Platzhalter für Profilbild

lili_an

aktives Lesejury-Mitglied
offline

lili_an ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit lili_an über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.09.2023

Per Diashow ins Jenseits

Die Erinnerungsfotografen
0

Eine alte Dame, die von ihrem Lebenswerk erzählt.
Ein Yakuza-Boss, der sein weiches Herz enthüllt.
Und ein kleines Mädchen, das die Kraft findet für sich und andere zu Kämpfen.

Und mittendrin Hirasaka, ...

Eine alte Dame, die von ihrem Lebenswerk erzählt.
Ein Yakuza-Boss, der sein weiches Herz enthüllt.
Und ein kleines Mädchen, das die Kraft findet für sich und andere zu Kämpfen.

Und mittendrin Hirasaka, der all die Geschichten der Menschen begleiten darf. In seinem Fotostudio irgendwo zwischen Leben und Tod hilft er Menschen, nochmals ihr Leben revue passieren zu lassen, ihren schönsten Moment noch einmal zu erleben und sich dann zu verabschieden.

Eine wirklich schöne Erzählung; im Grunde Kawaguchis "before the coffee gets cold" trifft auf Klunes "under the whispering door" - nur eine Spur düsterer.
Wobei wir schon bei meinem einzigen Kritikpunkt wären: ich hatte mich auf ein schön-kuscheliges Wohlfühlbuch gefreut. Und bis auf ein/zwei absehbare Details der Yakuza-welt trifft das auch voll zu. Aber das letzte Kapitel hat mich etwas unvorbereitet getroffen - für einen so deftigen Subplot wie Mitsurus Geschichte wäre ich gerne vorgewarnt gewesen.

Aber alles in sind es die Geschichten von 4 Menschen, die schön ineinander verwoben werden und jeder einzelne findet am Ende irgendwie seinen Frieden.

Lieblingszitate:
"Herr Hirasaka, Sie meinen also, ich soll meinem Alter entsprechend zweiundneunzig Fotos auswählen, um daraus meine persönliche Drehlaterne zu bauen. Und während ich mir die Rückschau ansehe, werde ich ins Nirwana gehen."

"Eine Schürfwunde am Arm, das verheilt irgendwann wieder, aber die Wunde, die in dir klafft, wenn dir dein Herzensobjekt derart zerfetzt wird, die heilt nicht mehr."

"Er hat mir damals gezeigt, wie das geht: Hoffen.
Ich solle immer wieder aufstehen. Ich solle meine Stimme erheben gegen die Ungerechtigkeit auf dieser Welt."

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.09.2023

Fiebertraum

Treacle Walker
0

Wer Treacle Walker liest sollte sich auf ein paar Stunden Fiebertraum gefasst machen.

Joe Coppock bekommt in einem Tauschhandel von Treacle Walker ein Kermaiktöpfchen, dessen Inhalt sein Leben oder zumindest ...

Wer Treacle Walker liest sollte sich auf ein paar Stunden Fiebertraum gefasst machen.

Joe Coppock bekommt in einem Tauschhandel von Treacle Walker ein Kermaiktöpfchen, dessen Inhalt sein Leben oder zumindest seine Wahrnehmung ordentlich auf den Kopf stellt.
Die Grenzen zwischen Realität, Fiktion und Irrsinn lösen sich komplett auf, bis völlig unklar ist, ob es die Realität überhaupt gibt.

Man findet sich einer Mischung aus Matrix, Inception, Alice im Wunderland und Pippi Langstrumpf wieder, jedoch mit urbritischem Kontext.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass durch die Übersetzung aus dem Englischen ein paar Tiefen verloren gehen, da Garner wohl in diesem Werk viel mit seinem lokalen Dialekt aus Cheshire spielt. Ebenso gehen vermutlich viele Anspielungen auf britische Folklore (für nicht-Briten) und Garners andere Werke (für nicht-Gerner-Fans) an einem Vorbei, die der Geschichte recht sicher nochmal ganz andere Blinkwinkel geben.

Alles in allem ist es aber ein gut geschriebenes Buch, das sich in 1-2 Stunden lesen lässt. Wenn man seinem Gehirn mit einer Fiebertraum-Session eine Pause gönnen will, perfekt.

Lieblingszitat(e):

Der Schornstein. Er ist das Herz von allem, das ist. Um ihn dreht sich der Himmel. Er ist der verbindende Weg.
Verbinden? Was denn verbinden?
Die Erde, den Himmel und die weisen Sterne.

Die Last liegt ganz bei dir. Du bist es der träumt.
Ich träume nicht! Ich bin wach!
Und dann bist du aufgewacht. Und wo warst du da? Immer noch in deinem Traum.

Können Sie machen, dass mit meinem Auge wieder alles richtig ist? Ich kann nicht mehr erkennen was wahr ist und was nicht.
Was ist schon wahr Joseph Coppock?

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.09.2023

Matrjoschka

Das Pferd im Brunnen
0

Walja besucht ihre Großmutter Nina im russischen Kasan, wo sie die Geschichte ihrer Familie kennen lernt.
Epsiodenweise bekommt man Einblicke in die Leben der Urgroßmutter Tanja, der Großmutter Nina und ...

Walja besucht ihre Großmutter Nina im russischen Kasan, wo sie die Geschichte ihrer Familie kennen lernt.
Epsiodenweise bekommt man Einblicke in die Leben der Urgroßmutter Tanja, der Großmutter Nina und der Mutter Lena. Alles starke Frauaen, die sich jeweils in ihrer ganz eigenen Umgebung ihren ganz eigenen Weg bahnen.
Die Geschichten sind so angeordnet, als würde man Nina selbst besuchen und Tag für Tag eine neue Episode anhören - die Kapitel spielen nicht unbedingt nacheinander- von Zeit zu Zeit gibt es Zeitsprünge und Wehcsel um wen es gerade geht. Das macht es etwas schwierger die Geschichten der einzelnen Charaktere im Blick zu behalten, macht das leseerlebnis aber spannender, da man teilweise erst später erfährt wer zum Beispiel warum gegen wen einen Groll hegt.

Als Haupterzählerin steht Ninas Lebensgeschichte im Vordergrund. Wie der ihrer anderen Familiengefährtinnen ist ihr Leben auch hart und anspruchsvoll; wodurch auch Nina schroff wird. Dennoch lernt man sie als liebevolle Person kennen, die sich durch ihre Lebensumstände und ihren Umgang damit nur irgendwie selbst den Weg zum Glück verbaut.

Durch die Familiengeschichte lernt man auch Russland durch ganz intime Einblicke im Wandel der Zeit kennen mit den verschiedenen Lebensumständen und Mindsets von Land und Stadt. Über (drohenden) Krieg, Inflation, Hunger, Religion, Lifestyle ist eigentlich alles dabei. Ein Aspekt der Weltgeschichte mit dem ich persönlich noch recht wenig Berührungspunkte hatte.

Lieblingszitate:
Das leben ist ein Kampf und es gewinnen nur die Starken. Also halte durch.

Sie hat ihren Stolz, und so geht sie nach Hause, und dort wird sie auch mit ihm am Tisch sitzen und nur mit ihm, dem Stolz.

Für die Menschen ist der Wandel in den Neunzigerjahren verheerend. Wie eine schützende Decke ist der Kommunismus über ihren Köpfen weggerissen worden, und nun ist Selbstständigkeit gefragt. Woher aber Selbstständigkeit nehmen, wenn man ein Leben lang Gehorsam gelernt hat?

Auf die Idee zu kommen, einzigartig zu sein, ist beim Schlangestehen so gut wie unmöglich. Auch gibt es keine Hierarchie, die Schlange besteht aus Körpern die aufgereiht sind, egal wer was hat oder kann. Was gegessen wird bestimmt die Saison, nicht der Appetit. Was nicht in Schlangen erstanden werden kann, muss selbst gemacht werden, und das wiederum unterscheidet die Menschen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.09.2023

Liebe& Hoffnung versus Unterdrückung

Morgen und für immer
0

Liebe und Hoffnung gegen Regime und Unterdrückung.

Kajan nimmt uns mit auf eine Reise aus dem Albanien der 1940er Jahre, über Ost- und Westberlin, Amerika und schließlich wieder in seine Heimat. Er und ...

Liebe und Hoffnung gegen Regime und Unterdrückung.

Kajan nimmt uns mit auf eine Reise aus dem Albanien der 1940er Jahre, über Ost- und Westberlin, Amerika und schließlich wieder in seine Heimat. Er und seine Familie haben viel unter dem Krieg und fast noch mehr unter der folgenden politischen Unterdrückung der Sowjets zu leiden. Schließlich muss Kajan mit nichts als seiner Musik im Herzen in die westliche Welt fliehen und alles und jeden zurück lassen. Doch auch dann noch bleibt ihm die Hoffnung auf Glück und Freiheit erhalten. Und so bringt Kajan mit seinem Klavier ein bisschen Licht in den dunklen Alltag... Morgen und für immer.

Liebevoll erzählt Ermal Meta aus den Leben seiner Charaktere, die so von Unterdrückung gepägt sind, und doch definiert sie die Liebe und Zuversicht.

