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Veröffentlicht am 13.10.2018

Faszinierendes Portrait der komplexen Nachkriegszeit in Deutschland

Deutsches Haus
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Hinter dem eher unscheinbaren Titel und Cover verbirgt sich ein Roman von großer Ausdruckskraft. Nach einer halb durchgelesenen Nacht habe ich „Deutsches Haus“ gezwungenermaßen aus der Hand gelegt, aber ...

Hinter dem eher unscheinbaren Titel und Cover verbirgt sich ein Roman von großer Ausdruckskraft. Nach einer halb durchgelesenen Nacht habe ich „Deutsches Haus“ gezwungenermaßen aus der Hand gelegt, aber es am nächsten Tag gleich ausgelesen. Die Geschichte scheint nur so aus der Autorin herauszufließen, ohne dass sie dabei den moralischen Zeigefinger allzu deutlich erhebt. Zwar gehe ich den Roman als Leser mit einem großen Wissen rund um die Shoah und seine schleppende Aufklärung an, trotzdem gelingt es Annette Hess, das Grauen ohne übertriebene Dramatik schrittweise lebendig werden zu lassen. In Zeiten, in denen das Verharmlosen des Holocausts im rechten politischen Bereich immer gängiger wird ("Vogelschiss"), ist diese Geschichte trotz ihres historischen Charakters hochaktuell und enorm wichtig.

Die Wirtsfamilie Bruhns scheint in den 1960er Jahren ein ganz durchschnittliches bürgerliches Leben zu führen. Sie versucht ihren Lebensunterhalt mit ihrem Restaurant zu verdienen, kämpft mit alltäglichen Problemen und verdrängt die Vergangenheit. Als Tochter Eva, die als Dolmetscherin für Polnisch arbeitet, beim ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess übersetzen soll, bricht die scheinbare Idylle zusammen. Wie ein Großteil der Deutschen in der damaligen Zeit will Familie Bruhns nichts von dem Prozess wissen und versucht Eva davon zu überzeugen, den Job nicht anzunehmen. Die tut es trotzdem – und erwacht schockiert aus ihrer naiven Unwissenheit. Während des Prozesses, der die Geschehnisse im Vernichtungslager Auschwitz aufrollt, wird sie mit Tätern und Opfern und Mitläufern und unverständlicher Grausamkeit konfrontiert. Die Familie Bruhns wird hier als Mikrokosmos dargestellt, der symbolisch die wichtigsten und widersprüchlichsten Ansichten der Zeit vertritt. Es geht um Schuld und Scham, Mittäterschaft und Drang zum Verschweigen sowie um die Grenzen zwischen dem Ausführen von Befehlen und einem Verbrechen. Manche Stellen sind schwer zu ertragen, denn der Roman zeigt eindrucksvoll, wie der Holocaust auch 20 Jahre später noch Leben zerstörte. Besonders nachhaltig wirkt hier das Schicksal des Juden Otto Cohn. Einzig die Geschichte um Evas ältere Schwester fand ich überflüssig. Da kommt die Serien-Autorin durch, die auch für Nebenfiguren interessante B-Storylines schaffen möchte. Auch wenn dieser Handlungsstrang nichts Wichtiges zur Handlung beiträgt, schadet er ihr jedoch auch nicht. Am Ende hinterließ der Roman einen tiefen Eindruck bei mir.

Veröffentlicht am 29.09.2018

Äußerst aktuell, aber etwas fehlt

Mit der Faust in die Welt schlagen
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Lukas Rietzschel hat seinen Debütroman in kurzen, knackigen Sätzen und einem nüchternen Stil geschrieben. Mit vielen Ellipsen. So vermittelt er bereits über die Sprache ein deutliches Gefühl von Trostlosigkeit. ...

Lukas Rietzschel hat seinen Debütroman in kurzen, knackigen Sätzen und einem nüchternen Stil geschrieben. Mit vielen Ellipsen. So vermittelt er bereits über die Sprache ein deutliches Gefühl von Trostlosigkeit. Dies setzt sich fort in der Beschreibung der Nachwendezeit in einer ländlichen Region in Sachsen: Unternehmen gehen pleite, Läden und Schulen werden geschlossen, viele Menschen ziehen in die Städte, ein Stasiverdacht wird verstohlen ausgesprochen, Freizeitangebote fehlen. Dazu kommen gescheiterte Ehen und andere ganz alltägliche Dramen, die so überall passieren. Die beiden Brüder Tobias und Philipp werden erst kurz nach der Wende geboren, erleben die Auswirkungen der Wiedervereinigung aber selbst. Auch die Opfer-Mentalität der älteren Generation („Es war nicht deine Schuld.“) übernehmen sie gleich mit.


