Ein anstrengender, aber lesenswerter Weird-Girl-Rausch
She’s a Star!Geschichten über und mit obsessiven Figuren sind für mich immer ein Grenzfall. Gut geschrieben saugen sie mich absolut ein und fordern mich moralisch heraus. Weniger gut geschrieben wird es einfach nur ...
Geschichten über und mit obsessiven Figuren sind für mich immer ein Grenzfall. Gut geschrieben saugen sie mich absolut ein und fordern mich moralisch heraus. Weniger gut geschrieben wird es einfach nur anstrengend. Meredith Hambrock hat mit „She’s a Star“ ein Werk geliefert, das überwiegend in die erste Kategorie fällt und welches auf alle mir bekannten Romane dieser Art noch einmal eine Schippe draufsetzt.
Die erste Hälfte fand ich unglaublich stark! Über die Ich-Perspektive sitzen wir in Jessamyns Kopf und sind ihrer Wahrnehmung ausgeliefert. Schon relativ früh konnte ich mir nicht mehr sicher sein, was wirklich wie stattgefunden hat und was lediglich der Interpretation unserer Protagonistin entspricht. Denn es kristallisiert sich zunehmend heraus, dass Jessamyn eine unzuverlässige Erzählerin ist, die immer mehr einem Wahn verfällt, der sie (und uns) irgendwann fast völlig einnimmt. Nur durch Reaktionen der Nebenfiguren kam ich immer wieder ins Grübeln, ob die Realität nicht eine andere ist.
Die Nebenfiguren bleiben überwiegend blass. Das ist aufgrund der selbstbezogenen Erzählperspektive eine schlüssige Entscheidung. Dennoch muss mensch den enormen Fokus auf eine Figur natürlich mögen. Das Tempo ist von Beginn an hoch, der Ton direkt mit einem bissigen und durchaus gesellschaftskritischen Witz, der mir sehr gut gefallen hat. Dadurch, dass wir so nah an den Gedanken der Hauptfigur dran sind, entsteht eine bedrückende und intensive Atmosphäre.
In der zweiten Hälfte verlor die Geschichte aber ein wenig an Atem. Die Gedankenspiralen wiederholen sich und entschleunigen die Geschichte - meiner Meinung nach eher zum Nachteil der Erzählung. Später zieht das Tempo glücklicherweise wieder an; die Handlung wird immer ernster, wahnhafter und maximal unhinged - bis am Ende alles eskaliert.
Dieser Roman ist Arbeit! Jessamyn ist eine herausfordernde Hauptfigur, die mehr als eine fragwürdige Entscheidung trifft und doch immer wieder mein Mitgefühl hatte. Ihr ist Schlimmes widerfahren und ich bedaure es doch ziemlich, dass die feministische Komponente des Ganzen nahezu bedeutungslos wird neben all der Obsession. Da hätte ich mir mehr konsequenten Biss gewünscht, allerdings macht die Verdrängung aus Sicht der Erzählerin schon Sinn. Bei allem Ernst der Realität ist der gewählte Humor nahezu bitter, was wirklich gut zum Tragödiencharakter der Geschichte passt.
Wer sich ordentlich fordern lassen möchte von dieser Anti-Heldin und überwiegend temporeiche Geschichten mag, die ungefiltert in menschliche Abgründe schauen, sollte sich dieses Werk nicht entgehen lassen.