Profilbild von schnaeppchenjaegerin

schnaeppchenjaegerin

Lesejury Star
offline

schnaeppchenjaegerin ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit schnaeppchenjaegerin über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.06.2020

Von der Stadt aufs Land - Wohlfühlroman mit authentischen und sympathischen Charakteren und einer glaubwürdigen Liebesgeschichte

Die Liebe kommt auf Zehenspitzen
2

Lucy Bradford und Benedict Greifenberg lernen sich über die Mitfahrzentrale kennen, als an Weihnachten gemeinsam aus Hamburg losfahren. Aufgrund eines Scheesturms kommen sie nicht an ihr Ziel und stranden ...

Lucy Bradford und Benedict Greifenberg lernen sich über die Mitfahrzentrale kennen, als an Weihnachten gemeinsam aus Hamburg losfahren. Aufgrund eines Scheesturms kommen sie nicht an ihr Ziel und stranden auf einem Hof im platten norddeutschen Land. Die betagte Dame Dorle Dormann nimmt die beiden herzlich als vermeintliches Ehepaar auf und erfährt dabei, dass Ben Allgemeinmediziner ist - ein Beruf, der auf dem Land immer dringender gebraucht wird.

Wenige Wochen später bekommen Ben und Lucy Post von einem Notar: Dorle hat ihnen überraschend den Hof unter Bedingung vermacht, dort gemeinsam einzuziehen und ihm wieder neues Leben einzuhauchen. Da Ben und Lucy beide in Hamburg einsam sind und es beruflich nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt haben, vereinbaren sie, es ein Jahr als Freunde miteinander auf dem Land zu versuchen. Lucy kann dort auch weiterhin freiberuflich als Autorin und Übersetzerin arbeiten, während Ben die Option hat, die Praxis eines älteren Kollegen zu übernehmen.

"Die Liebe kommt auf Zehenspitzen" ist ein Roman, der aus der Ich-Perspektive von Lucy verfasst ist, so dass man ihr von Anbeginn sehr nahe kommt und Einblicke in ihre Gefühlswelt erhält. Ben lernt man erst durch das enge Zusammenleben der beiden auf dem Hof in Bredenhofe näher kennen. Beide sind sympathische Protagonisten, die jedoch ihre eigenen Sorgen und Probleme haben, die sie aus Hamburg mitgenommen haben.
Beide waren sie in der Stadt einsam und fühlten sich allein; Ben litt als Arzt in der Notaufnahme einer Klinik unter Panikattacken, während Lucy die Wohnung gekündigt wurde und sie als Autorin unter einer Schreibblockade litt.
Auf dem Land führen sie ein ganz anderes, entschleunigendes Leben und werden von der kleinen Dorfgemeinschaft ganz selbstverständlich aufgenommen. Hier gibt es keinen Raum für Einsamkeit. Nicht nur Ben und Lucy kommen sich näher und lernen ihre Eigenheiten kennen, sie schließen auch Freundschaft mit den Dorfbewohnern, die zur medizinischen Versorgung vorbeikommen oder Ratschläge zur Bewirtschaftung des Hofes haben.

Es ist ein Wohlfühlroman mit authentischen und sympathischen Charakteren, der sich leicht liest, so dass die Seiten nur so dahinfliegen. Es ist schön, in das einfache, etwas klischeebehaftete Landleben einzutauchen und Lucy und Ben dabei zu beobachten, wie sich nicht nur ihre Probleme langsam lösen, sondern wie sie sich auch einander annähern.
Es ist ein unterhaltsamer Roman, der eingängig geschrieben ist und trotz seiner Vorhersehbarkeit kurzweilig ist. Hier gibt es keine unnötigen Dramen, auch wenn ernste Themen in den Vordergrund rücken und der Geschichte Tiefgang verleihen. Das Thema Einsamkeit nimmt viel Raum ein und zeigt am Beispiel von Lucy und Ben, aber auch von Dorle, dass es ein gesellschaftliches Problem ist, das sich gerade in der anonymen Großstadt, aber auch innerhalb der älteren Generation immer weiter verbreitet, zu Isolation führt und seelisch und körperlich krank macht.
Trotzdem belastet der warmherzige Roman nicht, sondern ist motivierend und schenkt Hoffnung. Auch die absehbare Liebesgeschichte entwickelt sich nicht plump, sondern wie die Charaktere selbst etwas zögerlich und zaghaft und damit gefällig glaubwürdig. Nur ganz am Ende geht es dann plötzlich ganz rasant und wird dann doch noch ein wenig kitschig, was nicht nötig gewesen wäre und der Romantik keinen Abbruch getan hätte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Gefühl
  • Geschichte
  • Figuren
Veröffentlicht am 27.06.2020

Fünf Kurzgeschichten über unglückliche Frauen und ihre dramatischen Liebesgeschichten

Die Liebe im Ernstfall
0

Der Roman handelt von fünf Frauen, die freundschaftlich, familiär oder über die Beziehung zu einem Mann miteinander in Verbindung stehen. In Form von fünf Kurzgeschichten, die sich durch einzelne wenige ...

Der Roman handelt von fünf Frauen, die freundschaftlich, familiär oder über die Beziehung zu einem Mann miteinander in Verbindung stehen. In Form von fünf Kurzgeschichten, die sich durch einzelne wenige Episoden überschneiden, werden die Geschichten jeweils aus der Perspektive der im Fokus stehenden Frau erzählt - fünf Geschichten über die Liebe zwischen Paaren, aber auch über Mutterliebe.
Da ist Paula, die um ihr verstorbenes Kind trauert und deren Ehe daran zerbricht; Judith, praktizierende Ärztin, die einsam ist und zwanghaft nach einem Partner sucht. Die unglücklichen Dates lassen sie noch einsamer und verzweifelter zurück. Brida ist verheiratet, Mutter zweier Kinder und steht vor der Entscheidung zwischen Familie und Beruf. Malika sieht seit Kindertagen in Konkurrenz zu ihrer jüngeren Schwester, fühlt sich ungeliebt von ihren Eltern und klammert sich an die Liebe eines Mannes. Ihre ältere Schwester Jorinde führt ein auf den ersten Blick perfektes Leben, ist gefeierte Schauspielerin, verheiratet und liebende Mutter, doch der Schein trügt.

Fünf unterschiedliche Frauen mit fünf unterschiedlichen Erwartungen an ihr Leben, die vom Schicksal ernüchtert worden sind oder vor einem Scheideweg stehen. Alle Frauen sind auf ihre Art unglücklich oder unzufrieden, verhalten sich passiv oder versuchen dagegen anzugehen.

Aufgrund der Diversität der fünf Biographien ist der Episodenroman abwechslungsreich und aufgrund der verschiedenen Problemstellungen und unterschiedlichen Lösungsansätzen interessant zu lesen, auch wenn ich mich mit keiner der Frauen identifizieren konnte. Ihre Schicksale sind authentisch und aus dem Leben gegriffen, jedoch fehlte dem Buch eine Frau mit weniger Dramatik, um den Roman abzurunden - schließlich sind nicht alle Partnerschaften unglücklich und zum Scheitern verurteilt und nicht jede Frau in einem kompromisslosen Zwiespalt zwischen Mutterschaft, Ehe und Beruf.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.06.2020

Verpasste Chance und die ewige Suche nach der Liebe - der RomCom fehlte es für meinen Geschmack an Charme und Esprit

Dein Lächeln um halb acht
0

Die 29-jährige Nadia wohnt und arbeitet in London und nutzt auf dem Weg zur Arbeit die Northern Line um halb acht. Dies schafft sie meistens nur montags, wenn die guten Vorsätze für die Woche noch frisch ...

Die 29-jährige Nadia wohnt und arbeitet in London und nutzt auf dem Weg zur Arbeit die Northern Line um halb acht. Dies schafft sie meistens nur montags, wenn die guten Vorsätze für die Woche noch frisch sind. Sie ahnt nicht, dass sie dabei von Daniel beobachtet wird, dem die hübsche und intelligente Londonerin aufgefallen ist. Selbst ist er zu schüchtern, sie anzusprechen und gibt deshalb eine Anzeige in der Rubrik "Missed Connections" auf, um die Unbekannte auf diese Weise zu kontaktieren. Nadia ist ein Fan der romantischen Inserate und antwortet dem "U-Bahn-Typ". Da sie es aber weiterhin nicht schafft, den Zug regelmäßig pünktlich zu erwischen, bleibt es zunächst bei einem Nachrichtenaustausch. Eine spätere Verabredung zu eine, Date scheitert, als Daniel Nadia wegen einer dringenden Familienangelegenheit versetzt. Anschließend herrscht Funkstille. Und auch wenn sich Nadia und Daniel unabsichtlich immer wieder (fast) begegnen, scheint es unmöglich, dass die beiden zueinander finden.

