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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.11.2022

Nicht mehr als kurzweilige Unterhaltung

In den Wäldern der Biber
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Dieses Buch gehört zu der Art von Romanen, die sich leicht aus Kurzweil zwischendurch lesen lassen, die aber auch keinen besonderen Eindruck hinterlassen.
Viel Handlung gibt es nicht in der Geschichte. ...

Dieses Buch gehört zu der Art von Romanen, die sich leicht aus Kurzweil zwischendurch lesen lassen, die aber auch keinen besonderen Eindruck hinterlassen.
Viel Handlung gibt es nicht in der Geschichte. Die 30jährige Protagonistin Alina flüchtet nach ihrem Beziehungsaus zu ihrem Großvater aufs Dorf, zu dem 20 Jahre Funkstille herrschte. Der Großvater ist sehr naturverbunden und ehrenamtlich für die regionale Biberbeobachtung tätig. Das gibt dem Buch seinen Titel, wenngleich die Biber eigentlich völlig in den Hintergrund geraten. Umso mehr tut sich Alina hervor. Binnen kürzester Zeit nimmt sie die Sanierung des großväterlichen Hauses in Angriff, verliebt sich stante pede in einen ihr eigentlich nicht mehr erinnerlichen Freund aus Kindheitstagen, mit dem sie auch gleich besiegelt, dass sie keine Kinder haben möchten. Dieser „Neue“ gesteht ihr ebenso unwahrscheinlich, sich in sie schon als 11jähriger verliebt zu haben und verfolgt ein kaum der Realität entsprechendes Leben und Berufsmodell. Dergleichen zu lesen, wirkt auf mich sehr realitätsfern. Deshalb auch nur eine Bewertung im Mittelmaß.

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Veröffentlicht am 19.11.2022

Die verantwortungsvolle Tätigkeit einer Dolmetscherin

Intimitäten
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Dieses Buch hat für mich seinen Reiz darin zu erfahren, wie es am Internationalen Gerichtshof in Den Haag zugeht, der Genozide, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ahndet. Diese Kenntnisse ...

Dieses Buch hat für mich seinen Reiz darin zu erfahren, wie es am Internationalen Gerichtshof in Den Haag zugeht, der Genozide, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ahndet. Diese Kenntnisse vermittelt uns die Ich-Erzählerin, die dort als Dolmetscherin arbeitet und gerade in einem Verfahren gegen einen afrikanischen Präsidenten übersetzt. Das ist eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit, zumal die Wortwahl eines Dolmetschers wichtige Prozesse beeinflussen kann. Daneben können wir einige ihrer Freundschaften und Liebesbeziehungen verfolgen. Die Protagonistin selbst und die Nebenfiguren wirken auf mich nicht sehr sympathisch, sie bleiben recht distanziert. Nüchtern sind auch Sprache und Erzählstil. Das wiederum passt gut zu der speziellen Dolmetschertätigkeit. Auf jeden Fall versteht es die Autorin, ähnlich wie eine Übersetzerin gut mit Worten umzugehen.
Ein kurzes, aber sehr interessantes Buch.

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Veröffentlicht am 12.11.2022

Verschachtelte Geschichte

Phlox
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Dieses Buch ist schon sehr anspruchsvoll, nicht so sehr in Bezug auf seinen Umfang (fast 480 Seiten) als vielmehr was die formale Erzählweise anbelangt. Es ist einfach sagenhaft, was der Autor an Informationen ...

Dieses Buch ist schon sehr anspruchsvoll, nicht so sehr in Bezug auf seinen Umfang (fast 480 Seiten) als vielmehr was die formale Erzählweise anbelangt. Es ist einfach sagenhaft, was der Autor an Informationen in einen einzigen Satz packt, der dadurch sehr verschachtelt wird. Solche Schachtelsätze reihen sich endlos aneinander. Oft füllt nur ein Satz eine Seite. Zum Problem wird dann, wo sich zwischendurch beim Lesen pausieren lässt. In meinen Augen ist das hohe Erzählkunst. Und noch eine formelle Besonderheit fällt auf – es gibt viele Klammereinschübe, entweder Erläuterungen oder verballhornte Äußerungen/Kindermund der Kinder des Ich-Erzählers. Der Buchtitel passt gut zum Inhalt. Denn die Geschichte entwickelt sich ähnlich vor uns wie die sich weit auffächernde Pflanze Phlox.
Inhaltlich kommt der Erzähler dann vom Hölzchen aufs Stöckchen. Er schildert seine wiederkehrenden Aufenthalte von Kindheit an in einer Art Pension in dem fiktiven Ort Schmogrow direkt an der deutsch-polnischen Grenze im Oderbruch. Die skurrilen Wirtsleute hatten einen Haufen Stammgäste und Angehörige, jeder einzelne mit einer ihm eigenen Historie, die nun geschildert wird. Auf diese Weise erhält der Leser ein umfassendes Bild über die deutsche Geschichte in einem Zeitraum zwischen vor dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Nachwendezeit, wenngleich die Anzahl der Romanfiguren so groß ist, dass sich der Überblick kaum behalten lässt. Das eigene Leben des Erzählers wird längst nicht so offen gelegt. Hier hätte ich mir mehr Informationen gewünscht. Erfolgloser Dichter scheint er zu sein, die Trennung von seiner esoterischen Lebensgefährtin droht, die Zeiten in Schmogrow verklärt er.
Auf jeden Fall kein Nullachtfünfzehnbuch und deshalb sehr interessant.

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Veröffentlicht am 02.11.2022

Ruhige Liebesgeschichte

Die Zeit, die vor uns liegt
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In ruhigem, bedächtigem Erzählstil präsentiert uns die Autorin eine sich anbahnende Liebesgeschichte zweier über 60jähriger. Er ist Witwer und hat den Kontakt zu seinem Sohn verloren, sie lebt schon seit ...

In ruhigem, bedächtigem Erzählstil präsentiert uns die Autorin eine sich anbahnende Liebesgeschichte zweier über 60jähriger. Er ist Witwer und hat den Kontakt zu seinem Sohn verloren, sie lebt schon seit vielen Jahren in einer von Gleichgültigkeit geprägten Ehe. Bei einem gemeinsamen Yoga-Kurs lernen sie sich kennen. Beide wissen, dass sie zunächst ihre Vergangenheit aufräumen müssen, bis sie frei für den anderen sind. Doch das fällt ihnen schwer.
Es wird gut dargestellt, dass ein Neuanfang im Alter nicht unbedingt einfach ist. Gefallen hat mir, dass hier einmal über ein Paar jenseits der Lebensmitte erzählt wird, noch dazu abwechselnd aus der Perspektive eines jeden Partners. Dazu passt der ruhige Grundton der Geschichte.
Nur schade, dass das Buch keinen größeren Umfang hat.

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Veröffentlicht am 31.10.2022

Schonungsloser Rückblick auf die eigene Familiengeschichte

Für euch
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Der Name der bislang mir unbekannten deutsch-türkischen Autorin wird einem ab dem kommenden Jahr sicherlich häufiger im Fernsehen begegnen. Denn dann wird die Journalistin und Rechtsanwältin bundespolitische ...

Der Name der bislang mir unbekannten deutsch-türkischen Autorin wird einem ab dem kommenden Jahr sicherlich häufiger im Fernsehen begegnen. Denn dann wird die Journalistin und Rechtsanwältin bundespolitische Korrespondentin im ARD Hauptstadtstudio sein. Sie hat also den Sprung aus einfachsten familiären Verhältnissen geschafft, was überhaupt nicht selbstverständlich war. Doch so desolat ihre Familienverhältnisse waren, eines haben ihr ihre deutsche Mutter und ihr türkischer Vater von klein auf mitgegeben – man kann alles schaffen, was man will. Auf eben ihr Familienleben blickt die 1976 in Köln geborene Autorin schonungslos und ehrlich zurück. Die lebenslustige Mutter hat bereits zwei gescheiterte Ehen hinter sich, den Kontakt zu daraus hervorgegangenen Kindern verloren, als sie eine Beziehung zu Iris späterem Vater aufnimmt, der, aus gehobenen Verhältnissen in der Türkei stammend, seine Heimat aus politischen Gründen verlassen hat. In Deutschland ist er nie so recht angekommen, fühlt sich hier nicht zugehörig, wird zum notorischen Spieler, der entsprechend viele Schulden anhäuft. Die Mutter bringt die kleine Familie zunächst mit Putzstellen durch, später als Prostituierte, hat zwischendurch Gefängnisstrafen abzusitzen. Alles tut sie immer uneigennützig „für euch“, ihre Familie. Der kleinen Iris lassen ihre Eltern, obwohl Sozialhilfeempfänger, es an nichts fehlen. In ihrer Kindheit sind Vater und Mutter für sie die Helden. Erst auf dem Gymnasium, auf das sie es tatsächlich schafft, trennt sie strikt die häusliche und die schulische Welt. Allmählich beginnt sie sich ihrer Eltern zu schämen, obwohl diese immer noch alles für sie tun. Sie versucht um jeden Preis, Freundschaften zu „besseren“ Kindern/Jugendlichen aufzunehmen und sich ihnen anzupassen und mitzuhalten. Erst im Erwachsenenalter, als die Mutter dem Sterben nahe ist, bekennt sich Iris wieder rückhaltlos zu ihrer Herkunft und kann nunmehr ehrlich von ihrem Werdegang erzählen. Das Buch ist eine liebevolle Hommage an die Mutter und basiert auf der Grabrede, die die Autorin für ihre Mutter gehalten hat. Sehr authentisch wird über das Kölner Milieu erzählt, noch dazu häufig mit typischem Kölner Dialekt in den wörtlichen Reden. Interessant sind die Schilderungen über die unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen. Da Kindheitserinnerungen aufbereitet werden und Iris als Kind natürlich nicht alle Zusammenhänge des Lebens der Erwachsenen verstanden hat, bleibt einiges bruchstückhaft, aber dennoch so vollständig, dass der Leser selbst zutreffende Rückschlüsse auf die Begebenheiten ziehen kann.
Das Buch kann ich unbedingt empfehlen.

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