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Veröffentlicht am 27.02.2018

Spannende Familiengeschichte, bei der die Geheimnisse zweier unterschiedlicher Schwestern nach und nach ans Tageslicht kommen

All die Jahre
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Die beiden Schwestern Nora und Theresa Flynn wandern von Irland nach Amerika aus. In Boston wartet Noras Verlobter Charlie auf sie, dem sie versprochen ist, jedoch nicht liebt. Während Nora Schwierigkeiten ...

Die beiden Schwestern Nora und Theresa Flynn wandern von Irland nach Amerika aus. In Boston wartet Noras Verlobter Charlie auf sie, dem sie versprochen ist, jedoch nicht liebt. Während Nora Schwierigkeiten hat, sich in Boston einzuleben und die Hochzeit mit Charlie lange hinauszögert, genießt die 17-jährige Theresa ihre Freiheit und begeht dabei einen folgenschweren Fehler.
Die Schwestern trennen sich im Streit. Nora heiratet Charlie Rafferty und zieht mit ihm vier Kinder groß, zu Theresa, die sich für ein Leben im Kloster entschlossen hat, hat sie kaum Kontakt, bis dieser Ende der 50er-Jahre ganz abbricht.

Nora und Theresa sehen sich erst 2009 bei der Beerdigung von Noras ältestem Sohn und Liebling Patrick wieder.

"All die Jahre" beginnt mit dem Unfalltod des 50-jährigen Patrick und endet mit dessen Totenwache und Beerdigung im Jahr 2009. Nora sieht sich dadurch mit den Ereignissen der Vergangenheit konfrontiert und lädt zu diesem Anlass ihre jüngere Schwester Theresa ein, von der ihre Kinder bislang nichts gewusst haben.

Es folgt ein Rückblick in die 50er-Jahre wie die beiden Schwestern ausgewandert sind und welche Ereignisse dazu geführt haben, dass sich Nora und Theresa entzweit haben.
Der Roman ist überwiegend aus den Perspektiven von Nora und Theresa geschrieben, die beide auf ihr Leben zurückblicken, als sie vom Tod Patricks erfahren. Daneben erhält man auch einen Einblick in die Biographien von Noras Kindern, die sich auf den Weg zur Totenwache und Beerdigung machen.

In der Familie Rafferty wurde vieles unter den Teppich gekehrt. Nora ließ ihrem ältesten Sohn Patrick alles durchgehen, obwohl er das schwierigste von allen Kindern war. Gerade die beiden nachfolgenden Kinder John und Bridget fühlten sich ungeliebt und empfanden Nora als herzlos. Der Nachzügler Brian, der zu seinem großen Bruder Patrick aufblickte, hat ein etwas entspannteres Verhältnis zu Nora.

Nora hadert Zeit ihres Leben mit ihrem Schicksal. Erst kümmert sie sich um ihre kleine Schwester Theresa, nachdem die eigene Mutter so früh gestorben ist, dann geht sie unfreiwillig nach Amerika, wo sie einen Mann heiraten muss, den sie nicht liebt. Die Geburt von Patrick wenige Monate nach ihrer Hochzeit mit Charlie wirft einen Schatten auf ihre streng katholische Lebenseinstellung. Sie trifft Entscheidungen, deren Konsequenzen sie ihr ganzes Leben nicht loslassen, von denen sie nicht weiß, ob sie richtig oder falsch gehandelt hat oder ob es überhaupt einen Königsweg gegeben hätte. Das Verhältnis zu ihrer Schwester, die ihre Lebensaufgabe und ihr Glück später in einem Kloster in Vermont finden wird, zerbricht daran. Unausgesprochene Schuldzuweisungen, eine Flucht in die Opferrolle und die damit einhergehende Unzufriedenheit prägen Noras Leben.

In der Familie wird wenig miteinander gesprochen, die Kinder suchen nach Anerkennung, die sie bis auf Patrick von ihrer Mutter nicht bekommen. Geheimnisse und Spannungen sind allgegenwärtig, im Erwachsenenalter distanzieren sich John und Bridget einerseits emotional von Nora, wollen ihr andererseits aber dennoch gefallen.

