzählung vermittelt wunderbar das Lebensgefühl in dieser schillernden Stadt, das genauso schillert zwischen Leichtigkeit und der Anstrengung, die zu viel gewollte Leichtigkeit mit sich bringen kann, sowie die Bedrückung durch den bevorstehenden Abschied. Dieser ist für mein Empfinden allerdings bisweilen sehr künstlich prolongiert worden, was auch ermüdend und ein wenig lächerlich wirken kann.
Letzteres mag auch dem naiven Ton neusachlicher Erzählkunst, an den die Geschichte auf jeden Fall erinnert, geschuldet sein.
Was man allerdings auf jeden Fall festhalten kann, ist, dass der Verlag eine absolut passende Erzählstimme für diesen Text gefunden hat, die genau den richtigen Ton trifft und von daher das Hören schon zu einem großartigen Erlebnis macht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.05.2026

Ganz große Satire

Die Känguru-Rebellion (Die Känguru-Werke 5)
0

Es ist - noch einmal - wieder da: das Känguru, der Erfolgsgarant aus Marc-Uwe Klings ersten großen Bucherfolgen. Diesmal mit dem erklärten Ziel der Rebellion gegen die Verhältnisse. Und wer wäre dafür ...

Es ist - noch einmal - wieder da: das Känguru, der Erfolgsgarant aus Marc-Uwe Klings ersten großen Bucherfolgen. Diesmal mit dem erklärten Ziel der Rebellion gegen die Verhältnisse. Und wer wäre dafür besser geeignet als das Känguru in seiner Kaltschnäuzigkeit, mit seinem riesen Ego, wenigen Skrupeln und seinen bissigen Kommentaren.
Dabei sind seine – wie gewohnt - kurzen Episoden geprägt von einer beeindruckenden Wissensfülle und, wenn es das denn heute überhaupt noch geben kann, einem klarsichtigen Einblick in die Lage der Welt heute. Verblüffend ist dabei, dass die Lösung der angesprochenen Probleme – insbesondere Klimakrise und Rechtsruck in der Gesellschaft, auf die sich das Känguru zum Schluss dann doch ein wenig zu mantraartig einschießt – bisweilen so einfach sein könnte, aber von persönlichen Interessen einzelner blockiert wird.
Wie immer liest dieser Autor sein Werk am besten selbst. Der Vortrag könnte anders nicht lebendiger, mitreißender und witziger sein.
Insgesamt bin ich beeindruckt von diesem Exoten höchst intelligenter, intellektueller, kompetenter und wirklich böskomischer Satire in tucholskyscher Tradition im Dschungel all dieser Blödelcomedians. Und hier erfüllt für mich ein Anglizismus auf jeden Fall mal einen guten Zweck: die Möglichkeit zwischen Satire und Comedy zu unter- und sich für Satire und gegen Comedy entscheiden zu können.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere