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Veröffentlicht am 11.05.2021

Tragische Schimpansenforschung

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Wer Schimpansen mag, wird auch dieses Buch mögen.
Im Mittelpunkt steht der junge Schimpanse Sam, der im Rahmen von wissenschaftlichen Spracherwerbsforschungen im Haushalt eines Professors lebt. Die Studentin ...

Wer Schimpansen mag, wird auch dieses Buch mögen.
Im Mittelpunkt steht der junge Schimpanse Sam, der im Rahmen von wissenschaftlichen Spracherwerbsforschungen im Haushalt eines Professors lebt. Die Studentin Aimée sieht beide bei einem Fernsehauftritt, in der Sam in der von ihm erlernten Gebärdensprache kommuniziert, und verliebt sich sofort in das Tier. Sie tritt als studentische Hilfskraft einen Fulltime-Pflege-Job beim Professor an und gibt sich ganz ihrer Affenliebe hin. Als die Fördergelder gestoppt werden, muss Sam zurück zu seinem Eigentümer auf eine Schimpansen-Aufzucht-Farm, wo er fortan nur noch als Tier und nicht mehr als Kind gehalten wird. Aimée folgt ihm dorthin. Die Ereignisse spitzen sich zu …
Welche grausamen Forschungen an Tieren im Namen der Wissenschaft gemacht werden, ist furchtbar zu lesen. Daher ist das Buch ein unbedingtes Plädoyer für den Tierschutz. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die gezogen werden, sind natürlich heute längst bekannt. Zu berücksichtigen ist aber, dass die Geschichte bereits in den 1980er Jahren spielen dürfte, wo eben noch Vieles unerforscht war. Der Leser erkennt schon rasch, dass Tiere, hier speziell Schimpansen, tatsächlich Gefühle haben und zu planvollem Denken in der Lage sind. Denn immer wieder wird in Sams Perspektive gewechselt. In den diesbezüglichen Abschnitten sind seine Gedanken, Gefühle und Ängste dargestellt.
Insgesamt zog sich die Geschichte etwas in die Länge, was meiner Leseempfehlung aber keinen Abbruch tut.

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Veröffentlicht am 01.05.2021

Interessante Familiengeschichte zur Zeit des deutschen Kolonialismus

Dein ist das Reich
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Dieser Roman handelt von der tatsächlich existenten Neuendettelsauer Mission, die seit den 1880er Jahren ihre Missionare aus Bayern nach Papua-Neuguinea, dem damaligen Kaiser-Wilhelms-Land, zum Zwecke ...

Dieser Roman handelt von der tatsächlich existenten Neuendettelsauer Mission, die seit den 1880er Jahren ihre Missionare aus Bayern nach Papua-Neuguinea, dem damaligen Kaiser-Wilhelms-Land, zum Zwecke der Missionsarbeit entsandte. Zwei solcher Missionsfamilien sind die Mohrs und die Hensolts, deren Familiengeschichte in dem Zeitraum 1913 bis 1948 in der Gegenwart die Ich-Erzählerin, eine Nachfahrin, erzählt. Ihre Schilderungen gründen dabei auf Erzählungen ihrer Großmutter und anderen zahlreichen Verwandten sowie aufgefundener Fotos. Ich habe sie als sehr lehrreich empfunden. Unsere heutige Ansicht über Missionierung, die uns an Kolonialismus, deutsche Überlegenheit, christliches Sendungsbewusstsein und Bekehrung denken lässt, findet leider zumeist Bestätigung. Das Leben der Deutschen in der tropischen Südsee mutet sehr abenteuerlich und exotisch an, fast märchenhaft. Und so liest sich die Geschichte auch, soweit sie den in Übersee spielenden Teil betrifft. In krassem Gegensatz dazu steht das Leben der Familie in Deutschland, wohin sie zum Teil schon in den 1930er Jahren, zum Teil nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt ist. Hier hatte der Nationalsozialismus auch unter den Missionaren großen Einfluss. Bis in die Gegenwart tun sich nie geheilte Verletzungen innerhalb der Familie auf, weil die Kinder ohne die Eltern nach Deutschland zur Schulausbildung geschickt wurden und in Heimen und bei Pflegeeltern aufwuchsen.
Heranwagen sollte sich an das Buch nur jemand, dem es nicht zu beschwerlich ist, sich durch die verworrenen Beziehungen der Romanfiguren untereinander zu kämpfen. Eine große Hilfe sind dabei aber der Stammbaum und eine geografische Karte am Buchanfang. Erschwerend kommt hinzu, dass wörtliche Rede überhaupt nicht kenntlich gemacht ist. Auch die religiösen Ausführungen müssen evtl. wiederholt gelesen werden, um sie verstehen zu können.
Das Buch ist sehr empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 25.04.2021

Wie wird man zu einem guten Menschen?

Der Junge, der das Universum verschlang
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Die Geschichte spielt in den 1980er Jahren in einem Vorort von Brisbane/Australien. Ich-Erzähler und Protagonist ist der zu Beginn 12 und am Ende 18 Jahre alte Eli Bell, der in desolaten sozialen Verhältnissen ...

Die Geschichte spielt in den 1980er Jahren in einem Vorort von Brisbane/Australien. Ich-Erzähler und Protagonist ist der zu Beginn 12 und am Ende 18 Jahre alte Eli Bell, der in desolaten sozialen Verhältnissen aufwächst. Seine Mutter verließ seinen alkoholkranken und depressiven Vater aufgrund eines Vorfalls, der nie richtig aufgeklärt wird (der Vater fuhr betrunken in einen See, bei dem Eli und sein Bruder Gus fast ertranken – war es ein Unglück oder Absicht?). Hiervon wird Eli in seinen Träumen heimgesucht. Gus ist seither stumm und kommuniziert nur noch, indem er mit dem Finger in die Luft schreibt. Die Mutter wird heroinsüchtig, der Stiefvater Lyle ist ein Dealer. Elis Freund ist ein wegen Mordes verurteilter und langjährig inhaftiert gewesener Ausbrecherkönig. Als Lyle den örtlichen Drogenboss mit eigenen Geschäften hintergeht, verschwindet er spurlos und die Mutter kommt ins Gefängnis. Eli und Gus leben fortan bei ihrem Vater. Elis Berufsziel ist Journalist auf dem Gebiet der Kriminalberichterstattung.
Der Roman ist aufgrund seines detaillierten Lokalkolorits eigentlich sehr viel interessanter zu lesen für Queenslander. In ihm vermischen sich meiner Ansicht nach zu viele Elemente: Magie, Fantasy, Thriller, Abenteuer, Enthüllungsjournalismus. Am Ende bleiben zu viele Fragen offen, wie etwa das Rätsel um das mysteriöse rote Telefon oder eine Begründung für die Fähigkeit von Gus, Dinge vorherzusehen, die dann wahr werden. Gestoßen habe ich mich an Gewaltszenen und der sehr rauen Sprache. Etwas versöhnlich stimmte mich letztlich der Protagonist Eli. Zwar ist es merkwürdig, dass er sich innerhalb eines Zeitraums von immerhin sechs Jahren sprachlich und von seinem Wesen her nicht weiter entwickelt hat. Er ist allerdings ein aufgewecktes Bürschchen und sehr sympathisch. Er macht sich Gedanken wie ein Erwachsener, die den Leser zum Nachdenken anregen. So ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch seine Überlegungen, was einen Menschen gut und böse macht. Er erkennt, dass es zwei Wege im Leben gibt – den falschen und den richtigen – und obwohl es leichter ist, dem falschen Weg zu folgen, weiß er, dass er nie zu einem guten Menschen wird, wenn er diesen Weg wählt.
Ein Buch, dessen Protagonist zwar ein Jugendlicher ist, das aber dennoch alle Altersklassen innerhalb der Leserschaft anspricht.

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Veröffentlicht am 20.04.2021

Zusammenhanglose Kindheitserinnerungen

Düsternbrook
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Der als Schauspieler bekannte Autor erzählt in diesem Roman aus seiner behüteten Kindheit in den 1960er und 1970er Jahren im Kieler Stadtteil Düsternbrook. Da meine Kindheit in die gleiche Zeit fällt, ...

Der als Schauspieler bekannte Autor erzählt in diesem Roman aus seiner behüteten Kindheit in den 1960er und 1970er Jahren im Kieler Stadtteil Düsternbrook. Da meine Kindheit in die gleiche Zeit fällt, wurde die eine oder andere Erinnerung wachgerufen. Richtig ansprechen aber konnte mich das Buch nicht. Es reihen sich zusammenhanglos und ohne Chronologie eine Reihe von Erlebnissen und Momentaufnahmen aneinander, so dass mir der rote Faden fehlt. Viele Erzählungen bleiben vage und wirr, werden recht teilnahmslos dargestellt. Oft bleibt unklar, ob es sich um Fiktion oder wahre Geschichten handelt.
Unterhaltsam ist das Buch dennoch und es vermittelt eine schöne Sicht auf die damaligen Lebensverhältnisse.

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Veröffentlicht am 18.04.2021

DDR-Geschichte mit Familiengeheimnissen

Das Haus des Leuchtturmwärters
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Obwohl oder gerade weil es die DDR seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gibt, ist dieses Buch so interessant zu lesen. Es trägt dazu bei, in Erinnerung zu rufen, wie schwierig das Leben für die Ostdeutschen ...

Obwohl oder gerade weil es die DDR seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gibt, ist dieses Buch so interessant zu lesen. Es trägt dazu bei, in Erinnerung zu rufen, wie schwierig das Leben für die Ostdeutschen gerade nach der Zeit des Mauerbaus gewesen ist und wie sehr sie der Überwachung durch den Staat und dem Misstrauen der Bürger untereinander ausgesetzt waren. Das Schicksal der jungen Else, die mit ihrem Vater an einem Leuchtturm an der Ostsee in Ostdeutschland wohnt und die das Land verlassen möchte, wird informativ und berührend dargestellt. Viele Details werden eingeführt, die typisch und bezeichnend für das Leben zu DDR-Zeiten waren. Das Geheimnis um den vermeintlichen Freitod der Mutter im Jahr 1953 rundet das Ganze ab. 30 Jahre später findet die an einer Schreibblockade leidende Schriftstellerin Franzi, die in den 1970er Jahren am selben Ort gelebt hatte, Elses Tagebuch und verarbeitet es zu einem neuen Roman. Auch sie kommt einem Geheimnis ihres Vaters auf die Spur.
Das Buch liest sich gut und flüssig und ist besonders Fans von Familiengeschichten mit Interesse an DDR-Zeitgeschichte zu empfehlen.

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