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Veröffentlicht am 17.11.2021

"Deine Schuld wird nie vergehen"

Am Abgrund der Menschlichkeit
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Es ist eine Schande und nicht nachzuvollziehen, wie Geflüchtete behandelt werden. Herr Trabert ist Arzt und als solcher in etlichen Camps unterwegs. In dem Buch „Am Abgrund der Menschlichkeit“ schildert ...

Es ist eine Schande und nicht nachzuvollziehen, wie Geflüchtete behandelt werden. Herr Trabert ist Arzt und als solcher in etlichen Camps unterwegs. In dem Buch „Am Abgrund der Menschlichkeit“ schildert er seine Erlebnisse. Er lässt die Menschen selbst zu Wort kommen, beschreibt ihre Traumata und die Gefahren einer Flucht. Nein, es sind niemals Menschen, die denken, dass ihnen in Europa die „gebratenen Tauben“ in den Mund fliegen. Die Ursachen liegen tiefer. Wer hier urteilt, der sollte mit einleuchtenden Argumenten vom Gegenteil überzeugt werden.

Herr Gerhard Trabert war mir als Autor durch sein Buch „Der Straßen-Doc“ bereits bekannt. Sein Engagement für jene, die am Rande der Gesellschaft stehen, beeindruckte mich und ich freute mich auf „Am Abgrund der Menschlichkeit“. Aber dass es so ein bewegendes Buch ist, das erwartete ich nicht. Immer wieder musste ich abbrechen, weil Tränen mir das Lesen unmöglich machten. Nein, es sind keine erfundene Geschichten, die auf die berühmte Tränendrüse drücken sollen.

Herr Trabert besuchte sogar unter Lebensgefahr unter anderem die Flüchtlingslager in Syrien, Türkei oder Bosnien. Dass es nur wenige Kilometer von Deutschland entfernt solches Elend gibt, das hätte ich nie gedacht. Menschen hausen in Zelten, ohne ärztliche Versorgung oder gar Hilfe von Außen. Besonders Behinderte haben es schwer, da die Lager nicht den kleinsten Ansatz haben, rollstuhlgerecht zu sein. Fotos von Geflüchteten zeigen deutlich, wie erbarmungslos die Spezies Mensch zu seinesgleichen ist. Ja, es gibt einige, die nehmen sich der Not von Geflüchteten an. Aber es sind zu wenige und die hohen Herren und Damen der Politik, sie schweigen.

Am Schluss des Buches gibt es ausführliche Erläuterungen zu den Endnoten. Aber auch ein Hinweis des Arztes auf seine „Petition an den Bundestag zur Aufnahme Geflüchteter von den griechischen Inseln“ vom Oktober 2020. Wer dieses Buch mit wachem Geist liest, der wird eine andere Meinung gegenüber Menschen in Not erlangen. Oder gibt es Leute, die glauben, dass es ihr Verdienst ist, in einem sicheren Land leben zu dürfen?

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Veröffentlicht am 15.11.2021

Denken Sie daran, dass Sie den Hausrat bitte einzeln fotografieren

Es war doch nur Regen!?
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Die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 brachte Tod und Verwüstung über das Ahrtal. Der Autor Andy Neumann schreibt in dem Buch EswardochnurRegen, aus der Sicht eines „Opfers“. Ja, er bezeichnet sich ...


Die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 brachte Tod und Verwüstung über das Ahrtal. Der Autor Andy Neumann schreibt in dem Buch

EswardochnurRegen, aus der Sicht eines „Opfers“. Ja, er bezeichnet sich und seine Nachbarn als „Opfer“. Wer die Fotos sah, die nur noch Schlamm und Verheerung zeigen, kann verstehen, warum er diese Bezeichnung für alle Betroffenen wählte.

Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich in Remagen. Damals war es noch normal, dass Samstags ein Familienausflug anstand. Ja, und dieser führte regelmäßig ins Ahrtal. Meine Eltern und ich wanderten an der Ahr entlang oder kletterten zu den höchsten Punkten der Weinberge. Die Sicht war beeindruckend und sogar als Kind empfand ich Ehrfurcht vor der Schönheit der Natur. Von Heimersheim aus hoch zur Landskrone, das war für uns ein Muss an Pfingsten. Nirgendwo gab es so köstliche Laugenbrezeln, wie hier. Diese Flut, die über das Ahrtal und auch weitere Gebiete der Eifel hereinbrach, machte mich also auch persönlich betroffen. Zumal es in meinem Wohnort ebenfalls Überflutungen mit großen Schäden an Haus und Hof gab.

Ich begann also mit dem Lesen des Buches

EswardochnurRegen und konnte mich nicht losreißen. So anschaulich schildert Andy seine persönlichen Erfahrungen. Er beschreibt die Nacht der Überflutung, seine Angst und dann diese erlösende Nachricht, dass der Pegel der Ahr sinkt. Ja, ich träumte davon und wachte schweißgebadet auf, die Beschreibung der Emotionen vor Ort konnten also nicht besser sein. Herr Neumann schaut am nächsten Tag aus dem Fenster und es kann wohl niemand ermessen, wie niederschmetternd der Anblick war.

Kein Thriller und kein Historischer Roman konnte mich im Lesejahr 2021 so fesseln, wie
„Es war doch nur Regen“. Das Geschehen aus persönlichem Erleben zu schildern, das ist ein literarisches Kunstwerk. Einige Sätze gefielen mir so gut, dass ich sie hier wörtlich zitiere:
„Wir Menschen sind so viel stärker, als dieses Volk, das sich tagaus, tagein über Nichtigkeiten auseinandersetzt, weil es richtige Probleme gar nicht mehr kennt.“ Besonders gut gefielen mir diese Wörter und/oder Sätze: „FCKAFD, Beistand für die Antifa oder Helfer, die aus drölfzigtausend Menschen jeglicher Nationalität“ stammten. Andy ist ein Mensch nach meinem Geschmack. Er schreibt in der Ich-Form und das so, dass jeder Leser an seinem und dem Elend der Nachbarn teilnehmen kann.

Aber Achtung, bitte keine kleinkarierten Mäkeleien. Das Schreiben und die Herausgabe des Buches entstand ganz spontan. Andy verzichtet komplett auf sein Honorar und der Gmeiner Verlag möchte nichts an diesem Werk verdienen. Das zeugt von großem sozialem Engagement und einem Autor, der in wenigen Tagen ein sensationelles Buch schrieb.

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Veröffentlicht am 15.11.2021

Über den Umgang mit Minderheiten im Dritten Reich

Franz
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Der Name Franz Doms steht für viele Opfer des Nationalsozialismus, die in Vergessenheit gerieten. Sie waren „widernatürlich“ veranlagt und hatten laut Gesetzeslage von damals ihr Recht auf Leben verwirkt. ...

Der Name Franz Doms steht für viele Opfer des Nationalsozialismus, die in Vergessenheit gerieten. Sie waren „widernatürlich“ veranlagt und hatten laut Gesetzeslage von damals ihr Recht auf Leben verwirkt. Er starb im Jahr 1941 und das mit 21 Jahren. Ihn zeichnete aus, dass er niemals andere „Schwule“ verriet, um seine eigene Haut zu retten. Er gehörte nicht nur Spezies der Denunzianten.

Wer von „Franz“ nette Unterhaltung erwartet, der wird schnell enttäuscht sein. Der Autor Jürgen Pettinger recherchierte sehr genau, was damals gesagt und getan wurde. Er zeigt die Leidensgeschichte von Franz und seiner Familie auf. Wie er zum ersten Mal seine Neigung akzeptierte. Was seine Schwester und seine Mutter dazu sagten und wann er zum ersten Mal der Polizei in die Hände fiel. Immer wieder gibt es Abschriften der Verhörprotokolle zu lesen und auch an den Aussagen vor Gericht lässt der Autor seine Leser teilhaben.

Es ist nicht neu, wie Minderheiten im „Dritten Reich“ drangsaliert wurden. Das aber so genau nachlesen zu können, das hat mir zugesetzt. Weil es halt keine erfundene und unmögliche Geschichte ist, sondern ein Tatsachenbericht. Und es ist ja nicht so, dass Homosexualität heute in allen Ländern der Erde toleriert wird. Wie viele Männer und Frauen müssen sich verstecken und leben ständig in Angst. Und auch heute gilt vielerorts die Meinung der Nachbarn noch etwas. Will sagen, dass selbst aktuell die ganze Familie unter dem „Makel“ der Homosexualität zu leiden hat. Die Menschheit wird sich wohl nie ändern.

Am Schluss des Buches gibt der Autor Quellenangaben und Verweise zu Papieren, die er in dem Buch zitierte. Daran kann jeder erkennen, welche Arbeit hinter Herrn Pettinger liegt. Alle Originaldokumente zu finden und diese dann zu einem Buch zusammenzufügen, das finde ich beachtenswert.

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Veröffentlicht am 13.11.2021

Tiefer Winter in Island

Tiefe Schluchten
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Eigentlich wollte ja Kommissar Konráds nur noch seinen Ruhestand genießen. Er klärte genug Mordfälle auf und der Stress war für seine Gesundheit niemals gut. Was er aber von einer seiner ehemaligen Kolleginnen ...

