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Veröffentlicht am 01.05.2025

Oh, was für ein bitterböses und fesselndes Werk

Blaues Wunder
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Also, ich muss ja sagen, Anne Freytag hat mich hier von den Socken gehauen! Ich kenne die Autorin von ihren Jugendromanen und hatte da nur die sanften, manchmal traurigen Texte im Gedächtnis. Und dann ...

Also, ich muss ja sagen, Anne Freytag hat mich hier von den Socken gehauen! Ich kenne die Autorin von ihren Jugendromanen und hatte da nur die sanften, manchmal traurigen Texte im Gedächtnis. Und dann ist „Blaues Wunder“ so ein messerscharfer Pageturner?! Ihr literarisches Werk reizt mich ab sofort sehr.

Für dieses Buch muss mensch sicherlich in Stimmung sein, aber ich möchte es dennoch allen ans Herz legen. Die Geschichte ist bitterböse, bissig ohne Ende und strotzt nur so vor Intrigen und Rachegelüsten. Wir begleiten die Ehefrauen von drei Männern, die beruflich miteinander verbunden sind: Walter als Chef und Ferdinand sowie Kilian als Anwärter auf den Chefsessel. Nora, Franziska und Rachel sind alle wohlhabend und teilen doch ein ähnliches Schicksal: verachtet, belächelt und unterschätzt. Freytag rückt diese Randfiguren nun ganz klar ins Zentrum ihres Romans - und wie sie das macht!

Der gemeinsame Kurzurlaub auf einer Yacht ist von Anfang an eine Farce. Dank der wechselnden Perspektiven lernen wir schnell, wie alle ein abgekartetes Spiel spielen. Ich habe mich zwischenzeitlich gefühlt wie in „Gossip Girl“! Der Roman ist außerdem extrem spannungsgeladen und bleibt bis zum Schluss fast thrillerhaft. Ich konnte nicht aufhören und bin wirklich von Anfang bis Ende begeistert! Und obwohl immer mal wieder kleine Hints eingestreut werden, war ich vom Schluss überrascht.

Einziges Manko und kleiner Abzug beim Hörbuch: Die Sprecherin war nicht ganz ein perfektes Match für mich. Außerdem fand ich es manchmal schwer, den Perspektivwechseln zu folgen, obwohl die jeweils erzählende Figur am Kapitelanfang vorgestellt wird. Deshalb stelle ich mir das Buch tatsächlich im gelesenen Zustand noch besser vor. Wobei die Sprecherin den bissigen Zynismus und Sarkasmus wirklich gut umgesetzt hat.

Freytag schreibt mit einer psychologischen Raffinesse, die süchtig macht. Klare Empfehlung für alle mit Lust auf female rage and revenge! Ich habe es sehr gefeiert, auch wenn es phasenweise harter Tobak ist.

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Veröffentlicht am 01.05.2025

Ein ruhiges und spannendes Werk über menschliche Zwischentöne

Nebenan
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Mir hat Kristine Bilkaus Roman richtig gut gefallen. Mit seinem ruhigen Ton erfüllt er genau das, was ich an norddeutschen Romanen so gern mag. Außerdem liebt die Autorin ihre Figuren spürbar und hat ein ...

Mir hat Kristine Bilkaus Roman richtig gut gefallen. Mit seinem ruhigen Ton erfüllt er genau das, was ich an norddeutschen Romanen so gern mag. Außerdem liebt die Autorin ihre Figuren spürbar und hat ein unglaubliches Talent für die Feinheiten menschlichen Lebens sowie menschlicher Beziehungen.

Ich würde wahrscheinlich empfehlen, das Buch nach Möglichkeit lieber zu lesen statt zu hören, da ich die wechselnde Erzählperspektive im Hörbuch nicht so gut umgesetzt fand. Hier wäre es sinnvoll, jedes neue Kapitel, in dem eine andere Figur erzählt, klar abzugrenzen. So bin ich leider ganz schön oft durcheinandergekommen.

Der Roman basiert auf den mysteriösen Umständen rund um ein verlassenes Haus, deren Spannung bis zum Ende nicht ganz aufgelöst wird. Ich persönlich fand das okay, denn das ist gar nicht der Punkt des Romans. Vielmehr geht es um verschiedene Herausforderungen menschlicher Existenz. Bilkau schafft es, die Komplexität des Lebens gut und einfühlsam abzubilden und schreibt dabei sehr unaufgeregt. So geht es zum Beispiel um [TW!] unfreiwillige Kinderlosigkeit, Fehlgeburt und die darauf folgende Isolation in unserer Gesellschaft. Es geht um Partner*innenschaften in sich verändernden Lebenslagen, andeutungsweise auch um häusliche Gewalt und einen möglichen Umgang mit entsprechenden Vermutungen.

Überhaupt steht Isolation immer wieder im Mittelpunkt der Handlung. Ganz zentral thematisiert die Autorin so auch den Verfall eines kleinen Ortes und wie infolgedessen viele Menschen, insbesondere junge und ältere, in die häusliche Isolation getrieben werden. Besonders positiv fiel mir Bilkau außerdem in ihrem Respekt jungen Menschen gegenüber auf. Gerade auch deren Räume müssen nämlich oft weichen, weil sie keinen Profit abwerfen, obwohl sie so immens wichtig sind.

Der Roman hat mich schnell für sich eingenommen, weil er es schafft, die Isolierung vieler Menschen abzubilden und sie doch gleichzeitig auch miteinander in eine zarte Verbindung zu bringen, da sich ihre Wege in dem kleinen Ort kreuzen. Er hat mich wieder einmal daran erinnert, dass alle Personen um mich herum ihre eigenen Herausforderungen mit sich tragen. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann und bestimmt auch noch einmal lesen würde, weil es emotional lange in mir nachwirkt.

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Veröffentlicht am 01.05.2025

Konnte mich mit seiner Form und den Figuren leider nicht ganz überzeugen

Haus aus Wind
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Ich habe mir von diesem queeren Sommerroman, der doch Einiges an Tiefe versprach, ziemlich viel erhofft. Daher war ich recht ernüchtert, als sich bis etwa zur Hälfte einfach kein richtiger Lesefluss einstellen ...

Ich habe mir von diesem queeren Sommerroman, der doch Einiges an Tiefe versprach, ziemlich viel erhofft. Daher war ich recht ernüchtert, als sich bis etwa zur Hälfte einfach kein richtiger Lesefluss einstellen wollte. Vielleicht passte das Buch gerade nicht zu meiner Stimmung, vielleicht lag es aber auch an Stil und Figuren.

Gleich zu Beginn ist mir persönlich der häufige Sprachwechsel von deutsch zu englisch negativ aufgefallen. Das ist ohne Frage authentisch, ich finde es aber auch nicht besonders zugänglich. Menschen, deren Englisch nicht so gut ist, werden hier echt zu kämpfen haben, weil schon wirklich auch inhaltlich viel in dieser Sprache passiert. Mein Englisch ist sehr gut und trotzdem hat es mich jedes Mal kurz rausgeworfen. Das wird zum zähen Leseerlebnis beigetragen haben.

Johannas Innenleben und ihre Vergangenheit kennenzulernen (besonders auch ihre absolut furchtbaren Eltern), fand ich aber gut gestaltet. Ich denke, mir war der Text auch inhaltlich etwas zu schwer für meine aktuelle Stimmung, aber das möchte ich dem Buch nicht ankreiden. Denn ganz grundsätzlich bin ich sehr offen für ernste Themen und dem nimmt sich die Autorin auf jeden Fall mit viel Feingefühl an. Sie beschreibt zum Beispiel, dass 6uelle Übergriffe auch im queeren Bereich vorkommen können und ebenso ernstgenommen werden sollten.

Was mich jedoch deutlich gestört hat, waren die Figuren selbst bzw. der Umgang zwischen ihnen. Mir waren sowohl Johanna, als auch Luz und Robyn einfach zu distanziert und verschlossen, gefühlt habe ich sie alle drei nicht wirklich - auch in Interaktion miteinander. Dabei bringen alle drei wirklich spannende Vorgeschichten und Herausforderungen mit, etwa Luz als fremdgeoutete lesbische Profisurferin, die daraufhin ihre Karriere beenden musste. Auch einige kleinere Nebenfiguren fand ich interessant konstruiert. Ich habe gemerkt, dass die Autorin extrem informiert und diskriminierungssensibel ist - das hat mir sehr gut gefallen.

Marlene und Emília hätte ich gern noch viel besser kennengelernt, weil sie mir ein wenig von der Fürsorge und Wärme gegeben haben, die mir vorher fast kontinuierlich gefehlt hat. Ich denke, das ist einfach der größte Knackpunkt für mich - ich suche in queeren Geschichten immer auch Sanftheit und davon gab es für mich persönlich zu wenig. Die Figuren schienen mir überwiegend Einzelkämpfer*innen zu sein.

In jedem Fall ist der Roman stilistisch innovativ, wenn auch nicht ganz mein Geschmack. Außerdem ist es eine Geschichte über inneres Heilen, ohne dabei sonderlich geradlinig oder auch nur annähernd romantisierend zu sein. Johannas Schmerz ist greifbar und wer das in Kombination mit einem besonderen Stil gern begleiten will, wird hier gut beraten sein. Ich runde für die grundlegende Idee und Tiefe des Buchs auf 3 Sterne auf, auch wenn die Lektüre für mich ziemlich lang zäh war.

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Verständlicher Gedankenanstoß rund um einen gesellschaftlichen Wandel

Identitätskrise
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Mein Leseeindruck:

Ich mag Alice Hasters als Autorin für ihre klare, verständliche Art des Schreibens sowie das Vereinen von Eindringlichkeit und Unaufgeregtheit. Das erfüllt „Identitätskrise“ auf jeden ...

Mein Leseeindruck:

Ich mag Alice Hasters als Autorin für ihre klare, verständliche Art des Schreibens sowie das Vereinen von Eindringlichkeit und Unaufgeregtheit. Das erfüllt „Identitätskrise“ auf jeden Fall auch. Und doch tue ich mich etwas schwer mit meiner Rezension, weil ich den Punkt des Buches nicht so richtig greifen kann - aber vielleicht geht es genau darum.

Irritiert war ich bereits zu Beginn, als Hasters das 20. Jhd. als das tödlichste der Menschheitsgeschichte mit „Millionen Opfern rassistischer Gewalt“ bezeichnet. Für mich klingt es hier und auch später noch einmal so, als würde sie Antisemitismus in Rassismus eingliedern, was faktisch absolut inkorrekt ist. Antisemitismus liegt ein Glaube an übermächtige Juden_Jüdinnen zugrunde, welchen mensch entgegentreten muss - daher ist Antisemitismus auch so oft Anknüpfungspunkt für Verschwörungserzählungen. Andere Diskriminierungsformen wirken dagegen insofern, dass sie die marginalisierte Gruppe abwerten und deshalb auslöschen wollen. Das Ergebnis ist natürlich das gleiche, aber der Ausgangspunkt verschieden. Damit möchte ich selbstverständlich keins von beiden irgendwie kleiner reden, mir geht es lediglich um die sprachliche Abgrenzung, welcher der Autorin am Ende dann auch doch nachkommt. Somit weiß ich einfach nicht so recht, was ich davon halten soll.

Abgesehen davon findet sich in diesem Buch viel Grundlegendes und manch Persönliches. Die Autorin schreibt zwar verständlich, aber auch etwas sprunghaft. Bis zum Ende hin fiel es mir schwer, ein konkretes Fazit aus dem Buch mitzunehmen außer: Der Westen funktioniert so nicht (mehr). Das war mir vorher schon bewusst und doch fand ich die Herleitung über verschiedene Identitätskrisen und warum es deshalb so schwer ist, bei privilegierten Menschen Verständnis und Veränderung zu erwirken, interessant. „Identitätskrise“ würde ich als eingängiges Einstiegswerk einordnen, in dem Hasters die Fakten mit der nötigen Eindringlichkeit darbietet. Den kürzeren zweiten Teil fand ich in der Idee gut und er hat das Schwere aus dem ersten Teil durch bissige Ironie und verschiedene Erzähltöne angenehm aufgelockert. Einerseits fehlte mir auch hier ein wenig Struktur, andererseits weist die Autorin hier auch völlig berechtigt auf die Notwendigkeit von mehr Ambiguitätstoleranz hin, sodass ich diese Gedankensammlung in ihrer Form passend finde.

Ich empfehle es durchaus für alle, die sich grundlegend über strukturelle Zusammenhänge informieren wollen.


Was ich besonders interessant fand:

Aufschlussreich war für mich, noch einmal das fatale Wechselspiel von Kapitalismus und Demokratie aufgezeigt zu bekommen. Im Gegensatz zu Autokratien soll in einer Demokratie von der Gesellschaft selbst entschieden werden. Grundlage dafür ist natürlich eine entsprechende Freiheit und Identitätsklarheit. Und hier kommt Kapitalismus als „stabilisierende“ Komponente ins Spiel - er soll durch ein breites Angebot die absolute (Wahl-)Freiheit garantieren. Dass das so nicht funktioniert und mittelfristig zu mehr Unfreiheit führt, dürfte mittlerweile hoffentlich vielen Menschen bewusst sein.

„Wohlstand für alle“ mag eine nette Idee sein, die aber nicht mit einem kapitalistischen System (das immer auf Ausbeutung beruht) vereinbar ist und in der Vergangenheit auch noch nie funktioniert hat. Denn Selbstverwirklichung wird immer proklamiert, doch auch hier geht die Rechnung strukturell nicht auf, denn irgendwer muss ja auch die unbeliebten Jobs machen.

Gleichberechtigung bedroht in vielerlei Hinsicht westliche Identitäten - ob Weiße oder cis Männer, ob hetero oder nicht-behindert. Denn wenn tatsächliche Gleichberechtigung geschaffen würde, würden sich die bisherigen Identitäten, die stets in Abgrenzung und konstruierter Überlegenheit zu anderen existieren, in Luft auflösen und das ist mental herausfordernd.

Auch die westliche Selbsterzählung rund um Innovation und Fortschritt wankt, wenn der Fortschritt nicht zum Nutzen echter Menschen passiert (z. B. Arbeitszeitverkürzung durch Maschinenunterstützung). Wie kann sich der Westen diese Erzählung von Freiheit eigentlich noch selbst glauben, wenn Technologien Menschen eher noch unfreier machen und den Weg ebnen für autoritäre Kräfte?

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Veröffentlicht am 17.04.2025

Ein interessanter Aufhänger, aber mir zu wenig Tiefgang

Die Summe unserer Teile
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Ich finde Familienromane über mehrere Generationen hinweg und dann noch mit verschiedenen Erzählperspektiven richtig toll und habe mir deshalb auch von diesem viel erwartet. Ganz enttäuscht wurde ich nicht ...

Ich finde Familienromane über mehrere Generationen hinweg und dann noch mit verschiedenen Erzählperspektiven richtig toll und habe mir deshalb auch von diesem viel erwartet. Ganz enttäuscht wurde ich nicht und doch ist „Die Summe unserer Teile“ für mein Empfinden einfach ein wenig zu kurz für sein Vorhaben.

Wir begleiten drei Generationen von Frauen in der Wissenschaft und erfahren nach und nach, vor allem durch Lucy als jüngste Generation, mehr über die Geheimnisse sowie Herausforderungen aller Figuren. Festgefahrene Rollenverteilungen, Sexismus in der Wissenschaft, Weitergabe von Traumata an die eigenen Kinder - wirklich interessante Aspekte, die mir doch leider alle zu kurz kamen. Viel wurde angeschnitten, aber bevor es für mich emotional wirklich greifbar wurde, war die Szene schon wieder vorbei.

Die emotionale Distanziertheit wird durch die Wahl der dritten Person als Erzählperspektive noch einmal verstärkt, weshalb ich sie nicht optimal fand. Die Autorin schreibt auch allgemein eher bildhaft und atmosphärisch, Emotionen werden selten vorgegeben. Damit habe ich auch nicht grundsätzlich ein Problem, gern mache ich mir selbst ein Bild. Hier fehlte es mir für diesen Prozess jedoch oft an weiteren Informationen und Zusammenhang.

Für Daria als Lucys Mutter hatte ich am Ende am meisten Verständnis und auch die Enthüllungen rund um Lyudmilas Vergangenheit haben mich betroffen gemacht. Lucy nimmt jedoch am meisten Raum ein und gerade ihre Parts blieben mir bis zum Schluss größtenteils nicht greifbar. Fast wirkte es auf mich so, als ob sie gar nicht Teil der Handlung wäre, sondern vor allem Informationen beschaffen soll.

Das Ende bleibt offen und auf seine eigene Art unversöhnlich, was ich aber in Ordnung fand. Alles andere hätte ich als zu naiv kritisiert. Und so bleibe ich etwas zwiegespalten zurück. Der Roman hat für mich sein Potenzial nicht ausgeschöpft und war mir in der Charakterentwicklung zu oberflächlich. Hier hätte ich eindeutig noch mehr Seiten gebraucht. Trotzdem thematisiert die Handlung einige wichtige Aspekte, wie z. B. Mental Load, subtil und ohne viel an Interpretation vorzugeben. Ein Buch für Menschen, die nicht so gern dickere Romane lesen, Atmosphäre wichtig finden und sich am liebsten selbst eine Meinung bilden.

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