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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.05.2026

Alltagstauglich

Dein Endometriose-Alltagshelfer
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Der Ratgeber über Endometriose ist von einer Frau geschrieben, die sehr stark unter Endometriose gelitten hat und immer noch leidet. Welche Ausmaße diese noch recht unerforschte, mittlerweile aber immer ...

Der Ratgeber über Endometriose ist von einer Frau geschrieben, die sehr stark unter Endometriose gelitten hat und immer noch leidet. Welche Ausmaße diese noch recht unerforschte, mittlerweile aber immer häufiger im öffentlichen Licht besprochene Erkrankung hat, macht sie an der Schilderung ihres Falles sehr deutlich. Genauso wie sie andere Betroffene mit ihren Erfahrungen zu Wort kommen lässt. Fachliche Unterstützung leistet eine Kölner Ärztin, die sich auf die Behandlung von Endometriose spezialisiert hat.
Herausgekommen ist ein Ratgeber, der sowohl die fachlichen Zusammenhänge klar und anschaulich darbietet als auch viele Alltagstipps für das Leben mit Endometriose gibt bis hin zur Packliste für Krankenhaus- oder Reha-Aufenthalt. Vieles davon kennt man sicherlich, aber für den Notfall ist es sicherlich hilfreich, ein kleines Kompendium zur Hand zu haben. Den besonderen Wert der Tipps macht aus, dass sie mit den persönlichen Erfahrungen der Autorin kombiniert werden. Es gibt keine „Wenn du das machst, dann ...“-Versprechungen, sondern viel mehr viele „Bei mir war das so … oder hat dies geholfen“. Das lässt der Leserin die Eigenverantwortlichkeit, das für sich Passende Herauszusuchen. Das Wichtigste, das das Buch neben den praktischen Tipps vermittelt, ist die Akzeptanz. Das ist bei einer Erkrankung, die auch häufig in die Kategorie „psychosomatisches Frauenleiden“ – ist halt so, muss man aushalten, darf man nicht hysterisch werden – fällt, besonders wichtig. Das vermittelt der Leserin bei der Lektüre ein gutes Gefühl und hat etwas Befreiendes. Es darf mir schlecht gehen, und ich darf mich dem widmen. Ich darf etwas für mich tun. Und dass man eine Menge tun kann, auch Ärzte und Kliniken, der soziale Dienst, Physiotherapeut:Innen und so weiter und so fort, wird in diesem Buch sehr deutlich.
Über die Farbe des Ratgebers ließe sich streiten.
Ich wünsche dem Buch und dem Thema, dass es nicht nur von Betroffenen wahrgenommen wird, sondern auch von Partnern, Arbeitgebern und jedem, der ein Urteil über „Frauenleiden“ zu treffen sich veranlasst fühlt.

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Veröffentlicht am 01.05.2026

Fein gesponnene Ästhetik

Heimkehr nach Morioka
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Zunächst einmal will ich sagen, dass mich bereits das Cover des Buches sehr eingenommen hat. Es ist – einfach gesprochen – wirklich schön, dabei sehr schlicht und zart und passt sehr gut, zu der Ästhetik ...

Zunächst einmal will ich sagen, dass mich bereits das Cover des Buches sehr eingenommen hat. Es ist – einfach gesprochen – wirklich schön, dabei sehr schlicht und zart und passt sehr gut, zu der Ästhetik wie sie das Leben von Mios Großvater, dem Begründer von Homespun, handgefertigter, hochwertiger Wollkeidung, und Sammlung von allem Schönen, repräsentiert. Zu ihm flüchtet die 17jährige Mio, die mit ihren Mitschülerinnen nicht klar kommt, die sich von den Eltern unverstanden fühlt und stets Angst hat, etwas falsch zu machen oder jemanden zu verärgern. Sie ist so sehr daran gewöhnt, die Stimmunslagen der anderen zu lesen und zu interpretieren, dass sie sich selbst dabei gänzlich verloren hat. So weiß sie lange nicht, wie es für sie jetzt weiter gehen soll: zurück in die Schule oder in die Fußstapfen des Großvaters treten? Sie kann keine Farbe benennen, die für ihr Leben stehen könnte und mit der sie dann den Schal färben könnte, die sie für sich weben will.
Zusammen mit Mio lernt der Leser viel über den Umgang mit und das Verarbeiten von Wolle, einem hochqualitativen Material, wenn man es richtig verwendet. In schönen Bildern veranschaulicht der Roman die Vorzüge des Materials und die Wirkung der Farben. Genauso schildert er das Leben in der japanischen Stadt mit dem Berg Iwake.
Die Mitarbeiter in der Werkstatt ihres Großvaters begegnen Mio wie auch ihr Großvater mit Verständnis, Ruhe und Zugewandtheit, doch zugleich auch mit Konsequenz und der nötigen Herausforderung, während sie mit ihren Eltern und ihrer Großmutter mütterlicherseits gar nicht reden kann, zumal diese noch ihre eigenen Sorgen mit sich herumtragen.
Der Roman stellt uns neben Mio weitere sympathische und interessante Figuren vor, neben ihrem Großvater eine Cousine mit ihrem Sohn, der einen besonderen Zugang zu Mio findet, auch wenn er sie anfänglich sehr irritiert.
Nur die Gespräche mit ihren Eltern und das Verhalten der Figuren untereinander kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Die Dialoge wirken sehr unnatürlich, steif und verquer. Das soll sicherlich auch das schwierige Verhältnis zum Ausdruck bringen. Aber irgendwie bleiben die Figuren für mich wenig greifbar, sodass ich ihre Reaktionen oft übertrieben und wenig entwickelt finde.
Aber man bekommt auf jeden Fall einen spannenden Einblick in ein heute nicht mehr so präsentes Handwerk und in die japanische Lebensweise, mit der ich nicht wirklich vertraut bin und die sich mir durch das Lesen doch ganz anders darstellt, als erwartet.

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Veröffentlicht am 01.05.2026

Ein Roman voll italienischem Charme

Die Briefträgerin
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Die Geschichte ihrer Großmutter war Inspiration für Francesca Giannone einer interessanten, starken, eigensinnigen Frau mit ihrem Roman ein Denkmal zu setzen. Das ist ihr, denke ich, gelungen.
Anna kommt ...

Die Geschichte ihrer Großmutter war Inspiration für Francesca Giannone einer interessanten, starken, eigensinnigen Frau mit ihrem Roman ein Denkmal zu setzen. Das ist ihr, denke ich, gelungen.
Anna kommt mit ihrem Mann aus dem Norden Italiens in ein kleines Städtchen im Süden des Landes, für sie ein Unterschied wie Tag und Nacht. Für die Einwohner bleibt sie immer die Fremde, nicht nur, weil sie nicht im Dorf geboren ist, sondern vielmehr wohl auch, weil ihre Lebens- und Wesensart den anderen fremd ist. Anna gibt sich nicht mit der Rolle als Ehefrau und Mutter zufrieden. Als sich die Möglichkeit ergibt, ergreift sie die Stelle als erste Postbotin, die zudem nicht nur die Briefe austrägt, sondern auch die Schicksale ihrer Adressaten in die Hand nimmt. Sie setzt sich ein für Benachteiligte, vor allem für die Frauen. Auch im Familienkreis, als ihre Schwägerin und Nichte Hilfe brauchen. Sie ist eine sehr schöne und sinnliche Frau, was neben Neidern auch zu Bewunderern führt, z. B. ihrem Schwager. Dies ist nicht die einzige Beziehung im Dorf, die nicht sein darf, und sie haben alle mehr oder minder schwere Konsequenzen.
Giannone schreibt ein liebevolles Porträt der Postbotin Anna und erschafft einen kleinen Kosmos voller charmanter oder eigenwilliger Figuren, deren Geschichten um die von Anna herum zu einem unterhaltsamen, bisweilen emotionalen, bisweilen sehr spannenden Roman ergeben. Was ihr besonders gut gelingt, es es, die süditalienischen Flair zu vermitteln. Quasi mit allen Sinnen fühlt sich der Leser in ein Dorf im Süden Italiens versetzt. Er lebt und leidet mit den Figuren.
Nur, als die Geschichte auf ihr Ende zuläuft und die Handlung noch einmal eine dramatische Wende nimmt, erahnt man schon auf den letzten fünfzig Seiten, dass diese nicht ausreichen werden, zu einem entwickelten Schluss zu kommen. Das ist für mich einer der wenigen Kritikpunkte am Buch, der leider – weil eben am Ende stehend – doch stark in Erinnerung bleibt, dass das Ende so abrupt und wenig entwickelt dem Leser vor die Füße fällt.
Ansonsten bietet der Roman dem Leser anschauliche und lebendige Unterhaltung und ein Gefühl von Urlaub unter italienischer Sonne.

