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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.05.2017

einfach nur wundervoll

Die Tage in Paris
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Ein wunderschönes Büchlein. Dies ist mein erstes Buch von Jojo Moyes, und dafür wahrscheinlich nicht besonders typisch, da es eben wirklich nur ein "Büchlein" ist, das vom Umfang her nicht mit ihren anderen ...

Ein wunderschönes Büchlein. Dies ist mein erstes Buch von Jojo Moyes, und dafür wahrscheinlich nicht besonders typisch, da es eben wirklich nur ein "Büchlein" ist, das vom Umfang her nicht mit ihren anderen Werken konkurrieren kann. Beworben wird es als die Vorgeschichte zu "Ein Bild von dir", aber es steht auch ganz wunderbar für sich alleine.
Schon die Aufmachung ist herzerwärmend, beginnend mit einem liebevoll gestalteten Ex-Libris-Passepartout auf der ersten Innenseite, über die gelegentlichen geschmackvollen Farbdrucke, bis hin zu den dezent in lila abgesetzten geschwungenen Kapitelüberschriften.

Sophie und Edouard sind frisch verheiratet, man schreibt das Jahr 1912. Liv und David verbringen ihre Flitterwochen in Paris, der Zeitpunkt: 1998. Beide Geschichten sind aus der Sicht der frischegebackenen Ehefrauen geschrieben und schildern ihre Gefühle - eine schöne Idee, dass nicht Liv, die heutige Protagonistin, aus der Ich-Perspektive erzählt, sondern Sophie, die Ehegattin aus der Vergangenheit. Beide Frauen erleben die eigenen Gefühle für den Ehemann als widersprüchlich und erfahren, dass ihr Partner auch Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften aufweist, die ihnen nicht gefallen. Das stürzt beide Paare in eine Krise, und man darf gespannt sein, ob die Liebe letztendlich größer ist als die zwischenmenschlichen Probleme. Im Mittelpunkt steht ein Gemälde, das beide Geschichten zu einer unzertrennlichen Einheit verwebt und für sehr anrührende Momente sorgt.
Ein kleines Buch für zwischendurch zum Genießen!

Veröffentlicht am 09.05.2017

hat mich berührt

Der Junge muss an die frische Luft
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Wer Hapes erstes Buch gelesen hat (anstatt es nur als geflügeltes Wort zu benutzen), weiß, dass darin mehr steckt als ein paar locker-flockige Reisebetrachtungen eines Komikers. Dennoch war ich überrascht, ...

Wer Hapes erstes Buch gelesen hat (anstatt es nur als geflügeltes Wort zu benutzen), weiß, dass darin mehr steckt als ein paar locker-flockige Reisebetrachtungen eines Komikers. Dennoch war ich überrascht, wie viel tiefer sein zweites Buch geht und was es mit mir gemacht hat.
Erstaunlich genug, dass das Buch ausgerechnet im Garten Gethsemane beginnt, wo es nicht um viele Worte geht, sondern um die Stille. Die beiden folgenden Kapitel sind der Begegnung mit zwei außergewöhnlichen Kindern gewidmet. Drei Orte, drei Ereignisse, die konsequent auf den eigentlichen Inhalt, die eigene Kindheitsgeschichte, hinführen.
Und die hat es in sich.
Noch nie habe ich bei einem Buch so viel geheult.
Aber auch gelacht. Und das ist nicht dieses berühmte gequälte Lachen, das einem im Halse stecken bleibt, im Gegenteil, es ist ein befreiendes Lachen.
Jedenfalls hat selten Lachen und Weinen so nahe beieinander gelegen. Stark, und fast nicht auszuhalten ist es, wie dieser kleine Junge sein wunderbares komisches Talent schärfte und schulte, indem er seine depressive Mutter immer und immer wieder aus ihrer Apathie holte.
Und trotz des tiefen Abgrundes, der sich in dieser Biographie auftut, kann man sie am Ende mit einem glücklichen Lächeln aus der Hand legen, so rätselhaft abgerundet verweben sich Anfang und Ende.
Dieses Buch ist ein Wunder.

Veröffentlicht am 09.05.2017

tolle biografie

»Nicht mich will ich retten!«
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Es war einmal ein kleines Mädchen, das bei seinen neugierigen Streifzügen durch die Inhalte der elterlichen Bücherregale auf das großformatige und mit schönen Bildern illustrierte Märchenbuch "König Hänschen" ...

Es war einmal ein kleines Mädchen, das bei seinen neugierigen Streifzügen durch die Inhalte der elterlichen Bücherregale auf das großformatige und mit schönen Bildern illustrierte Märchenbuch "König Hänschen" stieß. Immer wieder durchblätterte es fasziniert das außergewöhnliche Buch und betrachtete die schönen Abbildungen, bis es groß und neugierig genug war, um auch den Text zu lesen. Diese traurige, wunderschöne Geschichte von einem Kind, das König wird und anfängt, auf stille und unaufdringliche Weise die Welt zu revolutionieren, ließ mich nicht mehr los. Wer schreibt im Jahr 1923 so ein Buch? Der Autor war ein polnischer Jude namens Henryk Goldszmit, der sich als Schriftsteller Janusz Korczak nannte. Monika Pelz hat seine Biographie mit dem Titel "Nicht mich will ich retten" verfasst. Schon das erste Kapitel gefällt mir außerordentlich gut. Lebendig, aber auch präzise auf den Punkt gebracht, schildert die Autorin richtungsweisende Erlebnisse des jungen Henryk. Früh beginnt der junge Mann aus gutbürgerlichem Hause, sich für die Kinder in den Armenvierteln Warschaus zu interessieren und sich um sie zu kümmern.

Wer war und was tat Janusz Korczak? Er war Arzt. Schriftsteller. Pädagoge. Und was für einer. Der Ferienlagerbetreuer und spätere Waisenhausleiter nimmt die Kinder ernst, entwirft eine "Kinderdemokratie" ("Ich hatte begriffen, dass Kinder eine Macht sind, die man zur Mitwirkung ermuntern und durch Geringschätzung verletzen kann, mit der man aber auf jeden Fall rechnen muss.") Von den Kindern erwartet er sowohl die Herausbildung eines eigenen Willens, als auch die Entwicklung der Fähigkeit zum Verzicht. Das aber einfordern zu können, bedeutet, der Erzieher muss es selber vorleben.

Monika Pelz stellt Zitate, Fortlauf der Geschichte und Querverweise zu Korczaks zahlreichen Veröffentlichungen zu einem scharf analysierten und dichten Persönlichkeitsbild des Menschen Janusz Korczak zusammen. Die Lektüre ist packend und niemals langatmig. Ein ganzes Kapitel ist der Geschichte von König Hänschen gewidmet. Nimmt Korczak mit dem traurigen Ende des Märchens schon das Ende seiner eigenen Biographie vorweg? Ahnt er es? Resigniert schreibt er, dass er als Kind all das tun wollte, was er in der Geschichte König Hänschen tun lässt. "Aber dann hab ich es vergessen, und heute bin ich zu alt." Hier widerspricht ihm die Biographin. Denn seinen Waisenhauskindern "gab er ein Parlament, einen eigenen Gerichtshof, Geborgenheit und grüne Wiesen, auf denen sie im Sommer spielen konnten." Wichtiges Thema ist für Korczak auch die Überwindung von Rassendenken. König Hänschens beste Freundin ist eine Schwarze. Eine fortschrittliche Sichtweise, die von der erbarmungslosen Realität im Polen der 30er Jahre eingeholt wird: seine jüdischen Waisenhauskinder erleben Schikanen; er selbst verliert 1936 seine Stelle als Autor und Sprecher einer erfolgreichen Rundfunksendung. Die Luft zum Atmen für Juden wird dünner. Korczak erwägt, nach Israel auszuwandern. Und entscheidet sich dann doch für die Kinder in Warschau. Hat man durch sein bisheriges Lebenswerk noch nicht genügend Ehrfurcht vor diesem außergewöhnlichen Menschen, so braucht man nur von seinem heldenhaften Verhalten nach der Einnahme Warschaus durch die Nazis zu lesen. Janusz Korczak schert sich nicht die Bohne um die neue Armbindenverordnung für Juden und ist ständig in seiner polnischen Uniform unterwegs, um Lebensmittelspenden für die Kinder aufzutreiben. Wie durch ein Wunder entgeht er dabei immer wieder den Nazi-Kontrollen. Erst als er sich bei der Zwangsumsiedlung des Waisenhauses ins Ghetto gegen die Konfiszierung von Kartoffeln zur Wehr setzt, wird er festgenommen, brutal verhört und für mehrere Monate eingekerkert, was ihn aber nicht hindert, sich nach seiner Entlassung sofort wieder hingebungsvoll um die Kinder im Waisenhaus zu kümmern. Als er schließlich mit den Kindern in den Zug nach Treblinka verladen werden soll, kümmert er sich nicht um die zahlreichen Versuche befreundeter Menschen, ihn zu retten. Er geht mit seinen Kindern in den Tod und ist schon wenige Tage später zur Legende geworden.

