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Veröffentlicht am 04.02.2026

Gelungener Krimiauftakt mit authentischer Atmosphäre

Die weiße Nacht
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Der Kriminalroman Die weiße Nacht von Anne Stern dreht sich um das Lou & König und erscheint im Piper Verlag.

Berlin: Im Hungerwinter 1946/47 findet die junge Fotografin Lou Faber eine Frauenleiche ...

Der Kriminalroman Die weiße Nacht von Anne Stern dreht sich um das Lou & König und erscheint im Piper Verlag.

Berlin: Im Hungerwinter 1946/47 findet die junge Fotografin Lou Faber eine Frauenleiche im Schnee. Ihre gefalteten Hände fallen ihr sofort auf, sie macht Fotos von der Toten. Kriminalkommissar Alfred König untersucht den Fall und setzt Lou in seine Ermittlungen ein. Als weitere Leichen gefunden werden, erhöht das den Zeitdruck und bestimmte Spuren führen in die Vergangenheit.

In diesem Kriminalroman zeigt Anne Stern mal wieder ihr schriftstellerisches Können, sehr authentisch lässt sie die Atmosphäre des trostlosen Nachkriegs-Berlins auferstehen und erzählt vom eisigen Kältewinter, den die hungernden Menschen mit speziellen Möglichkeiten wie Diebstahl oder Schwarzmarkthandel überstehen müssen. Die Stadt ist durch die Besetzung der Alliierten in vier Zonen aufgeteilt. Einschneidende Veränderungen für die Bewohner Berlins, nun gelten Lebensmittelmarken als die Währung der Stunde.

Lou trifft auf König als sie durch die Runinen der Stadt zieht. König imponieren ihre Fotos, die für Ermittlungen durchaus wichtig sein können. Sie raufen sich zu einem funktionierenden Team zusammen, beide bringen ihre Gedanken ein, wollen den Fall aufklären und setzen alles daran, den Täter zu fassen. Ihre Charaktere wirken auf mich vertrauenswürdig und zuverlässig und durch ihre persönlichen Hintergründe werden sie zu interessanten Figuren, die ich gerne begleitet habe. König ist vom Krieg gezeichnet und hätte sich nicht vorstellen können, für den Staat Verbrecher zu suchen. Ich bin neugierig, was man über ihn und auch über Lou im nächsten Band erfahren wird.

In "Die weiße Nacht" beschäftigt sich Anne Stern mit einer besonderen Zeit und dem schwierigen Leben der Menschen im Nachkriegs-Deutschland. Sie erzählt bildhaft, unaufgeregt und lässt eindringliche Szenen der gut recherchierten historischen Hintergründe lebendig in die Handlung einfließen. Es ist berührend zu lesen, wie sie die Not, die Kälte, den Hunger und die Hoffnungslosigkeit der Menschen am Beispiel ihrer Figuren abbildet. Die zeitlichen Bezüge und die glaubhafte Darstellung der Menschen und ihrer Situation machen für mich ihre Bücher zu Pageturnern. Hier stehen nicht die brutalen, kriminellen Szenen im Vordergrund, sondern das authentische Leben der Bürger in dieser Zeit. So hat es mich auch nicht gestört, dass die Ermittlung eher nebengleisig vor der gelungenen Abbildung des Zeitgeschehens verläuft. Ich habe mich sehr nah in diese Zeit hineinfühlen können und mit den notleidenden Menschen gelitten.

Ein authentisch und gut zu lesender Kriminalfall über eine düstere Zeit, die den Menschen alles abverlangte. Ich bin gespannt, welche Fälle das interessante Ermittlerpaar im nächsten Band aufklären müssen.

Veröffentlicht am 30.01.2026

Ein berührendes und aufklärendes Generationenporträt

Wie Treibgut im Fluss
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Der Roman Wie Treibgut im Fluss von Andreas Wagner erscheint im Droemer Verlag.

Vor 250 Jahren stehen viele arme Bauern im Hunsrück vor dem Problem, ihre Familie ernähren zu können. Einige von ihnen ...

Der Roman Wie Treibgut im Fluss von Andreas Wagner erscheint im Droemer Verlag.

Vor 250 Jahren stehen viele arme Bauern im Hunsrück vor dem Problem, ihre Familie ernähren zu können. Einige von ihnen treibt die Sehnsucht nach einem besseren Leben zu einer Auswanderung nach Amerika. Auch Peter wird von Anwerbern überzeugt und möchte auswandern, das scheitert aber schon in den Niederlanden, wo er nicht zum Hafen durchgelassen wird. Eine Rückkehr wäre eine Blamage und keine Option, die einzige Chance bietet sich ihm in einer Ansiedlung am Niederrhein, wo Arbeitskräfte und Landwirte gebraucht werden. Die protestantischen Neuzugezogenen werden von den katholischen Bewohnern dieser Gegend misstrauisch beäugt und ausgegrenzt. Freundschaften zwischen beiden Religionsrichtungen werden abgelehnt. Hier lebt man noch sehr engstirnig in seinen alten Traditionen und da gehört der Katholizismus unbedingt dazu.