Der Roman zeigt, welche Auswirkungen eine einzige Entscheidung auf ein Leben haben kann und wie die Konsequenzen davon noch auf die nachfolgende Generationen Einfluss haben können. Erst als ein Familienmitglied stirbt, besteht die Chance auf eine Aussprache zwischen den Schwestern und auf eine offene Erklärung von Nora, die ihren Kindern weiterhelfen würde, warum ihre Mutter so gehandelt hat.

Es ist eine spannende, tragische Familiengeschichte, bei der die Geheimnisse nach und nach ans Tageslicht kommen und man als Leser nur darauf wartet, dass spätestens an der Beerdigung die aufgeladene Situation eskalieren lässt. Am Ende bleibt offen, wie viel die beiden Schwestern der nachfolgenden Generation erklären werden, ob sie jedes Geheimnis lüften, um ihr Gewissen zu beruhigen oder aus Scham einen einfacheren Weg gehen und manches Detail aus der Vergangenheit lieber verschweigen. Die Autorin gibt dem Leser die Möglichkeit gibt, sich seine eigenen Gedanken zu machen.

Veröffentlicht am 19.02.2018

Unkonventionelle, zum Teil tragische, aber auch humorvolle Geschichte über eine fantastische Familie und ihren Umgang mit ihren abenteuerlichen Talenten.

Die erstaunliche Familie Telemachus
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Die Familie Telemachus ist keine gewöhnliche Familie. Die einzelnen Familienmitglieder verfügen über paranormale Fähigkeiten, die sie aber nicht wirklich zu ihrem Vorteil nutzen können.

Patriarch des ...

Die Familie Telemachus ist keine gewöhnliche Familie. Die einzelnen Familienmitglieder verfügen über paranormale Fähigkeiten, die sie aber nicht wirklich zu ihrem Vorteil nutzen können.

Patriarch des Telemachus-Clans ist Teddy, ein Spieler und Trickbetrüger. Er lernte seine Ehefrau Maureen 1962 als Student kennen. Die beiden nahmen zusammen an Studien der Regierung wegen ihrer übernatürlichen Kräfte teil. Während Maureen aber tatsächlich über übernatürliche Kräfte verfügte und letztlich von der Regierung als Spionin im Kalten Krieg eingesetzt wurde, mogelte sich Teddy immer nur so durch.

An die drei gemeinsamen Kinder vererbte Maureen die paranormalen Fähigkeiten: Irene ist ein menschlicher Lügendetektor, Frankie kann Gegenstände mit der Kraft seiner Gedanken bewegen und Buddy kann hellsehen. Mit ihren magischen Fähigkeiten werden sie berühmt und treten im Fernsehen auf, wo es zu eine Vorfall kommt, der den Niedergang der Familie Telemachus einläutet.

1995 ist Matty Telemachus, Irenes Sohn, 14 Jahre alt und stellt fest, dass die paranormalen Fähigkeiten seiner Familie nicht nur ein Mythos sind, da er selbst seine Kraft entdeckt: Er kann aus seinem Körper austreten und ihm entschweben. Sein Onkel Frankie ist notorisch pleite und zunächst der einzigem der dessen Fähigkeit erahnt und diese egoistisch für einen Raub für sich nutzen möchte. Maureen ist zu diesem Zeitpunkt schon 31 Jahre tot und der labile Buddy ist der einzige, der das Ende - den "Zap-Tag" - am 4. September 1995 vorhersieht und heimlich Vorbereitungen dafür trifft.

"Die erstaunliche Familie Telemachus" ist ein fantastischer Roman über eine sympathisch-verrückte Familie, die die Herausforderungen des Lebens kaum bewältigen kann. Er ist abwechselnd aus der Sicht eines der gescheiterten Persönlichkeiten beschrieben und mitunter von Rückblenden und Erinnerungen geprägt. Der letzte Teil des Romans konzentriert sich auf den großen Showdown am 4. September 1995.

Es ist ein turbulenter Roman mit exzentrischen Charakteren um Spionagetätigkeit, die Mafia und den abenteuerlichen Umgang der Familie mit ihren Talenten, die mehr Ballast als Freude sind.
Der Roman ist nicht einfach zu lesen, da er in den Perspektiven und Zeiten hin und her springt, so dass der Lesefluss immer wieder unterbrochen wird und die Geschichte ihre Längen hat. Interessant ist jedoch zu lesen, wie sich das komplizierte Geflecht aus vergangenen Ereignissen und Charakteren am Ende entwirrt und die einzelnen Versatzstücke logisch zusammengesetzt werden.

Es ist eine unkonventionelle, aber charmante, in Teilen tragische, aber auch humorvolle Geschichte, bei der man nicht weiß, wohin das Ganze führt und was mit dem von Buddy vorhergesehene "Zap-Tag" auf sich hat. Manchen Rückblick in die Vergangenheit empfand ich allerdings als konfus und die gegenwärtige Geschichte um Mattys Fähigkeit und den Versuch, mit seinen Astralreisen seinem Onkel zu helfen, langweilte mich durch die vielen Wiederholungen. Teddy und Frankie sind zudem nervige Charaktere, so dass ich den Roman mitunter als anstrengend zu lesen empfand.

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Veröffentlicht am 17.02.2018

Märchenhaft wäre geschönt, stattdessen eine unlogische, unrealistische, sinnbefreite Geschichte

Eine Liebe ohne Winter
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Evie Snow ist im Alter von 82 gestorben und befindet sich in einer Art Vorstufe zu ihrem persönlichen Himmel. Sie trifft dort in ihrem 27-jährigen Körper in dem Apartmenthaus, in welchem sie als ledige ...

Evie Snow ist im Alter von 82 gestorben und befindet sich in einer Art Vorstufe zu ihrem persönlichen Himmel. Sie trifft dort in ihrem 27-jährigen Körper in dem Apartmenthaus, in welchem sie als ledige Frau wohnte, auf einen ehemaligen Bewohner und väterlichen Freund, der sie wieder zurück zu Erde schickt, um Unerledigtes zu bewältigen. So lässt sich Evie dreimal wieder zurück auf die Erde versetzen, um jeweils ihrem Sohn August, ihrer Tochter Isla und schlussendlich ihrer großen Liebe Vincent ein Geheimnis zu offenbaren.

Zwischen den kurzen Abschnitten, in denen Evie aus dem Jenseits wirkt, wechselt die Geschichte in die Vergangenheit, als Evie 27 Jahre alt ist und den Geigenspieler Vincent Winters kennenlernt und sich in ihn verliebt.
Evie stammt aus einer gut betuchten, sehr konservativen Familie und ist James "Jim" Summer versprochen. Jim ist sogar in Evie verliebt und würde alles für sie tun, während Evie ihn nur als guten Freund ansieht. Sie versucht such von ihrer Familie, insbesondere der herrischen Mutter zu emanzipieren, kann jedoch die ihr gegebene Chance, ein eigenes Leben mit Beruf und Apartment in der Stadt aus verschiedenen widrigen Umständen nicht nutzen. Schweren Herzens schickt sie Vincent weg und heiratet für den Familienfrieden Jim, mit dem sie zwei Kinder bekommen wird.

Der Roman wird als "magisch" gelobt, ich dagegen fand ihn unlogisch und unrealistisch. Dies fing bereits damit an, dass ich das Leben von Evie Snow in keine Epoche einordnen konnte. Wenn ihr 82-jähriges Ich in der Gegenwart handelt, muss die Zeit des Kennenlernens von Vincent und der Kampf un ihr eigenes Leben in den 60er-Jahren stattgefunden haben. Dafür kam mir ihre Familie jedoch zu antiquiert vor, deren Moralvorstellungen eher in das späte 19. Jahrhundert gepasst hätten, während der Schauplatz um Evies Arbeitsplatz mit Frühstückspause im Coffeeshop, um einen Kaffee zu holen geradezu modern wirkte. Zudem war ihr Bruder Eddie in dieser Zeit bereits selbstverständlich im Besitz eines Handys. Auch die verschiedenen Sexualitäten (homo, bi- und pansexuell) von Weggefährten Evies hätten eher in das 21. Jahrhundert gepasst.

Die große Liebe zu Vincent endet genauso abrupt wie sie begonnen hat. Auch wenn ich nachvollziehen konnte, dass sich die in ihrer Freiheit so stark eingeschränkte Evie, die selbst ein künstlerisches Talent zum Zeichnen besaß, sich in den freien Musiker verliebte, empfand ich die Gründe für die Trennung hanebüchen, unbegreiflich und ärgerlich unnötig.

Genauso unverständlich war mir Evies Wirken auf ihre Kinder aus dem Jenseits heraus. Die Geheimnisse, die sie ihnen offenbarte, waren märchenhaft, aber keine, die August oder Isla in ihrem Leben weiterbringen. Geradezu grotesk wirkt dann, dass ihnen mit Vincent ein Mann präsentiert - und von ihnen herzlich empfangen - wird, den ihre Mutter wirklich geliebt hat, während ihr Vater Zeit ihres Lebens nur die zweite Wahl war. Jim wird als Erzeuger ihrer Kinder reduziert und bekommt auch kein Geheimnis von Evie offenbart. Er bleibt am Ende allein zurück, obwohl er sein ganzes Leben für Evie da war.

"Eine Liebe ohne Winter" ist ein Roman, in dem die Welt in Gut und Böse unterteilt wird und in der Evie die Edelmütige ist, die ihr Glück für andere opfert und erst im Tode dafür belohnt wird. Die magischen Elemente, die sich nicht nur im Jenseits ereignen, sondern auch Evies Familie in der Gegenwart begegnen, ohne weiter hinterfragt zu werden, wirkten au mich zu gewollt und deplatziert.
Sie passten allerdings zu dem holprigen Schreibstil der Autorin, der auch durch den Kniff der vermeintlich kreativen Namensgebung (Evie Snow - James Summer - Vincent Winters), der eher an ein Theaterstück erinnert, nicht wettgemacht werden konnte.
Auch bezweifle ich, dass Evies Einfluss aus dem Jenseits für ihr Ende letztlich notwendig war, oder ob es nicht ohne Offenbarung ihrer Geheimnisse genauso gekommen wäre. So ist nicht nur die mangelnde Logik zu kritisieren, sondern die Sinnhaftigkeit dieser Geschichte in Frage zu stellen.

Veröffentlicht am 16.02.2018

Fiktives Dorf Unterleuten als ein Abbild unserer Gesellschaft, das sehr negativ gezeichnet ist - brillant und akribisch ausgearbeitet

Unterleuten
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"Unterleuten" ist ein Roman, der in einem fiktiven 200-Seelen-Dorf in Brandenburg, unweit von Berlin, im Sommer 2010 spielt. In Unterleuten soll eine Windkraftanlage gebaut werden, die dem Dorf durch die ...

"Unterleuten" ist ein Roman, der in einem fiktiven 200-Seelen-Dorf in Brandenburg, unweit von Berlin, im Sommer 2010 spielt. In Unterleuten soll eine Windkraftanlage gebaut werden, die dem Dorf durch die erhobenen Gewerbesteuern zugute kommen soll. Jeder einzelne Dorfbewohner hat im Gegensatz zu Bürgermeister Arne Seidel ein ganz eigenes Interesse daran, dass die Windräder nicht errichtet werden dürfen. Nach einer öffentlichen Gemeindeversammlung im "Märkischen Landmann", in welchem das Projekt von Herrn Pilz, einem Angestellten der Windkraftfirma "Vento Direct" vorgestellt wurde, werden Ereignisse in Gang gesetzt, die über verbale Attacken hinaus in gewalttätige Handlungen münden.

