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Veröffentlicht am 27.10.2018

Streiflichter einer stillen Nacht im Rotlichtviertel

Die Nacht der Vergessenen
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Seit vier Jahren besucht Niki die Vergessenen, Menschen in Zürichs Rotlichtmilieu. Auch Heiligabend macht sie sich auf den Weg, obwohl ihr Mann den Abend lieber mit ihr verbringen würde. Dabei ist sie ...

Seit vier Jahren besucht Niki die Vergessenen, Menschen in Zürichs Rotlichtmilieu. Auch Heiligabend macht sie sich auf den Weg, obwohl ihr Mann den Abend lieber mit ihr verbringen würde. Dabei ist sie sehr entmutigt. Am Anfang konnten sie und die anderen Helferinnen einigen Frauen helfen ein neues Leben anzufangen, aber in letzter Zeit verändert sich nichts. Türen bleiben verschlossen, und Frauen nehmen das Angebot eines Tickets in die Heimat nicht an. Erst langsam beginnt Niki diese Welt zu verstehen, und allmählich erkennt sie, dass ein Ausstieg nicht so einfach ist.

Die Szene wechselt. Mia möchte so gerne einmal ans Meer, aber trotz harter Arbeit wird sie lange nicht ihre Schulden bei ihrem Zuhälter abbezahlen können. Dabei muss sie fast alle ihre Einkünfte für ihre laufenden Kosten abgeben. Virva hat ein hartes Leben für ein noch härteres Leben aufgegeben. Dabei hatte sie so große Hoffnungen, als sie ihr Heimatland verließ, um bei ihrem Freund in der Schweiz zu wohnen. Aber als die Freundschaft zerbrach, musste sie einen Weg finden, finanziell für sich und ihre Familie in der Heimat zu sorgen.

Nach erfolgloser Arbeitssuche fand Mata schließlich eine Stelle, als Hausmutter einer kleinen Gruppe von Prostituierten. Auch wenn sie manchmal dafür an ihren Zuhälter gerät, ist es ihr ein Anliegen diesen Frauen ein würdigeres Dasein zu ermöglichen. Dafür hat aber ihre Tochter den Kontakt mit ihr abgebrochen. Dabei schmerzt sie vor allem, dass sie ihr Enkelkind nicht sehen kann.

Patrick ist erst 26, aber er hat nach dem Selbstmord seines Bruders ein Leben auf der Straße gewählt. Er wird von den Passanten übersehen, aber zum Glück tröstet sein Hund ihn über seine Einsamkeit hinweg. Peter, ein Frührentner, lebt für seine Besuche in Matas Freudenhaus, aber als er sie im Bus sieht, wendet er sich schnell ab.

In leisen Tönen erlebt der Leser diese ruhige Weihnachtsnacht an der Seite Nikis; ihre Mutlosigkeit, aber auch ihre Freude als sich die Tür zu einer Gruppe fröhlicher Frauen endlich öffnet. Die Zeitsprünge im ersten Kapitel sind ein bisschen verwirrend, aber das bessert sich mit den weiteren Geschichten. Durch den Perspektivenwechsel erkennt der Leser außerdem, dass Nikis Einsatz viel Positives auslöst, auch wenn sie es selbst oft nicht bemerkt. Im Laufe der Zeit hat sich ihre Einstellung gegenüber den Menschen in dieser Straße geändert. Sie versteht inzwischen, dass sie ihnen nicht ihre Meinung aufdrängen kann, und sie beginnt eine barmherzigere Sicht ihrer Situation zu haben.

Fazit: Eine ruhige und besinnliche Erzählung über ein ungewöhnliches Thema zur Weihnachtszeit, das die Augen des Lesers für die unterschiedlichsten Menschen in diesem Milieu öffnet.

Veröffentlicht am 21.10.2018

Streitschrift über Millenniumstheorien

Streitfall Millennium
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Das Wort Millennium bezieht sich auf das sogenannte „Tausendjährige Reich“, ein Thema, das sehr unterschiedlich gesehen wird. Dabei steht in der Bibel nur sehr wenig über diese tausend Jahre. Offenbarung ...

Das Wort Millennium bezieht sich auf das sogenannte „Tausendjährige Reich“, ein Thema, das sehr unterschiedlich gesehen wird. Dabei steht in der Bibel nur sehr wenig über diese tausend Jahre. Offenbarung 20 spricht von einem Zeitraum von tausend Jahren, in denen Satan gebunden ist und Märtyrer mit Christus herrschen.

Es gibt verschiedenen Theorien darüber, wann und wie dieser tausendjährige Zeitraum stattfinden wird, und ob es sich überhaupt um tatsächliche tausend Jahre handelt. Während einige meinen dieser Zeitraum beschreibt den zunehmenden Sieg der Gemeinde in dieser Welt, also dem Reich Gottes auf Erden, und andere meinen, dieses Reich findet in der Zukunft statt, setzen Vertreter des Amillennialismus den Zeitpunkt dieses Reiches zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Christi an, also in unserer gegenwärtigen Zeit, sie erwarten jedoch nicht einen politischen Sieg der Christen.

Kim Riddlebarger legt ein breites Fundament für seine Ansicht. Er beschäftigt sich in diesem Buch mit vielen Fragen rund um den Themenbereich Millennium, z.B. wie ist das Reich Gottes zu verstehen, welche Rolle spielt Israel in der Endzeit, und wird es ein Reich Gottes auf Erden geben? Danach untersucht er die wichtigsten Bibelstellen über die Endzeit; die Ölbergrede, Daniels Prophetien und Offenbarung 20, und außerdem Römer 11, in der es um die Stellung Israels geht. In einer Zusammenfassung betont er noch einmal, dass man bei einer gewissenhaften Bibelauslegung zu der Sicht des Amillennialismus kommen muss.

Dafür, dass der Inhalt dieses Buchs teilweise sehr schwierig ist und viele theologische Fachbegriffe verwendet werden, ist das Buch im Großen und Ganzen verständlich geschrieben. Es ist sehr hilfreich, dass der Autor zuerst wichtige Begriffe und Konzepte erklärt, bevor er die entsprechenden Bibelstellen auslegt. Er ist von diesem Thema persönlich betroffen, da er zuerst an andere Modelle über die Endzeit geglaubt hat, bis er überzeugter Amillennialist wurde. Wie der Titel schon sagt, ist dieses Buch ist erster Line eine Streitschrift, was schade und beim Lesen manchmal etwas ermüdend ist. Anstatt nur die Argumente für seine Position darzulegen, wendet er sich immer wieder gegen die anderen Ansichten, und wiederholt sich dabei.

Fazit: Dieses Buch eignet sich vor allem für Amillennialisten, die Argumente suchen, um ihre Position gegenüber anderen Positionen zu behaupten. Flüssig geschrieben, und teilweise gut begründet, wäre es von größerem allgemeinem Interesse, wenn der Schwerpunkt nicht auf einer Verteidigung des Amillennialismus liegen würde, sondern einfach auf die Auslegung der wichtigsten biblischen Gedanken und Texte.

Veröffentlicht am 15.10.2018

Der Preis des Widerstands

Das Kind aus dem versteckten Dorf
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Mentje ist ein zehnjähriges Mädchen, das in Holland lebt. Da ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben ist, lebt sie alleine mit ihrem Vater. An einem schönen Sommertag arbeitet sie mit ihrem Vater auf einem ...

Mentje ist ein zehnjähriges Mädchen, das in Holland lebt. Da ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben ist, lebt sie alleine mit ihrem Vater. An einem schönen Sommertag arbeitet sie mit ihrem Vater auf einem Feld. Etwas rührt sich an ihrem nahegelegenen Haus. Ihr Vater geht zum Haus und ruft ihr zu, sie soll sich verstecken, bis er zurückkommt. Aber er kommt nicht zurück.

Die kleine Mentje weiß nicht, was sie tun soll. Abends kehrt sie vorsichtig zum Haus zurück, aber ihr Vater ist nirgends zu finden. Am nächsten Morgen stellt sie fest, dass auch die jüdische Familie, die ihr Vater versteckt hatte, nicht mehr da ist. Mentje befürchtet, dass jemand sie verraten hat.

Durch die dunkle Nacht sucht sie den Weg zu einem Bekannten ihres Vaters, von dem sie sicher ist, dass sie ihm vertrauen kann. Dieser Mann bringt sie zu einem Versteck im Wald, in dem in mehreren Hütten Menschen untergetaucht sind. Mentje bleibt etwa ein Jahr in diesem versteckten Dorf, das vor allem Juden beherbergt. Obwohl sie ihren Vater schmerzlich vermisst, wird dieses teilweise unterirdische Dorf bald ihr neues Zuhause. Da aber dieses Versteck zu unsicher ist, muss Mentje in den letzten Kriegsmonaten zu ihrer Tante nach Arnheim. Dort wartet jeder Bewohner sehnsüchtig auf die Befreiung durch die Alliierten, aber zuerst wird die Stadt noch heftig umkämpft.

Mentje und ihr Cousin finden zwei verletzte Fallschirmjäger. Obwohl jeder, der den alliierten Soldaten hilft, hingerichtet werden kann, kümmern sie sich um die Beiden und freunden sich mit ihnen an. Eines der Fallschirmjäger kommt aus Südafrika, und neben Mentjes Geschichte, verfolgt der Leser auch seine Erlebnisse in der Armee und später in seiner Heimat.

Mentje ist ein mutiges Mädchen, das viel zu früh selbstständig werden muss. Ihr Vater erzog sie liebevoll, gab ihr viel Geborgenheit, und lebte ihr den Glauben vor, wie diese Stelle zeigt: „Nach dem Lesen hat er das Buch auf den Tisch neben seinen Stuhl gelegt und ihr noch mehr vom Herrn erzählt, denn er kannte ihn sehr gut. So hat sie ihn auch kennengelernt: eng an ihren Vater gelehnt, den groben Stoff seiner Jacke an ihrer Wange, das Klopfen seines Herzens unter ihrem Ohr, seine große Hand um ihren Kopf, seine schwieligen Bauernfinger, die ihre Wange gestreichelt haben.“ In schweren Zeiten kann Mentje von diesen Erfahrungen zehren, auch wenn sie zeitweise so enttäuscht ist, dass sie sich von Gott entfernt. Es fällt ihr sehr schwer sich in einer neuen Umgebung einzugewöhnen, und doch wird das von diesem jungen Opfer des Kriegs immer wieder verlangt.

Diese Geschichte beruht auf wahre Begebenheiten. Das versteckte Dorf im Wald hat ebenso existiert, wie die vielen Widerstandskämpfer, die mutig ihr Leben riskierten, um andere zu retten. Mentjes Vater musste, wie viele andere, einen hohen Preis dafür zahlen, dass er sich für Verfolgte einsetzte.

Trotz der vielen aufwühlenden Erlebnisse, die Mentje durchlebt, ist der Ton dieses Buchs ruhig. Der Leser verfolgt Mentjes Entwicklung, von einer ängstlichen Neunjährigen zu einem selbstbewussten, starken Teenager. Sie lernt, wie sie ihre Angst überwinden kann, und sie setzt schließlich selbst ihr Leben ein, um andere zu retten. Trotzdem ist sie ein ganz normales Mädchen, das manchmal trotzig und aufmüpfig ist, und immer wieder wütend und voller Kummer.

Fazit: Durch die Augen eines jungen Mädchens, erlebt der Leser die schrecklichen letzten Kriegsjahre. Diese spannende Geschichte ist sehr gut recherchiert, und der Leser erfährt interessante Fakten über den niederländischen Widerstand im Dritten Reich. Sehr empfehlenswert!

Veröffentlicht am 10.10.2018

Wer hätte das gedacht?

War ja nur so 'ne Idee ...
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In kurzen Beiträgen, enthält dieses Buch sehr viele interessante und wissenswerte Erklärungen zu den Dingen und Bräuchen unseres Alltags.

Von A bis Z, gibt es etwa 300 Stichwörter, die kurz erklärt werden. ...

In kurzen Beiträgen, enthält dieses Buch sehr viele interessante und wissenswerte Erklärungen zu den Dingen und Bräuchen unseres Alltags.

Von A bis Z, gibt es etwa 300 Stichwörter, die kurz erklärt werden. Die Erklärungen sind kurz gehalten, meistens zwischen einen Absatz und eine Seite. Ob es um Lebensmittel geht, wie die Currywurst oder Döner, um Technisches, wie die Computermaus oder WLAN, erfolgreiche Geschäftsideeen wie Airbnb oder Uber, oder Modetrends, wie Beanies oder XXL-Sonnenbrillen, die Beiträge sind durch ihre Vielfalt interessant.

Fazit: Ein unterhaltsames Buch, das man immer wieder mal gerne zur Hand nimmt!

Veröffentlicht am 10.10.2018

Trotz allem

Schattenkind
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Philipp Gurt wird 1968 als siebtes von acht Kindern geboren. Schon vor seiner Geburt in der Schweiz ist seine Familie, die von Zigeunern abstammt, den Ämtern bekannt. „Wäre es nach den Behörden von damals ...

Philipp Gurt wird 1968 als siebtes von acht Kindern geboren. Schon vor seiner Geburt in der Schweiz ist seine Familie, die von Zigeunern abstammt, den Ämtern bekannt. „Wäre es nach den Behörden von damals gegangen, gäbe es überhaupt keine Familie Gurt-Mehli. Aufgrund der Erbanlagen meiner Eltern, sprich des Stammbaumes, wollten sie keine Genträger von ihnen in dieser Welt haben. Deshalb drängten die Behörden im November 1955 meinen damals erst 25-jährigen Papa zur Sterilisation. Aus eugenischen Gründen, wie es hieß!“

Nur wenige Jahre nach Philipps Geburt verlässt die Mutter die Familie. Obwohl er es versucht, kann der Vater die Familie nicht zusammenhalten. Der vierjährige Philipp kommt in ein Kinderheim, zunächst ohne seine Geschwister, die an verschiedenen Orten untergebracht werden. Der kleine Junge vermisst seine Familie sehr, und er kann sich nur schwer ins Alltagsleben des Heims einfinden.

Im Laufe der Jahre wird er in verschiedene Heime und Pflegefamilien untergebracht. Bei einigen Familien kann er Wochenenden oder Ferien verbringen, was er sehr genießt. Er leidet sehr darunter ein Heimkind zu sein. Aber nicht nur das, er wird immer wieder sexuell missbraucht, sowohl von männlichen als auch von weiblichen Betreuungspersonen. Der kleine Junge kann das schreckliche Verhalten der Erzieher nicht einordnen, und es verletzt ihn zutiefst.

Als Jugendlicher bricht er aus. Er kann das Heimleben nicht mehr ertragen, und er spürt eine unablässige Unruhe in sich. Er ist andauernd auf der Flucht, da er nicht mehr in Heimen leben will. Immer wieder sucht er die Nähe zu seinem Vater, der aber mittlerweile Alkoholiker ist. Er ist froh, als er seine Jahre im System „abgesessen“ hat, und endlich frei ist da zu leben, wo er will.

Dieses Buch war längere Zeit in der Schweiz ein Bestseller. Es ist erschreckend welche Nachteile der Autor wegen seiner Abstammung erleiden musste. Er berichtet meistens relativ nüchtern über die Ereignisse, lässt aber den Leser stets an seiner Gefühlswelt teilnehmen. An manchen Stellen ist der Bericht vielleicht zu ausführlich, und die Spannung beim Lesen lässt nach.

Die Erzählung wird mit passenden Bildern und Dokumenten ergänzt. Als Erwachsener sucht der Autor das Gespräch mit den damaligen Tätern, auch davon berichtet er. Es ist ihm ein Anliegen das Geschehene zur Sprache zu bringen und aufzuarbeiten, auch wenn andere ihn am liebsten zum Schweigen bringen würden.

Fazit: Ein mutiger und ehrlicher Bericht über das Aufwachsen in Institutionen, dem Erleiden von Missbrauch, und der Suche nach Identität.