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Veröffentlicht am 17.05.2021

So leicht und luftig wie ein Sommertag

Der große Sommer
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… erscheint Ewald Arenz´ neuer Roman „Der große Sommer“. Einen Sommer lang begleiten wir seinen Protagonisten Friedrich, der sich unter Aufsicht seiner Großeltern auf die Nachprüfung in Mathematik und ...

… erscheint Ewald Arenz´ neuer Roman „Der große Sommer“. Einen Sommer lang begleiten wir seinen Protagonisten Friedrich, der sich unter Aufsicht seiner Großeltern auf die Nachprüfung in Mathematik und Latein vorbereiten muss, um nach den Ferien doch noch versetzt zu werden. Friedrich, sechzehn Jahre alt und frisch verliebt, verbringt die verbleibende freie Zeit mit seinem Schulfreund Johann, Schwester Alma und Beate, seiner ersten Liebe - bis Johanns Vater plötzlich stirbt und sich alles für die vier Freunde ändert…
Auf einfühlsame Art schildert Arenz die kleinen und großen Probleme eines Jungen in der Pubertät. Er empfindet seine Gefühle nach, ohne dabei kitschig zu werden, beschreibt die Hochs und Tiefs, d
enen Friedrich ausgesetzt ist, und an die sich bestimmt auch jeder von uns erinnern kann. Überhaupt gelingt es dem Autor, alle Sinne des Lesers anzusprechen: der Geruch von frisch gemähtem Gras, flirrendes Licht in den Bäumen und das Rufen der Mauersegler - Eindrücke eines herrlichen Sommertages. Bei aller Leichtigkeit und Frische seiner Geschichte geht Arenz auch ernste, tiefgehende psychische Probleme an, welche die Freundschaft der vier Jugendlichen belasten. und fast zerbrechen lassen. Doch Optimismus und Lebensfreude überwiegen und lassen den Roman harmonisch ausklingen.

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Veröffentlicht am 29.04.2021

Konflikt zwischen Kuluren

Laudatio auf eine kaukasische Kuh
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Olga Evgenidis wünscht sich von ganzem Herzen einen kurzen, möglichst einsilbigen Nachnamen, und in ihrem Medizinerkollegen Felix Van Saan scheint sie ihn auch gefunden zu haben. Dabei ist dieser Wunsch ...

Olga Evgenidis wünscht sich von ganzem Herzen einen kurzen, möglichst einsilbigen Nachnamen, und in ihrem Medizinerkollegen Felix Van Saan scheint sie ihn auch gefunden zu haben. Dabei ist dieser Wunsch natürlich nur Ausdruck ihrer Sehnsucht, ihr „altes“ Leben hinter sich zu lassen. Als Tochter einer Einwandererfamilie aus Georgien arbeitet sie sich zielstrebig aus ärmlichen, beengten Verhältnissen empor; ihre Zukunft verläuft in vermeintlich geraden Bahnen, an der Seite des begüterten Felix. Doch dann kreuzt Jack Jennerwein ihren Weg …
Keine Frage, das Buch ist anschaulich und in einem angenehmen Stil geschrieben. Angelika Jodl flicht humorvolle Elemente ein, auch einige (wenige) historische Details zum Herkunftsland ihrer Protagonistin, Georgien. Dennoch bleibt der Roman für mich an der Oberfläche; viel mehr als eine Liebesgeschichte mit Hindernissen kann ich nicht erkennen. Die eigentlichen Probleme der doch sehr unterschiedlichen Kulturen in Georgien und Deutschland werden leider nur gestreift, ebenso wie Olgas Konflikte, für sich beide miteinander zu verbinden. Dabei hätte meiner Meinung nach hier das Potential deutlich mehr ausgeschöpft werden können und vermutlich zu einer wesentlich interessanteren, spannenderen Geschichte beitragen können.


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Veröffentlicht am 16.04.2021

Eindringlich

Der ehemalige Sohn
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Wie kommt ein Schriftsteller zu der Aussage, er habe die Hoffnung, dass „dieses Buch in meinem Land eines Tages nicht mehr aktuell sein wird“? Sasha Filipenko, der damit vermutlich den Nerv der Mehrzahl ...

