Hohes Potenzial, mittelmäßige Umsetzung
A Song to Drown RiversAnn Liangs Buch hinterlässt bei mir gemischte Gefühle. Die Geschichte um Xishi, die sich gegen das Bild der bloßen Schönheit wehrt und tatsächlich aktiv etwas bewirken möchte, hat für mich Potenzial. Ich ...
Ann Liangs Buch hinterlässt bei mir gemischte Gefühle. Die Geschichte um Xishi, die sich gegen das Bild der bloßen Schönheit wehrt und tatsächlich aktiv etwas bewirken möchte, hat für mich Potenzial. Ich fand es nachvollziehbar, dass sie nach den Verlusten in ihrer Familie und den Gräueltaten an ihrem Volk den Wunsch verspürt, über sich hinauszuwachsen und (vermeintliche) Gerechtigkeit ausüben will. Doch trotz dieses interessanten Ansatzes konnte ich mich weder richtig in die Figuren hineinversetzen noch die Welt der Geschichte vor meinem inneren Auge lebendig werden lassen. Der Schreibstil ist (für mich) nicht bildgewaltig oder atmosphärisch stark genug, um eine greifbare Welt mit lebendigen Charakteren entstehen zu lassen. Die Charaktere bleiben oft flach, und ich hatte Schwierigkeiten, eine emotionale Bindung zu ihnen aufzubauen.
Ein Lichtblick war jedoch der Nebencharakter Luyi. Seine humorvolle Art sorgte für einige auflockernde Momente in einer Geschichte. Die Dynamik zwischen Xishi und anderen Figuren, besonders Fanli und Fuchai, deutet auf interessante Konflikte hin und bringt gelegentlich emotionale Tiefe. Fuchai entwickelt sich zu einem komplexen Charakter: Gebrochen und von Erwartungen getrieben, zeigt er Facetten, die ihn interessant und bedauernswert zugleich machen. Seine letztliche Entwicklung und seine Beziehung zu Xishi bringt einen emotionalen Höhepunkt, der durchaus berührt.
Trotz dieser Ansätze gibt es im Verlauf der Geschichte logische Brüche und Zeitsprünge, die mich immer wieder aus dem Lesefluss gerissen haben. Besonders irritiert haben mich einige Details, etwa die Verwendung englischer Begriffe, die aus dem historischen Kontext herausfallen und die Atmosphäre stören. Auch der Fantasytouch gegen Ende – Xishis Geist, der Fanli inspiriert – kam für mich ein wenig zu konstruiert rüber. Viele Fragen bleiben bis zum Ende des Buches unbeantwortet und lassen mich persönlich als Leser unbefriedigt zurück.
Im Großen und Ganzen gab es interessante Entwicklungen und Wendungen, und das Buch wurde für mich von Abschnitt zu Abschnitt besser. Dennoch bleibt es für mich hinter seinem Potenzial zurück. Ich hatte mir mehr Tiefe bei den Charakteren und eine konsistentere Handlung gewünscht. Die Geschichte hat zwar einige emotionale Momente, die mich bewegt haben, war aber letztlich oft vorhersehbar und in ihrer Gestaltung etwas oberflächlich. Mein Fazit: Ein durchaus unterhaltsames Buch, das jedoch in der sprachlichen Gestaltung und emotionalen Tiefe noch Raum nach oben lässt.