"Und schon wusste die ganze Stadt, dass er tot war.
Und das ganze Land.
Und die ganze Welt."
(aus "König Hänschen")

Großartig ist, dass Monika Pelz es nicht bei diesem Ende bewenden lässt. Sie beschreibt, wie sich nun im Ghetto Widerstand formiert, der auch von Teilen der polnischen Bevölkerung unterstützt wird. "In der Unterstützung der Verfolgten Juden durch die polnische Bevölkerung liegt ein Sieg. Gemeinschaft und Brüderlichkeit sind wiedererstanden. ,Nicht mich will ich retten, sondern meine Idee', hat Korczak fast ohne Hoffnung geschrieben. Seine Idee lebt."

Veröffentlicht am 09.05.2017

hervorragend geschrieben

Die Frau in Schwarz
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Der gealterte Arthur Kipps erlebt im Kreise seiner Lieben einen harmonischen Weihnachtsabend, bis seine jugendlichen Verwandten mit dem Erzählen harmloser Gruselgeschichten beginnen und in ihm so Erinnerungen ...

Der gealterte Arthur Kipps erlebt im Kreise seiner Lieben einen harmonischen Weihnachtsabend, bis seine jugendlichen Verwandten mit dem Erzählen harmloser Gruselgeschichten beginnen und in ihm so Erinnerungen an ein längst verdrängtes grauenvolles Geschehen wachrufen.

Ich lese normalerweise keine Geistergeschichten. Mir gefällt an diesem Roman aber das sachte Understatement, das schon im fast harmlos wirkenden Titel "Die Frau in Schwarz" zum Ausdruck kommt und sich im Romantext fortsetzt, der oft so unaufdringlich heiter daherkommt, als hätte man es mit einem schönen Reisebericht zu tun. Ich finde die bildhafte Sprache sehr ansprechend und wie der Protagonist immer wieder die Schönheit und Faszination der melancholischen Marschlandschaft empfindet, die ihn dann doch, Augenblicke später, mit solchem Grauen erfüllt. Sein Umgang mit der plötzlich auftauchenden Angst wird meinem Empfinden nach sehr echt und lebensnah und mit feinem Gefühl für menschliche Befindlichkeiten geschildert.

Durch den epischen Rahmen, der die eigentliche Handlung als Rückblende in eine spätere Handlungsebene hineinbettet, kann man allerdings das Ende ein wenig voraussehen, wobei auch das Methode hat, da der Leser dadurch, dass er mehr weiß als der Handelnde, nicht gemütlich im Sessel zurücksinken kann, sondern mit dem Damoklesschwert der unguten Ahnung an den Lettern klebt. Allerdings empfinde ich die explosionsartige Konsequenz, mit der das geahnte Ende über den Leser hereinbricht, als etwas zu dick aufgetragen. Ansonsten aber: ein hervorragend geschriebenes, spannendes Buch.

Veröffentlicht am 09.05.2017

eine tolle autobiographie

Anna Amalia
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Obwohl ich bisher nur sehr wenig über Anna Amalia wusste, verbindet mich mit dieser Frau so einiges. Die Liebe zu Weimar. Die Liebe zu Büchern. Die Liebe zur Musik. Und dann das: am Abend des 2. September ...

Obwohl ich bisher nur sehr wenig über Anna Amalia wusste, verbindet mich mit dieser Frau so einiges. Die Liebe zu Weimar. Die Liebe zu Büchern. Die Liebe zur Musik. Und dann das: am Abend des 2. September 2004 standen meine Mutter und ich auf dem Weimarer Markt und sahen die entsetzlich hohen Flammen aus dem Dach ihrer Bibliothek schlagen. So einen Anblick vergisst man nicht so schnell. Ich bin also mit der notwendigen Portion Neugier auf diese Frau ausgestattet, die mich auch ein trockenes Vorwort gut überstehen lässt. Und es ist ein bisschen trocken, dieses Vorwort. Gut so, denn so bestärkt es mich am besten in der Gewissheit, dass ich es mit puren Fakten zu tun bekomme und nicht mit irgendwelchen wilden Ausschmückungen.
Für die Anschaulichkeit sorgt neben den berichteten Fakten eine reiche Bebilderung.

Bisher wusste ich von Herzogin Anna Amalia also nur, dass sie Bücher sammelte, komponierte und sich mit Goethe, Schiller, Herder und Wieland zu "Tafelrunden" traf. Ich wollte nun einiges mehr erfahren.

Die erste Überraschung: Anna Amalia war kein Lieblingskind. Abgesehen davon, dass der Bildungsmarathon, den sie als Kind absolvieren musste, alles andere als ein Zuckerschlecken war, litt sie sehr darunter, dass ihr die ältere Schwester stets vorgezogen wurde. An den kränklichen Prinzen Ernst August II. Constantin zu Sachsen-Weimar wurde sie denn auch verheiratet, weil die ältere Schwester für eine solche Liason zu gut war. Man darf sich trotz der Fortschrittlichkeit am Hofe zu Braunschweig-Wolfenbüttel keinen Illusionen hingeben: die hervorragende Bildung genoss eine junge Prinzessin wie Anna Amalia ausschließlich zu dem Zweck, sie einmal strategisch günstig verheiraten zu können. Was natürlich die werdende Herzogin nicht davon abhielt, ihre gute Bildung für die Heranbildung größerer Freiheiten zu nutzen.

Zunächst aber musste sie erst einmal Ehefrau und Mutter werden. Und dann plötzlich auch Regentin. Wie fühlt es sich an für eine 17-jährige, Mutter zu werden, kurz darauf den Ehemann zu verlieren, während sie schon mit dem zweiten Kind schwanger ist? Wenn sie dann nicht nur darum kämpfen muss, im "Geheimen Consilium" die richtigen Erzieher für die eigenen Söhne durchzusetzen, sondern auch noch darum, als Frau wenigstens vorübergehend die vormundschaftliche Regierung für den noch nicht volljährigen ersten Sohn ausüben zu dürfen? Abgesehen von ein paar Eigenzeugnissen Anna Amalias überlässt die Biographin die Antwort auf die Gefühlsfrage der Vorstellungskraft des Lesers. Ich fühle mich eigentlich ganz gut so, als mündiger Leser. Aber hin und wieder ist selbst mir sterbenslangweilig, wenn zum Beispiel seitenlang von der Porzellansammelleidenschaft Anna Amalias die Rede ist oder von den Memorialorten im Tiefurter Park. Aber die Sammel- und Gestaltungsleidenschaft ist natürlich auch eine wesentliche Seite der kulturell interessierten Fürstin. Die ausgesprochen schöne graphische Gestaltung des Buches tröstet den Leser hin und wieder erfolgreich über solche Durststrecken hinweg.

Nachdem die Herzogin die Regierungsgewalt an ihren volljährig gewordenen Sohn abgegeben hat, beginnt so etwas wie Freizeit in ihrem Leben anzubrechen; sie wird zu einem Trendsetter in Sachen Lifestyle, Mode, Inneneinrichtung... und nicht nur das, auch Anna Amalias "Tafelrunden", zu denen sie einmal wöchentlich Goethe, Schiller, Herder, Wieland und viele andere schönen Geister einlädt, finden in Weimar jede Menge eifrige Nachahmer. Neu daran ist auch, dass Adel und Bürgertum bei Anna Amalia an einem Tisch sitzen. Ihr geht es um den Inhalt, nicht um die Form.

Besonders gut gefällt mir das Kapitel über die Italienreise, anschaulich gemacht durch einen dichten Briefverkehr der Protagonisten. Anna Amalia befreundet sich mit der berühmten Malerin Angelica Kauffmann und wird von ihr portraitiert. Sie schafft es wirklich, gewaltig die Seele baumeln zu lassen bei dieser Reise, weit weg von der Weimarer Politik. Einzig der Romaufenthalt gerät etwas enttäuschend. "Die Gründe für den relativ kurzen Romaufenthalt waren wahrscheinlich einerseits die im römischen Winter widrigen ungeheizten Wohnungen, andererseits die römische Gesellschaft, an der die Herzogin auch nach einigen Wochen keinen Geschmack finden konnte, war doch die ganze Italienreise von ihr als ein Aufbruch in die Freiheit konzipiert worden." Hier bekommt die Biographin von mir einen Sympathiepunkt, musste ich doch spontan schallend loslachen. Aber obwohl Rom nicht die Bastion der Freiheit schlechthin ist, findet die Herzogin in der Tat auf der weiteren Reise vieles, was dieses Lebensgefühl ausmacht. Auch die intensive freundschaftliche Verbindung zu dem gütigen und toleranten Erzbischof Capecelatro tut ihr Übriges. Umso tragischer die Unmöglichkeit, diese Beziehung aufrecht zu erhalten (man stelle sich das einmal vor: eine protestantische Fürstin und ein katholischer Bischof...) Nüchtern und knapp wird von den heimlichen Tränen der Herzogin nach dem Abschied berichtet. Weitere Details wären wohl auch wilde Spekulation, nichts desto trotz setzt bei mir augenblicklich intensivstes Kopfkino ein, und ich frage mich, warum das noch niemand verfilmt hat... Aus einer Fußnote erfahren wir später, dass fast sämtliche Werke des Erzbischofs, die Anna Amalia aus Italien mitbrachte, 2004 bei dem Feuer verbrannt sind. (Hier stöhnte die Rezensentin beim Lesen spontan laut auf. Für Emotionen ist also durchaus Platz zwischen den Zeilen).

