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Veröffentlicht am 22.04.2022

Flucht vor der Familiengeschichte

Schallplattensommer
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Aus Alina Bronskys Feder stammen schon einige schöne Jugendromane, und ich würde auch den vorliegenden in diese Gruppe klassifizieren, wenngleich er sich gut von Lesern aller Altersklassen lesen lässt. ...

Aus Alina Bronskys Feder stammen schon einige schöne Jugendromane, und ich würde auch den vorliegenden in diese Gruppe klassifizieren, wenngleich er sich gut von Lesern aller Altersklassen lesen lässt.
Protagonistin ist die fast siebzehnjährige Maserati, die mit ihrer Oma einen heruntergewirtschafteten Gasthof in einem Dorf vermutlich im Brandenburgischen betreibt. An diesen Ort hat sie sich in selbst gewählte Isolation begeben, um sich und die demente Oma vor der Mutter zu schützen. Die konkrete Familiensituation bleibt mysteriös. Es werden allerdings genug Andeutungen gemacht, um sie sich als Leser zusammenfügen zu können. Und das ist gerade typisch für die Autorin, dass sie den Leser mit manchem allein lässt. So dürfte Maseratis Mutter als ganz junge Frau Sängerin gewesen sein und dann den Fuß in die Welt der Schickeria gesetzt haben. Wegen Vernachlässigung ihrer Kinder wurden ihr diese weggenommen. Maserati selbst scheint ebenso den jungen Männern den Kopf zu verdrehen, einem ehemaligen tauben Mitschüler und zwei frisch zugezogenen Cousins aus reichem Hause. So ziehen sich die Andeutungen über Maseratis Familie und das Gefühlschaos in Maserati wegen der jungen Männer durch das Buch. Viele Situationen beruhen auf Missverständnissen. Die Dialoge sind oft lakonisch. Sehr vielfältig sind die vielfältigen Vornamen, mit denen Maserati von dem einen Cousin belegt wird und die allesamt Namen von Autoherstellern sind.

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Veröffentlicht am 20.04.2022

Historisch-wissenschaftlicher Roman rund um die Grapholgie und das Verhältnis BRD/DDR im Jahr 1974

Die Diplomatenallee
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Diese Familiengeschichte mit zeitgeschichtlichem Bezug fasziniert durch ihren wissenschaftlichen Hintergrund, die Graphologie.
Die Mittdreißigerin Heike führt im Bonn des Jahres 1974 ein bürgerliches Familienleben ...

Diese Familiengeschichte mit zeitgeschichtlichem Bezug fasziniert durch ihren wissenschaftlichen Hintergrund, die Graphologie.
Die Mittdreißigerin Heike führt im Bonn des Jahres 1974 ein bürgerliches Familienleben mit Mann und Kindern und einem Schreibwarenladen. Noch zehn Jahre zuvor befand sie sich, sehr begabt, im Studium der Graphologie mit einem renommierten Professor als Förderer, der sie vor Jahren vor ihrem gewalttätigen Vater in Schutz nahm. Das hat sie jäh abgebrochen, weil ihr bewusst unfachmännisch eingesetztes Wissen vermeintlich Unglück über eine Kommilitonin brachte. Jetzt, im zeitlichen Zusammenhang mit der Eröffnung der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn, verlangt der Professor, der für die Stasi arbeitet, von ihr Wiedergutmachung in Form graphologischer Tätigkeit auch für die Stasi. Doch auch der Bundesnachrichtendienst will sie einspannen. Die Ereignisse spitzen sich zu und Heikes Familienleben ist bedroht.
Was den Themenkomplex der Graphologie anbelangt, so ist dieser höchst interessant. Mir war gar nicht bewusst, welch hohe Bedeutung diese Wissenschaft in den 1960er/1970er Jahren in Deutschland (in beiden Teilen) hatte. Behörden, Unternehmen und eben auch Geheimdienste bedienten sich ihrer. Immer wieder werden Analysemöglichkeiten bzgl. der Handschrift in die Geschichte eingeflochten. Der Strang der Familiengeschichte dagegen fing gut an, fiel dann aber angesichts der immer dramatischer werdenden Ereignisse zusehends ab. Die Romanfiguren rund um Heike und ihre Familie wirkten auf mich recht gekünstelt und unwirklich. Am Ende der Geschichte habe ich Antworten auf Rolle und Verbleib einiger Personen vermisst.
Ein unterhaltender Roman, der zur Beschäftigung mit der Graphologie animiert.

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Veröffentlicht am 16.04.2022

Fesselnde japanische Lektüre über einen mysteriösen Identitätstausch

Das Leben eines Anderen
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Japanliteratur, soweit ich sie gelegentlich immer mal wieder gelesen habe, wirkt auf den westeuropäischen Leser oft etwas schwermütig, behandelt aber durchweg sehr interessante Themen. Beides trifft auf ...

