Unruhige Zeiten
Blankenese - Zwei FamilienEinen spannenden Zeitabschnitt hat die Autorin Michaela Grünig für den Abschlussband ihrer Familientrilogie in Blankenese ausgewählt: Beginnend mit den Studentenunruhen im Jahr 1968 bis hin zum Höhepunkt ...
Einen spannenden Zeitabschnitt hat die Autorin Michaela Grünig für den Abschlussband ihrer Familientrilogie in Blankenese ausgewählt: Beginnend mit den Studentenunruhen im Jahr 1968 bis hin zum Höhepunkt des deutschen Terrors im Herbst 1973 schildert sie die Lebenswege der verschiedenen Generationen der Reedereifamilie Casparius und dem jüdischen Teil der Verwandtschaft, der Familie Jacobson. Da sind einmal die beiden Schwestern Ulrike und Sabine, die auf ihrer Suche nach ihrem Weg in Kontakt kommen mit den Studenten, die eine Aufarbeitung der Nazi-Zeit und eine gesellschaftliche Erneuerung fordern. Auf der anderen Seite kämpft auch Kurt Jacobson als Staatsanwalt für die Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen und den Erhalt der jungen Demokratie in Deutschland.
Die Darstellung dieser Zeit ist sehr spannend und lebendig und gibt einen guten Einblick in die dichten Geschehenisse von der Erschießung Benno Ohnesorgs über Beate Klarsfelds Nazi-Jagd, das Attentat während der olympischen Spiele in München bis hin zu den Befreiungsversuchen der RAF-Anführer aus ihrer Haft in Stammheim. Die Hintergründe sind sehr gut recherchiert und sehr detailliert dargestellt, doch zugleich auch so, dass jeder, ob er sich in der Zeit nun auskennt oder nicht, gut und gerne folgen kann und mag. Die allgemeine Zeitgeschichte ist stimmig mit den Entwicklungen im Leben der Protagonisten verwoben. Mit ihnen erhält die Zeit ein Gesicht. Das ist der Vorteil gegenüber der reinen Schilderung historischer Abläufe. Geschichtsunterricht mit hohem Unterhaltungsfaktor.
Besonders gut gelungen, finde ich die Diskussionen der Figuren über die drängenden Fragen der Zeit: Umgang mit Schuld und Verantwortung, Frage nach Opfer und Täter, Umgang mit Isreal und Antisemitismus, die Frage nach den Grundsätzen eines demokratischen Staates, insbesondere im Umgang mit dem Terror, der seine Autorität untergräbt und seine Grundsätze in Frage stellt.
Das alles sind aktuelle Themen, die hier äußerst differenziert und beeindruckend klar diskutiert werden, ohne dass es dabei langweilig würde oder die Gespräche gekünstelt wirkten. Das ist für einen Unterhaltungsroman ein hoher Anspruch, der sehr gelungen umgesetzt wurde.
Einzig ein wenig störend empfand ich die bisweilen sehr emotionale Ausgestaltung der Figuren wie z. B. Sabine oder Michael, den „Jungen aus dem KZ“. Die Figurenzeichnung gerät hier zum Teil ein wenig einseitig und übertrieben.
Aber insgesamt ist der Roman gemäß seinem Titel, „Zeitensturm“, so spannend zu lesen, dass man ihn stellenweise gar nicht mehr aus der Hand legen mag.