Eigentlich wollte ja Kommissar Konráds nur noch seinen Ruhestand genießen. Er klärte genug Mordfälle auf und der Stress war für seine Gesundheit niemals gut. Was er aber von einer seiner ehemaligen Kolleginnen erfuhr, das stimmt ihn nachdenklich. Eine Frauenleiche wird in ihrer Wohnung gefunden. Der Täter durchwühlte sämtliche Schränke und warf den Inhalt etlicher Schränke auf den Boden. Allerdings übersah er einen kleinen Zettel auf dem Küchentisch. Dort stand zum Erstaunen der Ermittler die Telefonnummer ihres pensionierten Kollegen Konrád. Als dieser davon erfährt, kann er zunächst nichts mit dem Namen anfangen. Das bleibt nicht so und schlussendlich erinnert er sich. Und danach meldet sich nicht nur sein schlechtes Gewissen. Er weiß sehr genau, was diese Frau zur Kontaktaufnahme veranlasste und worum sie ihn bat. Für ihn beginnt eine Ermittlung, bei der er bis an seine Grenzen gehen muss.

Spannend aber nicht brutal, so müssen Krimis sein, die ich gerne lese. „Tiefe Schluchten“ entsprach also durchaus meinem Geschmack. Obwohl mir sehr schnell klar war, wer Täter oder Täterin war, empfand ich beim Lesen keine Langeweile. Warum nicht? Ganz einfach. Ich wollte das „Warum“ wissen, also wie es zu dieser schrecklichen Tat kam. Auch die Lebens- und Leidensgeschichte des Opfers hat der Autor mit guter Einfühlungsgabe erzählt. Es gibt einige Verdächtige und die Suche nach dem richtigen, gestaltet sich für alle Beteiligten recht schwierig. Die Spannung kommt nicht zu kurz. Auch das gefiel mir. Allerdings waren die Ausführungen dann stellenweise doch zu reichhaltig. Das Cover ist ein Hingucker und die Übersetzung verdient ein ausdrückliches Lob. Kurzum, vier Sterne gebe ich hier sehr gerne. Durch die niedrigen Temperaturen Islands und dass der Krimi zudem vor Weihnachten spielt, ist er die passende Lektüre für die kalten Tage im Herbst und Winter.

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Veröffentlicht am 09.11.2021

Kein Pageturner, aber gut

Grace – Vom Preisträger des Booker Prize 2023 ("Prophet Song")
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Okay, denkt sich Grace. Sie beruhigt sich wieder, lass sie toben. Sie, das ist ihre Mutter, die rasend vor Wut die Haare ihrer Tochter stutzt. Ja, an dem Tag beruhigte sie sich, aber diese Ruhe ist nicht ...

Okay, denkt sich Grace. Sie beruhigt sich wieder, lass sie toben. Sie, das ist ihre Mutter, die rasend vor Wut die Haare ihrer Tochter stutzt. Ja, an dem Tag beruhigte sie sich, aber diese Ruhe ist nicht dauerhaft. Mutter Sarah entfernt sich vom Haus und kommt erst Stunden später zurück. Im Arm hält sie einen dicken Hasen, den sie sofort in einen Topf legt und diesen über den Herd hängt. Die Kinder freuen sich auf das Mahl und nicht nur dem ältesten Sohn Colly läuft das Wasser im Mund zusammen. Doch, was ist das? Sarah bestimmt, dass nur Grace von dem Fleisch essen darf. Zunächst wehrt diese sich dagegen. Aber schon recht bald wird ihr bewusst, was ihre Mutter vor hat.

Es dauerte eine Weile, bis ich mich mit der Geschichte anfreunden konnte. Der Schreibstil ist anders, als der von deutschen Autoren. Recht steif und wenig anheimelnd. Und die Mischung aus Mystik und brutalen Erlebnisberichten war für mich gewöhnungsbedürftig. Was Grace erlebte und wie sie sich in einer harten Umgebung und zwischen Männern behauptete, das war eine emotionale Achterbahn. Dass ihr Bruder sie dabei aus der Welt des Geistes begleitete, nun ja, okay.

Irland ist halt ein Flecken Erde, der viel Natur und geheimnisvolle Erlebnisse zu bieten hat. Damals glaubten noch mehr Menschen an übernatürliche Kräfte, als heute. Ich bin der Ansicht, dieses kopfgesteuerte Denken ist dort bis heute nicht so verbreitet, wie in Deutschland. Die Hauptperson Grace schlägt sich jedenfalls tapfer und ihr helfen die „Geister“ bei ihrem Trip durch die Heimat. Das Ende gefiel mir nicht wirklich, da es einige Fragen gibt, die offen bleiben. Trotzdem gebe ich vier Sterne plus. Das liegt auch an dem ansprechenden Cover und der guten Übersetzung von Christa Schuenke.

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