Japanliteratur, soweit ich sie gelegentlich immer mal wieder gelesen habe, wirkt auf den westeuropäischen Leser oft etwas schwermütig, behandelt aber durchweg sehr interessante Themen. Beides trifft auf den vorliegenden Roman zu, der aus der Feder eines japanischen Bestsellerautors stammt und sein erster ins Deutsche übersetzte ist.
Schwermütig und grüblerisch ist auch der Protagonist, ein renommierter Zivilrechtsanwalt aus Yokohama. Im Auftrag einer früher von ihm vertretenen Mandantin stellt er Ermittlungen über deren zweiten Ehemann an, der, wie sich nach dessen Tod herausstellt, aus in seiner Vergangenheit liegenden Gründen unter einer anderen Identität als der von ihm vorgegebenen lebte. Akribisch und nach Art eines Detektives ergründet Kido dessen Leben und findet Puzzleteil um Puzzleteil. Dabei deckt er ein komplexes Netz von Identitätstauschen auf. Es handelt sich um eine höchst interessante und spannende Geschichte, die da zu Tage befördert wird. Den nicht japanischen Leser wie mich verwirrt sie allerdings angesichts der vielen kaum unterscheidbaren japanischen Namen von involvierten Personen und von Orten in Japan. Hier wäre ein kleines Glossar von Hilfe gewesen. Zusätzlich fasziniert der Roman dadurch, dass Kido anlässlich seiner Recherchen mit dem eigenen Schicksal als Angehöriger einer Minderheit in Japan und dem dort zunehmenden Rassismus hadert und nachdenkenswerte Überlegungen dazu anstellt, wie es wäre, wenn auch er sich das Leben eines Anderen aneignen würde. Wer noch nicht japankundig ist, wird viele interessante Aspekte zum Land und zur Gesellschaft finden, die dann zum Weiterstöbern animieren.

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Veröffentlicht am 06.04.2022

Von verpassten Chancen

Boy meets Girl
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Protagonistin ist die etwa 50jährige Paartherapeutin Nora, die mit ihrem eigenen Beziehungsleben so gar nicht zurechtkommt. Immer wieder von ihrem Ehemann betrogen, bringt eine letzte Untreue das Fass ...

Protagonistin ist die etwa 50jährige Paartherapeutin Nora, die mit ihrem eigenen Beziehungsleben so gar nicht zurechtkommt. Immer wieder von ihrem Ehemann betrogen, bringt eine letzte Untreue das Fass zum Überlaufen und es kommt zur Trennung. Ersatz findet sie schnell in dem jüngeren Englischreferendar Gregory und ihrem besten Freund Yann, den sie zufällig wiedertrifft. So recht weiß sie nicht, was und wen der beiden sie will. Sie hat hohe Ansprüche und möchte für einen Partner die Frau des Lebens sein. Verpassten Chancen mit Yann trauert sie hinterher. Außer diesen drei Personen spielen am Rande eigentlich nur noch eine Rolle Noras beste Freundin und ihre betagten, kranken Eltern, während der Noch-Ehemann und ihre erwachsene Tochter sich rarmachen.
Um eine Liebesgeschichte im klassischen Sinne handelt es sich nicht. Es werden sehr viele Reflektionen von Nora über ihr Leben wiedergegeben. Ihr ständiges Hin- und Hergerissensein wird nach meinem Eindruck zu sehr in die Länge gezogen und die Handlung tritt auf der Stelle. Der ruhige Erzählton lässt sich angenehm lesen.
Alles in allem ein schönes Buch.

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Veröffentlicht am 29.03.2022

Die Rolle der indischen Frauen aus der Kaste der Unberührbaren

Das Mädchen mit dem Drachen
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In diesem erneut feministischen Roman der Autorin greift sie die Figur des Mädchens Lalita aus ihrem früheren Werk „Der Zopf“ auf. Beide Bücher lassen sich vollständig unabhängig voneinander lesen. Lalita ...

In diesem erneut feministischen Roman der Autorin greift sie die Figur des Mädchens Lalita aus ihrem früheren Werk „Der Zopf“ auf. Beide Bücher lassen sich vollständig unabhängig voneinander lesen. Lalita ist ein indisches Halbwaisenkind aus der Kaste er Unberührbaren, das von einem entfernten Verwandten in Südindien am Golf von Bengalen Aufnahme findet und diesem in dessen Gastwirtschaft zur Hand geht. Bei ihren morgendlichen Spielen am Strand mit dem Drachen trifft sie auf Léna, einer Englischlehrerin aus Frankreich, die im fernen Indien ein persönliches Trauma verarbeiten will. Als Léna beim Schwimmen im Ozean zu ertrinken droht, holt Lalita Hilfe in Gestalt der Roten Brigade herbei, einer Gruppe junger Mädchen unter Führung von Preeti, die dort Selbstverteidigung trainieren, damit Mädchen und Frauen sich gegen die in ihrem Land allgegenwärtigen Vergewaltigungen und Unterdrückungen durch Männer wehren können. Aus dieser Bekanntschaft mit den analphabetischen Mädchen entsteht bei Léna die Idee, eine Schule in dem Dorf aufzubauen, da sie richtigerweise nur mit Bildung dem Kreislauf aus Armut, Kinderarbeit, Zwangsverheiratung im Kindesalter, Gewalt entgehen können. Zunächst beginnt sie mit provisorischem Unterricht, bis dann nach zwei Jahren, die auch geprägt sind von Rückschlägen und Widerständen, die Schule eröffnet.
Der Roman zeichnet ein erschreckendes Bild von den gesellschaftlichen Zuständen in Indien, wo noch immer die Kastenordnung tief verwurzelt ist mit ihren so fatalen Folgen für die unterste Kaste der Unberührbaren und vor allem für die ihr zugehörigen Frauen. Für uns westliche Leser kaum vorstellbar. Umso bewundernswerter ist es, wenn zwei tatkräftige Frauen wie Léna und Preeti Veränderungen herbeiführen und Mädchen eine Zukunft ermöglichen wollen, von denen noch dazu nur eine aus dem Land kommt. Jede der drei weiblichen Protagonistinnen hat ihre eigene berührende Lebensgeschichte, die in ihrer Gänze erst nach und nach aufgedeckt werden. Was Preetis Vergangenheit anbelangt, so mag sich die Autorin an dem vor einigen Jahren die Schlagzeilen bestimmenden Fall der Massenvergewaltigung einer Studentin durch indische Männer orientiert haben.
Ein sehr schöner Roman.

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