Jahrzehnte später freundet sich das protestantische Mädchen Ännie mit der gleichaltrigen Katholikin Josephine an, trotz aller religiösen Anfeindungen und Kontaktverboten halten sie die Freundschaft aufrecht und bleiben sich noch als Ehefrauen und Mütter bis in den Tod eng verbunden.

Josephines Enkel ist der Ich-Erzähler Niklas aus der Gegenwart, der die Geschichte seiner Großmutter erst nach ihrem Tod heraus findet. Niklas wandert mit seinem Sohn am Rhein und hofft, aus der Geschichte seiner Großmutter zu lernen, denn er möchte seinem Sohn ein guter Vater sein. Seinen Sohn hat er nur tageweise bei sich, er betrog seine Frau und muss nun mit dieser Regelung klar kommen.

Dem Rückblick in die Vergangenheit bin ich gespannt gefolgt, es geht ums nackte Überleben, um Armut und Krieg, der Menschen auseinander reißt. Es geht um Werte, die in dieser neuen Heimat weiter gelebt werden und damit Sicherheit und Zuversicht geben. Die Distanzierung von Menschen aus religiösen Gründen ist immer schwierig, doch es hat mich erschüttert, weil beide Religionsrichtungen zum Christentum gehören. Diese Schilderung hat Andreas Wagner sehr eingehend offen gelegt und meinen Blick darauf gelenkt. Beim Lesen stellte ich mir einige Fragen zu Heimat und Gemeinschaft. Wie geht Integration heute und wie war es früher? Die Unterschiede sind gar nicht so gewaltig, auch heute noch bleiben viele Religionsgemeinschaften gern unter sich.

Andreas Wagner lenkt den Blick des Lesers sehr direkt auf die Lebensumstände seiner Figuren. Ohne kritisch zu werden macht er das Leben und die gesellschaftlichen Zustände seiner Charaktere sichtbar und erzählt von Familie, Freundschaft und Trennung, von Heimat und neuem Ankommen, von Abgrenzung aus Religionszugehörigkeit und von Hoffnungen und Niederschlägen.

Für mich war der historische Teil der Geschichte der durchaus interessantere und fesselndere, die Handlung um Niklas war eher unterhaltsam und hat den Zusammenhang zwischen den Generationen hergestellt.

Diesen Roman empfehle ich allen, die sich für geschichtliche Hintergründe interessieren und dabei bewegende Charaktere begleiten möchten.

Veröffentlicht am 28.01.2026

Solides Kochbuch für den Alltag

Quick & Tasty
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In Quick & Tasty aus dem ZS Verlag stellt Viviane Geppert 50 schnelle Afterwork-Gerichte mit einfachen Zutaten vor.

Als berufstätige Mutter teilt Viviane neben Rezepten auch private Einblicke in ihr ...

In Quick & Tasty aus dem ZS Verlag stellt Viviane Geppert 50 schnelle Afterwork-Gerichte mit einfachen Zutaten vor.

Als berufstätige Mutter teilt Viviane neben Rezepten auch private Einblicke in ihr Familienleben und zeigt gesunde, frische Gerichte, die auch mit geringem zeitlichen Aufwand möglich sind.

Das Buch sieht ansprechend aus, es hat ein perfektes Format und liegt gut in der Hand. Die Food-Fotos finde ich sehr appetitanregend. Es gibt jede Menge Fotos der mir unbekannten Autorin, das finde ich in einem Kochbuch überflüssig. Aufgrund der Menge an Personenaufnahmen grenzt das meiner Meinung nach auch schon an übertriebene Selbstdarstellung. Doch das beziehe ich nicht in meine Bewertung ein.

Die Rezepte werden sehr übersichtlich mit einem ansprechenden Foto pro Doppelseite vorgestellt. Die Zutatenliste ist auf einen Blick ersichtlich, man bekommt alle Zutaten im gut sortierten Supermarkt und das schätze ich sehr. Die einzelnen Arbeitsschritte werden verständlich erklärt, die Zubereitung eignet sich auch für Anfänger.

Es gibt hilfreiche Angaben zur Portionsanzahl, zur Zeit der Zubereitung, außerdem Nährwertangaben und Tipps zum Abwandeln oder Aufpeppen der Gerichte. Die Zubereitungszeit nimmt bis zu 35 Minuten ein, ein Gericht sogar 45 Minuten, was ich nicht gerade als schnelle Afterwork-Küche bezeichnen würde. Aber wenn man das vorher weiß, kann man sich darauf einrichten.

Ich finde es immer sehr hilfreich, wenn man in Kochbüchern Tipps zur Variation der Gerichte erhält. Viviane hat jede Menge Tipps parat und benennt diese als Speed-Tipp, Fresh-up-Tipp, Make a change, Topping-Tipp, Crunch-Time, Easy-Going-Tipp, No-Waste-Tipp usw. Das kann man auch einheitlich benennen, denn wichtig ist nicht die Bezeichnung, sondern die Veränderung am Rezept oder an den Zutaten.

Nach einer 34-seitigen Vorstellung Viviane Gepperts über ihre Person, in der sie erklärt, wie sie Familie und Beruf und abendliches Kochen unter einen Hut bekommt, speziellen Anmerkungen zu Vorräten und Kräutern und Gewürzen fängt dann endlich der Rezeptteil an. Die Einteilung der Kapitel umfasst Pasta & Reis; Gemüse; Hülsenfrüchte & Getreide; Kartoffeln; Eier; Brot; Dips & Saucen, abgerundet durch ein Rezept- und ein Zutatenregister.

Sämtliche Rezepte wirken sehr farbenfroh, sie beinhalten Fleisch und häufig Lachs, viel Gemüse und sind insgesamt einfach zuzubereiten. Ein Teil der Rezepte wie die Kürbissuppe, die orientalische Reispfanne, Thai-Curry, Spaghetti al Limone oder das Chili sin carne gehören aufgrund meiner jahrelangen Kocherfahrung schon zu meinem Standardrepertoire. Insgesamt haben mir innovative Ideen gefehlt.

Nachgekocht habe ich das "schnelle Linsen-Dal" und das Kichererbsen-Masala mit Kartoffeln gibt es demnächst.

"Quick & Tasty" ist ein solides Kochbuch mit alltagstauglichen und einfachen Rezepten, die mit wenigen Zutaten auskommen und auch Kochanfängern gelingen. Für mich bietet dieses Buch nicht viele neue Tipps. Ich empfehle es Fans der Autorin und allen, die noch keine große Kochbuchsammlung haben.

Veröffentlicht am 26.01.2026

Konsumzwang oder Konsumverzicht!

Goldschatz
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Im Diogenes Verlag erscheint der Roman Goldschatz von Ingrid Noll.

Als Studentin Trixi das alte Bauernhaus ihrer Tante Emma erbt, will sie dort eine Studenten-WG gründen. Vorher muss allerdings renoviert ...

Im Diogenes Verlag erscheint der Roman Goldschatz von Ingrid Noll.

Als Studentin Trixi das alte Bauernhaus ihrer Tante Emma erbt, will sie dort eine Studenten-WG gründen. Vorher muss allerdings renoviert werden, die neuen Mitbewohner sind gegen Wegwerfgesellschaft und allesamt Konsumgegner. Sie wollen das Haus erhalten und bei der Arbeit mit anpacken, aber für das nötige Material fehlen noch die finanziellen Mittel. Als in Emmas Trödel ein Säckchen mit Gold gefunden wird, scheint das die Lösung der Geldsorgen zu sein. Ein Fund dieser Größenordnung weckt allerdings Begehrlichkeiten und bringt manche Prinzipien ins Wanken.

Wie stets bei den Romanen von Ingrid Noll bin ich schnell in die Handlung eingetaucht und habe gespannt mitverfolgt, wie das Zusammenleben der WG-Bewoher funktioniert und welche Vor- und Nachteile so ein Schatz mit sich bringt.

Eine Prise Ironie, ein wenig schwarzer Humor und die Zuschaustellung von Konsumgegnern, die dann doch dem Glanz von Gütern der Kaufhäuser nicht widerstehen können. So gesehen war der Roman an Unterhaltung kaum zu überbieten. Es gehört einfach zu Ingrid Nolls Büchern, dass schon mal Todesfälle zu verzeichnen sind, bei denen es nicht ganz mit rechten Dingen zu geht.

In dieser Geschichte geht es um Studenten, junge Leute, die Second Hand lieben und denen es wichtig ist, keine Lebensmittel zu verschwenden.

Die individuelle Charakterzeichnung der Figuren ist Ingrid Noll gut gelungen, sie bringt hier unterschiedliche Personen zusammen, da ist es selbstverständlich, dass nicht alles friedlich und harmonisch verläuft. Besonders der schrullige Nachbar ist für mich "die" Figur des Buches.

Die verwendete Sprache in den Dialogen wirkt auf mich nicht ganz wie von jungen Leuten, manche Phrasen erscheinen mir für diese Altersgruppe sogar recht gestelzt. Dafür hält die Entwicklung der Personen aber noch so manche Überraschung bereit, die man so nicht erwartet hat.

Dieser Roman ist eine perfekt aufgebaute Geschichte, die gut unterhält und zeigt, wie schnell beim Auftauchen eines Goldschatzes so manche Prinzipien von Konsumverweigerung über Bord geworfen werden.

Veröffentlicht am 23.01.2026

Verpasste Lebenschancen

Tage des Lichts
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"Tage des Lichts" von Megan Hunter erscheint im C.H.Beck Verlag.

England 1938: Ivy ist 19 Jahre alt und hat noch keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Sie hat viele Träume, möchte Tänzerin, ...

"Tage des Lichts" von Megan Hunter erscheint im C.H.Beck Verlag.

England 1938: Ivy ist 19 Jahre alt und hat noch keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Sie hat viele Träume, möchte Tänzerin, Malerin oder Spionin werden? Dann sorgt ein tragischer Schicksalsschlag für einen Bruch, der ihr ihre Träume vergessen lässt und sie führt ein angepasstes Leben als verheiratete Frau und Mutter. Doch das füllt sie nicht aus und sie erkennt mit den Jahren eine Leere, die sie erst viel später mit ihrer Beziehung zu Frances füllen kann. Doch diese Liebe darf nicht sein!

"Wie die Ehe ihr, trotz aller Komplikationen, in so vieler Hinsicht eine Verschnaufpause von den quälenden Mystrien ihrer Jugend verschafft hatte. Es war ein Zustand der Schwebe gewesen, ...in dem man ... in einer ewigen Gegenwart gefangen war." Zitat S. 189

Dieser Roman erzählt Ivys achtzigjähriges Leben in sechs Tagen. Wie verläuft unser Leben, welchen Einfluss haben Schuld, Sehnsucht und Träume auf unseren Lebensweg und können wir unsere Gefühle so ausleben, wie wir es uns erhoffen?

Die Thematik, die hinter der Handlung steht, hat mich sehr interessiert und ich war neugierig auf Ivys Lebensstationen und wollte gern daran teilhaben. Das ist mir nur teilweise gelungen, weil viele Dinge unausgesprochen bleiben und nur hinter den Zeilen angedeutet werden. Es ist ein poetischer und stiller Roman, der mir Ivy und Frances leider nicht sehr nahe gebracht hat.

In den gezeigten Ausschnitten aus Ivys Lebensabschnitten werden ihre Interessen sichtbar, ihre Trauer und ihre Befangenheit, sich von dem Schicksalsschlag zu befreien. Der Tod verändert ihre Vorstellungen von einer Zukunft im kreativen Bereich und sie ist unfähig, sich daraus zu befreien und so lebt sie auch in ihrer Ehe kein erfülltes Leben. In den Lebensstationen erhaschen wir nur einen kurzen Einblick in die Gefühlswelt von Ivy und sind gefordert, uns daraus ein komplettes Bild von ihr zu erstellen. Solche Szenerien liegen mir nicht, wenn etwas geschieht, dann möchte ich mehr darüber wissen und nicht nur andeutungsweise darüber informiert werden. Das fehlt mir und ich konnte mich nicht mit Ivy anfreunden. Wenn hier ein feministischer Ansatz zugrunde liegen sollte, so hat er mich nicht erreicht und auch nicht überzeugt. Wenn Frauen Beziehungen mit Frauen eingehen, so ist das eine Liebe, die damals als Affront gegen die Sitten galt, heute aber selbstverständlich ausgelebt werden kann.

Der atmospärische Erzählstil ist besonders, ich musste damit erst warm werden, vor allem mit den poetischen und etwas blumigen Beschreibungen, die ich durchaus mag. Es gibt einzelne Phrasen, die ich bewusst und gern gelesen habe. Doch wenn viele Szenen und Vorgänge nur zu erahnen sind, fehlt es mir an Klarheit und an dem direkten Bezug zu den gezeigten Figuren und ufert damit in unergründliche Längen aus. Die distanzierte Sicht auf die recht blass gezeigten Frauenfiguren ließ sie mir nicht nahe kommen.

Obwohl mich die Grundthematik interessiert hat, sprang bei diesem Roman der Funke nicht über und ich habe mich regelrecht hindurch bemüht. Wer einen fesselnden Roman sucht, wird hier leider nicht fündig.

Zu poetisch, zu unausgesprochen und zu melancholisch! Hat leider meinen Geschmack nicht getroffen und mich nicht abgeholt!

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