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Veröffentlicht am 03.10.2025

Charmant geschrieben

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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Ich liebe die Romane österreichischer Autoren. Hierin reiht sich nun der neueste Roman von Vea Kaiser ein. Die Geschichte spielt in einem Wienerischen Traditionshotel und die Romanfiguren reden herrlich ...

Ich liebe die Romane österreichischer Autoren. Hierin reiht sich nun der neueste Roman von Vea Kaiser ein. Die Geschichte spielt in einem Wienerischen Traditionshotel und die Romanfiguren reden herrlich Wienerisch. Wer wie ich dieser Sprache nicht so mächtig ist, findet Hilfe im „Wienerisch-Wörterbuch“ am Ende (das allerdings noch um manche Vokabel ergänzungsbedürftig wäre). Die Protagonistin ist sympathisch dargestellt trotz ihrer kriminellen Ader. Vielleicht empfindet man das so angesichts ihres Werdegangs. Sie ist das Bankert einer Hausmeisterin, in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, hat es aus eigener Kraft bis zur Buchhalterin in besagtem Hotel geschafft. Es ist wohl gerade ihrer Herkunft geschuldet, dass sie den Drang verspürt, zur besseren Wiener Gesellschaft gehören und sich etwas Luxus leisten zu wollen. Jedenfalls überweist sie jahrzehntelang fiktive Rechnungen von mehr als 3 Millionen Euro vom Hotel auf ihr Konto, oftmals auch um in Not geratenen Personen aus ihrem Umfeld zu helfen. Da es das perfekte Verbrechen nicht gibt, fliegt sie eines Tages auf und findet sich im Gefängnis wieder.
Obwohl das Buch mit seinen 556 Seiten sehr umfangreich ist, liest es sich rasend schnell. Meinen bis etwa zum Ende des zweiten Drittels durchweg positiven Eindruck von der Geschichte revidierte ich allerdings dann, als der Sohn der Protagonistin das junge Erwachsenenalter erreichte und vom Nichtsnutz urplötzlich zum feschen Opernballbesucher mutierte, später sogar zum erfolgreichen Finanzjongleur. Ab hier rückte die Geschichte für mich in die Nähe eines Groschenromans. Es ging fortan zu viel um Luxus und Liebesbeziehungen. Vieles davon wirkte auch einfach zu klischeehaft. Eine Einkürzung des Werkes wäre vielleicht positiv gewesen.
Insgesamt aber ist das Buch lesenswert.

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Schicksale

Und Federn überall
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Das wirklich Gelungene an diesem Roman ist, dass die Geschichte an nur einem Montag spielt, dem Leser aber eine solche Menge an Details aus den Lebensgeschichten der sechs Protagonisten präsentiert wird, ...

Das wirklich Gelungene an diesem Roman ist, dass die Geschichte an nur einem Montag spielt, dem Leser aber eine solche Menge an Details aus den Lebensgeschichten der sechs Protagonisten präsentiert wird, dass er meint, über einen viel längeren Zeitraum zu lesen. Die Romanfiguren sind sämtlich über eine im Emsland befindliche Geflügelschlachterei verwoben. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund, alle ihre persönlichen Probleme: Der sehbehinderte afghanische Flüchtling Nasrim, der unbedingt in Deutschland bleiben will; seine polnische Hausmitbewohnerin und Geliebte Justyna mit Geldnöten; der von ihr in einer Dating-App kontaktierte Mitarbeiter der Fabrik Peter mit einem Faible für polnische Frauen; die allein erziehende und in der Fabrik am Band stehende Sonia; die iranische Autorin Roshi, die für Nasrin Gedichte übersetzen soll. Hinter jeder Person steht ein ureigenes berührendes Schicksal. Darüber hinaus greift der Roman Aktuelles auf wie z.B. den Widerstand von Tierschützern, und vermittelt fundierte geschichtliche Kenntnisse, etwa über Polen und seine Berührungspunkte gerade zum Emsland. So erst habe ich erfahren, dass es dort nach dem Zweiten Weltkrieg für mehrere Jahre eine von den Briten begründete polnische Enklave gab. Alle Romanfiguren kommen abwechselnd zu Wort, was die Geschichte belebt.
Ein lesenswerter Roman.

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Veröffentlicht am 19.09.2025

Eine Kindheit auf dem Dorf

Lebensversicherung
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Wer sich bislang noch nicht mit Versicherungen auskannte, wird es jetzt nach der Lektüre dieses Buchs ganz sicher tun. Bachs Protagonistin entstammt nämlich einer Familie, in der es in beiden Linien eine ...

