Erfahrung des Unfassbaren
In „Die Holländerinnen“ berichtet eine namenlose Schriftstellerin auf einem Kongress von ihrer zurückliegenden Reise in die südamerikanischen Tropen mit einer Theatergruppe. Der Theatermacher lud sie ein, ...
In „Die Holländerinnen“ berichtet eine namenlose Schriftstellerin auf einem Kongress von ihrer zurückliegenden Reise in die südamerikanischen Tropen mit einer Theatergruppe. Der Theatermacher lud sie ein, vor Ort das Verschwinden zweier junger Frauen zu rekonstruieren und dokumentieren. Lisanne Froon und Kris Kremers, die Holländerinnen, brachen 2014 zu einer Wanderung in den Urwald auf und kehrten nie zurück, als letzte Spur gilt ihre gefundene Digitalkamera mit einer seltsamen Bilderreihe von knapp 100 scheinbar wahllos hintereinander geknipsten Fotos der direkten Umgebung.
Wer eine abgeschlossene, in sich stringente Geschichte erwartet, wird hier enttäuscht werden. Wer sich beim Lesen einfach gut fühlen oder schnell was weglesen will, ebenfalls. Elmigers Text will erschlossen werden, erlebt, ist düster und beklemmend, geht unter die Haut. Besonders deutlich zeigt sich die Spannung zwischen Natur und Kultur. Während die Theatergruppe versucht, ein vergangenes Ereignis künstlerisch nachzuvollziehen, entzieht sich die tropische Natur jeder Deutung oder gar Eroberung. Der Wald erscheint als überwältigendes Gegenüber, das mit Hitze und Gerüchen, Geräuschen und Dunkelheit die Sprache der Erzählerin überflutet und die Ordnung des Theaters ins Wanken bringt. Hier prallen der Wunsch nach Struktur und die direkte Erfahrung des Unfassbaren aufeinander, in dieser Reibung liegt für mich der Kern des Romans.
Ein markantes Stilmittel Elmigers sind die eingestreuten Anekdoten, die diese düstere Stimmung noch verdichten. So wirkt etwa die Episode von den Ziegen zunächst beiläufig, entwickelt jedoch eine beklemmende, unheimliche Kraft. Die von ihrem Wesen her harmlosen Tiere erscheinen plötzlich als Teil einer bedrohlichen Natur, die sich jeder Kontrolle entzieht. Solche fragmentarischen Einschübe steigern das Gefühl von Instabilität und öffnen den Blick auf eine größere Wirklichkeit, die sich eindeutiger Erzählung entzieht.
Aufgrund seiner poetischen Sprache sowie seiner literarischen Wucht für mich ein würdiger Anwärter für den Deutschen Buchpreis – und eine besondere Empfehlung für alle, die Marlen Haushofers „Die Wand“ lieben.