Es sind wirtschaftliche Eigeninteressen, Gründe des Naturschutzes im Vogelschutzgebiet von Unterleuten und insbesondere auch alte Fehden der Bewohner, die eine Spirale der Gewalt hervorrufen.
Es geht um die Auseinandersetzung um die "Schiefe Kappe", den Flurabschnitt, der für die Windkraftanlage in Frage kommt, jedoch im Besitz mehrere Eigentümer ist.

"Unterleuten" ist als Name für das Dorf brillant gewählt und die Mühe und Akribie, mit der die einzelnen Protagonisten der Dorfgemeinschaft herausgearbeitet worden sind, lassen diesen anschaulichen, wenn auch komplexen Roman zu einer Gesellschaftsstudie werden.
Hilfreich ist der am Ende des Buches abgebildete Dorfplan sowie das Personenverzeichnis, in welchem die handelnden Personen kurz beschrieben werden. Die Ergänzungen zum Roman wie das Facebook-Profil der Journalistin Lucy Finkbeiner, das Xing-Profil von Herrn Pilz oder auch die Homepages von "Vento Direct" oder des "Märkischen Landmann" lassen das Dorf real erscheinen. Alle Links sind auf www.unterleuten.de zu finden.

Der Roman wird abwechselnd aus der Perspektive eines der Bewohner erzählt. Zu nennen sind der cholerische Inhaber der ortsansässigen Firma "Ökologica GmbH", Rudolf Gombrowski, dessen Erzfeind Kron, der gewalttätige Automechaniker Bodo Schaller, die Pferdenärrin Linda Franzen in der Villa Kunterbunt und der Vogelschützer Gerhard Fließ.
Es werden die Gegensätze von fortschrittlichen Städtern, die aufs Land gezogen sind und den ewig rückständischen Dorfbewohnern sowie Ost- und Westdeutschen gezeichnet. Jeder kämpft gegen jeden. Es ist grundsätzlich niemandem zu trauen, auch wenn Versuche einer Zusammenarbeit unternommen werden, um andere zu übervorteilen.

Spannend ist zu lesen, wie die Konflikte in dem kleinen Dorf eskalieren und zu welchen Maßnahmen der einzelne bereit ist, um sich und seine Familie oder nur seinen eigenen Besitz und Wert der Immobilie zu schützen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Umkehr des "Faust"-Zitats in "Die Kraft, die stets das Gute will und das Böse schafft", wenn die Maßnahmen des einzelnen schließlich zur Katastrophe führen. Während das für die ein oder andere bedeutet, Unterleuten verlassen zu müssen, wird der/ die andere körperlich verletzt oder muss am Ende sogar sein Leben lassen.

"Unterleuten" stellt das Abbild unserer Gesellschaft dar, das sehr negativ gezeichnet wird. Es ist ein sprachlich sehr treffend geschriebener und bis ins Detail ausgeklügelter Roman, der sich vor allem auf die Charaktere, deren Eigenheiten und Psyche konzentriert, so dass das Thema Windkraftanlage in den Hintergrund zu treten scheint. Letztlich werden durch dieses EU-Projekt nur Konflikte geschürt, die seit Jahren im Dorf brodelten.

Sehr neutral, fast schon wie im Epilog aus Sicht der Journalisten Lucy Finkbeiner formuliert, wird das Scheitern jedes einzelnen nach der Wende bzw. die Enttäuschung, mit der Städter und/ oder Wessis in Unterleuten gelandet sind, beschrieben.

Trotz des Umfangs von über 600 Seiten und der über 20 wesentlichen Akteure lässt sich der Roman flüssig lesen, ohne dass man nach einem Einstieg in das Dorfleben immer wieder im Personenverzeichnis blättern müsste. Aufgrund der großen Anzahl an Personen und der durchweg negativen Eigenschaften kann man sich als Leser mit niemandem wirklich identifizieren und so gibt es am Ende auch keinen Helden oder Profiteur der Geschichte, was den Roman etwas einseitig negativ und düster nachwirken lässt.