Wer sich bislang noch nicht mit Versicherungen auskannte, wird es jetzt nach der Lektüre dieses Buchs ganz sicher tun. Bachs Protagonistin entstammt nämlich einer Familie, in der es in beiden Linien eine Anzahl von Versicherungsvertretern gegeben hat und auch ihre Eltern sind in diesem Metier erfolgreich tätig, und zwar in einem westdeutschen Dorf in den 1980er/1990er Jahren. Ausgehend von fundierten, knappen Erläuterungen zu jeder nur erdenklichen Versicherung blickt die Ich-Erzählerin auf ihre Kindheit, ihre Jugend und ihr junges Erwachsenenalter zurück. Wohlbehütet in einer weit verzweigten Familie aufgewachsen erzählt sie alle möglichen Details aus ihrem eigenen Leben und dem Leben ihrer Verwandten. Sie kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber alles ist sehr interessant zu lesen, zumal es sehr lebensnah ist und ich selbst manch ähnliche Erinnerung an meine Vergangenheit habe. Bei aller Geborgenheit, die das Mädchen erfährt, verwundert es umso mehr, nach und nach zu erfahren, wie sehr es von Ängsten geplagt ist. Sie entwickelt eine Angststörung, hortet Medikamente, hat Brechanfälle und Panikattacken.
Ein sehr schöner Gesellschaftsroman mit Milieustudie.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Zwei ruhige Liebesgeschichten

Sunny
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Karin Kalisa ist manchem vielleicht durch ihren Roman „Sungs Laden“ bekannt. „Sunny“ enthält nunmehr zwei Liebesgeschichten, verknüpft durch die beiden männlichen Liebenden.
Der eine ist der sechzehnjährige ...

Karin Kalisa ist manchem vielleicht durch ihren Roman „Sungs Laden“ bekannt. „Sunny“ enthält nunmehr zwei Liebesgeschichten, verknüpft durch die beiden männlichen Liebenden.
Der eine ist der sechzehnjährige Jon, der der Schule verwiesen wird und fürchtet, jetzt den Kontakt zu seiner Mitschülerin Sunny zu verlieren, deren Liebesgeschichte sich gerade erst angebahnt hatte. Außerdem plagen ihn Ängste wegen seines weiteren schulischen Fortkommens. Der andere ist der wesentlich ältere Benno, der in der DDR Dolmetscher für afrikanische Sprachen an einer Jugendhochschule (Kaderschmiede) in Brandenburg war und sich dort in die die Äthiopierin Alemee verliebte. Nach beider Ausweisung nach Afrika zerbrach ihre Beziehung. Weil Benno seine Sehnsucht nach Alemee nie verloren hatte, nomadisierte er noch lange in Afrika umher, bis er dann irgendwann nach Deutschland zurückkehrt und dort auf dem Gelände der ehemaligen Hochschule auf Jon trifft.
Abwechselnd wird von beider Liebesgeschichten erzählt, in sehr schönem sanftem, poetischem Tonfall. Außerdem werden auch gesellschaftliche Fragen kritisch angesprochen (z.B. das Bildungssystem in Berlin) und wird ebenso kritisch auf Einrichtungen der ehemaligen DDR geschaut (Jugendhochschule). Eine schöne Abrundung erfährt das Ganze durch das Auftreten von Jons Eltern, zweier eher lebensuntüchtiger Naturwissenschaftler und Philosophen, die sich herrliche Wortgefechte liefern.
Ich habe das Buch gerne gelesen, hätte am Ende aber gerne eine plausible Erklärung für die Trennung von Benno und Alemee gehabt.

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Veröffentlicht am 14.09.2025

Die Geschichte eines Alkoholikers

Das Schwarz an den Händen meines Vaters
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Dieser Roman schildert sehr eindrucksvoll, was es mit einer Familie macht, die einen Alkoholiker unter sich hat. Der Vater der Ich-Erzählerin hat die typische Trinker-Karriere hinter sich. Selbst Sohn ...

Dieser Roman schildert sehr eindrucksvoll, was es mit einer Familie macht, die einen Alkoholiker unter sich hat. Der Vater der Ich-Erzählerin hat die typische Trinker-Karriere hinter sich. Selbst Sohn eines Trinkers (der sogar im Suff bei Eiseskälte draußen erfriert), gerät er auch schon früh an den Alkohol und trinkt zunehmend mehr. Alkoholbedingt verliert er seine Arbeitsstelle, so dass die Familie in Geldnöte gerät. Zusätzlich frönt er Glücksspiel und Sportwetten. Seine Familie zieht er mit in den Sumpf. Die Ehefrau wird zur Co-Alkoholikerin, die Tochter sogar früh selbst exzessive Trinkerin. Das Beeindruckende ist, dass die Familie untereinander zusammenhält und der Vater ein guter Vater ist, die Erzählerin sogar ein Papa-Kind ist. Der Zusammenhalt geht noch über den Krebstod des Vaters hinaus, über ihn wird nur Gutes gesprochen.
Das Buch hat genug Potential, vor übermäßigem Trinken zu warnen, ohne dass es stets den Zeigefinger hochhält. Es ist gut zu lesen. Etwas verwirrend empfand ich lediglich die Zeitsprünge zwischen Gegenwart und Kindheit der Erzählerin. Mir war nicht immer sofort klar, von welcher Zeit gerade erzählt wurde.

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