Wolfram Siebeck. Vom Flakhelfer zum Gastrokritiker.
Siebeck – Ein sattes LebenAls in Deutschland der Toast Hawaii noch als raffinierte Küche galt, schrieb Wolfram Siebeck seine erste Kochkolumne. Noch ahnte er nicht, dass er damit, Ende der 1950er Jahre, bereits sein Lebensthema ...
Als in Deutschland der Toast Hawaii noch als raffinierte Küche galt, schrieb Wolfram Siebeck seine erste Kochkolumne. Noch ahnte er nicht, dass er damit, Ende der 1950er Jahre, bereits sein Lebensthema gefunden hatte. Fortan widmete er sich mit missionarischem Eifer der schwierigen Aufgabe, den Gaumen seiner Landsleute zu schulen.
Dr. Christoph Wirtz, ehemaliger Chefredakteur des Restaurantführers Gault & Millau und Kenner der Feinschmeckerszene, versucht den Menschen Wolfram Siebeck hinter der Fassade des spitzzüngigen Gastrokritikers zu zeigen. Herausgekommen ist ein Stück Zeitgeschichte zum Thema Essen in Deutschland und das Porträt eines facettenreichen Charakters.
Der kleine Wolfram verbringt seine Kindheit im Ruhrpott. 1938 wird sein Vater beruflich nach Posen versetzt. Der zehnjährige Wolfram bleibt mit der Mutter und später der ausgebombten Oma in Duisburg zurück. Geht zur Schule und zum Jungvolk, überlebt Bombennächte im Keller und wird mit 15 Jahren Flakhelfer, was ihn schließlich, 1945, noch an die Ostfront bringt. Als dort die russische Offensive beginnt, gelingt ihm die Flucht. Allein schlägt er sich 300 km Richtung Westen durch und landet für mehrere Wochen in Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr hält es der 17-jährige Wolfram nur noch drei Tage in seiner alten Schule aus. Was ich gut verstehen kann. Diese Jahre haben Wolfram Siebeck für immer geprägt. Ohne Abschluss findet er nach mehreren Rückschlägen 1948 eine Stelle als Pressezeichner bei der WAZ. Er arbeitet jetzt für das Medium, dass zeitlebens sein Schicksal bestimmen wird.
Klug erkennt er, dass die Fotografie seinen Job überflüssig machen wird und wendet sich dem Schreiben zu, das ihm überraschend leicht fällt. Sein Talent zeigt sich schnell und so bekommt er Ende der 1950er Jahre den Auftrag eine Kochkolumne zu schreiben. Damit ist er bei seinem Lebensthema angekommen.
Der Autor beschreibt anschaulich und unterhaltsam den Werdegang des Wolfram Siebeck. Er erzählt die Geschichte von einem der auszog, Mehlschwitze und Fertigfraß zu bekämpfen und den Deutschen den Puritanismus ab- und guten Geschmack anzugewöhnen. Er lernt kochen und trainiert fortwährend seinen Gaumen. Siebeck polarisiert, aber er sorgt für Auflage und Anzeigen, das Credo aller Zeitungsverleger. Er wird geliebt und gefürchtet für eine spitze Feder und sein freches Mundwerk.Dr. Wirtz zeigt einen Menschen, der scheinbar auf die Meinung anderer pfeift und auf die meisten herabsieht. Was aber steckt tatsächlich hinter diesem Schutzschild aus Arroganz? Schüchternheit behauptet der Autor. Siebeck mag weder Menschenansammlungen noch schätzt er Small Talk. Am liebsten ist ihm die Gesellschaft seiner Frau Barbara. Ihre Ehe wird bis zu Siebecks Tod bestehen.
Gern hätte ich mehr Privates erfahren, z. B. über das Zusammenleben des Paars und den drei schulpflichtigen Söhnen, die Barbara mit in die Ehe gebracht hat. Ob da täglich Haute Cuisine auf den Tisch kam? Oder konnte sich der Gourmet damals in das Alltagsleben der von ihm so geschmähten Hausfrauen einfühlen?
Immerhin erfährt der Lesende, dass Siebeck die Erlebnisse in der Jugend eine ausgeprägte Abneigung gegenüber Mitgliedschaften in Vereinen, Parteien, Verbänden und Abhängigkeiten jedweder Art eingebracht haben. So trifft es sich gut, dass er als freier Journalist arbeiten konnte. Auch seine Eitelkeit wird thematisiert, die ihn jedoch nicht von einem Statement abhält: Das Tragen roter Socken. Ausgerechnet ein Wahlslogan der CDU von 1994 („Auf in die Zukunft, aber nicht auf roten Socken“) hat ihn dazu inspiriert.
Wolfram Siebeck hat tatsächlich viel für die deutsche Küche getan. Sein Kampf für qualitativ hochwertige Lebensmittel war seinerzeit missionarisch und ähnelt dem heutigen Einsatz für Bio-Lebensmittel, ist also immer noch aktuell. Während das auf eine Ernährung, die auf hohem Fleischkonsum, viel Butter und Speisen wie Foie gras basiert eher nicht mehr zutrifft. Seine Eigenheit, sich nahezu ausschließlich auf die französische Küche zu konzentrieren, mutet angesichts zahlreicher hervorragender Gerichte aus anderen Ländern, seltsam, ja nahezu kleingeistig an. Warum sich derart beschränken, wenn freie Auswahl herrscht? Sollte ein „Berufsesser“ nicht deutlich offener für neue Geschmackserlebnisse sein? Siebeck liebte neben Paris immerhin noch Wien und London. Wobei es in der Stadt an der Themse nicht das Essen, sondern die Kultiviertheit der Upper Class war, die ihn anzog.
Ich habe diese Biografie gern gelesen und wurde abgesehen von kleineren Längen gut unterhalten. Das reichhaltige Bildmaterial rundet den Text passend ab.