Der Roman ist abwechselnd aus der Perspektive von Nadia und Daniel beschrieben, so dass man Einblicke in beider Leben erhält. Neben der Suche nach dem bzw. der Unbekannten stehen vor allem der hippe Lifestyle in London mit After Work-Drinks sowie ihre Freundeskreise im Vordergrund. Die Protagonisten bleiben allerdings ein wenig blass. Nadia ist eine unsichere, chaotische, aber offenbar intelligente junge Frau mit einem lukrativen Beruf. Auch Daniel zählt als Consultant eher zur Upper Class, ist ebenfalls attraktiv und dabei sehr sensibel und empathisch. Ihre Freunde stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite und dienen dazu, dem Roman durch die angesprochenen Themen Feminismus, sexuelle Vielfalt und #Metoo vermeintlich mehr Tiefgang zu geben.

Hauptaspekt der Geschichte sind jedoch die ewige Suche, die knapp verpassten Begegnungen und Dating-Hürden sowie Unsicherheit der Millennials, wodurch sich der Roman etwas künstlich in die Länge zieht. Ein Prickeln zwischen den Figuren ist nicht spürbar, da weder das Kennenlernen noch die ersten Schritte einer Beziehung eine Rolle spielen.

"Dein Lächeln um halb acht" ist ein durch die Social Media-Komponente moderner Roman mit ein paar unterhaltsamen Episoden, der sich leicht liest, aber keine romantische Liebesgeschichte im eigentlichen Sinn. Der Epilog macht diesbezüglich viel kaputt, da er Nadias und Daniels ungewöhnlichen Beginn einer Beziehung ausschließlich sachlich und nüchtern beschreibt sowie statt einer emotionalen ihre berufliche Verbindung unangemessen in den Vordergrund rückt.
Die Geschichte hatte Potenzial für eine spritzige RomCom. Für meinen Geschmack fehlt es ihr jedoch an Charme und Esprit.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.06.2020

Erzählung über eine dysfunktionale Familie, über Liebe und Hass, über Gerechtigkeit und den Traum von Freiheit sowie über Selbsterkenntnisse und den Mut, eigene Wege zu gehen

Vaters Wort und Mutters Liebe
0

Siri und Pentti Toimi leben auf einem Bauernhof im Norden Finnlands und haben vierzehn Kinder. Zwei von ihnen sind bereits im Kleinkindalter verstorben. Siri kümmert sich um die Kinder, die 1981 noch zu ...

Siri und Pentti Toimi leben auf einem Bauernhof im Norden Finnlands und haben vierzehn Kinder. Zwei von ihnen sind bereits im Kleinkindalter verstorben. Siri kümmert sich um die Kinder, die 1981 noch zu Hause wohnen, auch wenn sie nicht alle gleich liebt. Pentti wird dagegen von den Kindern gefürchtet und betrachtet sie nur als billige Arbeitskräfte. Im Winter 1981 ereignet sich ein schwerer Unfall, bei dem das zweitjüngste Kind Arto schwer verletzt wird. Dadurch wird eine Kette von Ereignissen ausgelöst, die das Familienleben dauerhaft verändern.

"Vaters Wort und Mutters Liebe" ist eine komplexe Familiengeschichte, die kapitelweise aus der Perspektive von Siri oder eines ihrer Kinder erzählt wird, während der Vater Pentti selbst nur in Form eines langen Briefes eine eigene Stimme bekommt. Dabei beginnt der Roman im Winter 1981 als Ausgangspunkt, springt jedoch während der Erzählungen immer wieder in die Vergangenheit und zu Episoden, die für einzelne prägend waren. Auf diese Weise lernt man die ganz unterschiedlichen Charaktere kennen, wobei es trotz der Vielzahl der Figuren aufgrund ihrer differenzierten Eigenheiten nicht schwierig ist, den Überblick zu behalten.
Die vergangenen Ereignisse sind ohne Zusammenhang, während in der Gegenwart der Unfall dazu führt, dass sich die Familie räumlich entzweit, die Kinder jedoch durch ein weiteres "Unglück" wieder bei ihrer Mutter zusammenfinden. Diese Zusammenkunft zeigt wiederum auf, wie unterschiedliche die Geschwister sind und dass sie nach wie vor gemeinsam einsam sind.


Es ist eine außergewöhnliche Familiengeschichte, die trotz der Vielzahl jeden einzelnen Charakter bildhaft darstellt, wobei die Kinder auf unterschiedliche Art und Weise von ihrem Elternhaus geprägt sind und Probleme haben, Beziehungen zu führen oder Liebe zu empfinden. Ein Band der Geschwister ist nicht zwischen allen spürbar, was das Netzwerk untereinander eher locker erscheinen lässt.
Es ist eine Erzählung über eine dysfunktionale Familie, über Liebe und Hass, über Gerechtigkeit und den Traum von Freiheit sowie über Selbsterkenntnisse und den Mut, eigene Wege zu gehen. Die Geschichte ist etwas sperrig und im Mittelteil weiß man nicht so genau, wohin sie eigentlich führen wird. Das Ende hat jedoch den erhofften Aha-Effekt, ist nicht unbedingt happy, schenkt jedoch Hoffnung und macht die Geschichte insgesamt gerade aufgrund ihrer Andersartigkeit faszinierend und lesenswert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.06.2020

Hintergründe und Motive für die Taten sind leider früh klar - dennoch ein grundsolider Krimi über die Abgründe menschlichen Handelns

Als Gott schlief
0

Mehrere katholische Geistliche - sowohl Nonnen als auch Priester - werden in Wien und München ermordet aufgefunden. Aufgrund der ähnlichen Ausführung der Taten und der rätselhaften Hinweise, die bei jedem ...

Mehrere katholische Geistliche - sowohl Nonnen als auch Priester - werden in Wien und München ermordet aufgefunden. Aufgrund der ähnlichen Ausführung der Taten und der rätselhaften Hinweise, die bei jedem Toten versteckt sind, ist davon auszugehen, dass es sich um ein und denselben Täter handeln muss. Offensichtlich ist Rache das Motiv.
Die Wiener Kriminalkommissarin Jutta Stern, die derzeit aufgrund des Todes ihres Lebensgefährten in einem emotionalen Ausnahmezustand ist, wird zusammen mit ihrem Partner Georg Kunze und dem Polizeipsychologen Dr. Thomas Neumann mit dem Fall betraut. Die Ermittlungen führen sie zu einem ehemaligen katholischen Kinderheim, in welchem alle Opfer tätig waren.

"Als Gott schlief" ist ein Kriminalroman, bei dem die Hintergründe und das Motiv für die Morde vom Leser schnell entschlüsselt werden können. Bei den Opfern handelt es sich um katholische Geistliche, die offenbar alle negativen Klischees erfüllen. Die Taten des Klerikermörders sind so grausam, dass man erahnen kann, was der Täter selbst Schlimmes erlebt haben muss, um sich auf diese Weise an seinen mutmaßlichen Peinigern zu rächen.
Die Rückblenden in die Jahre 1977/1978 und Schilderungen aus Sicht eines Kindes ergänzen die laufenden Ermittlungen im Jahr 2011 und führen den Leser in die richtige Richtung.
Auch wenn der Verlauf des Romans deshalb nicht unbedingt überraschend ist, ist es dennoch spannend zu erfahren, wer hinter den Morden steckt - schließlich ergeben sich durch die Ermittlungen eine Vielzahl von Verdächtigen, darunter eine nicht geringe Anzahl an psychisch kranken Personen.

Die Kriminalbeamten, deren Privatleben zwar eine Rolle spielen, aber nicht wesentlich in den Vordergrund gerückt werden, sind sympathisch und ihre Art der Herangehensweise bei der Aufklärung des Falles logisch und nachvollziehbar.

"Als Gott schlief" ist ein grundsolider Krimi, bei dem sich die Abgründe menschlichen Handelns auftun und der deshalb nicht für Zartbesaitete geeignet ist. Nicht nur die Morde sind brutal, vor allem die Gräueltaten in dem Kinderheim erschüttern und machen fassungslos. Das beschriebene Leid der Kinder ist unerträglich und besonders erschütternd, wenn man bedenkt, dass gottesgläubige Menschen dafür verantwortlich sind.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere