Reich an faszinierenden Ideen
Niemannswelt – Als ich mich verlor, habe ich dich gefundenCarina Bartsch ist ein Name, den ich mit sehr vielen tollen Erinnerungen verbinde. Die Reihe zu Emely und Elias hat mich damals mitten ins Herz getroffen und danach war es immer Mitfiebern, was sie als ...
Carina Bartsch ist ein Name, den ich mit sehr vielen tollen Erinnerungen verbinde. Die Reihe zu Emely und Elias hat mich damals mitten ins Herz getroffen und danach war es immer Mitfiebern, was sie als Autorin neues auf die Beine stellt. Bartsch gehört zwar nicht zu denen, die zuverlässig jedes Jahr eine Neuveröffentlichung hat, aber mit ihrem Schandtaten-Verlag hat sie auch noch ein anderes Standbein. Umso überraschter war ich nun, als gleich eine ganze Buchreihe mit auch relativ nah aneinander liegenden Veröffentlichungsdaten angekündigt wurde. Oh wow, da hatte aber jemand einen Plan und ich war extrem gespannt, bei „Niemannswelt“ einzutauchen.
Ich habe den ersten Band, „Als ich mich verlor, habe ich dich gefunden“, als Hörbuch gehabt und ich muss sagen, große Verbeugung vor Martha Kindermann. Die ganze Geschichte ist so auf Zoe fokussiert, dass wir wirklich viel Zeit mit dieser Figur im Ohr verbringen und sie war fast schon in Bruchteilen von Sekunden schon die ideale Verkörperung. Ich habe Zoe durch sie echt gespürt. Hut ab davor! Bleiben wir zunächst bei den äußeren Umständen. Auch wenn der Titel der Reihe sehr aussagekräftig ist, so muss ich umgekehrt sagen, dass das Cover plus die Untertitel sofort den Eindruck einer sehr romantischen Geschichte erzeugt haben. Nicht, dass das eine nicht mit dem anderen zusammenpassen würde, aber wenn ich den inhaltlichen Verlauf des ersten Bandes bedenke, dann ist es ein kleiner Teil. Mich persönlich hat es gar nicht gestört, aber ich kann mir schon vorstellen, dass Leser, die Bartsch neu für sich entdecken und dann diese Cover und Untertitel sehen und lesen, deutlich andere Assoziationen haben. Aber es ist immer ein schmaler Grat und die Cover sind wunderschön und der Markt hat auch seine Gesetze, um sich da irgendwie durchzusetzen, deswegen habe ich da großes Verständnis für.
Kommen wir aber nun zum Inhalt, denn der ist für mich echt ein Highlight. Ich bin Feministin, aber ich blicke auch immer wieder auf Tendenzen, die mich etwas besorgt machen, denn ich denke nicht, dass die Idee dahinter ist, die Frau zum stärkeren Geschlecht zu machen und mit Männern im Allgemeinen abzurechnen. Dementsprechend kam mir die Idee von Bartsch total entgegen, denn es ist eine zugespitzte Version davon, die in einer weiten Zukunft liegt und die mich extrem zum Denken angeregt hat. Der erste Band hat vor allem die Aufgabe, uns in diese neue Welt einzuführen und es gab so viel zu entdecken. Es gab immer wieder neue Ideen, eine Mischung aus rückwärtsgedachten Prinzipien und sehr modernen Entwicklungen und es ist der Autorin echt großartig gelungen, dass nicht lehrerhaft einzuflechten, sondern es ist in Zoes Erlebnisse eingebunden worden und durch ihren Job war es natürlich auch möglich, vieles etwas wissenschaftlich zu beleuchten. Ich mochte diese Mischung echt extrem. Wenn man selbst aus der Wissenschaft kommt, dann wurde ich hier echt gut aufgefangen und meine Gedanken sind immer sehr wild gewesen, um in alle angedeuteten Richtungen mitzudenken und mich zu fragen, wie es für mich wäre, in dieser Niemannswelt zu leben. Es war auch echt krass, auf diese fiktiven historischen Ereignisse zu schauen, die aber auf einer Realität fußen, die uns allen bekannt ist. Schon verrückt, dass es so passieren könnte, wer weiß das schon.
Einen Kritikpunkt will ich an dieser Stelle einbinden. Es ist eine lange Reihe geplant, das bedeutet natürlich jede Menge Seiten für Bartsch. Das ist sicherlich Luxus, aber es ist natürlich trotzdem die Aufgabe, eine Balance zu finden. Während ich finde, dass Band 1 es extrem großartig im World Building macht, weil ich echt alles genau vor meinem Auge sehe, so habe ich manches Mal so kleine inhaltliche Highlights vermisst. Das ist vor allem an das Argument der Spannung gebunden, denn es entstehen viele Fragezeichen und ein paar klarere Ausrufezeichen hätten der Geschichte ein echtes Plus noch gegeben. Beispielsweise das Geheimnis rund um Zoes Mutter im Nationalpark. Da habe ich oft drüber nachgedacht und es ist aber immer auf der Ersatzbank verharrt geblieben. Ähnliches gilt auch für die Beziehungsentwicklung von Zoe und Flynn. Natürlich konnte das nicht von heute auf morgen gehen, aber man hat auch gemerkt, dass es fast zu schon zu viel Zeit war oder man hätte sich umgekehrt die Zeit genommen und hätte trotzdem manches Mal schon was rausgehauen, beispielsweise die Enthüllung von Flynn über seine Mutter. Da wäre noch etwas mehr drin gewesen.
Abgesehen davon aber war alles so unheimlich faszinierend. Ich fand es extrem spannend, durch Zoe und die anderen Frauen die verschiedenen Extreme zu erleben, wie man über Männer denkt. Zoe ist wirklich auf eine Skala sehr liberal, wahrscheinlich gerade wegen ihres Hintergrunds als Wissenschaftlerin. Sie kennt im Gegensatz zu vielen anderen die schlimmsten Beispiele der Vergangenheit, aber sie hat immer die Neugier und auch den Raum für etwas, was sie noch nicht kennt und deswegen ergründet. Deswegen ist sie die ideale Protagonistin, weil wir erleben, wie sehr sie in dieser Welt verankert ist und trotzdem gibt es Brüche, mit denen sie gewisse Entscheidungen und Begebenheiten hinterfragt. Flynn erfüllt seine Aufgabe auch ideal, denn man merkt einfach genau das, womit ich immer eine Lanze für das Geschlecht Mann brechen würde. Er ist genauso wenig perfekt wie jede einzelne Frau, aber er ist der Gegenpart zu Zoe, denn er hat so Schlimmes erlebt und trotzdem ist er offen, Zoe kennenzulernen und ihr vieles zu spiegeln, aber umgekehrt auch umzudenken angesichts dessen, was er erlebt und erfährt.
Fazit: „Niemannswelt“ ist eine so faszinierende Idee, die ich einfach feiern möchte. Auch wenn man gemerkt hat, dass die ganzen angekündigten Bände Carin Bartsch vielleicht etwas bummeln lassen, aber insgesamt ist das Lese- bzw. Hörerlebnis doch echt großartig. So viele Ideen, so viel zum Nachdenken und so viel Potenzial für mehr.