Wie kommt ein Schriftsteller zu der Aussage, er habe die Hoffnung, dass „dieses Buch in meinem Land eines Tages nicht mehr aktuell sein wird“? Sasha Filipenko, der damit vermutlich den Nerv der Mehrzahl seiner Landsleute trifft, prangert auf subtile Weise das politische System seines eigenen Landes an, Belarus, in dem sich seit Jahrzehnten keine Besserung ankündigt. Auch mich hat sein Roman betroffen gemacht.
Sein Protagonist, der 16jährige Franzisk Lukitsch, wird bei einer Massenpanik in Minsk so schwer verletzt, dass er in ein Koma fällt. Während seine Mutter und die Ärzte die Hoffnung aufgegeben haben, dass er jemals wieder aufwachen werde, organisiert seine mutige, bodenständige Großmutter Elvira jahrelang alles, um ihren Enkel wieder zu wecken. Doch sein tasächliches Erwachen zehn Jahre später erlebt sie nicht mehr, und Franzisk ist auf sich allein gestellt …
Sehr bildhaft und lebendig erzählt Filipenko, zieht den Leser in seine Geschichte hinein und lässt ihn Teil der Ereignisse werden. Beißend ironisch kommentiert er die Gesellschaft seines Landes, die Repressalien der Politik, die Sympathisanten und Nutznießer, aber auch die Gegner des totalitären Regimes. Doch man spürt deutlich, wie sehr ihn die Verfolgung politischer anders Denkender, die Angst der Menschen, in diese brutale Maschinerie hineinzugeraten, beschäftigt. Die verzweifelten Versuche der Bevölkerung, mit Demonstrationen mehr Demokratie zu erreichen, sieht er stets aufs Neue scheitern. Jedoch hat er die Hoffnung auf eine positive Veränderung des Landes nicht aufgegeben und trägt seinen Teil dazu bei, indem er schreibt. Belarus muss doch eines Tages aus seinem „Koma" erwachen, genauso wie Franzisk …



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Veröffentlicht am 15.04.2021

Schwarz oder weiß

Die verschwindende Hälfte
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Man sieht es den Zwillingsschwestern Desiree und Stella Vignes nicht an: sie sind hellhäutige Schwarze. Aufgewachsen in dem kleinen Ort Mallard, beschließen sie als Teenager, ihre enge Heimat zu verlassen ...


Man sieht es den Zwillingsschwestern Desiree und Stella Vignes nicht an: sie sind hellhäutige Schwarze. Aufgewachsen in dem kleinen Ort Mallard, beschließen sie als Teenager, ihre enge Heimat zu verlassen und in der Stadt New Orleans ihr Glück zu versuchen. Stella, die sich für ihre Arbeit als Weiße ausgibt, verschwindet jedoch eines Tages, um ganz neu anzufangen und ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Desiree kämpft sich weiter durch, kehrt jedoch nach einer Ehe mit einem gewalttätigen Mann mit ihrer kleinen dunkelhäutigen Tochter zurück zu ihrer Mutter nach Mallard. Die Zwillinge leiden unter der Trennung, doch Stella kann nicht so ohne weiteres an ihre Vergangenheit wieder anknüpfen. Wie hoch ist der Preis für ein privilegiertes, „weißes“ Leben?
Außerordentlich sensibel erzählt Brit Bennett die Geschichte der unterschiedlichen Zwillinge in den Jahren 1968 bis 1988 und ihrer (auch äußerlich) so verschiedenen Töchter. Neben ihrer Schilderung von Rassismus und Vorurteilen, die das Leben der Mädchen bestimmen, streift sie auch andere gesellschaftliche und soziale Probleme der 60er und 70er Jahre. Eindrucksvoll versteht sie den Lesern deutlich zu machen, wie die Probleme der Mütter unwissentlich auf die nächste Generation übertragen werden und wie die jungen Mädchen damit umgehen. Ein Roman, der lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 05.04.2021

Eindrucksvoller Roman

Sprich mit mir
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Romanthemen. In "Sprich mit mir" beschäftigt er sich mit einem Forschungsprojekt, das darauf hinausläuft, einen jungen Schimpansen wie ein menschliches Kind groß zu ziehen und ihm Sprache beizubringen. ...

Romanthemen. In "Sprich mit mir" beschäftigt er sich mit einem Forschungsprojekt, das darauf hinausläuft, einen jungen Schimpansen wie ein menschliches Kind groß zu ziehen und ihm Sprache beizubringen. Sam lernt, sich mit Hilfe einer Gebärdensprache mit seinen menschlichen Bezugspersonen zu verständigen. Die Studentin Aimée, als Helferin in das Unternehmen eingebunden, entwickelt eine große Liebe und Fürsorge für Sam. Doch dann wird das Projekt aus wirtschaftlichen Erwägungen von Sams Besitzer Moncrief abgebrochen und Sam zurück in einen Käfig verbracht. Hier erwartet ihn, ebenso wie die anderen dort lebenden Menschenaffen, der Verkauf an ein Tierversuchslabor. Aimée will das nicht zulassen und schmiedet einen Plan - mit unabsehbaren Folgen.
Sehr effektiv beschreibt der Autor die einzelnen Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven, wechselweise aus der menschlichen und Sams. Und Boyle geht über das Thema des möglichen Spracherwerbs noch hinaus. Er stellt nicht nur den moralischen Aspekt von Tierversuchen auf den Prüfstein, sondern wirft Fragen nach Sams Selbst-Bewusstsein auf, zeigt die Folgen seiner menschlichen Erziehung und den Widerstreit zwischen seinen Gefühlen und seiner Schimpansennatur. Worin besteht die Grenze zwischen Mensch und Tier? Ist es vertretbar, dass Menschen sich so anmaßend und überheblich der Natur gegenüber verhalten? Auch, wenn er es nicht ausdrücklich ausspricht: Boyle fordert Respekt vor allen Lebewesen. Schon für Charles Darwin war klar: „Die Tiere empfinden wie der Mensch Freude und Schmerz, Glück und Unglück; sie werden durch dieselben Gemütsbewegungen betroffen wie wir.“

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