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Veröffentlicht am 27.12.2016

Musikalische Familiengeschiche mit Längen

Ein letztes Lied für dich
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Die Brüder Jack, George und Harry Fox-Talbot kehren nach dem Zweiten Weltkrieg zu ihrem Familienanwesen Hartgrove Hall nach Dorset zurück. Die große Villa ist inzwischen heruntergekommen und die einst ...

Die Brüder Jack, George und Harry Fox-Talbot kehren nach dem Zweiten Weltkrieg zu ihrem Familienanwesen Hartgrove Hall nach Dorset zurück. Die große Villa ist inzwischen heruntergekommen und die einst wohlhabende Familie hat keine Mittel mehr, das Anwesen in Stand zu setzen. Die letzten Kunstgegenstände werden veräußert und das Haus steht, wenn es nach dem Willen des Vaters, des "Generals" geht, vor dem Abriss. Die Brüder beschließen, Hartgrove Hall zu retten und wieder zu bewirtschaften. Dazu muss sich aber auch Harry, genannt Fox, der jüngste der Brüder, bereit erklären, in der Landwirtschaft zu arbeiten, statt sich dem Klavierspiel zu widmen.

Silvester 1946 lernt Harry die Freundin von Jack kennen, die berühmte Sängern Edie Rose. Harry ist selbst leidenschaftlicher Musiker und begleitet sie bei der Feier auf seinem Klavier. Seit dieser Begegnung geht ihm die schöne und selbstbewusste Edie, die allerdings zehn Jahre älter als er ist, nicht mehr aus dem Kopf...

Im Jahr 2000 hat der inzwischen 70-jährige Fox, ein gefeierter Komponist, den Tod seiner geliebten Ehefrau Edie zu beklagen. Er resigniert, verliert auch die Bindung zu seiner zweiten Leidenschaft, der Musik, und scheint mit dem Leben abgeschlossen zu haben. Seine beiden Töchter Lucy und Clara machen sich Sorgen und versuchen ihn zu einem Hobby zu bewegen.

Da entdeckt Fox, der selbst das absolute Gehör hat, dass sein jüngster Engel Robin sein musikalisches Talent geerbt zu haben scheint. Er lehrt ihm das Klavierspiel, wobei der sonst so unkonzentrierte, trotzige Junge eine unheimliche Auffassungsgabe beweist und ganz ohne ein Verständnis für Noten ein Gefühl für die Melodien entwickelt. Fox genießt das gemeinsame Klavierspiel mit seinem Enkel, der abseits des Klaviers macht was er will, so dass auch seine Mutter Clara an seiner Erziehung verzweifelt. Fox wird sich aber auch bald bewusst, dass er an seine Grenzen stößt und dass der hochbegabte Robin mehr musikalische Förderung braucht, als er ihm geben kann.

"Ein letztes Lied für dich" handelt im Wechsel in der Vergangenheit in den Jahren 1946 bis 1959 und in der Gegenwart in den Jahren 2000 bis 2007. Fox blickt auf sein Leben zurück, das geprägt ist von seiner Leidenschaft für die Musik und seiner Liebe zu Edie. In Fragmenten erfährt der Leser mehr über das Verhältnis der Brüder, der Entwicklung der Beziehung zu Edie und Harrys beruflicher Laufbahn.

Der Roman ist die Lebensgeschichte von Harry Fox-Talbot, der seine Mutter schon viel zu früh im Alter von drei Jahren verloren hat, der als Kind den Zweiten Weltkrieg miterleben musste und anschließend sein Leben dem Komponieren von hunderten Melodien gewidmet hat. Mit dem Tod seiner Ehefrau Edie, der er noch eine letzte Symphonie widmen wollte, hatte er die Leidenschaft zur Musik und jegliche Inspiration verloren, die er aber durch die Beschäftigung mit seinem schwierigen, aber hochbegabten Enkel wiedergewinnen konnte.

Wer Familiengeschichten mit einem historischen Bezug mach und ein Interesse für klassische Musik hat, wird sich von "Ein letztes Lied für dich" gut unterhalten fühlen und über so manche, für mich ermüdende, Länge der Handlung hinwegsehen können.

Veröffentlicht am 24.12.2016

Die über die Jahre gezogene Liebesgeschichte ist durch das Verhalten der Protagonisten etwas schwer nachvollziehbar

Einfach. Wir zwei.
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Boyce ist sieben Jahre alt, als seine Mutter die Familie aus Angst vor ihrem gewalttätigen, alkoholabhängigen Ehemann verlässt. Sein älterer Bruder Brent ist derjenige der ihm Mutter und Vater ersetzt, ...

Boyce ist sieben Jahre alt, als seine Mutter die Familie aus Angst vor ihrem gewalttätigen, alkoholabhängigen Ehemann verlässt. Sein älterer Bruder Brent ist derjenige der ihm Mutter und Vater ersetzt, bis dieser sich als Zeitsoldat verpflichtet und mit nur 22 Jahren im Irak ums Leben kommt. Boyce muss fortan allein mit seinem jähzornigen Vater zurechtkommen, der nun vor kurzem - zur Erleichterung von Boyce - seiner Lebererkrankung erlegen ist.

Da tritt Pearl wieder in sein Leben, die sich von ihrem besitzergreifenden Freund getrennt hat und gleichzeitig, sehr zum Leidwesen ihrer ehrgeizigen Mutter, beschlossen hat, doch nicht Medizin zu studieren, sondern ihren Traum zu verfolgen, in die Forschung einzusteigen und Meeresbiologie in ihrer Heimatstadt zu studieren.

Boyce hat Pearl als kleiner Junge vorm Ertrinken gerettet und ist seitdem verliebt in sie. Nun sehen sie sich, nachdem es auch als Teenager zwischen ihnen geknistert hat, wieder. Boyce bietet ihr an, in seinen Wohnwagen einzuziehen, so lange sie hier auf dem Campus studiert und ihre Eltern ihr jede finanzielle Unterstützung versagen.

Beide sind verliebt ineinander, haben sich dies aber nie gezeigt oder darüber gesprochen. Auch körperlich fühlen sie sich enorm voneinander angezogen. Auf engem Raum im Wohnwagen bleibt es deshalb auch nicht aus, dass sie sich näher kommen und ihrer Leidenschaft hingeben.
In Rückblenden erfährt der Leser aus Erinnerungen von Boyce und Pearl, wie sich kennen gelernt haben und sich zu Collegezeiten näher gekommen sind, eine Nacht miteinander verbracht, aber nie ein Paar geworden sind.

"Einfach. Wir zwei." ist abwechselnd aus der Perspektive von Boyce bzw. Pearl geschrieben, so dass der Leser mit der Gefühlswelt beider Protagonisten vertraut wird. Gerade deshalb war es für mich aber nur schwer nachvollziehbar, warum sich beide gegenüber dem bzw. der anderen so bedeckt gehalten haben, auch wenn sie schon in Blicken des anderen die Sehnsucht erkennen konnten.

Auch in der gegenwärtigen Situation ist das Verhältnis der beiden zueinander mehr als ungeklärt. Die körperliche Liebe wird zwar vollzogen, wenn sie ihre Triebe nicht mehr beherrschen können, aber ein Gespräch, in welchem sie ihre Gefühle offen legen, findet nicht statt. Und plötzlich überwindet Boyce doch noch seine Minderwertigkeitskomplexe und kann sich auf eine Beziehung mit der von ihm verehrten Pearl einlassen, die ihm ihrerseits das nötige Vertrauen schenkt, dass er wirklich schon immer nur sie wollte.

Nachdem ich "Einfach. Liebe." als gelungenen New-Adult-Roman empfunden habe, konnte mich "Einfach. Wir zwei." leider nicht so sehr überzeugen, da ich das Verhalten der Protagonisten, den Wechsel aus Hingabe und Zurückhaltung, nicht nachvollziehen konnte.

Veröffentlicht am 21.12.2016

"Geschichte vom Liebenlernen und Lebenwollen" - nicht nur für Jugendliche sehr zu empfehlen

Mittelmeersplitter
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Die 16-jährige Annika verliebt sich in ihren neuen Mitschüler Levian, der sich weder am Unterricht beteiligt, noch sich mit den anderen Schülern abgeben möchte. Er spricht mit niemandem und zieht sich ...

Die 16-jährige Annika verliebt sich in ihren neuen Mitschüler Levian, der sich weder am Unterricht beteiligt, noch sich mit den anderen Schülern abgeben möchte. Er spricht mit niemandem und zieht sich in den Pausen zurück. Annika ist fasziniert von seinen eisblauen Augen, die sie nie angucken und seiner geheimnisvollen, einschüchternden Art, die viel Raum für Spekulationen lässt.

Annika kann nicht locker lassen und findet tatsächlich einen Zugang zu dem unberechenbaren Jungen, dessen Vergangenheit sein gegenwärtiges Verhalten prägt und seinen eigentlich fürsorglichen Charakter zu übertünchen scheint.
Doch auch Annika selbst trotz ihrer freundlichen, unkomplizierten Art am Ende unnahbar und sie kann aufgrund eines traumatischen Erlebnisses in ihrer Kindheit nur schwer Vertrauen fassen.
Sie hat eine seltsame Affinität zu Wasser und eine für einen jungen Menschen ganz ungewöhnliche Todessehnsucht, die sie nach Außen verbirgt.

Auf einer gemeinsamen Reise des jungen Paares nach Italien lernen sich Annika und Levian noch besser kennen, stellen sich ihren Ängsten und ihrer Vergangenheit, um offen für eine gemeinsame Zukunft zu sein.

"Mittelmeersplitter" ist ein Jugendroman, der mich wirklich überrascht und am Ende restlos begeistert hat, so dass es fast schon schade war, dass er nur knapp 250 Seiten fasst.

Der Roman fesselt durch die Geheimnisse bzw. Erlebnisse der Vergangenheit beider Protagonisten, die es aufzudecken gilt. Sowohl Annika als auch Levian sind schwierige Charaktere, deren Sympathien der Leser aber leicht gewinnt, so dass man gebannt ist, mehr von ihnen zu erfahren. Während sich zu Beginn die Frage stellt, warum Levian so verschlossen ist und was er wohl erlebt haben mag, ist es im weiteren Verlauf Annika aus deren Sicht der Roman verfasst ist, die von einem noch traumatischeren Erlebnis nicht nur in ihren Träumen immer wieder heimgesucht wird.

Die Autorin verwendet viele Metaphern und lässt den Roman zunächst mysteriös und melancholisch anklingen, schafft es aber durch Situationskomik dem wirklich tiefgründigen Roman eine humorvolle Leichtigkeit zu geben.

Der Halbsatz auf dem Cover als "Geschichte vom Liebenlernen und Lebenwollen" fasst den Roman perfekt zusammen.
"Mittelmeersplitter" bekommt von mir eine klare Leseempfehlung für Leser und Leserinnen jeder Altersklasse.

Veröffentlicht am 17.12.2016

Roman über psychische Erkrankung der bipolaren Störung - sehr authentisch dargestellt

Libellen im Kopf
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Abby ist Mitte 20 und teilt sich zusammen mit ihrem Freund Beck eine kleine Wohnung. Als sie sich eines Abends bei ihrem Nachbarn Simon, den sie kaum kennt, eine Dose Tomaten leihen möchte, findet sie ...

Abby ist Mitte 20 und teilt sich zusammen mit ihrem Freund Beck eine kleine Wohnung. Als sie sich eines Abends bei ihrem Nachbarn Simon, den sie kaum kennt, eine Dose Tomaten leihen möchte, findet sie ihn tot auf. Der Leichenfund lässt sie ungewöhnlich kalt. Sie raucht erst einmal gemütlich eine Zigarette, bevor sie die Polizei informiert und eine Dose mit Tomaten mitnimmt. Ihre seltsame Reaktion ist auf eine bipolare Störung zurückzuführen, an der Abby seit ihrer Jugend leidet. Es gibt Phasen, in denen sie droht, in eine Depression abzudriften und Phasen, in denen sie so euphorisch ist, dass sie einerseits glückselig und kreativ ist, aber auch zu einer Gefahr für sich selbst werden kann. Nach dem Tod Simons stürzt sich Abby in ihre Arbeit als freie Journalistin, beschäftigt sich nicht nachvollziehbar wirr mit verschiedenen Themen, fährt spontan zu einem Wissenschaftler, um ihn zu seiner Primatenforschung zu befragen, kleidet sich über ihre Verhältnisse teuer ein und lässt sich in ihrem Glücksrausch die linke Brust tätowieren. Bei ihrer Schwester und ihrem Freund schrillen die Alarmglocken, aber sie können schon nichts mehr für Abby tun. Abby ist für sie unerreichbar weit weg, lässt sich aber nach dem Abklingen der Manie von ihrer Therapeutin Dr. Barbara helfen und in eine geschlossene Psychiatrie einweisen. Dort ist sie zunächst unfähig auch nur irgendetwas zu tun. Essen, sich waschen - alles fällt ihr schwer und erscheint ihr überflüssig. Die Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch die Krankenschwestern lässt aber keinen Selbstmord zu, so dass Abby so tut, als würde es ihr besser gehen, um möglichst bald entlassen zu werden. Bald fühlt sie sich aber tatsächlich gesünder und sieht sich plötzlich wieder mit dem Anfang der Geschichte konfrontiert: Dem Tod ihres Nachbarn Simon. Der Klappentext lässt den Leser im Unklaren, dass sich da Buch um das Krankheitsbild der bipolaren Störung dreht. "Libellen im Kopf" ist die Geschichte von Abby, die wir sowohl in einer manischen als auch depressiven Phase kennen lernen. Freunde und Familie sind überfordert Sie sehen, wie Abby droht nach einer Hochphase in ein tiefes Loch zu fallen, haben aber in dieser Situation keine Chance mehr, einen Einfluss auf Abby auszuüben. Als Außenstehender kann man nicht begreifen, wie ein Mensch in so kurzer Zeit zwischen zwei solchen Extremen schwanken kann und würde Abby als einfach nur "verrückt" abstempeln. Der Autor leidet selbst an einer leichten Form der bipolaren Störung, weshalb der Leser Höhepunkt und Fall von Abby so anschaulich und eindringlich miterlebt. Gavin Extence gibt am Ende des Romans einen Einblick in sein Leben, was die Handlung noch authentischer wirken lässt. "Libellen im Kopf" bietet damit eine Möglichkeit, sich mit Hilfe eines Romans näher mit der psychischen Erkrankung der bipolaren Störung zu befassen.

Veröffentlicht am 16.12.2016

Betriebsanleitung eines Serienkillers - kein Thriller für Zartbesaitete

Die Poesie des Tötens
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Max West ist ein erfolgreicher Ghostwriter aus Wien, der bereits mehrere Bestseller veröffentlicht hat. Eines heißen Sommers wird West von einem Christopher Kleist erpresst, innerhalb von sieben Wochen ...

Max West ist ein erfolgreicher Ghostwriter aus Wien, der bereits mehrere Bestseller veröffentlicht hat. Eines heißen Sommers wird West von einem Christopher Kleist erpresst, innerhalb von sieben Wochen ein Buch über fünf Morde zu schreiben, anderweitig werde er seine fünfjährige Tochter Ella, für deren Entführung Kleist gesorgt hat, nicht wieder sehen.

Max und seine Frau Livia, eine Psychiaterin, befinden sich zunächst in einer Schockstarre, als ihnen bewusst wird, dass das Buch auf wahren Begebenheiten beruhen wird und dass bisher erst ein Mord geschehen ist. Kleist selbst ist der Mörder, der sich zu allem Überfluss bei den Wests in der Villa in Wien einnistet. Wie selbstverständlich nimmt er an ihrem sozialen Leben teil und erzählt Max für das Buch seine persönliche Lebensgeschichte. Aus Sorge um seine Tochter lässt sich Max auf das perfide Spiel ein und beginnt mit dem Schreiben. Je länger Kleist bei ihnen wohnt, desto mehr kann er sich in ihn hineinversetzen und seine unzusammenhängenden Gedankengänge und die Beschreibungen der sadistischen Morde zu Papier bringen, so dass auch der überhebliche Kleist mit der Schreibweise einverstanden ist. Ganz Wien ist in Angst vor dem Serienkiller, die Polizei tappt im Dunkeln, findet jedoch an allen Tatorten handsignierte Bücher von West.

Während Max das Buch verfasst, versucht Livia das kranke Gehirn von Kleist zu analysieren, um die Ursachen für sein Handeln zu eruieren und möglicherweise einen Hinweis auf den Aufenthaltsort von Ella in Erfahrung zu bringen.

"Die Poesie des Tötens" ist kein Thriller für Zartbesaitete. "Die Betriebsanleitung eines Serienkillers" beginnt unmittelbar mit dem ersten Mord, der grausam detailliert beschrieben wird. Dass sich der Mörder und Entführer der Tochter dann auch noch allgegenwärtig im Zuhause der Wests breit macht, ist fast schon so erbarmungslos wie die unmenschlich sadistischen Morde selbst.

Fasziniert fiebert man als Leser dem Ende der sieben Wochen entgegen, ob es tatsächlich zu einer Veröffentlichung des Thrillers und zu einer Freilassung von Ella kommen wird. Gleichzeitig fragt man sich, wie Max und Livia damit weiterleben können, durch ihr Wissen Mitschuld an mehreren Morden zu haben.

Selten habe ich einen Thriller gelesen, bei dem man dem Mörder so nahe kommt und dennoch keinerlei Sympathien für ihn oder sein Schicksal empfinden kann. Sprachlich-stilistisch wird der Leser durch den Wechsel zwischen Fiktion, akribischen Beschreibungen der Morde und dem gegenwärtigen Handlungsverlauf in den Bann gezogen, wobei mir das Geschwafel von Kleist und die geselligen "Freitagsrunden" mit den Freunden der Wests zu ausufernd dargestellt waren und für mich den Spannungsbogen unterbrochen haben.