Trotz des doch eher düsteren, sehr politischen Themas gelingt es Meta der Erzählung durch die Charactere eine große empathische Tiefe mit einem liebe- und hoffnungsvollen O-Ton zu verleihen.
Wie bei einem Brombeerstrauch - die Geschichte hat ebensoviele Dornen wie süße Früchte. Am Ende trägt man den ein oder anderen emotionalen Kratzer davon, aber der süße Nachgeschmack ist es allemal Wert!

Lieblingszitate:
"Der Krieg entsteht zuerst in einigen wenigen Köpfen, dann in vielen Köpfen, von den Köpfen wandert er in die Hände und Beine und von dort in die Augen. Und dort, in den Augen, bleibt er, auch nachdem er vorbei ist. Halte dich vom Krieg fern, Kajan, sieh nie hin, der Krieg ist furchtbar."

"Wer schubst, denkt, er brächte einen zu Fall, doch er weiß nicht, dass es manchmal genau dieser Anstoß ist, der einen fliegen lässt."

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.09.2023

Auf Elefantenrücken in die Andamanen-See

Dalee
0

Auch in Indien hält die Industrialisierung ihren Einzug und macht mit all den neuartigen Maschinen die Elefanten nach und nach überflüssig. Als Bellinis Vater irgendwann verzweifelt genug ist, lässt er ...

Auch in Indien hält die Industrialisierung ihren Einzug und macht mit all den neuartigen Maschinen die Elefanten nach und nach überflüssig. Als Bellinis Vater irgendwann verzweifelt genug ist, lässt er sich anheuern mit seinem Elefanten und seiner Familie mit einem überfüllten Schiff auf die Andamanen-Inseln 700 Meilen entfernt umzusiedeln. Dort entsteht mitten im Dschungel eine neue Siedlung aus bunt zusammengewürfelten Siedlern aller möglichen Nationen, Religionen und Ansichten. Mithilfe ihrer Arbeitselefanten schlagen sie das Tropenholz, was ein harter Alltag ist. Bellinis Familie hängt ganz von ihrem Elefanten Dalee ab, den sie liebevoll umsorgen und als Teil der Familie betrachten. Aber leider ist Dalee nicht mehr der Jüngste und schließlich fängt sein Gehirn an ihm Streiche zu spielen.

Gastmann erzählt liebevoll von der gemischt-indischen Kultur mit einfühlsamen Details in Religion, Weltsichten, Alltagsleben und Kultur. Durch Bellinis Augen lernt man seine zahlreichen Nachbarn kennen sowie das Leben in Indien und im Andamanischen Dschungel.
Bellinis Leben und das seiner Familie wird durch ihren Elefanten Dalee gelenkt - er bestimmt indirekt wo sie leben und wonach sich ihr Alltag richtet. Allerdings befasst sich haupstächlich Bellinis Vater mit Dalee - Bellini selbst geht ihm dabei zwar zur Hand, sein Fokus in seinem jungen Leben liegt aber eher daruf sich an das neue Dschungel-Leben zu gewöhnen und die Inseln zu entdecken. Erst als er gegen Ende 12 Jahre alt wird, darf er allein mit Dalee losziehen.
Bellini vergöttert Dalee, sieht in ihm nicht nur das praktische Arbeitstier, sondern einen Bruder, einen Freund, engsten Verwandten und Superheld. Doch seine Kraft und Größe wird plötzlich zum Problem, als Dalee durch sein Alter beginnt zu vergessen - nicht nur Befehle und seine umgebung sondern auch die Menschen, die ihn schon sein ganzes Leben umsorgen.

Insgesamt ein sehr gut geschriebenes Buch, indem man durch Bellinis Augen das Leben der gemischt-indischen Dschungelsiedlung auf den Andamanen-Inseln liebevoll kennenlernt.
Mir kam im Hauptteil des Buches nur leider die Verbindung zwischen den Hauptcharakteren Bellini und den Elefanten Dalee etwas zu kurz.
Nichts desto trotz ein empfehlenswertes Buch!

Lieblingszitate:
"Von hier oben waren alle Reisenden gleich. […] Jeder fuhr über dieselbe See zu denselben Inseln, erfüllt von derselben, tröstenden Hoffnung."

"Immer menschlicher kamen mir die Elefanten vor, wenn ich sie betrachtete. Es waren Erwachsene und Kindsköpfe, Heißsporne und Weise, Geschicklichkeitskünstler und Tölpel, die von den reiferen Tieren lernten."

"Seine Augen sind meine, Junge, seine Ohren sind meine. Der Elefant ist ich, und ich bin er. Wir sehen dasselbe, wir hören dasselbe, wir fühlen dasselbe tief in unserem Herzen. Er dient mir, und ich diene ihm. Ein ganzes Leben schon. Glaubst du, ich sehe nicht, was mit ihm geschieht? Junge, er vergisst. […] Es kommt vielleicht der Tag an dem er uns nicht mehr erkennt."

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere