Profilbild von sursulapitschi

sursulapitschi

Lesejury Star
offline

sursulapitschi ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit sursulapitschi über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.02.2025

Traurig schön, mit leisem Humor

Bevor die Welt erwacht
0

„Bevor die Welt erwacht“ ist ein grauenhaft nichtssagender Titel für ein wirklich berührendes Buch. Im Original heißt es „The One-in-a-Million Boy“ und das ist ungleich passender.

Um ihn geht es hier, ...

„Bevor die Welt erwacht“ ist ein grauenhaft nichtssagender Titel für ein wirklich berührendes Buch. Im Original heißt es „The One-in-a-Million Boy“ und das ist ungleich passender.

Um ihn geht es hier, den Jungen, der erst 11 Jahre alt war, als er starb. Er war besonders, beobachtete genau, katalogisierte gerne Dinge, stellte Fragen, die sonst keiner stellte und befremdete damit viele. Auch Quinn, sein Vater, konnte keinen Draht zu ihm finden und bereut das bitter. Quinn hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Pfadfinderjob seines Sohnes zu Ende zu bringen. Noch sieben Samstage will er Ona Vitkus besuchen, die 104 Jahre alt ist und Hilfe braucht. Ona ist auch sehr speziell, aber zwischen ihr und dem Jungen hatte sich eine ganz ungewöhnliche Freundschaft entwickelt. Sie verstanden einander. Durch Ona lernt Quinn seinen Sohn endlich kennen. Zu spät.

Eigentlich klingt das wie ein Strickmuster für ein Buch, das mutwillig die Tränendrüse bedienen will. Ich war ein wenig skeptisch, wurde aber sehr schnell gefangen genommen von dieser Geschichte und dem brillanten Erzählstil, der plastisch ist, voller sprechender Bilder, der aber ohne große Wortakrobatik auskommt und zutiefst beeindruckt .
„Sie betrachtete ihn gereizt, ihr Gesicht ein verschrumpelter Apfel, dem alle Farbe fehlte, bis auf die kleinen beunruhigenden Augen, die wie Kerne leuchteten.“

Immer wieder wird die Handlung unterbrochen durch Tonbandaufzeichnungen, in denen „der Junge“ Ona für ein Schulprojekt über ihr Leben befragt hat. So liefert Ona einen köstlich komischen Monolog, während man staunend ihre spannende Geschichte erfährt. Sie hat viel erlebt.
Nach und nach erfährt man mehr über diese Menschen, die vor Trauer betäubt sind, dann aber doch ins Leben zurückfinden, sich neu orientieren und Trost finden in einigen Ideen, die dieser wunderbare Junge hatte. Und auch wenn hier Trauer aus jeder Zeile spricht, amüsiert man sich beim Lesen, obwohl es eigentlich um tiefste Verzweiflung geht. Ich musste immer wieder Lesepausen einlegen, manchmal hält man es kaum aus. Dabei passiert gar nichts Schreckliches, hier steckt das Drama dezent zwischen den Zeilen und trifft dadurch umso mehr.

Dieses Buch ist sehr vielschichtig. Neben einer tragischen Familiengeschichte berührt es auch das Thema Freundschaft, zeigt was es heißt, alt zu sein, macht Mut über den Tellerrand zu schauen und vielleicht mal andere Wege zu beschreiten.
Mich hat es sehr beeindruckt. Es ist traurig schön, mit leisem Humor.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2025

Furios, spannend, humorvoll und wunderbar erzählt

Der Turm der Welt
0

„Zündung in 59 Stunden, 51 Minuten“, so fängt es an. Der Countdown läuft. Was dann passiert, weiß man nicht genau, aber eins steht fest: Über der sagenhaften Weltausstellung in Paris 1889 liegt ein bedrohlicher ...

„Zündung in 59 Stunden, 51 Minuten“, so fängt es an. Der Countdown läuft. Was dann passiert, weiß man nicht genau, aber eins steht fest: Über der sagenhaften Weltausstellung in Paris 1889 liegt ein bedrohlicher Schatten. Zwei Agenten des Deuxième Bureau wurden brutal ermordet aufgefunden, während die Berneau´sche Uhr in der Galerie des Machines fünf vor Zwölf anzeigt. In 59 Stunden und 51 Minuten endet die Exposition Universelle.

Und wenn man auch auf den ersten Seiten des Buches meint, einen historischen Thriller der finsteren Sorte zu lesen, findet man sich schon bald auf dem Landsitz der Vicomtesse de Rocquefort, die Tee schlürft, Intrigen spinnt und das Töchterlein verschachert. In London ist ein tapferer Polizist dem Ripper auf den Fersen, in Paris bemüht sich ein talentierter Fotograf um die Gunst einer berühmten Kurtisane und am Montmartre holt man eine Legende aus dem Absinthrausch.

Man ist verwirrt, fasziniert und hat fast das Gefühl, drei-vier Bücher gleichzeitig zu lesen. In kurzen Kapiteln wechseln hier Handlungsstränge quer durch die gesellschaftlichen Schichten, wobei jede Figur liebevoll eingeführt wird und ganz eigene Sorgen hat. Ob es um das Zimmermädchen Charlotte oder Eddy, den englischen Vize-Thronfolger geht, jeder trägt hier ein Stückchen bei und man verfolgt sein Schicksal gebannt. Und obwohl man sich zunächst kaum vorstellen kann, was diese Geschichten wohl miteinander zu tun haben könnten, sieht man nach und nach Verbindungslinien, von denen jede absolut unerwartet kommt.

Mit viel Humor und einem wunderbar eigenen Schreibstil legt Benjamin Monferat hier ein Werk vor, was man nicht einordnen kann. Er verknüpft kunstvoll Historie und Fiktion zu einem glaubhaften und atmosphärischen Setting. Man sieht sie vor sich, diese vielfältige pariser Gesellschaft, erlebt staunend das Ende der großen Ausstellung und zweifelt nicht an der Existenz des Königreichs Carpathien. Gleichzeitig schlittert man knapp am vorzeitigen ersten Weltkrieg vorbei. Engländer, Deutsche und Franzosen misstrauen sich zutiefst. Und dann ist da noch der Mordfall, der immer mysteriöser wird und zu einer globalen Katastrophe ausufern könnte. Unglaublich spannend.

Eigentlich hat er ein neues Genre erfunden, nur der Name fehlt noch. Historien-Thriller? Spionage-Landhaus-Agenten-Gesellschaftsroman mit Familiengeheimnis und Hochspannung? Egal, wie wir es nennen. Es ist ein großartiges Buch, das man lesen muss, furios, spannend, humorvoll und wunderbar erzählt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2025

Brutal ehrlich und absonderlich poetisch

Hool
0

Offensichtlich existiert eine bizarre Parallelwelt, in Hannover, quasi vor meiner Haustür, von der man mal gehört hat und die man, mit dem Stempel „Radaubrüder“ versehen, in die Schublade gestopft hat. ...

Offensichtlich existiert eine bizarre Parallelwelt, in Hannover, quasi vor meiner Haustür, von der man mal gehört hat und die man, mit dem Stempel „Radaubrüder“ versehen, in die Schublade gestopft hat. Dabei scheint es nicht gar so trivial zu sein.

Es gibt die Natzen, die Ultras, die Angels und die Hools, straff organisierte Gemeinschaften von harten Jungs, die zusammenhalten, zusammen trinken, abhängen und zusammen in den Kampf ziehen für die Ehre, für Hannover und vor allem für ihr Fußballteam, die Roten, Hannover 96. Und auch wenn ihre Aktionen chaotisch wirken und unberechenbar sind, unterliegen sie einem streng hierarchischen System bestimmt von Traditionen.
Philipp Winkler erzählt die Geschichte von Heiko Kolbe, einem Hool der dritten Generation, der zusehen muss, wie seine Mannschaft langsam auseinanderfällt.

Anfangs ist man höchst erstaunt, wenn man hineingeworfen wird, in diese Welt, die so nah ist und doch so befremdlich. Es ist ungewohnt, anders, brutal, blutig, aber auch faszinierend und zeigt diese „Rowdys“ in einem ganz anderen Licht. Sie sind wütend und gewaltbereit, aber sie haben tiefe Gefühle, ausgeprägtes Ehrgefühl und sind widerspruchslos loyal. In Rückblenden erfährt man Heikos Lebensgeschichte, er hat schon einiges mitmachen müssen, aber er gibt nicht auf und hält fest an dem, was er hat, seinen Jungs und seiner Mannschaft.

„Neben mir johlt die Bierkastentruppe noch immer ihre dämlichen Jubelgesänge. Sonst ist niemand zu sehen. Niemand, dem ich mit Anlauf ins Gesicht springen kann. Niemand, dem ich meine pochenden Fäuste in die Fresse jagen kann. Niemand, an dessen Zähnen ich mir die Finger aufschneiden kann, nur um weiterzuschlagen, bis sie sich von den Wurzeln und aus dem Zahnfleisch lösen. Und niemand, auf den ich weiter einschlagen könnte, bis er an den eigenen Zähnen erstickt. Stattdessen klopft mir der Regen auf die Schultern und die Schädeldecke und hämmert mir die Wut in jede einzelne Faser meines Körpers.“

Dieses Buch ist auf ganz eigene Art anders als alles was ich je gelesen habe. Es erzählt schonungslos und unsentimental eine Geschichte, die fesselt und die Augen öffnet über Menschen am Rande der Gesellschaft, die kein Außenstehender versteht, in einer Sprache, die authentisch ist, eine absonderliche Poesie besitzt und umso tiefer trifft.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.02.2025

Hält nicht, was die Werbung versprach

Alle sind so ernst geworden
0

Das Beste an diesem Buch war die originelle Werbekampagne. Das Buch selbst ist ein Dialog. Zwei Autoren mit Esprit und Humor unterhalten sich, verströmen Esprit und Humor und beweisen, dass auch geniale ...

Das Beste an diesem Buch war die originelle Werbekampagne. Das Buch selbst ist ein Dialog. Zwei Autoren mit Esprit und Humor unterhalten sich, verströmen Esprit und Humor und beweisen, dass auch geniale Autoren nicht einfach so Geniales aus dem Ärmel schütteln.

Es ist ganz nett, wenn sich zwei kluge, originelle Herren über Banalitäten unterhalten und auch aus einfachsten Dingen Philosophisches ableiten, nur möchte ich dann am Ende entweder eine Pointe oder eine Moral von der Geschicht. Diese zwei Herren plappern und erwarten, dass das reicht, die Menschheit zu unterhalten, dabei weiß die Menschheit, sie hätten uns mehr zu sagen, ach täten sie es doch.

Dabei glänzt Herr Suter noch gelegentlich mit Ironie, während Herrn von Stuckrad-Barres Versuche, gleichzeitig witzig und gescheit zu sein, in nahezu dramatischer Weise scheitern. Am Ende wäre mir ein Monolog fast lieber gewesen.

Also: ein schlechtes Buch und in Verbindung mit der aufgeblasenen Werbekampagne eine Frechheit.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.02.2025

Eine Art Kurzgeschichtensammlung zum Thema Schuld und Sühne

Dunkle Momente
0

Was bewegt Strafverteidiger? Warum ist es wichtig, sich für Menschen einzusetzen, die eines Verbrechens angeklagt werden? Und wann ist ein Verbrechen überhaupt unverzeihlich? Hat nicht auch jeder Angeklagte ...

Was bewegt Strafverteidiger? Warum ist es wichtig, sich für Menschen einzusetzen, die eines Verbrechens angeklagt werden? Und wann ist ein Verbrechen überhaupt unverzeihlich? Hat nicht auch jeder Angeklagte eine ganz eigene Geschichte, die sein Handeln erklärt?

Das versucht uns hier Eva Herbergen zu vermitteln. Sie ist Strafverteidigerin und erzählt aus ihrem Leben und von ihrer Arbeit. Sie breitet ganz unterschiedliche Fälle aus, die sie an ihre Grenzen gebracht haben. Es wirkt ein bisschen wie eine Kurzgeschichtensammlung zum Thema "Schuld und Sühne".

Als Anwalt jongliert man ständig mit der Wahrheit, den Interessen des Mandanten und dem eigenen Empfinden von Recht und Moral. Manchmal sind die Grenzen zwischen diesen Punkten auch fließend, manchmal lässt man Gnade vor Recht ergehen und manchmal irrt man sich auch einfach. Eine Staatsanwältin kann die Wahrheit auch formen, spielt oft Schicksal und trägt damit eine irre Verantwortung.

Dieser Roman wirkt wie ein Tatsachenbericht. Die Sprache klingt höchst authentisch nach Juristenjargon, ein bisschen trocken, analytisch, korrekt aber auch anteilnehmend. Es kommt einem alles echt vor, die Fälle, die vorgestellt werden, die Mandanten aber auch Eva selbst, die oft mit der Rolle ringt, die sie einnehmen muss.

Das unterstreicht die Sprecherin des Hörbuchs, Nina Kunzendorf, noch einmal. Sie liest mit einem wunderbar spröden Charme, der perfekt zu Eva Herbergen passt 9 Stunden und 11 Minuten lang.

Es ist ein hoch interessantes Buch, das ethische Grenzen auslotet, berührend, nachdenklich unterhaltsam, spannend, und auch informativ.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere