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Veröffentlicht am 24.02.2019

Eine schwierige Großmutter-Mutter-Enkelin-Beziehung

Was man unter Wasser sehen kann
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Diese Familiengeschichte hat mir gut gefallen.
Die Geschichte der in einem Ort namens Ronnbach im Sauerland lebenden Familie Schreiber führt in die 60er Jahre zurück. Die Bewohner werden zwangsweise umgesiedelt, ...

Diese Familiengeschichte hat mir gut gefallen.
Die Geschichte der in einem Ort namens Ronnbach im Sauerland lebenden Familie Schreiber führt in die 60er Jahre zurück. Die Bewohner werden zwangsweise umgesiedelt, weil der alte Ort für den Bau einer Talsperre überflutet wird. Einige wie Cord Hennes überwinden dieses Trauma zeitlebens nicht, während sich andere mit der Situation arrangieren. Zwischen Cord und der Nachbarstochter Grete kommt es in der Nacht vor der Sprengung seines Hofes zu einem folgenreichen Treffen, werden später aber zu erbitterten Feinden. Grete heiratet ausgerechnet den Planer der Talsperre. Die Beziehung zu ihrer Tochter Marion bleibt angespannt. Marion wird zur Alkoholikerin und hat den Ruf eines leichten Mädchens. Als sie plötzlich spurlos verschwindet, kommt Marions Tochter Luca, die überwiegend von der Oma großgezogen wurde und sich von ihrer Mutter immer ungeliebt fühlte, in ihre alte Heimat zurück. Sie erfährt über den Ort und ihre Familie, vor allem das Verhältnis zwischen Oma und Mutter ihr bislang nicht bekannte Aspekte.
An dieser Geschichte ist deutlich zu erkennen, dass die Autorin selbst eine gebürtige Sauerländerin ist. Die Bewohner des beschaulichen fiktiven Ortes Ronnbach werden recht authentisch dargestellt. Ihre Ecken und Kanten wirken lebendig. Auch die Schilderungen zur Landschaft sind sehr anschaulich. Recht spannend bleibt die Frage, ob die verschwundene Marion wieder auftaucht. Die Spannung erhöht sich dadurch, dass sich die Darstellung der Geschehnisse aus der Vergangenheit mit denen aus der Gegenwart abwechselt. Das Mystische wird noch durch eingestreute und stets abgewandelte Sagen über die Ronne-Marie verstärkt. Was mir insbesondere gut gefallen hat, ist, dass am Ende längst nicht alle Fragen eindeutig beantwortet sind, der Leser aber in die Lage versetzt wird, sich selbst eine Vorstellung des Geschehenen zu bilden.
Das Buch zu lesen kann ich nur empfehlen.

Veröffentlicht am 20.02.2019

Eintauchen in die indische Kultur

Wir, die wir jung sind
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Um dieses Buch zu lesen, sollte man viel Lesezeit einkalkulieren. Das ist nicht allein auf den Umfang von über 600 Seiten zurückzuführen. Die vielen verwendeten indischen Vokabeln erschweren vielmehr das ...

Um dieses Buch zu lesen, sollte man viel Lesezeit einkalkulieren. Das ist nicht allein auf den Umfang von über 600 Seiten zurückzuführen. Die vielen verwendeten indischen Vokabeln erschweren vielmehr das Lesen. Längst nicht alle sind im abschließenden Glossar erläutert und ihr Sinn erschließt sich nicht ohne weiteres. Unbedingt sollte man auch Interesse an Indien mitbringen. Denn thematisiert wird Landestypisches wie das Kastenwesen, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, Traditionen, Religionen und der rapide wirtschaftliche Fortschritt des Schwellenlandes.

Vorrangig ist es eine Familiengeschichte. In ihr rankt sich alles um Devraj, schwerreicher und mächtiger Chef eines Firmenimperiums. Jetzt im Alter steht er vor der Verteilung seines Erbes. Mögliche Nachfolger sind seine drei Töchter, von denen die beiden älteren der „Company“ nützliche Ehemänner geheiratet haben, während die jüngste aufbegehrt und sich als Umweltaktivistin engagieren will, was zum Machtkampf eskaliert.

Zunächst wirkt die Geschichte sehr real und erinnert an indische Spielfilme. Soweit habe ich sie gern gelesen. Irgendwann geht der reale Bezug aber verloren und sie artet ins Groteske aus, zumal auch Devraj geradezu irre wird. Alle Beteiligten spinnen Intrigen und die Entwicklung nimmt brutale Ausmaße an. Es gibt sogar eine Reihe Toter.

Ein zunächst vielversprechender Roman mit zusehends merkwürdiger werdender Handlung.

Veröffentlicht am 20.02.2019

Das Bonner Polittheater Anfang der 70er Jahre

Rheinblick
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Mir hat dieser historische Roman besonders deshalb gut gefallen, weil seine Handlung in eine Zeit eingebettet ist, in die meine Kindheit und Jugend fiel und ich mich an viele Vorkommnisse und Personen ...

Mir hat dieser historische Roman besonders deshalb gut gefallen, weil seine Handlung in eine Zeit eingebettet ist, in die meine Kindheit und Jugend fiel und ich mich an viele Vorkommnisse und Personen aus eigener Anschauung erinnere – die beginnenden 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts.
Es ist eine Zeit des Aufbruchs und der erstmaligen Reformen in der jungen Bundesrepublik. Wer heute jung ist, erhält ein schönes Bild darüber, wie die vorangegangenen ein/zwei Generationen für ihre Ziele gekämpft haben. Willy Brandt wird als der Politiker, der Demokratie verkörpert, 1972 zum Bundeskanzler gewählt. Leider werden die Koalitionsverhandlungen zwischen seiner Partei und der FDP dadurch erschwert, dass er sich einer Stimmbandoperation unterziehen muss und zwei Wochen zum Schweigen verdonnert ist. Hinter seinem Rücken beginnen die eigenen Genossen, der eigenen Karriere willen um Posten zu schachern und scheuen nicht davor zurück, Intrigen zu spinnen und Gerüchte in die Welt zu setzen, in die sie auch Personen involvieren, die mit Politik gar nichts am Hut haben. Zu ihnen gehören die Wirtin Hilde Kessler, deren Gaststätte „Rheinblick“ beliebter Treffpunkt der Bonner Politiker ist, und die Logopädin Sonja, deren Patient Brandt ist. Die beiden Frauen stehen vor der Gewissensfrage, loyal mit ihnen beruflich zur Kenntnis gelangtem Wissen umzugehen oder einen Vertrauensbruch zu begehen.
Alles eine fiktive Geschichte, die aber durchaus real sein könnte. Die Autorin hat wirklich gut recherchiert über die politischen und sozialen Verhältnisse der in Bezug genommenen Zeit. Von den in die Geschichte eingebrachten Politikern, von denen viele inzwischen gestorben sind, zeichnet sie ein informatives Bild. Es bleibt zu hoffen, dass es so wie von ihr geschildert nicht auch heute auf der politischen Bühne Berlins zugeht. Spannung wird dadurch in die Geschichte gebracht, dass ein ungeklärter Mordfall an einem jungen Mädchen eine Rolle spielt, der bis in die Politikerkreise zu führen scheint.

Klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 14.02.2019

Was ist tatsächlich geschehen?

Lügenmeer
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Die auf dem Buchcover abgedruckte Meinung des ZDF über den früheren Roman der Autorin „Das Scherbenhaus“ – „hochdramatisch, hochspannend“ – trifft auch den Kern ihres neuen Buches.
Nach fast 20 Jahren ...

Die auf dem Buchcover abgedruckte Meinung des ZDF über den früheren Roman der Autorin „Das Scherbenhaus“ – „hochdramatisch, hochspannend“ – trifft auch den Kern ihres neuen Buches.
Nach fast 20 Jahren kehrt Magnus in seine Heimatstadt zurück, die er seinerzeit nach einem Freispruch mangels Beweisen für die die ihm vorgeworfenen Tötung seiner Freundin Milla verlassen hat. Jetzt will er sich den Geistern der Vergangenheit stellen und wissen, was seinerzeit wirklich geschehen ist. Wurde Milla bei einer heimlichen nächtlichen Party im Hallenbad vom Fünfmeterturm gestoßen oder war es ein Unglück? Magnus sucht das Gespräch mit seinen damaligen Freunden und anderen Bewohnern der Stadt … Am Ende nimmt alles eine unvermutete Wendung.

Schon der formale Aufbau der Geschichte trägt zur Entwicklung von Spannung bei. Es wechseln sich Gegenwart und Rückblenden in die Vergangenheit ab, die zudem von wechselnden Erzählern dargestellt werden. Die früheren Geschehnisse werden in immer kürzeren Zeittakten bis zum eigentlichen Vorfall geschildert. Der Leser hat lange Zeit Gelegenheit, sich eine eigene Vorstellung zu bilden. Faszinierend ist, wie immer mehr Personen involviert sind und bei vielen von ihnen persönliche Tragödien zu Tage gefördert werden. Atmosphärisch passend ist, dass die Geschichte am Meer, nämlich einem fiktiven Ort an der Kieler Förde angesiedelt ist.

Sehr empfehlenswert.

Veröffentlicht am 08.02.2019

Die Lasten der Vergangenheit

Das Gewicht eines Pianos
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Im Jahr 1962 erbt die 9jährige Katya in Russland das deutsche Blüthner-Klavier eines Nachbarn. Sie wird eine leidenschaftliche Konzertpianistin. Jahre später bestimmt ihr jüdischer Ehemann, dass sie Russland ...

Im Jahr 1962 erbt die 9jährige Katya in Russland das deutsche Blüthner-Klavier eines Nachbarn. Sie wird eine leidenschaftliche Konzertpianistin. Jahre später bestimmt ihr jüdischer Ehemann, dass sie Russland verlassen und nach Amerika auswandern, um ein neues, besseres Leben zu beginnen. Das Klavier muss Katya zurücklassen und verzehrt sich vor Heimweh nach ihm.
Im Jahr 2012 ist die 26jährige Clara aus Kalifornien mit ihrem Klavier schon einige Male umgezogen, seit es ihr Vater ihr kurz vor seinem Tod zum 12. Geburtstag schenkte. Es bedeutet ihr viel, obwohl sie nie gelernt hat, darauf zu spielen. Nach dem Ende ihrer letzten Beziehung beschließt Clara aus einem Impuls heraus, das Klavier zu verkaufen. Wie sich herausstellt, hat der Käufer eine besondere Beziehung zu dem Klavier. Er und sie unternehmen mit ihm einen Road-Trip durch das Death Valley.

Parallel zueinander werden drei Geschichten erzählt: die des Klavierbauers Julius Blüthner sowie die von Katya und Clara. Die Einzelheiten über die Entstehung des Klaviers und seine langjährige Geschichte sind faszinierend. Im Leben eines jeden der drei ist das Klavier eine schwere Bürde. Die Geschichten werden perfekt miteinander verwoben und zusammengeführt. Besonders die Einzelheiten zum Bau des Klaviers sind interessant – vom Aussuchen des richtigen Baumes über den langdauernden Trocknungsprozess des Holzes bis zum abschließenden Bau des Klaviers in einer Fabrik. Das Klavier wird so fast zum Leben erweckt, wozu später passt, dass Kapitel 39 aus seiner Perspektive geschrieben ist. Insgesamt lässt sich das in melancholischem Grundton gehaltene Buch angenehm lesen.

Sehr empfehlenswert.