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Veröffentlicht am 24.03.2026

Neues Herzensbuch

Alle unsere Leben
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Milly ist gerade 18 als sie 1979 ihre Heimat Irland verlassen und in London ein neues Kapitel aufschlagen muss. In einem Pub findet sie Arbeit und Ablenkung, Frauen, die sie unter ihre Fittiche nehmen, ...

Milly ist gerade 18 als sie 1979 ihre Heimat Irland verlassen und in London ein neues Kapitel aufschlagen muss. In einem Pub findet sie Arbeit und Ablenkung, Frauen, die sie unter ihre Fittiche nehmen, ein – wenn auch brüchiges – neues Zuhause. Und sie lernt Pip kennen, einen aufstrebenden Boxer, ebenfalls Ire und ebenfalls ein junger Mensch mit viel seelischem Gepäck auf der Suche nach Glück und Anerkennung. Beide erkennen sich in der tiefen Einsamkeit des Anderen wieder, fühlen sich sofort zueinander hingezogen und doch gelingt es ihnen nicht, sich festzuhalten, diese Verbundenheit in eine echte Beziehung zu verwandeln. Über die folgenden vier Jahrzehnte begleitet die Erzählung ihre getrennten Wege rückblickend. Während Milly versucht, sich ein unabhängiges, ruhiges Leben aufzubauen und einen Platz in einer Stadt zu finden, die sich ständig verändert, kämpft Pip wiederholt mit seinen inneren Dämonen und schlägt sich als Ruheloser durch die Straßen Londons und der Welt. Die beiden Protagonisten spiegeln dabei zwei unterschiedliche Arten, mit Fremdsein und Entwurzelung umzugehen: Milly durch Festhalten, Pip durch Rastlosigkeit. Trotz dieser unterschiedlichen Lebensentscheidungen bleibt zwischen ihnen ein unsichtbares Band von Erinnerungen, unerfüllten Sehnsüchten – und die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft, die nie ganz verschwindet.

Christine Dwyer Hickey erzählt authentisch, höchst lebendig und immer ganz nah an ihren Figuren von zwei Außenseitern im Spiegel des sich wandelnden London des letzten halben Jahrhunderts. Dabei spielt die Stadt als Ort, der die Figuren prägt, herausfordert und sie mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert, sowie als Ort der Chancen, doch auch der verpassten Möglichkeiten eine zentrale Rolle. „Alle unsere Leben“ ist eine zutiefst ergreifende Liebesgeschichte auf Ab- und Umwegen, und gerade deshalb so lebensnah und zauberhaft, berührend und dabei nie kitschig oder überfrachtet. Eine große Lesefreude und mit das Beste, was ich dieses Jahr gelesen habe.

Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Erschienen im Unionsverlag,, mittlerweile einer meiner liebsten Verlage überhaupt. Große Herzens-Empfehlung.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Ein berührender Familienroman

Unser geteilter Sommer
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Gefällt wort.bildung und 318 weitere Personen
Ich geb’s zu, Trash TV und Doku-Soaps sind mein Guilty Pleasure. Ich liebe die Sendung „Julia Leischik sucht: Bitte melde dich“, nichts zerreißt mir so ...






Gefällt wort.bildung und 318 weitere Personen
Ich geb’s zu, Trash TV und Doku-Soaps sind mein Guilty Pleasure. Ich liebe die Sendung „Julia Leischik sucht: Bitte melde dich“, nichts zerreißt mir so zuverlässig das Herz, wie der Anblick von Eltern und Kindern, die sich nach langer Trennung endlich wieder in die Arme schließen können. Und nicht selten ähneln sich die Geschichten, die hier erzählt werden, Geschichten von Zwangsadoptionen in der DDR und im Namen des Sozialismus auseinander gerissenen Familien. Bittere Geschichten, wie Sophie Hardach sie auch in diesem Roman erzählt.

„Unser geteilter Sommer“ begleitet die achtjährige Ella durch den Sommer 1987 in der DDR, porträtiert eine Kindheit voller Liebe und kleiner Abenteuer, aber auch überschattet von politischen Grenzen und familiärer Uneinigkeit. Die Eltern gehören zur sogenannten Intelligenz und wünschen sich nichts sehnlicher, als den kommunistischen Fesseln zu entkommen, die Oma ist glühende Verfechterin des SED-Regimes. Als die Familie eine Flucht wagt, scheitert sie dramatisch, und Ellas jüngster Bruder verschwindet aus ihrem Leben. Jahrzehnte später, nach dem Tod der Mutter, begibt Ella sich endlich auf die Suche nach der Wahrheit – und nach Heiko, den sie all die Jahre schmerzlich vermisst hat. Zwischen Tagebüchern und Stasiakten, Gesprächen und brüchigen Erinnerungen erfährt sie Schmerz und Hoffnung zugleich, erkennt sie langsam, wie sehr die Vergangenheit die Gegenwart formt – und wer sie damals verraten hat.

