Un-Zertrennlich
Schatten der WeltMit „Schatten der Welt“ führt Andreas Izquierdo den Leser nach Thorn in Westpreußen – zurück in das Jahr 1910. Das Cover zeigt einen Jungen, der völlig unbeschwert auf einer Mauer balancierend in der Weite ...
Mit „Schatten der Welt“ führt Andreas Izquierdo den Leser nach Thorn in Westpreußen – zurück in das Jahr 1910. Das Cover zeigt einen Jungen, der völlig unbeschwert auf einer Mauer balancierend in der Weite der Landschaft seine glückliche Kindheit genießt. Für mich ist dieser Junge Carl, einer der drei jungen Menschen, von dem die Geschichte erzählt, neben Carl sind das Artur und Isi.
Carl ist ein stiller, zurückhaltender Junge, der allein mit seinem Vater in dessen Schneiderei lebt. Das liebevolle Verhältnis zwischen Vater und Sohn macht der Autor durch seinen einfühlsamen Schreibstil sehr deutlich. So hört sich Carl die Geschichten seines Vaters aus der Zeit vor Carls Geburt geduldig an, egal, wie oft der sie wiederholt – und er hilft dem Vater auch gern bei der Arbeit in der Schneiderei.
Im Gegenteil zu Carl ist sein Freund Artur, mit 14 Jahren ein Jahr älter als Carl, ein ziemlich rauer Geselle. Er ist nicht nur groß und kräftig, sondern er weiß recht früh, dass er sein Dasein nicht als Wagner in der Werkstatt seines Vaters fristen will, der übrigens nicht so liebevoll ist wie der Vater von Carl, sondern zu Hause ein strenges Regiment führt. Artur will mehr aus seinem Leben machen und nicht in den ärmlichen Verhältnissen leben wie seine Familie.
Isi ist ein intelligentes Mädchen, hat allerdings bei ihrem strengen Vater im Gegensatz zu ihren Geschwistern nichts zu lachen. Vielleicht ist sie deswegen vorlaut und frech. Sie lässt sich nämlich nicht einschüchtern und lernt bald, dass man sich wehren muss, wenn man nicht untergehen will. Isi verfügt außerdem über eine gehörige Portion schauspielerisches Talent. Das erfährt Carl auf unliebsame Weise, als sie ihm ein Kleid abluchst, das für eine „Dame der besseren Gesellschaft“ bestimmt war. Nachdem sie sich allerdings in einer anderen Situation noch einmal begegnen, sind die drei jungen Leute nach kurzer Zeit beste Freunde.
Carls Herz schlägt bald für den Beruf des Fotografen, Arturs Herz für Isi.
Es macht unglaublichen Spaß, die Jugendlichen auf dem Weg ins Erwachsenenleben zu begleiten. Artur und Isi haben aufgrund der Nachricht, der Komet Halley könne die Menschheit vernichten, ihre erste Geschäftsidee, die sie mit Raffinesse vertreten. Auch wenn das Ganze nicht ganz lupenrein war, ist zu erkennen, dass ein kluger Geschäftsmann in Artur steckt.
Ich mag sehr gern Bücher, die in Ich-Form geschrieben sind. Da gefällt es mir in diesem Buch natürlich besonders gut, dass mein Lieblingsprotagonist Carl der Erzähler ist. Aber auch Isi und Artur sind mir ans Herz gewachsen und ich freue mich nicht nur über ihren Übermut, ihre Schlitzohrigkeit, den unglaublichen Zusammenhalt und ihre anhaltende Freundschaft, sondern auch darauf, wie das Trio auch weiter gemeinsam das Leben gestaltet…
Leider kommt es anders als erwartet, denn der Erste Weltkrieg macht auch vor den Toren Thorns nicht halt. Damit beginnt ein Teil deutscher Geschichte, bei dem ich auf eindrückliche Weise mein Wissen um das Geschehen in dieser Zeit erweitern konnte. Das erlebe ich gern bei so gut recherchierten historischen Romanen wie diesem und anhand von beispielhaften Einzelschicksalen.
Carl und Artur werden eingezogen, müssen getrennte Wege gehen und ihre eigenen Erfahrungen machen mit den Ungerechtigkeiten, dem Machtmissbrauch und den Gräueltaten des Krieges. Isi kann zwar in Thorn bleiben, hat aber hier ihre eigenen Kämpfe zu bestehen. Stark wie immer setzt sie ihre vollen Kräfte für die Rechte der Frauen ein.
Andreas Izquierdo hat mich auch in diesem Teil der Geschichte voll überzeugt, indem er mich mitgenommen hat auf die unterschiedlichen Wege, die die Freunde jeweils allein gehen mussten. Wechselweise und hautnah habe ich spüren können, was Carl, Artur und Isi erlebt haben - und nicht selten fühlte ich mich hilflos, verletzt und entsetzt, denn durch den eindringlichen, emotionalen Schreibstil war ich einfach immer ganz nah dabei. Ganz besonders berührend war für mich die Verbundenheit ihrer Herzen, die die Freunde niemals haben abbrechen lassen – bis zum Schluss!
Ein großartiges emotionsgeladenes Buch, das ich uneingeschränkt und liebend gern empfehle!