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Veröffentlicht am 09.10.2023

Ein vielschichtiger und spannender Kriminalroman

Sommersonnenwende (Wolf und Berg ermitteln 1)
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Inhalt: Es ist der Sommer 1994. Die Sonne glüht; die Temperaturen in Schweden brechen Rekorde. Weiter angeheizt wird die Stimmung durch die Erfolge der schwedischen Nationalmannschaft bei der WM: Der große ...

Inhalt: Es ist der Sommer 1994. Die Sonne glüht; die Temperaturen in Schweden brechen Rekorde. Weiter angeheizt wird die Stimmung durch die Erfolge der schwedischen Nationalmannschaft bei der WM: Der große Coup, der Titel, scheint plötzlich real zu werden. Diese euphorisierende Stimmung geht allerdings fast völlig an dem Kriminalkommissar Thomas Wolf vorbei. Nicht nur ist Wolf – durch seine Einsätze als UN-Soldat – stark traumatisiert, was immer mehr sein Familienleben belastet. Hinzu kommt eine erschütternde Mordserie: Junge Frauen, erdrosselt und vergewaltigt, werden an verschiedenen Orten in Schweden gefunden. Auch die Journalistin Vera Berg wird unvermittelt auf diese Serie aufmerksam – und beginnt eigene, inoffizielle Ermittlungen.

Persönliche Meinung: „Sommersonnenwende“ ist ein Kriminalroman von Pascal Engman und Johannes Selåker. Es handelt sich um den ersten Fall um die beiden Ermittlerfiguren Thomas Wolf und Vera Berg. Erzählt wird die Handlung wechselweise aus den personalen Perspektiven beider Figuren, die zunächst noch getrennt voneinander ermitteln, ehe sich ihre Wege später kreuzen (daneben findet sich noch die Perspektive einer dritten Figur, die ich hier aber nicht spoilern möchte). Sowohl Wolf als auch Berg, deren jeweiliges Privatleben neben dem eigentlichen Fall eine vergleichsweise große Rolle spielt, sind interessant gezeichnet: Beide besitzen eine nicht unproblematische Vergangenheit, die sie noch in der Gegenwart belastet; trotz ihrer Versuche, „richtig“ zu handeln, kommen sie stellenweise vom Weg ab – was nicht ohne Konsequenzen bleiben wird. Kurz: Sie sind keine unbefleckten, genialen Ermittlerfiguren, sondern eher Antihelden mit Ecken und Kanten, wodurch sie lebendig und authentisch wirken. Der Fall, der in „Sommersonnenwende“ behandelt wird, ist sehr vielschichtig. So besitzt er einerseits – durch verschiedene Handlungsstränge – einen schönen Komplexitätsgrad, andererseits – durch die Undurchsichtigkeit der Handlung – eine fesselnde Spannungskurve. Zudem ist „Sommersonnenwende“ ein kleiner Gesellschaftsroman: Nicht nur erscheint der Kriminalroman wie ein Guckkasten in das Schweden Mitte der 1990er; zugleich führt er die Ermittlerfiguren (und mit ihnen die Lesenden) in eine fremdenfeindliche, mafiöse Untergrundbewegung. Das fulminante Ende des Romans (und damit die Frage nach der Täterfigur) ist kaum vorhersehbar und überraschend. Der Schreibstil von Engman/Selåker ist anschaulich sowie detailliert und lässt sich flüssig lesen. Insgesamt ist „Sommersonnenwende“ ein spannender, tiefenscharfer Kriminalroman mit lebendigen Protagonisten.

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Veröffentlicht am 02.10.2023

Ein spannender Kriminalroman über zeitgenössische Kunst

Die Akte Madrid
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Inhalt: Granada 2016. Ein surrealistisches Gemälde, das über Jahre hinweg keine großartige Beachtung erfahren hat, wird aus einem Luxushotel gestohlen. Dies droht zu einem handfesten Skandal zu werden. ...

Inhalt: Granada 2016. Ein surrealistisches Gemälde, das über Jahre hinweg keine großartige Beachtung erfahren hat, wird aus einem Luxushotel gestohlen. Dies droht zu einem handfesten Skandal zu werden. Denn: Julius Ritter, der Vater des deutschen Verteidigungsministers Franziskus Ritter, hat das Gemälde vor Jahrzehnten auf nicht ganz legalem Wege erworben. Da Ritter Jun. fürchtet, dieser Umstand könne sich als Fallstrick für seine Kandidatur als NATO-Generalsekretär erweisen, beauftragt er den Kunsthistoriker Lennard Lomberg damit, das Gemälde ausfindig zu machen – möglichst ohne großes Aufsehen. Während seiner Ermittlungen spürt Lomberg der Geschichte des Gemäldes nach, die bis in das Spanien Francos reicht…

Persönliche Meinung: „Die Akte Madrid“ ist ein kunstaffiner Kriminalroman von Andreas Storm. Es handelt sich um den zweiten Band der „Lennard-Lomberg-Reihe“. Die Handlung von „Die Akte Madrid“ ist in sich abgeschlossen, sodass man sie auch ohne Kenntnis des Vorgängers „Das neunte Gemälde“ lesen kann (für ein besseres Verständnis der Figurenbeziehungen ist es aber natürlich sinnvoll, die Reihe chronologisch zu lesen). Erzählt wird die Handlung aus einer Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven, wobei diejenige Lombergs den Ankerpunkt des Krimis bildet. Die Handlung entfaltet sich auf mehreren im Wechsel erzählten Zeitebenen, wovon ich hier nur einzelne anteasern möchte: Während wir 2016 in Spanien gemeinsam mit Lomberg den Verbleib des Gemäldes ermitteln, begleiten wir im Jahr 1966 einen Journalisten, der Verstrickungen der Bonner Republik mit Francos Spanien aufdecken will. In den 1940er Jahren wiederum erfahren wir etwas über den Ursprung des Gemäldes – und den folgenschweren Pakt zwischen Hitler und Franco. Für alle Zeitebenen gilt: Zeitgeschichte, Politik und zeitgenössische Kunst spielen hier eine ebenso große Rolle wie der Fall des verschwundenen Gemäldes; Historisches wird stimmig mit Fiktivem verknüpft. Die Verzahnung der einzelnen Zeitebenen ist klug durchdacht und komponiert: Man ist – durch den Wechsel der Zeitebenen – Lomberg permanent einen kleinen Schritt voraus, dennoch entstehen immer wieder schöne „Aha“-Momente. Durch die verschiedenen Perspektiven, Zeitebenen und Handlungsorte ist „Die Akte Madrid“ ein inhaltlich abwechslungsreicher Krimi mit einem angenehmen Tempo. Die Handlung selbst changiert zwischen klassischem Kriminalroman und Agententhriller. Der Schreibstil von Andreas Storm, der mit einer feinen Ironie auftrumpft, lässt sich angenehm und flüssig lesen. Insgesamt ist „Die Akte Madrid“ ein spannender, schön komponierter Kriminalroman, der sich ungezwungen dem Thema der zeitgenössischen Kunst widmet.

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Veröffentlicht am 29.09.2023

Ein fesselnder Thriller

ANGST
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Inhalt: Viktor scheint zwar ganz nett zu sein, ist aber insgesamt nicht Mias Typ. Daher steht auch für Mia fest: Ihr erstes Date soll ihr letztes bleiben. Doch Viktor sieht das ganz anders. Er lässt Mia ...

Inhalt: Viktor scheint zwar ganz nett zu sein, ist aber insgesamt nicht Mias Typ. Daher steht auch für Mia fest: Ihr erstes Date soll ihr letztes bleiben. Doch Viktor sieht das ganz anders. Er lässt Mia nicht in Ruhe; findet immer wieder Gründe, Mia zu kontaktieren und sie in ihrer Wohnung aufzusuchen. Was anfänglich eher „nur“ nervig ist, steigert sich schrittweise in einen handfesten Fall von Stalking – bis es zu einem tödlichen Zwischenfall kommt…

Persönlich Meinung: „Angst“ ist ein Psychothriller von Ivar Leon Menger. Erzählt wird die Handlung aus unterschiedlichen Perspektiven: So findet sich einerseits die Ich-Perspektive Mias, die zugleich den Haupthandlungsstrang bildet, andererseits eine aus personaler Sicht erzählte Perspektive, deren Sprecher (zunächst) offenbleibt. Inhaltlich dreht sich „Angst“ – wie der Inhaltsteaser schon nahelegt – um einen Stalkingfall. Dieser wird mit seiner schrittweisen Eskalation – von vermeintlichen Harmlosigkeiten zu massiven Grenzüberschreitungen – authentisch dargestellt. Sehr gut hat mir auch die Zeichnung von Mia gefallen: Diese wird mit all ihren Ängsten und Sorgen, die sie in Bezug auf Viktor hat, lebendig charakterisiert, sodass man unweigerlich mit ihr fiebert und fühlt. Die Handlung selbst ist – durch die größeren und kleineren Fragezeichen, die sich während der Lektüre bilden – durchweg fesselnd und spannend. Auch ist das Ineinandergreifen der verschiedenen Erzählstränge klug durchdacht. Den großen Twist am Ende des Thrillers kann man zwar erahnen, allerdings nicht in seiner vollen Gänze, sodass er eine*n beim Lesen trotzdem kalt erwischt. Der Schreibstil von Ivar Leon Menger ist ungemein anschaulich, dabei zugleich sehr flüssig zu lesen, sodass man nur so durch die 400 Seiten des Thrillers fliegt. Insgesamt ist „Angst“ ein schön komponierter, fesselnder Thriller mit einer lebendigen Protagonistin.

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Veröffentlicht am 17.09.2023

Ein schöner Coming of Age-Roman mit klugen Überlegung über das Leben

Der letzte Sommertag
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Inhalt: Nach 30 Jahren kehrt Niels das erste Mal in sein Heimatdorf zurück. Der Grund: kein freudiger. Niels Vater, mit dem er Jahre nur sporadisch Kontakt hatte, ist gestorben. In einer Gefühlslage, die ...

Inhalt: Nach 30 Jahren kehrt Niels das erste Mal in sein Heimatdorf zurück. Der Grund: kein freudiger. Niels Vater, mit dem er Jahre nur sporadisch Kontakt hatte, ist gestorben. In einer Gefühlslage, die irgendwo zwischen einer diffusen Trauer und einem Räsonieren über verpasste Gelegenheiten flimmert, muss Niels sich um die Beerdigung und die Auflösung des Hausstandes kümmern – und reist dabei ganz unvermittelt in das Jahr 1990, als für ihn noch alles möglich schien.

Persönliche Meinung: „Der letzte Sommertag“ ist ein Coming of Age-Roman von Marc Hofmann. Erzählt wird die Handlung aus der personalen Perspektive von Niels, wechselweise auf zwei Zeitebenen. Die (chronologisch) erste Zeitebene spielt im Frühjahr/Sommer 1990. In diesem Handlungsstrang begleiten wir Niels mit seinen beiden besten Freunden Ralf und Volker, die 1990 ihren ganz persönlichen Sommer erleben. Die (erste) Liebe spielt dabei eine genau so große Rolle wie (beste) Freundschaften und das (nicht zwangsläufig unbeschwerte) Familienleben. Diese Themen finden sich auch im „Heute“-Handlungsstrang – nur unter anderen Vorzeichen: Niels, Volker und Ralf treffen sich dreißig Jahre nach dem Sommer 1990 in ihrem Heimatdorf Feldhausen wieder. Es ist nun nicht mehr die erste Liebe – sondern zweite oder dritte –, über die gesprochen wird; man ist selbst in die Rolle der Eltern geschlüpft; das Freundschaftsband ist aber weitgehend so fest wie damals. Das Erinnern an das, was war, sowie das Überlegen und Diskutieren über das, was ist oder sein wird, steht hier im Fokus. Eine große Stärke – sowohl im 1990- als auch im Heute-Strang – ist die intensive Vermittlung starker Gefühle. Hoffnung gesellt sich zu Bedenken, Frohsinn steht Melancholie gegenüber und ein „Alles ist möglich“ paart sich mit einem „Hätte ich doch“ (besonders intensiv wird letzteres in Bezug auf Niels‘ Gedanken über die ausgebliebene Aussprache mit seinem Vater vermittelt). Darüber hinaus durchzieht „Der letzte Sommertag“ eine latente Spannung: Man merkt permanent, dass in „Heute“ etwas verschwiegen wird, was 1990 geschah; ein Geheimnis umwirkt die drei Freunde. Dieses Geheimnis bleibt lange Zeit offen, wird dann aber zuletzt mit einer überraschenden Wendung offenbart. Der Schreibstil von Marc Hofmann ist anschaulich und sensibel, sodass sich „Der letzte Sommertag“ flüssig lesen lässt. Insgesamt ist „Der letzte Sommertag“ ein schöner, gefühlvoller Coming of Age-Roman mit vielen klugen Reflexionen über das Leben.

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Veröffentlicht am 15.09.2023

Ein spannender Kriminalroman mit Urlaubsflair

Sonne über Gudhjem
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Inhalt: Nach einem Burnout möchte es der Kriminalpolizist Lennart Ipsen ruhiger angehen lassen. Daher hat er eine Stelle auf der Urlaubsinsel Bornholm angenommen. Ein Ort, in dem es beschaulich zu geht ...

Inhalt: Nach einem Burnout möchte es der Kriminalpolizist Lennart Ipsen ruhiger angehen lassen. Daher hat er eine Stelle auf der Urlaubsinsel Bornholm angenommen. Ein Ort, in dem es beschaulich zu geht – eigentlich. Denn: Kurz nach Ipsens Ankunft wird die Leiche des lokalen Schweinebauers Kristensen aufgefunden – in dessen eigener Räucherkammer. Schnell wird klar: Kristensen war nicht besonders beliebt auf der Insel, lag mit fielen Leuten im Clinch, wodurch Ipsens Ermittlungen nicht unbedingt erleichtert werden…

Persönliche Meinung: „Sonne über Gudhjem“ ist ein Kriminalroman von Michael Kobr. Erzählt wird die Handlung aus der personalen Perspektive von Lennart Ipsen. Ipsen, der sich gerade von einem Burnout erholt hat, wird mit seinen Gefühlen und Gedanken authentisch und lebendig dargestellt: Permanent reflektiert er, wie er eine für sich geeignete Work-Life-Balance hinbekommt, wobei ihm das Erreichen dieser Balance mal besser, mal schlechter gelingt. Die Handlung selbst besitzt eine schöne Spannungskurve. Dies liegt einerseits daran, dass der Fall einige rätselhafte Momente aufweist, die man (zunächst) nicht genau einschätzen kann. Daneben werden – durch die vielen potentiellen Verdächtigen – mehrere falsche Fährten gelegt, die die Undurchsichtigkeit der Handlung erhöhen. Die Auflösung des Mordfalls hat mir ebenfalls sehr gut gefallen. Ohne zu viel verraten zu wollen: Sie ist komplexer und hintergründiger, als es zunächst den Anschein hat. Neben dem eigentlichen Fall spielt auch das Leben auf Bornholm eine große Rolle innerhalb von „Sonne über Gudhjem“. Dabei werden besonders der eher gelassene Lebensstil der Bornholmer sowie die Natur der Insel atmosphärisch dicht beschrieben. Auch das Zunehmen des Tourismus auf Bornholm wird thematisiert, wobei Kobr die Schattenseiten der Touristik für die Insel nicht verschweigt. Der Schreibstil von Michael Kobr ist angenehm und sehr flüssig zu lesen, sodass man wirklich durch den Roman fliegt. Insgesamt ist „Sonne über Gudhjem“ ein spannender Kriminalroman, in dem – trotz des Mordes – ein schöner Urlaubsflair aufkommt.

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