„Unser geteilter Sommer“ von Sophie Hardach ist ein berührender Familienroman, der auf wahren Begebenheiten beruht und davon erzählt, wie politische Umstände das Leben einer Familie nachhaltig prägen und aus den Fugen reißen, von der schwerwiegenden Entscheidung zur Flucht, die aktueller kaum sein könnte, und deren tiefgreifenden Konsequenzen. Ich hab’s richtig gerne gelesen und kann der Autorin bezüglich der Übersetzung von @usterblich nur voll zustimmen. Es liest sich so klar und stimmig, als sei es auf Deutsch geschrieben worden. Aktuell leider nur noch in wenigen Online-Shops als Hardcover erhältlich, ich hoffe auf eine Taschenbuch-Ausgabe in Bälde, lieber Ullstein Verlag, oder ihr lest direkt die englische Originalausgabe.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Erfahrung des Unfassbaren

Die Holländerinnen
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In „Die Holländerinnen“ berichtet eine namenlose Schriftstellerin auf einem Kongress von ihrer zurückliegenden Reise in die südamerikanischen Tropen mit einer Theatergruppe. Der Theatermacher lud sie ein, ...

In „Die Holländerinnen“ berichtet eine namenlose Schriftstellerin auf einem Kongress von ihrer zurückliegenden Reise in die südamerikanischen Tropen mit einer Theatergruppe. Der Theatermacher lud sie ein, vor Ort das Verschwinden zweier junger Frauen zu rekonstruieren und dokumentieren. Lisanne Froon und Kris Kremers, die Holländerinnen, brachen 2014 zu einer Wanderung in den Urwald auf und kehrten nie zurück, als letzte Spur gilt ihre gefundene Digitalkamera mit einer seltsamen Bilderreihe von knapp 100 scheinbar wahllos hintereinander geknipsten Fotos der direkten Umgebung.

Wer eine abgeschlossene, in sich stringente Geschichte erwartet, wird hier enttäuscht werden. Wer sich beim Lesen einfach gut fühlen oder schnell was weglesen will, ebenfalls. Elmigers Text will erschlossen werden, erlebt, ist düster und beklemmend, geht unter die Haut. Besonders deutlich zeigt sich die Spannung zwischen Natur und Kultur. Während die Theatergruppe versucht, ein vergangenes Ereignis künstlerisch nachzuvollziehen, entzieht sich die tropische Natur jeder Deutung oder gar Eroberung. Der Wald erscheint als überwältigendes Gegenüber, das mit Hitze und Gerüchen, Geräuschen und Dunkelheit die Sprache der Erzählerin überflutet und die Ordnung des Theaters ins Wanken bringt. Hier prallen der Wunsch nach Struktur und die direkte Erfahrung des Unfassbaren aufeinander, in dieser Reibung liegt für mich der Kern des Romans.

Ein markantes Stilmittel Elmigers sind die eingestreuten Anekdoten, die diese düstere Stimmung noch verdichten. So wirkt etwa die Episode von den Ziegen zunächst beiläufig, entwickelt jedoch eine beklemmende, unheimliche Kraft. Die von ihrem Wesen her harmlosen Tiere erscheinen plötzlich als Teil einer bedrohlichen Natur, die sich jeder Kontrolle entzieht. Solche fragmentarischen Einschübe steigern das Gefühl von Instabilität und öffnen den Blick auf eine größere Wirklichkeit, die sich eindeutiger Erzählung entzieht.

Aufgrund seiner poetischen Sprache sowie seiner literarischen Wucht für mich ein würdiger Anwärter für den Deutschen Buchpreis – und eine besondere Empfehlung für alle, die Marlen Haushofers „Die Wand“ lieben.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Zauberhaft

Der Engel von Rom
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Der Kampa Verlag haut in den letzten Jahren zuverlässig im Herbst (ein strategisch äußerst klug gewählter Zeitpunkt) Titel raus, die in mir den dringenden Wunsch wecken, sie unter den Weihnachtsbaum zu ...

Der Kampa Verlag haut in den letzten Jahren zuverlässig im Herbst (ein strategisch äußerst klug gewählter Zeitpunkt) Titel raus, die in mir den dringenden Wunsch wecken, sie unter den Weihnachtsbaum zu legen. So auch Jess Walters „Der Engel von Rom“, eine gerade einmal 125 Seiten umfassende, so zauberhafte wie amüsante Erzählung vom Erwachsenwerden. Geschrieben 2022 und angesiedelt in den 1990er-Jahren, mutet sie doch ganz klassisch an, wohnt ihrer Botschaft eine gewisse Zeitlosigkeit inne, die sie aus den vielen Neuheiten wie ein kleines literarisches Leuchtfeuer herausstechen ließ.

Der 21jährige Jack Rigel aus Omaha, Nebraska, möchte nichts lieber als Schriftsteller werden. Seine Mutter wiederum möchte nichts lieber als einen Priester als Sohn, der alle Sünden der Familie reinwaschen kann; die ungünstige Tatsache, dass Jack noch unter ihrem Dach lebt, befeuert diesen Interessenkonflikt massiv. Ein Latein-Stipendium des Vatikans kommt da wie gerufen, beide fühlen sich mit diesem Schritt ihrem Traum ein gutes Stück näher gekommen, wenngleich Jack seinen Lebenslauf dafür kräftig aufpolieren muss. Rom, wie weltmännisch und inspirierend das schon klingt, hier soll es gelingen mit der Schriftstellerei. Doch die bittere Realität holt den jungen Mann bald ein. Sprachbarrieren, Geldmangel und Einsamkeit zwingen ihn, seine kindischen Fantasien und naiven Vorstellungen vom lässig rauchend in Cafés sitzenden und angeregt in sein Moleskine kritzelnden Autoren kritisch zu hinterfragen. Am Tiefpunkt angekommen stolpert er buchstäblich in ein Filmset mit der faszinierenden Schauspielerin Angelina Amadio, dem Engel von Rom, einer Ikone, die ihre besten Jahre hinter sich hat. Aus dieser Begegnung erwächst für beide ein stiller, aber tiefgreifender Wandel: Jack beginnt langsam zu verstehen, dass weder Zugehörigkeit noch Reife durch Posen entstehen, sondern durch echte Beziehungen und gelebte Erfahrungen. Wahre Inspiration entspringt nicht Rollen, sondern Authentizität – und nur er selbst kann bestimmen, welchen Weg er als Schriftsteller und als junger Mensch einschlagen möchte.

Aus dem amerikanischen Englisch von Georg Deggerich.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Welch ein überraschendes Highlight!

Das Haus der Türen
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Doornfontein, Südafrika, 1947.
Lesley Hamlyn lebt ein zurückgezogenes Leben, als ein Päckchen eintrifft, dessen Inhalt alte Geister heraufbeschwört. Darin: „Der Kasuarinenbaum“, ein Buch, geschrieben von ...

Doornfontein, Südafrika, 1947.
Lesley Hamlyn lebt ein zurückgezogenes Leben, als ein Päckchen eintrifft, dessen Inhalt alte Geister heraufbeschwört. Darin: „Der Kasuarinenbaum“, ein Buch, geschrieben von W. Somerset Maugham, einem Freund ihres verstorbenen Mannes, der 1921 den Sommer bei ihnen in Penang, Malaysia, verbrachte. Der Autor befindet sich damals in einer schöpferischen Krise und hofft, hier neue Kräfte und Ideen sammeln zu können. Lesley ist zu Beginn unnahbar, fast kühl; eine Frau, die unter ihrer geheimnisbelasteten Ehe und den starren Konventionen der Kolonialgesellschaft verborgen eine stille, tiefe Einsamkeit in sich trägt.

Die Begegnung zwischen Maugham und Lesley bildet den narrativen Mittelpunkt dieses vielschichtigen Romans. Während seines Aufenthalts wächst zwischen ihnen ein vorsichtiges Vertrauensverhältnis, in dem Lesley sich nach und nach öffnet und dem fremden Gast bisher verborgene Teile ihrer Vergangenheit, ihre Sehnsüchte und Verletzlichkeiten anvertraut; im vollen Bewusstsein, dass Maugham all dies in Literatur verwandeln kann – und wird. Beide leiden, brauchen einander und so gehen sie einen unausgesprochenen Pakt ein: Er erhält echte Geschichten, sie einen aufmerksamen Zuhörer. Durch den Akt des Erzählens gewinnt Lesley die Hoheit über ihre eigene Geschichte zurück und übergibt sie zugleich furchtlos an die Welt. Was für Maugham zur Quelle neuer Inspiration wird, wird für Lesley zu einer Form der Selbstbefreiung, die ihr weiteres Leben prägt, und ihren Weg aus dem privaten Raum hinaus in die Literatur findet.

Tan Twan Engs biografisch gefärbter Roman ist eins meiner absoluten Highlights in diesem Jahr. Die Sprache ist von ruhiger Schönheit, die Atmosphäre melancholisch und von einer tropischen Schwere durchzogen, die sowohl die äußere Landschaft Penangs als auch die inneren Spannungen der Figuren wie auch die unterschwellig brodelnden politischen Strömungen der Zeit widerspiegelt. Hinter der eleganten kolonialen Fassade liegt durchweg ein Gefühl von etwas Unausgesprochenem, das wie feuchte Hitze in der Luft hängt, die Handlung leise, aber intensiv auflädt und mich ab der ersten Seite gefangen hielt. Große Empfehlung!

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