In diesem tristen Umfeld wachsen die beiden Protagonisten nun auf. Sie erleben trotz der Umbrüche eigentlich eine ziemlich durchschnittliche Kindheit und Jugend. Beide Eltern haben einen Job und bauen ein Haus. Die Jungs gehen zur Realschule und fangen anschließend eine Ausbildung an. Trotzdem werden beide Teil der Neonazi-Szene. Sie rutschen ab in dieses Milieu, wie man so sagt. Genau so fühlt es sich in dem Roman an: Tobi und Philipp werden nach und nach zu Nazis, als wenn das unter diesen Umständen halt normal wäre. Anfangs verstehen die Jungs Symbole und Gesten gar nicht, sondern ahmen sie nur nach, weil es die vermeintlich coolen älteren Jugendlichen tun und weil es die Erwachsenen ärgert. Mögliche Gründe für die Radikalisierung werden wie nebenbei erwähnt. Sie liegen irgendwo zwischen Langeweile, dem Wunsch nach Zugehörigkeit, dem Bedürfnis Grenzen zu testen und einer diffusen, unbegründeten Wut, die sich mal gegen Sorben und mal gegen Ausländer richtet.


Dem Autor gelingt ein sensibles Portrait der leisen Töne, allerdings ist die Geschichte mehr Beschreibung als tiefgehende Analyse. Einige der Beschreibungen fallen zudem etwas langatmig aus. Genau hier liegt auch mein Problem. Am Ende plappert der eine Bruder die typisch rechten Plattitüden fanatisch nach, während sich der andere apathisch von der Szene zu distanzieren versucht, dabei aber nervig passiv bleibt. Es gibt keinen Widerspruch, die hasserfüllten Aussagen bleiben einfach so stehen und führen zu sinnloser Gewalt. Die Entwicklung der beiden Brüder wirkt einfach banal. Vielleicht ist genau das die Aussage des Romans, dass es für diese Radikalisierung eigentlich keinen triftigen Grund gibt. Nein, ich habe nicht erwartet, dass die Brüder am Ende bekehrt werden und mit ihren neuen Nachbarn aus Syrien Ringelpiez mit Anfassen tanzen. Das offene Ende hat mich allerdings ziemlich frustriert zurückgelassen. Zum Nachdenken regt der Roman aber allemal an.

Veröffentlicht am 22.09.2018

Faszinierend

Süßwasser
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Ein Großteil der Geschichte spielt sich im Geist der jungen Nigerianerin Ada ab. Trotzdem ist „Süßwasser“ unheimlich lebendig und clever und schockierend. In Adas Kopf haust nicht nur ihre eigentliche ...

Ein Großteil der Geschichte spielt sich im Geist der jungen Nigerianerin Ada ab. Trotzdem ist „Süßwasser“ unheimlich lebendig und clever und schockierend. In Adas Kopf haust nicht nur ihre eigentliche Persönlichkeit, sondern auch sogenannte Ọgbanje. Dem Aberglauben nach handelt es sich dabei um tote Seelen, die sich in einem menschlichen Körper einnisten. Adas Eltern lassen die Tochter früh im Stich. Schon als Kind erlebt sie Gewalt und sexuellen Missbrauch. Für diese dramatischen Momente versuchen die Ọgbanje zu kompensieren, indem sie auf tragische Weise die Kontrolle über Adas Körper übernehmen. Ada erinnert sich hinterher entweder gar nicht mehr daran, was ihr zugestoßen ist, oder sie nimmt die Geschehnisse beinahe so distanziert wahr, als wären sie einer Fremden passiert. Die Ọgbanje versuchen einerseits Ada vor den psychologischen Auswirkungen des Erlebten zu schützen, folgen aber andererseits selbst einer niederen Motivation und führen Ada immer wieder absichtlich in gefährliche Situationen. Der Roman ist eine Art Coming-of-Age-Story: Wird Ada, während sie im Laufe der Geschichte erwachsen wird, die vielen Teile ihrer Persönlichkeit akzeptieren oder daran zugrunde gehen?

Akwaeke Emezi erzählt „Süßwasser“ abwechselnd aus der Wir-Perspektive der Ọgbanje und der Ich-Perspektive einer Teilpersönlichkeit, die vor allem in sexuellen und gefährlichen Situationen zum Vorschein tritt und Ada lenkt. Ada selbst kommt dazwischen nur ganz kurz zu Wort. Das zeigt deutlich, dass sie keine richtige Kontrolle über ihr eigenes Leben hat. Der Wir-Erzähler spricht immer von „der Ada“, so als wäre sie ein Objekt, und beschreibt sie gnadenlos als „unsere kleine Fleischansammlung“ oder „einen Sack aus Haut“. Hier entsteht ein spannender Kontrast: Einerseits sind die Persönlichkeiten auf Adas menschlichen Körper angewiesen, um in dieser Welt existieren und handeln zu können. Andererseits haben sie keinen Respekt vor ihrem Körper und richten Ada physisch und psychisch zugrunde.

Ob man das Beschriebene nun als multiple Persönlichkeit oder als Ọgbanje bezeichnet, ist eigentlich egal. Auf beeindruckende Weise erkundet der Roman, was zu einer Identität gehört, welche Masken der Mensch trägt und wie er Erlebtes verarbeitet. Die psychologisch und emotional ausgefeilte Geschichte erzählt die Autorin mit ausdrucksstarken Metaphern, die sofort pulsierende Bilder im Kopf entstehen lassen. Emezis lustvoller, oft schonungsloser Umgang mit Sprache stürzt den Leser in einen faszinierenden Strudel aus Sinneseindrücken.

Veröffentlicht am 12.09.2018

Leichte Kost mit wenig Tiefgang

Die 5 Sekunden Regel
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Ich habe kein lebensveränderndes Buch erwartet, aber doch zumindest eins, das gedankliche Anstöße und Motivation gibt. Die Leseprobe empfand ich als durchaus vielversprechend, da die Autorin in einem leichten ...

Ich habe kein lebensveränderndes Buch erwartet, aber doch zumindest eins, das gedankliche Anstöße und Motivation gibt. Die Leseprobe empfand ich als durchaus vielversprechend, da die Autorin in einem leichten Stil persönliche Erfahrungen mit ihrer 5-Sekunden-Philosophie verknüpft. Dies hält sie auch das ganze Buch über durch und einige Passagen und Ideen sind durchaus inspirierend. Letztendlich hatte ich jedoch das Gefühl, dass sich wenige Grundprinzipien einfach endlos wiederholen und manche Gedanken an ähnlichen Beispielen immer wieder neu aufgerollt werden. So fühlt sich der Inhalt grundlos aufgeblasen an. Wenn man sich einen von Mel Robbins‘ Vorträgen auf YouTube anschaut, erhält man wahrscheinlich genau denselben Inhalt in deutlich kürzerer Zeit.

Der doch recht dürftige Text wird mit einer riesigen Menge an Twitter- und Facebook-Posts aufgeplustert. Auf beinahe jeder Seite ist mindestens ein Testimonial von irgendeinem Nutzer zu sehen. Irgendwann hab ich die Meinungen nur noch überflogen, denn sie waren sehr repetitiv und fühlten sich in der Menge einfach nach Selbstbeweihräucherung der Autorin an. Außerdem reißen die Zitate ständig aus dem Lesefluss raus und lassen das Layout für meinen Geschmack sehr unruhig erscheinen. Hier hätte ich ein Kapitel mit konzentrierten, abwechslungsreichen Erfahrungsberichten und Gedanken der Leser sinnvoller gefunden.

Veröffentlicht am 09.09.2018

Feministische Heldin

Manhattan Beach
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Mit Anna, die während des Zweiten Weltkriegs in NYC als Taucherin arbeitet, hat Jennifer Egan eine äußerst spannende Protagonistin geschaffen. In einer patriarchisch-sexistischen Welt setzt sie sich mit ...

Mit Anna, die während des Zweiten Weltkriegs in NYC als Taucherin arbeitet, hat Jennifer Egan eine äußerst spannende Protagonistin geschaffen. In einer patriarchisch-sexistischen Welt setzt sie sich mit Entschlossenheit, Hartnäckigkeit und stiller Stärke durch, ohne dabei je übertrieben oder aggressiv zu agieren. Um ihren Traum vom Tauchen zu erfüllen, muss sie ein Vielfaches mehr leisten, als ihre männlichen Kollegen. Selbst als sie besser als alle anderen ist, muss sie weiter für ihre Position kämpfen – das sind alle Themen, die bis heute noch aktuell sind. Gleichzeitig balanciert sie ihr schwieriges Privatleben, denn der Vater hat die Familie verlassen. Anna kümmert sich liebevoll um ihre behinderte Schwester und hilft nach Feierabend ihrer Mutter bei deren Arbeit als Näherin. Dabei sucht sie in ihrer knappen Freizeit Anschluss an andere und stolpert dabei in einige unvorteilhafte Bekanntschaften hinein. Anna ist eine komplexe Protagonistin, deren Geschichte mich gefesselt hat.

Der Klappentext suggeriert, dass Anna im Mittelpunkt des Romans steht, doch eigentlich gibt es drei Protagonisten. Neben Anna sind auch ihr Vater Eddie sowie der Clubbesitzer und Gangster Dexter Styles Protagonisten in „Manhattan Beach“. Die Wege der Drei kreuzen sich immer wieder auf interessante Weise.

Man merkt, dass die Autorin für diesen Roman intensiv über das Tauchen und die Marine in den 1930er und 1940er Jahren recherchiert hat. Ihre Beschreibungen sind plastisch und lebendig – beim Lesen kann man den schweren Tauchanzug oder den starken Wellengang förmlich spüren. Die Weltkriegsjahre in den USA lässt Egan vor dem inneren Auge authentisch auferstehen. Auch wenn ihr Wissen beeindruckt, empfand ich die Szenen von Eddies Alltag an Bord eines Schiffes als am wenigsten interessant. Die Geschichte rund um Anna macht dies jedoch wett.