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Veröffentlicht am 01.05.2026

(Irr)witzig

Die Assistentin
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Caroline Wahls dritten Roman kann man durchaus auch als Coming-of-age-Geschichte lesen wie die beiden Vorgänger. Wieder steht eine weibliche, nicht ganz unproblematische, recht eigenwillige Hauptfigur ...

Caroline Wahls dritten Roman kann man durchaus auch als Coming-of-age-Geschichte lesen wie die beiden Vorgänger. Wieder steht eine weibliche, nicht ganz unproblematische, recht eigenwillige Hauptfigur im Mittelpunkt, wieder geht es um den Aufbruch in die Zukunft, um die Ungewissenheit und die Suche nach dem eigenen Weg. Auch hier sind die Familienverhältnisse nicht unbedingt hilfreich. Auch wenn hier der familiäre Hintergrund nicht so bedrückend ist. Allerdings ist der dritte Band keine einfache Neuauflage der ersten beiden, stellt auch keine Fortsetzung dar und mag in diesem Sinne den ein oder anderen in seinen Erwartungen getäuscht haben.
Insbesondere der Tonfall ist ein ganz anderer, wir haben hier häufig eine von Spott triefende Erzählstimme im Hintergrund, die mit dem selbstverliebten, eitlen, neurotischen, egozentrischen und dabei willkürlichen bis hin zum despotischen Verlags- und Kulturbetrieb abrechnet. „Die Assistentin“ ist eine schlecht bezahlte Arbeitskraft, die ins kalte Wasser geworfen wird und von der man erwartet, dass sie von Anfang an alles richtig macht, ohne ihr zu sagen, was denn nun richtig oder falsch ist, weil das letztlich auch gar nicht möglich ist, da der Verleger so launisch und unberechenbar ist, dass man es nur falsch machen kann. Wenig hilfreich dabei sind Verlagsmitarbeiter, die ebenfalls im Dschungel der Launen versuchen, ihre Existenz im Verlag nicht nur zu sichern, sondern auch zu optimieren, und „Zweitassistentinnen“, die übefliegermäßig starten, ausgestattet mit überbordendem Selbstbewusstsein, wenig Reflexionsvermögen und noch weniger Frustrationstoleranz.
Letztlich rechnet Caroline Wahl damit nicht nur mit dem Literaturbetrieb ab, sondern mit dem Teil der Arbeitswelt, der sich die Dienste von Trainees und Praktikanten zu nutze macht, billige Arbeitskräfte auszubeuten und dann fallen zu lassen.
Trotz ihrer Schrullen und Macken ist die Protagonistin für mich eine Figur, der ich meine Sympathie aussprechen kann und der ich gerne gefolgt bin in ihrem Versuch, mit ehrlicher Arbeit und Anstand alles richtig machen und den Ansprüchen der anderen genügen zu wollen. Und die im Beruflichen und wie Privaten mit ihrer Ausdauer und Beharrlichkeit sowie der nötigen Selbstreflexion und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber doch so etwas wie innere Stärke zu entwickeln, um an den passenden Stellen dann auch einmal „Nein“ sagen zu können.
Nach wie vor nimmt mich Wahls Schreibstil, wie gewohnt, wenn auch hier ganz anders, beißender, (irr)witziger, schonungsloser, gleich mit in die Geschichte und lässt mich nicht mehr los.
Vielleicht muss man diesen Roman besser hören als selbst zu lesen, damit der Ton besser zur Geltung kommt. Auch wenn man sich an Caroline Wahls Art des Vortragens erst gewöhnen muss, ist es insbesondere ihre ausdrucksstarke, bisweilen nervtötende, aber damit hundertprozentig passende Lesart das, was die Lebenswelt, in der die Assistentin aufschlägt, noch einmal besonders stark veranschaulicht. Für mich auf jeden Fall absolut hörenswert!

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Veröffentlicht am 01.05.2026

Das Erbe des Schweigens

Tanzende Spiegel
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Eine Frau in der Nachkriegszeit: eine Zeit nach Armut, Entbehrung, eine Zeit der Neuanfänge, Neuorientierung, Unsicherheit, eine vielversprechende Beziehung zu einem Arzt, eine Affäre mit einem verheirateten ...

Eine Frau in der Nachkriegszeit: eine Zeit nach Armut, Entbehrung, eine Zeit der Neuanfänge, Neuorientierung, Unsicherheit, eine vielversprechende Beziehung zu einem Arzt, eine Affäre mit einem verheirateten Mann, ein uneheliches Kind, eine Lüge, Schweigen …
Eine Tochter heute: eine Zeit nach dem Tod des Ehemannes, eine Zeit, in der die eigenen Kinder schon aus dem Haus sind, eine Zeit der Unsicherheit und Verwirrung, eine phantasierte Beziehung zu einer Patientin, die Notwendigkeit des Schweigens, die Entdeckung einer Lebenslüge, neue Möglichkeiten …

In dem Roman mit autobiografischen Zügen geht es um Familienbeziehungen, um Gefühlsverwirrungen, um die Suche nach Orientierung und Zukunftsperspektiven, um Geheimnisse, die das Leben aller verändern. Auf zwei Ebenen wird erzählt aus Sicht der Tochter, nun Psychotherapeutin, die dem Leben ihrer Mutter nachspürt, einer jungen Frau, die nach dem Krieg ganz auf sich gestellt ihr Leben entwerfen muss, die schwankt zwischen Vernunft und einer gesicherten Zukunft und der Sehnsucht nach echtem Gefühl und gleichzeitiger Unabhängigkeit, begrenzt durch die Situation im Nachkriegsdeutschland, dem Mangel, der Unsicherheit, dem Wiederaufbau, den wieder erstarkenden Rollenbildern, dem Verschweigen der Vergangenheit bzw. Schuld, dem Verdrängen des Gewesenen.
Auf der anderen Eben erzählt die Psychotherapeutin über sich und ihre Patientin, die auch Ängste, Unsicherheiten, Wünsche mit sich tragen, allerdings unter anderen Rahmenbedingungen. Davon kann sich die Therapeutin auch nicht frei machen. So reflektiert sie das Leben ihrer Mutter und ihr eigenes immer wechselseitig miteinander.

Das Cover ist sehr ansprechend, der Stil gut lesbar. Die Geschichte der Mutter finde ich – auch im Hinblick auf Historie und Mentalitätsgeschichte – sehr interessant. Sie ist es gewesen, die mich für das Buch interessiert hat. Mit der Geschichte der Therapeutin kann ich nur insofern etwas anfangen, als sie ihre Geschichte als Tochter ihrer Mutter erzählt. Die Beziehung zu einer ihrer Patientin, einer Künstlerin, ist für mich ziemlich überdreht, was dadurch noch verstärkt wird, als dass sie sich letztlich nur im Kopf der Therapeutin abspielt. Auch sehe ich nicht wirklich das Spiegelbild von Mutter und Tochter.

Als Familiengeschichte ohne therapeutischen Hintergrund hätte es mir auf jeden Fall besser gefallen.

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