Anna Amalia will nicht aus dem Land ihrer Freiheit zurückkehren. Ihr Sohn schickt schließlich Goethe, um sie zurück nach Weimar zu holen.
Was liegt näher, als sich unmittelbar nach der Heimkehr so italienisch wie möglich einzurichten? Von Goethe entfremdete sich die Herzogin mit zunehmendem Alter allerdings immer mehr. Und, auch dies wird in der Biographie nur angedeutet, politisch gesehen scheint sie die Fortschrittlichere von beiden zu sein. Nützt ihr nur nicht viel. Denn Goethe ist der Einflussreichere. So wird denn auch nichts aus Anna Amalias angestrebter Theaterintendanz; gegen den Herrn Geheimrat hat sie keine Chance. Sie fühlt sich mehr und mehr ausgegrenzt.

In Goethes Perfektionierung und Professionalisierung der Kunst sieht Anna Amalia den Niedergang der Kunst.
Den totalen Niedergang erlebt sie schmerzhaft nach Rückkehr in das von den französichen Truppen verwüstete Weimar; ihr geliebtes Tiefurt ist kaum wiederzuerkennen. Resigniert schreibt sie: "...Rechtschaffenheit und Redlichkeit gibt es nicht mehr. ..." Nur wenige Monate später stirbt die von allen Weimarern so geliebte Herzogin.

In seinem zu Herzen gehenden Nachruf schreibt Anna Amalias langjähriger Bibliothekar: "Sie wusste den Fürsten und den Menschen in sich zu vereinigen."

Es handelt sich um eine Biographie ganz im klassischen Sinne: sauber recherchierte Fakten werden in eine vernünftige Reihenfolge gebracht. Besonders spannend ist das nicht. Oder eben wirklich nur dann, wenn man als Leser eine gewisse Eigenständigkeit entwickelt, oder wenn man schon einmal in Weimar war und sich in all die beschriebenen Örtlichkeiten verliebt hat, wie das bei mir der Fall ist. Letztendlich bleibt diese Biographie aber am Ende nichts schuldig - ich fühle mich umfassend und schlüssig informiert. Eine Menge ist hängengeblieben.

Beispiel Bibliotheken: Zum ersten Mal wird mir bewusst, welche Rolle das Licht beim Anlegen der großen alten Bibliotheken spielte. Die Biographie berichtet, dass die Anna Amalia Bibliothek in Weimar ursprünglich als freies Gebäude stand, ohne Anbauten. Dadurch fiel das Licht von allen Seiten in den Rokokosaal ein, was sich symbolisch mit dem Ideal der Aufklärung verbindet und heute leider nicht mehr so ist. Dasselbe Phänomen einer lichtdurchfluteten Bibliothek kann man sich beim Anblick der im Buch abgebildeten Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde vorstellen, die Anna Amalia aus ihrer Kindheit vertraut war. Es sind solche kleinen Details, die man in dieser aufwendig und liebevoll gedruckten Biographie teilweise selber entdecken muss, aber eben auch kann, weil das mitgelieferte, liebevoll präsentierte Material das zulässt.
Hin und wieder erscheint die Biographie eher für den Experten oder aber zumindest den ausgeprägten Liebhaber geschrieben denn als kurzweilige Lektüre für jedermann. Für mich überwiegt aber der Vorteil, wirklich nur belegte Fakten präsentiert zu bekommen. Das Bild von Anna Amalia setzt sich so hin und wieder etwas mühsam zusammen, ist aber ganz und gar ehrlich.

Bleibt noch anzumerken, dass der Anhang mit Fußnoten, Stamm- und Zeittafeln, Literatur- und Personenverzeichnis vom Feinsten ist.