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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.10.2017

Menschen und Bäume entwurzelt man nicht

Betrunkene Bäume
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Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel neues Sachwissen sich aus einem Unterhaltungsroman ziehen lässt. So auch bei dem vorliegenden Buch, dessen ungewöhnlicher Titel Bezug nimmt auf ein mir bis dato ...

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel neues Sachwissen sich aus einem Unterhaltungsroman ziehen lässt. So auch bei dem vorliegenden Buch, dessen ungewöhnlicher Titel Bezug nimmt auf ein mir bis dato unbekanntes Naturphänomen, dessen Erforschung sich der inzwischen über achtzigjährige Protagonist Erich zeitlebens verschrieben hat. Als junger Wissenschaftler reist er aus der DDR für Forschungszwecke in die sibirische Taiga, wo er in seinem russischen Assistenten Wolodja einen Freund und in Dascha die Liebe seines Lebens findet. Dascha folgt Erich später in dessen Heimat und wird seine Frau. Im Alter steht er dennoch alleine da, obwohl Dascha nicht vorverstorben ist, und kämpft zusehends gegen seine Altersgebrechen. Geblieben ist ihm seine Liebe zu Bäumen, die er in seiner Plattenbauwohnung züchtet. Als er die Ausreißerin Katharina kennenlernt, deren Vater die Familie verlassen hat, um in Sibirien zu arbeiten, sieht er eine Chance, frühere Fehler wieder gutzumachen.
Das Buch zu lesen lohnt sich wirklich. Anders als man aufgrund des vorderen Klappentextes meinen könnte, ist es nicht vorrangig ein Buch über eine Freundschaft zwischen Alt und Jung (Erich und Katharina). Sie verbindet eher eine Zweckgemeinschaft. Vielmehr dominiert das Thema Liebe, und zwar zur Natur in Gestalt von Erichs Bäumen und zu anderen Menschen (Dascha). Viel Raum nimmt auch die Darstellung des Prozesses der Alterung ein, ohne allerdings traurig zu stimmen, stemmt sich Erich doch auf durchaus humorvolle Weise dagegen, z.B. indem er sich listig seiner Pflegekräfte entledigt. Auflockernd wirkt der Erzählfluss, indem im Wechsel Geschehnisse in Sibirien Jahrzehnte zuvor und in der Gegenwart geschildert werden. Wolodjas Vergangenheit, seine Verbindung zu Erich, der Gang ihrer Beziehung zur selben Frau – alles kommt zunächst bruchstückhaft zu Tage und fügt sich erst später zu einem Ganzen. Die Sprache ist recht poetisch und bildhaft. Das unwirtliche Sibirien hat man gut vor Augen und erhält einen lehrreichen Eindruck über die dortige Natur und ihre Menschen, die in Jurten oder gar wie zeitweise Wolodja in den berüchtigten Arbeitslagern hausen.

Veröffentlicht am 21.10.2017

Zerrissen zwischen Lebenstraumverwirklichung und familiären Erwartungen

Die Lichter von Paris
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Der Insel-Verlag ist mir bekannt dafür, dass in ihm Bücher über Frauenschicksale erscheinen. Und in dieses Schema fügt sich auch der vorliegende Roman ein. Anders als der Schlusssatz des vorderen Klappentextes ...

Der Insel-Verlag ist mir bekannt dafür, dass in ihm Bücher über Frauenschicksale erscheinen. Und in dieses Schema fügt sich auch der vorliegende Roman ein. Anders als der Schlusssatz des vorderen Klappentextes andeutet, geht es in ihm im Wesentlichen allerdings nur um die Schicksale zweier Frauen – Großmutter Margie und Enkelin Madeleine, zwischen denen sich äußerlich und wesensmäßig viele Parallelen auftun. Beide entstammen Elternhäusern, in denen Frauen strikt den gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden haben – Heirat, Haushalt, Repräsentieren sind ein absolutes Muss, selbst wenn das die Aufgabe der eigenen Lebensträume bedeutet. Margie träumt von einem Dasein als Schriftstellerin, Madeleine als Malerin. Während Margie im Jahr 1924 wenigstens für einige Monate die Chance ergreift, in Paris in der Bohème zu leben und erst danach geläutert nach Hause zurückkehrt, bleibt Madeleine bis in ihre Dreißiger (im Jahr 1999) in einer unglücklichen Ehe mit einem dominierenden wohlhabenden Mann gefangen.
Die abwechselnd erzählten Geschichten der Protagonistinnen ziehen einen so sehr in den Bann, dass man das Buch kaum aus der Hand legen möchte. Zu neugierig ist man zu erfahren, warum sie so gefangen sind in den familiären Erwartungen und ob sie doch noch ihre eigenen Träume leben werden. Einen kleinen Wermutstropfen bedeutet es für mich, dass insbesondere auf Madeleines Zerrissenheit immer und immer wieder eingegangen wird, ohne dass wirklich etwas Neues zu erfahren ist. Gerade bei ihr hat es mich erstaunt, dass sie, die im Jahre 1964 geboren sein dürfte, ein so völlig unemanzipiertes Leben führt, noch dazu in dem so fortschrittlichen Amerika. Faszinierend und sehr bildhaft sind die Schilderungen über das Paris der 20er Jahre mit seinen Künstlern und Schriftstellern.
Empfehlenswert für Leserinnen neuerer historischer Romane mit Gegenwartsbezug.

Veröffentlicht am 21.10.2017

Die amerikanische Jugend

Der gefährlichste Ort der Welt
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Der gefährlichste Ort der Welt ist nicht etwa die paradiesische Stadt Mill Valley nahe bei San Francisco, in der die Geschichte angesiedelt ist. Nein, es ist die dortige Mittelschule (S. 40), die von den ...

Der gefährlichste Ort der Welt ist nicht etwa die paradiesische Stadt Mill Valley nahe bei San Francisco, in der die Geschichte angesiedelt ist. Nein, es ist die dortige Mittelschule (S. 40), die von den jugendlichen Protagonisten besucht wird. Kurz vor ihrem Wechsel auf die High School nimmt hier das Unglück seinen Lauf, und zwar durch unerbittliches Cyber-Mobbing der „angesagten“ Schüler zulasten eines Außenseiters, der einen Liebesbrief an eine Mitschülerin geschrieben hat, welcher dann ins Netz gestellt wird. Traurige Folge ist der Suizid des Jungen. Die folgenden vier Jahre auf der High School werden im Folgenden geschildert. In jedem Kapitel steht immer einer der seinerzeit am Mobbing beteiligten Jugendlichen mit seinen speziellen Problemen im Vordergrund – z.B. ein Mädchen, das ein Verhältnis mit einem Lehrer hat; ein Junge, der den hohen Erwartungen seiner Eltern kaum gerecht werden kann, bis hin zur Adressatin des früheren Liebesbriefs. Der Übergang ist fließend, auf parallele Vorkommnisse wird erneut eingegangen. Betroffen macht, wie wenig doch alle noch an den von ihnen Gemobbten denken. Eine Ausnahme macht nur seine Angebetete, die schwer mit ihrer Schuld zu kämpfen hat. Mit der dominierenden Jugendsprache sowie den Themen Smartphone, Facebook und Gruppendynamik spricht die Geschichte besonders Jugendliche an.
Ich finde das Buch lesenswert.

Veröffentlicht am 09.10.2017

Sozialer Abstieg

Wer hier schlief
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Der in der Geschichte nur bei seinem Nachnamen genannte Philipp Kuhn ist persönlicher Assistent in der Firma für Sicherheitstüren seiner Lebensgefährtin. Als er sie zugunsten seiner jungen Geliebten Myriam ...

Der in der Geschichte nur bei seinem Nachnamen genannte Philipp Kuhn ist persönlicher Assistent in der Firma für Sicherheitstüren seiner Lebensgefährtin. Als er sie zugunsten seiner jungen Geliebten Myriam verlässt, ist letztere für ihn plötzlich unauffindbar. Ohne Job und Bleibe stromert Kuhn durch die Stadt (Wien), macht neue Bekanntschaften, gewinnt neue Erkenntnisse, insbesondere auch in Bezug auf Myriam.

Die Geschichte lebt durch ihre teilweise skurrilen Figuren, was das Wenige an Handlung wettmacht. Besonders der Protagonist Kuhn ist interessant. Sein tiefer Fall vom Partner einer vermögenden Frau zur Obdachlosigkeit erweckt komischerweise kein Mitleid. So gebührt es eben Männern, die bei jungen Frauen wildern. Hinzu kommt, dass sich Kuhn eigentlich Zeit seines Lebens hat treiben lassen. Das Thema Obdachlosigkeit wird mit einer gehörigen Portion unterschwelliger Kritik dargestellt. Ungewöhnliche Wege aus ihr heraus werden vorgestellt - in Form der merkwürdigen SuHo-Gruppe (suddenly homeless), der sich Kuhn anschließt und deren Mitglieder eigentlich Schmarotzer sind, indem sie sich in fremden Wohnungen einnisten und von den bei öffentlichen Veranstaltungen gereichten Imbissen ernähren. Alle Romanfiguren sind mit Liebe zum Detail dargestellt. Bei Kuhn ist insoweit erwähnenswert das ihm einzig verbliebene Gemälde „Adam“ des österreichischen Künstlers Hauser, das ihn auf seiner Odyssee begleitet. Interessant sind auch die Nebenfiguren, wie z.B. Kuhns neuer Bekannter Solak mit seinem Hang zum Philosophieren und seinem wohltuenden Elixier. Sie alle sind genauso verloren wie Kuhn.

Ein gelungener Roman.

Veröffentlicht am 05.10.2017

Eine wunderbare Geschichte über eine skurrile Familie

Der Vater, der vom Himmel fiel
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Vielleicht hat sich der eine oder andere Leser das schon einmal vorgestellt – nach seinem Tod noch einmal zu den Seinen zurückzukehren und ihnen das zu sagen, was man zu Lebzeiten nie gewagt hat, sowie ...

Vielleicht hat sich der eine oder andere Leser das schon einmal vorgestellt – nach seinem Tod noch einmal zu den Seinen zurückzukehren und ihnen das zu sagen, was man zu Lebzeiten nie gewagt hat, sowie noch gewisse familiäre Angelegenheiten zu ordnen, wozu man nicht mehr gekommen ist. Der alte Engländer Lyle jedenfalls verstirbt und erhält eine Gnadenfrist von 20 Tagen, während derer ihn nur sein Sohn Greg sehen und sprechen kann. Greg, einst Rebell und schwarzes Schaf der Familie, soll für seinen Vater herausfinden, was dessen Bruder Frank und seinen eigenen Bruder Billy umtreibt. Bei dieser Gelegenheit deckt er ein auch ihn betreffendes Familiengeheimnis auf.
Trotz des ja eigentlich traurigen Anfangs der Geschichte, der sich um das Versterben von Lyle und seine Beerdigung dreht, und auch der späteren Thematik vom Tod liest sie sich recht amüsant. Das ist dem Umstand geschuldet, dass die Personen auf recht unkonventionelle Weise ums Leben kommen (Lyle verwechselt eine Terpentin- mit einer Medikamentenlösung und wird – vermeintlich betrunken – vom Bus überfahren; Onkel Frank amüsiert sich über eine Radiosendung und erstickt an einem Fisherman’s Friend). Außerdem sind die Romanfiguren allesamt recht skurril und durchgeknallt mit speziellen Marotten. Vorbildhaft ist, wie familiäre Zwistigkeiten aus der Welt geschafft werden und alle wieder zu einer Familie werden, in der auch einmal über Gefühle für die anderen gesprochen wird.
Wenn es also im vorderen Klappentext heißt, das Buch gehöre zu denen, die man mit einem Lächeln im Gesicht liest, kann ich dem nur beipflichten.