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Veröffentlicht am 22.10.2025

Die Folgen eines Femizids

Da, wo ich dich sehen kann
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Bekannt war mir die Autorin bislang als Schreiberin über naturwissenschaftliche Themen. Hier nun behandelt sie ganz behutsam und sehr detailliert ein anderes Thema, das in der deutschen Gesellschaft leider ...

Bekannt war mir die Autorin bislang als Schreiberin über naturwissenschaftliche Themen. Hier nun behandelt sie ganz behutsam und sehr detailliert ein anderes Thema, das in der deutschen Gesellschaft leider gar nicht so selten ist, aber häufig nicht als solcher bezeichnet wird: den Femizid, d.h. die Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind. Das Opfer, von dem die Geschichte handelt, ist eine junge Mutter mit einem tyrannischen Ehemann, der sie nach unzähligen vorherigen Gewaltausbrüchen während eines Streits schließlich erdrosselt. Ihre Hinterbliebenen kommen abwechselnd während der Folgezeit immer wieder zu Wort – die neunjährige Tochter, die Eltern, die beste Freundin. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von dem Ereignis traumatisiert sind und sich zugleich die (Mit-)Schuld an dem Geschehenen geben. Sie zermartert die Frage, ob sie etwas hätten ändern können, wenn sie in einem bestimmten Zeitpunkt anders gehandelt hätten. Es verwundert nicht, dass die Beteiligten an Trauer und Traumata seelisch und körperlich erkranken. Wie alternatives Handeln ausgesehen hätte, stellt die Autorin gelungen auf eingefügten schwarzen Seiten dar. Es ist dem gesamten Buch anzumerken, dass es sich um ein Herzensthema der Autorin handelt. Das beschließt sie letztendlich mit der Auflistung von Anlaufstellen zur Hilfe für Betroffene. Ihre Neigung zu Naturwissenschaften lebt die Autorin letztendlich auch in diesem Roman aus. Die beste Freundin der Getöteten ist Astrophysikerin und mit Hilfe von dazu gehörigen Dingen wie Weltall, Sternen etc. macht sie der kleinen Tochter erfolgreich Mut.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Gelungene Familiengeschichte aus dem Jahr 1974

Der Plattenspieler unter der Dachschräge
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In diesem Roman begegnet uns ein viertes Mal der Protagonist Siegfried (Sigi) mit seiner Familie aus den früheren Romanen des Autors „Die Welt war eine Murmel“, „Die Welt war voller Fragen“ und „Wenn die ...

In diesem Roman begegnet uns ein viertes Mal der Protagonist Siegfried (Sigi) mit seiner Familie aus den früheren Romanen des Autors „Die Welt war eine Murmel“, „Die Welt war voller Fragen“ und „Wenn die Welt nach Sommer riecht“. Er schließt nahtlos an diese an. Doch lassen sich alle vier Bücher auch völlig unabhängig voneinander lesen, ohne dass man zuvor einen früheren Band gelesen haben muss.
Der Erzähler Sigi ordnet in der Gegenwart die Diafotoaufnahmen seiner verstorbenen Mutter. Dieses ist für ihn Anlass, aus seiner Jugend im Jahr 1974 auf einem österreichischen Dorf zu erzählen, als er 16 Jahre alt war. Dabei geht es vor allem um seine Schulzeit auf dem Gymnasium kurz vor der Matura und sein Alltagsleben zu Hause. Gerade in mir, die ich auch ein Kind der 1960er Jahre bin, wurden viele schöne Erinnerungen geweckt. Denn auch ich habe einen Ferienjob gehabt, um mir wie Sigi einen Plattenspieler kaufen zu können, und habe ähnliche Musik wie er gehört und die Tanzstunde besucht. Von den damaligen gesellschaftlichen Einstellungen der Menschen wird ein realistisches Bild gezeichnet, wenn es etwa um die Mitbestimmung der Schüler in der Schule geht. Sigi lässt beim Erzählen so manche Anekdote einfließen, wodurch alles recht humorvoll erscheint und er als rundum sympathischer Erzähler rüberkommt, gerade auch, weil er oft redet, ohne zuvor darüber nachzudenken. Als erfrischend und authentisch empfinde ich, dass die eine oder andere typisch österreichische Vokabel in den Text einfließt. Was ich überhaupt nicht in der epischen Breite wie geschehen lesen wollte, war, wie oft Sigi allein oder mit seinen Mitschülern zu Glimmstengel und Bierflasche greift. Ich kann mir kaum denken, dass zu damaliger Zeit die Schüler gleich nach Schulschluss in die Kneipe gegenüber gegangen sind. Trotzdem:
Ein Buch, dem ich eine volle Leseempfehlung gebe, auf noch eine Fortsetzung hoffend.

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Veröffentlicht am 07.10.2025

Zum 13. Mal: Kultheldin Andrea Schnidt

Ungezügelt
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Nachdem ich die Protagonistin Andrea Schnidt bereits in vielen, wenn nicht sogar allen der 12 (!) vorangegangenen Bänden von Susanne Fröhlich durch ihr Leben begleiten durfte, geht es jetzt um einen neuen ...

Nachdem ich die Protagonistin Andrea Schnidt bereits in vielen, wenn nicht sogar allen der 12 (!) vorangegangenen Bänden von Susanne Fröhlich durch ihr Leben begleiten durfte, geht es jetzt um einen neuen Lebensabschnitt. Andrea, mittlerweile 60, will beruflich noch einmal durchstarten und zwar als Schriftstellerin mit der Absicht, einen Old Romance-Roman zu schreiben. Da sie das allerdings vor ihren Liebsten geheim hält, sind Missverständnisse natürlich vorprogrammiert.
Wie ich nicht anders erwartet habe, ist der Autorin erneut ein äußerst humorvoller Roman gelungen. Die Geschichte rund um Andrea Schnidt, ihre mittlerweile erwachsenen Kinder, ihre Enkelkinder, die Schwiegermutter ihrer Tochter und ihren so herrlich hessisch babbelnden Ex-Schwiegervater Rudi lebt von Missverständnissen und Bredouillen der Protagonistin, in die sie sich immer wieder hineinmanövriert, auch weil sie sich um alle in ihrer Familie kümmert. Da ich mich genau im gleichen Alter wie Andrea befinde, habe ich mich in sie und ihre Situation gut hineinversetzen können. So manch gute Erkenntnis lässt sich aus den diversen eingestreuten Gedankengängen Andreas bzgl. des Alterns gewinnen. Etwas gestört habe ich mich daran, dass das Thema Sex so en détail erörtert wurde, insbesondere in Andreas Schreibversuchen und ihren Erinnerungen an ihr früheres Leben. Nicht jeder will das lesen. Das Ende des Buches ist offen für eine weitere Fortsetzung, die für mich eine vergnügliche Pflichtlektüre wäre.

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Veröffentlicht am 03.10.2025

Charmant geschrieben

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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Ich liebe die Romane österreichischer Autoren. Hierin reiht sich nun der neueste Roman von Vea Kaiser ein. Die Geschichte spielt in einem Wienerischen Traditionshotel und die Romanfiguren reden herrlich ...

Ich liebe die Romane österreichischer Autoren. Hierin reiht sich nun der neueste Roman von Vea Kaiser ein. Die Geschichte spielt in einem Wienerischen Traditionshotel und die Romanfiguren reden herrlich Wienerisch. Wer wie ich dieser Sprache nicht so mächtig ist, findet Hilfe im „Wienerisch-Wörterbuch“ am Ende (das allerdings noch um manche Vokabel ergänzungsbedürftig wäre). Die Protagonistin ist sympathisch dargestellt trotz ihrer kriminellen Ader. Vielleicht empfindet man das so angesichts ihres Werdegangs. Sie ist das Bankert einer Hausmeisterin, in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, hat es aus eigener Kraft bis zur Buchhalterin in besagtem Hotel geschafft. Es ist wohl gerade ihrer Herkunft geschuldet, dass sie den Drang verspürt, zur besseren Wiener Gesellschaft gehören und sich etwas Luxus leisten zu wollen. Jedenfalls überweist sie jahrzehntelang fiktive Rechnungen von mehr als 3 Millionen Euro vom Hotel auf ihr Konto, oftmals auch um in Not geratenen Personen aus ihrem Umfeld zu helfen. Da es das perfekte Verbrechen nicht gibt, fliegt sie eines Tages auf und findet sich im Gefängnis wieder.
Obwohl das Buch mit seinen 556 Seiten sehr umfangreich ist, liest es sich rasend schnell. Meinen bis etwa zum Ende des zweiten Drittels durchweg positiven Eindruck von der Geschichte revidierte ich allerdings dann, als der Sohn der Protagonistin das junge Erwachsenenalter erreichte und vom Nichtsnutz urplötzlich zum feschen Opernballbesucher mutierte, später sogar zum erfolgreichen Finanzjongleur. Ab hier rückte die Geschichte für mich in die Nähe eines Groschenromans. Es ging fortan zu viel um Luxus und Liebesbeziehungen. Vieles davon wirkte auch einfach zu klischeehaft. Eine Einkürzung des Werkes wäre vielleicht positiv gewesen.
Insgesamt aber ist das Buch lesenswert.

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Schicksale

Und Federn überall
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Das wirklich Gelungene an diesem Roman ist, dass die Geschichte an nur einem Montag spielt, dem Leser aber eine solche Menge an Details aus den Lebensgeschichten der sechs Protagonisten präsentiert wird, ...

Das wirklich Gelungene an diesem Roman ist, dass die Geschichte an nur einem Montag spielt, dem Leser aber eine solche Menge an Details aus den Lebensgeschichten der sechs Protagonisten präsentiert wird, dass er meint, über einen viel längeren Zeitraum zu lesen. Die Romanfiguren sind sämtlich über eine im Emsland befindliche Geflügelschlachterei verwoben. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund, alle ihre persönlichen Probleme: Der sehbehinderte afghanische Flüchtling Nasrim, der unbedingt in Deutschland bleiben will; seine polnische Hausmitbewohnerin und Geliebte Justyna mit Geldnöten; der von ihr in einer Dating-App kontaktierte Mitarbeiter der Fabrik Peter mit einem Faible für polnische Frauen; die allein erziehende und in der Fabrik am Band stehende Sonia; die iranische Autorin Roshi, die für Nasrin Gedichte übersetzen soll. Hinter jeder Person steht ein ureigenes berührendes Schicksal. Darüber hinaus greift der Roman Aktuelles auf wie z.B. den Widerstand von Tierschützern, und vermittelt fundierte geschichtliche Kenntnisse, etwa über Polen und seine Berührungspunkte gerade zum Emsland. So erst habe ich erfahren, dass es dort nach dem Zweiten Weltkrieg für mehrere Jahre eine von den Briten begründete polnische Enklave gab. Alle Romanfiguren kommen abwechselnd zu Wort, was die Geschichte belebt.
Ein lesenswerter Roman.

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