Veröffentlicht am 14.02.2018

Episodenroman über den Mut etwas in seinem Leben zu wagen, angereichert durch zahlreiche skurrile Charakteren

Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel
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Goldfisch Ian fällt aus dem 27. Stock und blickt während seines Falls in die Fenster der Fassade des Wohnhauses "The Seville on Roxy", an denen er vorbeifliegt.

Der elfjährige Herman lebt mit seinem ...

Goldfisch Ian fällt aus dem 27. Stock und blickt während seines Falls in die Fenster der Fassade des Wohnhauses "The Seville on Roxy", an denen er vorbeifliegt.

Der elfjährige Herman lebt mit seinem Großvater zusammen in einer Wohnung des Mietshauses und fällt in unregelmäßigen Abständen in Ohnmacht.

Connor hat wechselnde Liebschaften, die nichts voneinander wissen. Als Freundin Katie unangemeldet an seiner Tür klingelt und er gerade noch mit Gespielin Faye im Bett ist, wird ihm schlagartig bewusst, dass er Katie liebt und er bereut sein untreues Verhalten zutiefst. Connor ist auch derjenige, dem der Goldfisch gehört.

Petunia ist hochschwanger und möchte eigentlich nur ein Eissandwich essen, als plötzlich ihre Wehen einsetzen. Sie ist allein in ihrer Wohnung, ihr Freund im Pub und ihr Handy-Akku leer. Auch die Hebamme kann sie nicht erreichen, weshalb sie bei den Hausbewohnern nach Hilfe sucht.

Claire hat seit Jahren ihre Wohnung nicht mehr verlassen und ihr einziger Kontakt in die Außenwelt ist ihre Mutter sowie die Männer, die die Sex-Hotline anrufen, für die sie arbeitet. Ausgerechnet an ihrer Tür klingelt Petunia, die den ohnmächtigen Herman im Schlepptau hat. Alle drei werden in den wenigen Sekunden in denen Ian aus dem Fenster fällt, über sich selbst hinauswachsen.

Die weiteren handelnden Personen sind unter anderem der Hausmeister Jimenez, der den Fahrstuhl laienhaft repariert und dabei fast einen Brand verursacht. Bei der Reparatur eines Wasserhahns lernt er Garth kennen, der leidenschaftlich gern Frauenkleider trägt.

Ein Mietshaus ist eben auch nur ein Abbild der Gesellschaft und insofern lernt der Leser eine bunte Vielfalt an Menschen mit ihrem Sorgen und Problemen kennen. Episodenartig erhält man einen Blick in die Vorgänge ausgewählter Wohnungen und lernt die Einzelschicksale der Bewohner kennen, während Ian vom Balkon und in die einzelnen Fenster des Hauses guckt.

Dass gerade ein Goldfisch herunterfällt, ist ein kreativer Aufhänger für den Roman, spielt jedoch für die Handlung selbst keine Rolle, was ich ein bisschen schade fand. Auch Connor bemerkt sein Verschwinden nicht.
"Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel" enthält aber dennoch viele amüsante und auch tiefgründige Passagen, die sich aus den neurotischen Charakteren, die exemplarisch aus dem Wohnhaus dargestellt werden, ergeben.
Während Ian aus dem 27. Stock fällt, weil er sich selbst dazu entschieden hat, die Chance zu nutzen, sein Goldfischglas zu verlassen und über den Tellerrand zu gucken, entwickeln sich auch die Bewohner von "The Seville on Roxy" weiter, indem sie Dinge tun, die sie nie für möglich gehalten hätten.
Ein Mensch wird in dem kurzen Zeitraum sterben, ein anderer geboren. Menschen begegnen sich, die noch nie etwas miteinander zu tun hatten, teilen sodann gemeinsame Erlebnisse und wachsen über sich hinaus. Sie erleben, dass man gemeinschaftlich mehr erreichen kann, als jeder einzelne für sich.
Goldfisch Ian steht symbolisch dafür, ein Wagnis einzugehen. "Wer sein Leben in einem Goldfischglas fristet, wird als alter Fisch sterben, der nie ein Abenteuer erlebt hat."